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Halloween-2027480

„Ich will diesen Dreck nicht!“ Jennifer schleuderte ihren Teller auf den Fußboden, wo er scheppernd zerbrach und das Linsencurry auf dem Boden verteilte. Maria – ihre Mutter – sah so verletzt aus, wie sie sich fühlte. „Das ist kein Dreck. Das ist dein Lieblingsessen, und ich habe mir wirklich viel Mühe gegeben, es zuzubereiten. Hätte ich gewusst, was für eine undankbare Göre du bist, hätte ich stattdessen auch schreiben können.“ Maria war hauptberuflich Schriftstellerin, schrieb aber nebenbei auf Freelancer-Basis auch Texte für Firmen. Das sie kochte, war eher die Ausnahme, aber zu Jennifers Geburtstag hatte sie sie damit überraschen wollten. Mit so einer Reaktion aber hatte sie nicht gerechnet.

Jennifer wirkte schuldbewusst. Sie hatte ihre Mutter nicht so anfahren wollen. „Tut mir Leid, Mom!“ sagte sie zerknirscht. „Aber es schmeckt mir einfach nicht. Gar nichts schmeckt mir mehr.“

Maria betrachtete sie nun nicht mehr wütend, sondern vielmehr besorgt. „Warum? Bist du krank?“

Jennifer schüttelte den Kopf. „Nein. Eigentlich fühle ich mich ganz gut. Aber… ich weiß auch nicht.“

Sie überlegte kurz. Dann kramte sie eine durchsichtige Dose aus ihrer Schultasche, die neben ihren Füßen stand, und stellte sie auf den Tisch. „MannaRed“ stand darauf in roten Lettern geschrieben. „Vielleicht liegt es daran. Das haben sie heute kostenlos bei uns in der Schule verteilt. Es hat geschmeckt wie ein oraler Orgasmus. Als würde Gott in deinen Mund kommen!“

„Jennifer!“ tadelte ihre Mutter sie. Jennifer war bald volljährig, und eigentlich konnte sie ja reden, wie sie wollte. Aber auch wenn Maria in anderen Dingen nicht übertrieben konservativ war, legte sie Wert auf eine gute Ausdrucksweise.

„’Tschuldigung. Jedenfalls war es mit Abstand das Köstlichste, was ich je zu mir genommen habe, und den Anderen in der Klasse ging es ähnlich. Auch die Lehrer sind voll darauf abgefahren. Ich hab dir auch eine Dose mitgebracht. Sie waren echt freigiebig mit dem Zeug.“

Sie holte eine weitere Dose aus der Tasche, in der eine rötliche Flüssigkeit schwappte.

Maria betrachtete das Getränk skeptisch. Sie hatte die Werbung dafür letztens im Fernsehen und auch auf den ein oder anderen Online-Bannern gesehen, aber sich nicht viel daraus gemacht. Behauptete nicht irgendwie jede Firma, dass sie das beste Produkt der Welt hatte? Immerhin hatte sie selbst ja auch nicht wenige dieser vollmundigen Versprechen verfasst.

„Und wegen diesem Getränk magst du mein Essen nicht mehr?“ fragte sie ihre Tochter ungläubig.

Jennifer zuckte mit den Schultern. „Ich weiß ja selbst, dass das komisch klingt. Aber ich bin auch nicht die Einzige. Stefan und Karsten hatte sich in der Pause was vom Dönermann gegenüber geholt und ihr Essen nach einem Bissen in den Müll geschmissen. Dabei macht der eigentlich sonst ganz ordentliche Döner. Und Nadine frisst sonst Fruchtgummis wie ’ne Irre, aber nachdem sie das Zeug getrunken hatte, hat sie die Tüte in den Papierkorb gepfeffert und sah aus, als wäre sie kurz davor, auf den Tisch zu kotzen. Ich fand das erst total schräg, aber inzwischen kann ich es verstehen. Es gibt einfach nichts Vergleichbares. Und wenn man der Werbung glauben kann, ist der Kram sogar gesund.“

Maria griff sich das Prospekt und blätterte darin. Tatsächlich: Zumindest behauptete der Hersteller, dass das Getränk den gesamten Nährstoffbedarf eines Menschen auf ideale Weise decken würde, und warb sogar mit seriös wirkenden wissenschaftlichen Studien und erfolgreich erworbenen Prüfsiegeln. Dennoch traute Maria der Sache ganz und gar nicht. Das klang für sie alles verdächtig nach einer Droge. Nicht nach einem Nahrungsmittel.

„Hast du dich danach irgendwie komisch gefühlt? Euphorisch? Oder hast du irgendwelche seltsamen Dinge wahrgenommen?“

Jennifer schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Ich meine: Es war saulecker und dadurch habe ich mich schon gut gefühlt. Aber es war nicht wie im Rausch oder so. Ich glaub‘ auch kaum, dass die Schule der Firma erlaubt hätte, den Kram zu verteilen, wenn es irgendeine Droge wäre.“

Maria war sich da nicht so sicher. Korruption konnte so einiges möglich machen, und es hatte weiß Gott genug Lebensmittelskandale gegeben, um zu zeigen, dass man dem Schein nicht immer trauen konnte. Sie beschloss, dazu morgen ein paar Telefonate zu führen.

„Ich werd mich da mal informieren. Es kann ja nicht sein, dass ein Softdrink dich so abhängig macht. Bis dahin wäre es echt nett von dir, wenn du das hier sauber machst.“ Sie zeigte auf das Desaster auf dem Fußboden.

Jennifer wollte erst protestieren, da Sie sich so schnell wie möglich in ihr Zimmer verziehen wollte, besann sich dann aber eines Besseren. „Klar, Mom!“ sagte sie und griff sich das Kehrblech.

Als sie fertig war, verschwand sie wortlos in ihrem Zimmer.

Kurz danach klingelte es an der Tür. Maria öffnete und blickte in das Gesicht von ihrem Freund Richard, der auch der Vater von Jennifer war. Sie waren beide zwanzig Jahre alt gewesen, als sie sich kennengelernt hatten, waren ebenfalls seit etwas mehr als zwanzig Jahren zusammen und kamen nach wie vor gut miteinander aus. Sie hielten aber beide nicht viel vom Heiraten. Richard lächelte zwar, als er sie sah, aber seine Augen drückten tiefe Besorgnis aus.

„Was ist los?“ fragte sie ihn, während er die Tür hinter sich schloss und seine Jacke aufhing. „Ist das so offensichtlich?“ gab er mit einem schmerzhaften Lächeln zurück.

„Natürlich. Ich kenne dich doch, und du bist nebenbei bemerkt ein lausiger Schauspieler. Hat es etwas mit der Arbeit zu tun?“ Er arbeitete als Filialleiter in einem Supermarkt.

Richard seufzte „Ja. Wir haben schon den dritten Tag in Folge praktisch keinen Umsatz gemacht. Die Leute kaufen fast nichts anderes mehr als dieses blöde „MannaRed“ und das kostet aktuell 10 Cent pro Dose. Wenn das so weitergeht, können wir die Filiale bald zumachen. Außerdem haben die Leute reihenweise einwandfreie Ware in den Laden zurückgebracht, weil sie meinten, dass sie komisch schmeckt. Manche sagten sogar, dass wir ihnen Sachen verkaufen würden, die längst abgelaufen wären, und dass wir sie einfach nur umetikettiert hätten. Aber ich kann dir versichern, dass das nicht stimmt. Verdammt, ich habe sogar einiges davon selbst probiert, und es ist vollkommen in Ordnung. Außerdem kann ich mir kaum vorstellen, dass sämtliche Lebensmittelkonzerne gleichzeitig mit ihren Produkten geschlampt haben. Irgendwas stimmt da doch nicht.“

Maria nahm ihren Mann in den Arm. „Tut mir echt Leid, Schatz. Aber mach dir keine Sorgen. Selbst wenn es zum Schlimmsten kommt, finden wir eine Lösung. Mein letztes Buch hat sich ja ganz gut verkauft, und auch die Auftragslage bei den Werbetexten sieht gut aus. Außerdem ich bin mir sicher, dass du woanders auch was finden wirst. Notfalls ziehen wir eben um.“

Richard schüttelte den Kopf. „Dass können wir Jenny nicht antun. Ganz besonders so kurz vor den Abiprüfungen.“

„Vielleicht ist das ja auch gar nicht nötig“, versuchte ihn Maria zu beruhigen. „Bei diesem MannaRed geht irgendwas nicht mit rechten Dingen zu. Bei Jennifer in der Schule haben sie es kostenlos verteilt, und seit sie es getrunken hat, hat sie keinen Hunger mehr auf etwas anderes. Das stinkt für mich nach irgendwelchen illegalen Zusatzstoffen. Ich weiß nicht, wen die bestochen haben, um die Zulassung dafür zu kriegen, aber ich werde gleich mal ein wenig recherchieren. Bestimmt gibt es noch mehr Betroffene. Wir werden eine unabhängige chemische Analyse von dem Gesöff beantragen und diese Verbrecher dazu zwingen, das Zeug vom Markt zu nehmen.“

Richard lächelte. „Danke. Wer eine Freundin wie dich hat, der braucht wohl vor gar nichts Angst zu haben.“

Maria grinste diabolisch. „Stimmt. Aber wer mich zum Feind hat, schon.“

Sie löste sich aus der Umarmung. „Ich hau uns mal ne Pizza in den Ofen, wenn du auch Bock hast. Außer du hast Lust, was zu kochen.“

„Nein“, sagte Richard matt. „Morgen gerne wieder, aber jetzt knall ich mich erst mal auf die Couch“.

„Gut“, sagte Maria, heizte den Ofen vor und nahm sich zwei Pizza Funghi aus dem Tiefkühlfach, während Richard im Wohnzimmer den Fernseher anschaltete. Die Lautstärke reichte aus, damit sie den Ton auch in der Küche gut hörte. Es liefen Nachrichten. „… berichten, dass der Islamische Staat praktisch über Nacht wieder zahlreiche Gebiete zurückgewonnen hat. Wie ihm das gelungen ist, ist zur Zeit noch ein Rätsel. Einige Quellen berichten aber von massiven Verlusten unter den Streitkräften Russlands, der USA und der syrischen Regierungstruppen. Keine Seite wollte aber bisher hierzu Auskunft geben. Nordkorea. Der Diktator Kim Jong Un gab im Staatsfernsehen bekannt, dass er nun über eine mächtige nicht-atomare Waffe verfüge, mit dem es ihm ein Leichtes sei, die südkoreanischen und US-amerikanischen Truppen zu besiegen. Er gab dem Nachbarland eine Frist von drei Tagen, um sich seiner Herrschaft friedlich zu unterwerfen, andernfalls würde er eine vernichtende Demonstration seiner neuen Waffe starten. Und nun zum Wetter …“

„Wahnsinn. Was geht nur mit der Welt ab?“ hörte sie Richard murmeln. Dann schaltete er auf einen anderen Sender, auf dem gerade irgendein Blockbuster lief.

Sie konnte ihm nur zustimmen. Die Welt wurde mit jedem Tag verrückter. Eher unwillkürlich fiel ihr Blick auf die durchsichtige Dose mit „MannaRed“, die noch immer auf dem Küchentisch stand. Wie konnte ein simples Getränk nur eine solche Wirkung auf ihre Tochter haben?

Sie nahm die Dose in die Hand und musste zugeben, dass die Verpackung sehr hochwertig war. Sie hatte noch nie in ihrem Leben durchsichtiges Blech gesehen, aber genau darum schien es sich zu handeln. Die rötliche Flüssigkeit im Inneren schwappte verführerisch und wirkte doch völlig unschuldig und harmlos. Maria ertappte sich bei dem Gedanken daran, wie das Getränk wohl schmeckte. Sie hatte ziemlichen Durst, und außer Leitungswasser hatten sie gerade nichts wirklich Ansprechendes im Haus. Natürlich wusste sie um die Risiken. Jennifer und Richard waren ja Beweis genug für die Gefährlichkeit dieses Produkts, und weitere Beweise würde sie hoffentlich bald selbst ans Tageslicht bringen. Doch es konnte sicher nicht schaden, einen winzigen Schluck zu nehmen. Dann würde sie wenigstens wissen, wovon sie redete.

Einen Moment lang zögerte sie noch. Dann öffnete sie die Dose mit einem leisen Zischen, wobei ihr ein fruchtiger, traumhaft aromatischer Duft in die Nase stieg. In ihr entstanden Bilder von verzauberten Traumlandschaften, von warmen Sonnenuntergängen an exotischen Stränden, von Freiheit und grenzenloser Lebendigkeit. Ihr kritischer Verstand ertrank in süßem Nebeln. Sie trank die ganze Dose in einem Zug aus.

~o~

„Stirb endlich!“ rief Jennifer wütend, während sie auf einen besonders hartnäckigen Ork eindrosch. Jennifer war eine passionierte Zockerin, und wenn sie sich nicht gerade mit ihren Freunden traf, brachte sie mit Vorliebe virtuelle Lebenslichter zum Erlöschen. Ihr eigener Lebensbalken war schon lang im roten Bereich angelang,t und sie sah sich schon wieder halb am letzten Spielstand von vorne beginnen, als die hässliche Bestie endlich doch vor ihrem axtschwingenden Zwerg in den Staub sank.

Es klopfte an der Tür.

„Ja!“ rief sie, während sie schnell ein Stadtportal herbeirief. Sie brauchte neue Heiltränke.

Die Tür ging auf, und der blond gelockte Kopf ihrer Mutter schaute herein.

„Dein Vater und ich gehen jetzt ins Bett, und du solltest das auch langsam tun. Die Ferien sind seit gestern vorbei, wie du weißt, und ich glaube kaum, dass du Lust hast, noch einmal mitten im Unterricht einzuschlafen.“

Jennifer zog eine beleidigte Schnute. Es war fies, sie daran zu erinnern. Noch heute zogen sie ihre Mitschüler dafür auf, dass sie vor einem halben Jahr vor Übermüdung auf dem Pult eingepennt war. Weder die Wurfgeschosse und kreativen Filzstift-Bemalungen ihrer Klassenkameraden – „Spermaschlampe“ und „Hackfresse“ waren noch die freundlicheren gewesen – noch die laute Stimme ihrer Biologielehrerin hatten sie aufwecken können. Es war unendlich peinlich gewesen und wirklich sehr taktlos von ihrer Mutter, die Erinnerung daran erneut wachzurufen. Aber leider wirkte es.

„Geht klar, Mom. Noch fünf Minuten, dann mach ich hier aus.“

„Ok. Dann schon mal gute Nacht“, sagte ihre Mutter besänftigt und schloß die Tür.

Dann kaufte sie sich ein paar Heiltränke und eine neue Rüstung, speicherte den Spielstand und schaltete das Gerät ausnahmsweise wie versprochen aus.

Dabei fiel Jennifer auf, dass sie ziemlichen Durst hatte. Zwar hätte sie was von der Flasche Wasser auf ihrem Schreibtisch trinken können, aber seitdem sie MannaRed getrunken hatte, kam ihr Wasser noch langweiliger vor. Wie konnte man so etwas nur zu sich nehmen? Glücklicherweise hatte sie ja noch eine Dose von diesem überirdisch geilen Getränk übrig – diejenige, die sie ihrer Mutter gezeigt hatte. Sie müsste eigentlich noch unten auf dem Küchentisch stehen. Noch ein paar Schlucke davon und dann würde ihr das Einschlafen sicher leichter fallen. Morgen konnte sie sich neue Dosen besorgen. Das Zeug war ja zum Glück spottbillig.

Jennifer öffnete die Tür und sah, dass das Licht im Schlafzimmer ihrer Eltern bereits erloschen war. Sie ging den Flur hinunter in Richtung Küche. Dabei bemerkte sie aus dem Augenwinkel, dass die Haustür einen Spaltweit offen stand. Anscheinend hatte ihr Vater vergessen, sie wieder richtig zu schließen, nachdem er nach Hause gekommen war. Ohne weiter darüber nachzudenken, schloß sie die Tür und ging in die Küche. Zu ihrem großen Entsetzen sah sie dort die leere Dose auf dem Tisch stehen. Ihre Eltern hatten sie einfach ausgetrunken! Unglaublich. Und dabei hatte ihre Mutter erst noch so gegen MannaRed gewettert. Was für eine verlogene Doppelmoral. Sie überlegte kurz, sich doch ein Glas Wasser oder auch eine Cola aus dem Kühlschrank zu nehmen. Aber allein bei dem Gedanken daran drehte sich ihr der Magen um. Da blieb sie lieber durstig.

Frustriert ging sie zurück in ihr Zimmer, schloß die Tür hinter sich und schlief schnell und traumlos ein.

Sie erwachte durch das Knarren der Tür. An ihrer Müdigkeit merkte sie, dass sie noch nicht so lange geschlafen haben konnte. Sie hörte, wie die Tür weiter aufgeschoben wurde. „Mom, bist du das?“ fragte sie verschlafen.

Es kam keine Antwort. Nur Schritte. Jennifer fühlte die ersten beißenden Vorboten der Angst. Irgendetwas roch schlecht. Verdorben. Sie suchte nach dem Lichtschalter ihrer Nachtischlampe und fand ihn. Die Lampe bot kein sehr helles Licht und tauchte das Zimmer in ein gespenstisches Halbdunkel. Doch was sie sah, reichte völlig aus. Am Rande des schwachen Lichtkegels stand die blasse Gestalt eines Mannes. Er trug ein zerrissenes schwarzes Shirt, war sehr hager, und dichte, aber dürre schwarze Haare sproßen aus seinem bleichen Kopf. Dennoch sah er mehr oder weniger wie ein normaler Mann aus, der Übles durchgestanden hatte. Dafür sprach auch der intensive Geruch nach altem Urin. Aber wie war er hereingekommen?

Plötzlich dämmerte es Jennifer: Die Tür. Die offene Tür. „Wer sind Sie?“ fragte sie den Fremden. „Und was wollen Sie von uns?“.

Der Mann öffnete den Mund. Aber nicht zu einer Antwort.

Sie wusste nicht, ob es jahrelange Erfahrung mit virtuellen Kämpfen, das ständige Mobbing durch ihre Mitschüler oder ein älterer Instinkt war, aber Jennifer bemerkte den Angriff, noch bevor er passierte. Sie rollte sich vom Bett herunter und entging so um Haaresbreite der zustoßenden, harten, weißen Zunge. Sie musste versuchen zum Zimmer ihrer Eltern zu kommen. Gemeinsam hätten sie sicher eine Chance. Sie hatte keine Ahnung, was das für ein Monster war, aber das war eigentlich auch egal. Sie musste einfach nur an ihm vorbeigelangen: Das war alles, was zählte. Der Mann – sofern man ihn so nennen konnte – ragte wie eine fleischgewordene Säule vor der Sicherheit versprechenden Tür auf, aber er füllte sie nicht ganz aus. Wenn sie sich klein genug machte, könnte sie es schaffen.

Also rappelte Jennifer sich auf und rannte auf die schmale Öffnung zu.

Wenn das Ding in ihrem Zimmer einer dieser typischen langsamen Zombies aus den meisten Horrorfilmen gewesen wäre, hätte sie es sicherlich geschafft. Doch leider traf das nicht zu. Im Kopf des ehemaligen Menschen wohnte die meiste Zeit zwar nicht mehr sonderlich viel Bewusstsein, aber gute Reflexe besaß er durchaus. So war es ihm ein Leichtes, sie zu packen und mit Gewalt zu sich zu ziehen, bis sie seinem Gesicht ganz nah war und sein beißender Gestank sie einhüllte.

Jennifer versuchte sich aus dem Griff zu lösen, aber die Hände der Kreatur hielten sie unnachgiebig fest. Auch als sie dem Mann zwischen die Beine trat, löste das neben einem schwachen Grunzen keine Reaktion aus. Sein Griff blieb eisenhart. In diesem Moment hätte sie sich die Zwergenaxt ihres Charakters aus dem Spiel gewünscht. Oder auch ein Stadtportal. Aber beides hatte sie nicht. Alles, was sie hatte, war Jennifer. Und das reichte nicht.

„Mama. Papa. Hilfe!!!“ schrie sie in ihrer wachsenden Verzweiflung, auch wenn ihr durchaus bewusst war, dass sie damit ihre Eltern in Gefahr brachte.

Dieser Schrei war das Letzte, was sie als Mensch von sich gab. Das Ding sah sie aus stumpfen Augen an, schürzte seine Lippen wie zu einem Kuss und ließ seine Knochenzunge gleich einem Vorschlaghammer zwischen ihren Lippen hindurchschießen. Sie spürte das grässliche, schmerzhafte Zersplittern ihrer Vorderzähne und fühlte, wie etwas durch und durch Abscheuliches in sie hineingepumpt wurde, dass in Sekundenbruchteilen die Kontrolle über ihren Körper und ihren Geist zu übernehmen begann. Dann hörte sie – sie war schon nicht mehr als ein unerwünschter, schwindender Gast in ihrem Körper – wie die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern aufgestoßen wurde.

Kurz darauf wurde ihre Familie aufs Neue vereint.

Knochenwald-Serie

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