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So, lieber Leser, da bist du ja. Ich habe dich erwartet. Nur Mut, ich möchte dich auf einen kleinen Ausflug einladen. Nein, deinen Platz musst du dafür nicht verlassen. Ich möchte dich auf eine Reise durch die Zeit mitnehmen, in eine Zeit, wo die Wälder noch groß und dunkel waren, als tapfere Männer mit starkem Stahl in der Hand die Welt lenkten. Bist du bereit? Ja? Dann konzentriere dich auf diese Zeilen. Konzentriere dich, bis sich da, kurz hinter deinen Augen, ein kleines Fenster öffnet. Konzentriere dich stärker. Das Fenster wird größer werden, immer größer, bis du etwas erkennen kannst. Grüne Baumwipfel, die in einer leichten Brise rauschen. Der Herbst wird bald beginnen, aber noch ist alles grün und lebendig. Wir verlassen das Himmelreich und gehen nach unten, jetzt sehen wir die glatten Stämme einiger, die krummen Stämme anderer Bäume. Du musst wissen, dieser Wald ist alt, die Bäume sind älter, als Bäume es heute werden. Wir gehen weiter nach unten. Wir sehen ein Eichhörnchen in seiner Kobel. Es hat seine Augen in unsere Richtung gerichtet, aber glaub mir, es kann uns nicht sehen. Wir sind hier für alle nur als flüchtiger Luftzug, als leises Rauschen wahrnehmbar. Wir sind stille Beobachter auf unserer Reise.


Jetzt sind wir auf dem Waldboden. Riechst du diesen frischen Geruch? So roch die Welt damals, und so wird sie nie wieder riechen. Es riecht aber in erster Linie ganz normal, wie es halt in einem Wald riecht. Du warst doch sicher schon einmal in einem Wald, ja? Dann brauche ich diesen würzigen, etwas dumpfen Geruch, der ein wenig in der Nase kitzelt, ja eigentlich nicht erklären, oder? Wir könnten jetzt versuchen, diesen Wald bis an seine Grenzen zu erkunden. Selbstverständlich können wir uns, losgelöst von allen bekannten Gesetzen der Natur, so schnell bewegen, dass es uns wenige Sekunden kosten würde, aber was würde das schon für ein Vergnügen sein? Jedenfalls würden wir in normaler Geschwindigkeit Tage für dieses Unterfangen brauchen, vielleicht Wochen. Viele, viele dieser Bäume, fast alle, haben noch nie die Axt gespürt. Lass uns in Richtung dieser kleinen Stadt gehen. Wie? Ja, da hast du wohl recht, mit diesen vier, fünf Häusern und ihren paar Hütten ist das wohl keine Stadt. Sagen wir Niederlassung.


Die meisten Menschen in dieser Niederlassung sind ordentliche Leute. Es gibt ein paar Kaufleute unter ihnen, die ihre Geschäfte in einer größeren Stadt, nicht weit entfernt, tätigen. Die Leute, die in den Hütten leben, sind fast alles Holzfäller. Mit dem Holz heizen sie ihre Hütten, und den Rest verkaufen sie. Normalerweise würde man wohl ein paar Leute umhergehen sehen, wenigstens einmal jemandem auf dem Weg zum Abort. Das ist aber nicht der Fall. Sie haben Angst, musst du wissen. Vor zwei Tagen ist hier ein Junge verschwunden. Nun, das ist wohl nichts allzu Ungewöhnliches, denkst du im Stillen. Ich sehe es dir an. Natürlich hättest du normalerweise recht, aber in diesem Fall nicht. Denn wenn jemand verschwindet, besonders wenn es ein Kind ist, dann ist das Holz auf die Feuer der Geschichtenerzähler, besonders hier. Es geht die Geschichte um von einer Hexe, irgendwo in den Wäldern, die das Fleisch von Kindern isst, und sie bei Vollmond entführt. Man sagt ihr nach, Kinder zuzubereiten und sie dann mit Haut und Haaren zu kochen.


Ich brauche dich nicht zu fragen, mit Sicherheit hast du es schon erraten, in welcher Gestalt stand der Mond in der Nacht am Himmel, in der der Junge verschwand? Richtig. Manche munkeln, in dieser Nacht hätte der Mond in blutroter Farbe am Himmel gestanden, und aus dem Wald sei mal tierisches, mal menschliches Geschrei gekommen, Zungen von abscheulichen Wechselbälgern, die den Teufel rufen. Er war ein guter Junge, und vielleicht kommt er ja auch noch zurück, müde und hungrig und durstig, aber unversehrt. Glaubst du es? Oh, seine armen, armen Eltern hoffen natürlich. Seine Mutter sitzt mit leerem Gesicht auf dem Bett, und sein Vater, ein rothaariger Bär von einem Mann, starrt schluchzend in den Kamin. Er verdient das Geld, seine Axt hat die meisten Bäume von allen Holzfällern in diesem Dorf gefällt. Trotzdem, keine reiche Familie, arm. Aber nicht so arm wie andere, sie haben es immer geschafft, den Jungen warm und satt zu halten. Auch Kleidung konnten sie ihm geben. Einen Stoffkittel aus schwerer Wolle, der ihn warm hielt. Mit Knöpfen aus Hirschhorn, die er von seinem Vater bekommen hatte, als er das erste Mal einen Baum wahrhaftig alleine gefällt hatte. Was für ein guter Junge ihnen doch da verloren gegangen ist. Er hatte die roten Haare seines Vaters.


Aber nun wollen du und ich uns mal um diese Hexe kümmern, oder? Wollen wir nicht ergründen, ob die Geschichten wahr sind? Natürlich wollen wir. Ich werde uns beiden einmal die Suche ersparen, ich sage dir, es gibt da eine Hütte, weit draußen im Wald. Ob da drin eine Hexe wohnt? Das kann ich dir, werter Leser, nicht sagen. Sagen kann ich dir allerdings, dass einmal eine Gruppe mutiger Männer auf der Suche nach dem Ungeheuer, das ihre Kinder entführte, in den Wald ging. Sie kamen erst lange Zeit später wieder, mit erloschenen Fackeln, mit müden und von Dornen zerkratzten Körpern. Gefunden hatten sie nichts. Aber wir, du und ich, wir können uns freier bewegen als sie. Nimm jetzt meine Hand.


Sie ist ziemlich groß, findest du nicht? Aus festen, starken Brettern und Bohlen erbaut, auf einer Lichtung gelegen. Ja, ich sehe, dass dort Rauch aus dem Abzug kommt, aber sei versichert, die Bewohnerin ist nicht zuhause. Die Bretter sind dunkel, fast schwarz. Sie sieht aus, als wäre sie alt, sehr alt. Ich denke, das ist sie auch, trotzdem scheinen die Elemente sie weitestgehend verschont zu haben. Nun, wie du siehst, stecken hier, in einem weiten Umkreis um die Hütte herum, viele solcher Eisenspieße im Boden. Auch sie sind alt und von Rost überzogen, schimmernd hängen noch ein paar Tropfen des letzten Regens am Eisen. Es wird sich wohl um Fackeln handeln, manche Bewohner des Dorfes berichten von bläulichen Lichtern, die nachts aus dem Wald scheinen. Sie nennen sie Totenlichter. Irgendetwas bedeuten muss das selbstverständlich nicht.


Betreten wir also die Hütte, ja? Die Bauart ist normal, so wie eine Hütte nun einmal aussieht. Beachtlich ist allerdings die Größe, wie ich schon sagte. Sie ist bestimmt dreimal so groß wie die Hütte unseres trauernden Freundes, den du vorhin sahst. Merkwürdig, dass jemand so ganz alleine draußen im Wald in so einer großen Hütte lebt, oder? Das kann ich dir sagen, sie lebt alleine hier. Gehen wir also hinein. Natürlich brauchen wir die Tür nicht zu öffnen, wir gehen, körperlos wie wir sind, einfach hindurch. Würden wir sie öffnen, würden wir ein unheimliches Quietschen hören, das uns fast wie ein Schrei zu klingen scheint? Wir sind nun also im Inneren, und riechst du das? Schwer zu beschreiben, dieser Geruch. Hattest du schon einmal einen Kater, lieber Leser? Ich bin fast sicher, das hattest du. Erinnerst du dich an das pelzige Gefühl auf deiner Zunge? An deinen Kopf, der wie eine Glocke dröhnte, wenn du ihn berührtest? An das Zurückzucken, wenn du ins Licht schautest? Hätte das einen Geruch, es wäre dieser hier, muffig und alt. Sei froh, dass wir nicht körperlich hier sind. Seltsam, dass sich die Bewohnerin der Hütte nicht daran stört...


Meinst du nicht auch, dass der Geruch irgendwie dem Kessel zu entströmen scheint? Der große Raum, in dem wir uns gerade befinden, ist der Koch- und Essraum. An der linken Wand steht in einem kleinen, zweckentfremdeten Kamin ein gewaltiger Kessel. Das Feuer darunter ist klein, weshalb das Fleisch in der Suppe ganz langsam gar wird. Ich bin sicher, es ist sehr gutes Fleisch, perfekt gewürzt und großzügig hinzugegeben. Der Rest des Raumes wird von einem großen, geschnitzten Esstisch eingenommen. Sehen wir ihn uns einmal an. Er ist groß und schwer, und aus einem leicht gelblichen Material hergestellt. Offensichtlich geschnitzt. Die Platte scheint aus unzähligen kleinen, länglichen Gegenständen zu sein...


Komm einmal hier herüber, lass uns einen Blick in diesen Kessel werfen. Nein, ich habe mich geirrt, der starke Geruch kommt nicht hier heraus. Aus diesem eisernen Monstrum strömt nur der Geruch einer guten Suppe. Seltsam, wie sich die Flüssigkeit im Kessel fast von alleine zu drehen scheint, nicht wahr? Langsam, immer im Kreis... Wie das wohl möglich ist?


Oh, verzeih mir. Das hättest du nicht sehen sollen. Was ist mit dir? Du siehst sehr blass aus, lass uns diesen Ort verlassen. Ja? Draußen ist die Luft besser, dort wird es dir besser gehen. Ich sah auch, was du sahst, und du musst mir glauben, ich dachte auch zuerst an das Schlimmste, aber es war bestimmt nur Zufall. Aber es sah wirklich ganz so aus, du da vor dem Computer, als ob da eine Strähne roten Haares an der Oberfläche schwamm, nicht wahr?

Ich denke, es ist besser, du gehst jetzt.

Autor: Fleischfrost

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