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Ich seufze und verkrampfe meine Hände ineinander, während ich meine Freundin angucke: „So einfach ist das leider nicht.“, erwidere ich auf ihre Aussage von zuvor: „Ich meine... Horror ist nicht gleich Horror, weißt du? Das erkennt man schon an den ganzen Filmen. Es gibt Horrorfilme wie Saw, die einfach nur darauf aus sind, möglichst viele Gliedmaßen in möglichst kreativen Arten abzuhacken, dann gibt es so etwas wie Insidious mit jeder Menge Jumpscares und Schockern. Dann wiederum wäre da Der Exorzist, der durch eine unbesiegbare Satanische Macht auftrumpft oder Filme wie Crimson Peak, der großteils durch eine beklemmende Atmosphäre besticht.“ Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und atme tief durch. Als ich wieder aufblicke, sieht Melissa mich mit schiefgelegtem Kopf an: „Und wenn du einfach irgendeine Kreatur erfinden würdest? So wie in diesen Kurzgeschichten im Internet?“

Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht sarkastisch zu werden. Ich weiß, sie sehr sie das hasst. Stattdessen murmele ich: „Das wird schnell langweilig. Eigentlich läuft da alles nach einem relativ festen Schema ab: Protagonist entdeckt Monster, wird von Monster gejagt und tötet Monster schließlich. Oder das Monster tötet ihn, je nach Gemütslage des Autors.“ Sie lehnt sich nach vorne und umfasst mein Gesicht mit den Händen, sodass ich gezwungen bin, ihr tief in die Augen zu sehen. Ihre Stimme hallt mit einer besänftigenden Klarheit in meinen Ohren wider: „Du musst ja auch nicht das Rad neu erfinden. Du hast doch selbst mal irgendwas zu mir gesagt von wegen, dass es ohnehin nichts neues mehr gibt.“ Ich nicke und löse mich somit aus ihrem Griff: „Ein Zitat von Sherlock Holmes, ganz genau. Demzufolge muss ich nur etwas altes neu interpretieren und neu erzählen. Aber auch das fällt mir im Augenblick so unglaublich schwer, das kannst du dir nicht vorstellen.“

Entgegen meiner Erwartung schüttelt sie nicht entnervt den Kopf, sondern nickt und lehnt sich erneut vor, dieses Mal um mich zu küssen. Danach lächelt sie: „Na ja, ich hab da vielleicht noch einen Tipp für dich. Bei meinen Landschaftszeichnungen ist es extrem wichtig, aus welcher Perspektive ich male. Es macht einen gewaltigen Unterschied ob ich aus der Perspektive eines Menschen oder einer Ameise einen Baum zeichne, um mal ein Beispiel zu nennen. Vielleicht musst du nur eine neue Perspektive finden.“ Sie grinst breiter und deutet an mir vorbei zum Fenster: „Und wo wir gerade von Landschaften sprechen: Bei dem Wetter wäre es doch zu schade, wenn wir es nicht nutzen, um zum Gochenheim-See zu fahren, nicht wahr?“ Sie drückt mir einen weiteren Kuss auf die Lippen und fügt hinzu: „Das wäre eine nette Ablenkung für dich, du kommst aus deiner Gedankenschleife heraus und...“ Sie zögert theatralisch: „Vielleicht kommt dir da ja auch eine gute Idee.“

Unnötig zu erwähnen, dass ich sofort überzeugt bin.




Der Gochenheim-See ist ein Juwel. Wenngleich klein, ist er nahezu kreisrund und von einem gut zehn Meter dicken Sandstrand eingerahmt. An dessen Grenzen wiederum befinden sich, von der kleinen Straße und einem Parkplatz mal abgesehen, nur Bäume. So als wäre er eine glitzernde, blaue Pupille in einer Iris aus gelb und grün. Melissa hat einmal versucht, rein aus ihrer Imagination heraus die Vogelperspektive dieser Naturschönheit zu zeichnen, jedoch bei einem Abgleich mit einem Satellitenbild kaum Ähnlichkeiten gefunden. Seither ist sie der festen Meinung, Worte könnten die Schönheit besser umschreiben als Bilder. Paradox, meiner Ansicht nach, aber um ehrlich zu sein nicht unzutreffend.

Ich lege ein Handtuch auf den Sand und blicke mich um, während Melissa es mir gleichtut. Trotz achtundzwanzig Grad Lufttemperatur und dem strahlenden Sonnenschein sind wir alleine. Melissa scheint diesbezüglich einen Ausdruck der Verwunderung auf meinem Gesicht gesehen zu haben und kichert: „Du siehst verwirrt aus. Hast du vergessen, dass heute Mittwoch ist?“ Ich schüttele stumm den Kopf und frage mich, wo da der Zusammenhang sein soll, bis es mir dämmert: Mittwoch bedeutet in diesem Fall Arbeitstag für so ziemlich jeden, abgesehen von Leuten wie Melissa und mir. Meine Ausbildung fängt erst in wenigen Wochen an und Melissas Studium ein wenig später. Ich nicke und lächele: „Mein Zeitgefühl ist wohl etwas durcheinander, so ohne Schule und den ganzen Kram. Aber umso besser.“, füge ich hinzu, während ich auf das Wasser zugehe, „Dann haben wir alles ganz für uns.“

Das Wasser ist erstaunlich kühl, weshalb ich mich zwingen muss, weiter hineinzugehen. Als die kleinen Wellen meinen Bauch umspülen bleibe ich dann doch stehen und schöpfe mit beiden Händen ein wenig Wasser, um es auf Brust und Armen zu verteilen. Auf diese Weise fällt mir das weitergehen leichter, ich bekomme keine Kreislaufprobleme wegen der Temperaturdifferenz und kann die ganze Lage mehr genießen. Als ich bis zum Hals im Wasser bin stoße ich mich vom Boden ab, gleite ein wenig weiter zur Seemitte und drehe mich in der Bewegung um. Melissa ist erst bis zu den Knöcheln im Wasser und bewegt sich keinen Zentimeter weiter. Für einen Moment betrachte ich sie einfach nur.

Sie ist, um es mit den klassischen Worten auszudrücken, ein Traum von einer Frau. Dabei lasse ich einmal ihre Intelligenz und ihren Humor außer Acht und beschränke mich kurzzeitig auf die körperlichen Attribute: Sie ist schlank, was sie heute mit einem hellblauen Badeanzug zu unterstreichen versucht. Ihre Haare sind kastanienbraun reicht bis zu den schmalen Schultern. Wissend, dass es über die Entfernung unmöglich ist, glaube ich das blitzende Grün ihrer Augen im Sonnenlicht zu sehen. Sie streicht sich unsicher eine Strähne hinter das rechte Ohr, als ich ihr neckisch zurufe: „Was ist? Wenn du noch länger wartest, kommt noch ein Algenmonster und ertränkt mich.“ Sie reagiert wie erwartet mit der Geste des erhobenen Mittelfingers und ein paar kleinen Schritten weiter ins Wasser hinein. Ich grinse und frage mich, ob es so etwas wie ein Algenmonster geben könnte, das in eine meiner Geschichten passt. Dann erinnere ich mich an eine Story, in der ein Autor das Wasser selbst die alles verzehrende Bestie sein lässt und verwerfe den Gedanken. Nicht nur dass es mir abgekupfert vorkäme, es wäre auch kaum in der Lage, das zu toppen.

Melissa ist inzwischen bis zum Bauch im Wasser und spielt wieder die Statue, weshalb ich mir einen Scherz erlaube von dem ich mir sicher bin, dass ich dafür bitter bezahlen könnte. Ich rufe ihr etwas zu, doch bevor ich wirklich einen konkreten Satz zustande bringe werfe ich mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck die Arme nach oben und tauche unter. Mit langsamen, ruhigen Bewegungen bleibe ich knapp unter der Wasseroberfläche und beobachte die verwaschenen Schemen, die ich durch die Oberfläche sehen kann. Meine Lungen beginnen sich zusammenzuziehen und rufen immer lauter nach Luft, bis ich langsam beginne an der Qualität meiner Idee zu zweifeln. Dann endlich sehe ich einen schlanken Körper, der sich durch das blaue Nass kämpft und tauche direkt vor ihm auf.

Melissa gibt ein lautes Quietschen von sich und fuhr zurück, schluckt beinahe Wasser und holt reflexartig aus, um nach mir zu schlagen. Sie verfehlt mich und lässt ihre Faust lediglich ins Wasser fahren. Dann blickt sie mich mit vor Zorn blitzenden Augen an: „Was zum Teufel sollte das denn werden? Du hast mir eine Heidenangst eingejagt?“ Für eine Sekunde glaube ich das tatsächlich. Das mulmige Gefühl, eine Grenze überschritten zu haben macht sich in meiner Bauchgegend breit und offenbar auch in meinem Gesicht, denn Melissas Züge entspannen sich und sie schwimmt näher an mich heran: „Keine Sorge, ich bin nicht sauer. Na ja, nicht so sauer.“ Sie grinst: „Sonst würdest du jetzt schon wieder unter Wasser hängen.“ Ich lache und lege unter Wasser meinen Arm um sie, ziehe sie so nah wie möglich an mich heran und küsse sie. Kurz darauf tauchen wir beide tatsächlich unter da sich unsere Beine verhaken, nur um prustend und lachend wieder aufzutauchen. „In Filmen sieht so etwas immer so einfach aus.“, kichert sie und versucht das Gleichgewicht zu halten. Ich selbst schaffe es mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen und beginne zu lamentieren: „Offen gesagt bin ich froh, dass das hier kein Film ist.“ Melissa blickt mich fragend an und ich rede weiter: „Na ja, die aktuelle Situation, Junge und Mädchen zusammen beim Schwimmen im See, ist eher typisch für peinliche Romantische Komödien, bei denen die Lage etwa so wäre, dass das Mädchen nur einen Bikini an hat, sich dem Jungen annähern möchte indem sie im Wasser sich dieser Kleidung entledigt und letzten Endes den von uns eben als sehr kompliziert enttarnten Körperkontakt sucht. Bis hierhin könnte ich damit so weit leben.“, füge ich mit einem schelmischen Lächeln hinzu, „Jedoch geht die Situation üblicherweise damit weiter, dass unbemerkt von den Beiden die ausgezogenen Klamotten davon treiben und zeitgleich anderen Leute ins Wasser steigen, je nach Filmart für gewöhnlich eine Mutter mit Kindern. Das führt zu verzweifelten Versuchen der beiden Verliebten, die Kleidung wiederzubeschaffen oder unbemerkt aus dem Wasser zu steigen, was natürlich nie funktioniert. Einer der Gründe nebenbei, aus denen ich solche Filme nicht sonderlich schätze.“

Melissa blickt mich mit ausdruckslosem Gesicht an, streicht sich eine nasse Haarsträhne aus den Augen lächelt dann: „Ist dir eigentlich mal aufgefallen, dass du bei solchen Ausflügen in deine Gedankenwelt klingst wie ein Professor in seiner Vorlesung?“ Ich ziehe die Augenbrauen zusammen: „Nein, ist mir nie aufgefallen. Ist das schlecht?“ Sie schüttelt den Kopf: „Überhaupt nicht. Es gefällt mir.“ Sie schwimmt etwas näher an mich heran, streng darauf achtend, mit den Beinen auf Abstand zu bleiben, und drückt mir einen Kuss auf die Wange: „Nichtsdestotrotz wird mir ein wenig kalt. Wollen wir uns nicht ein wenig in die Sonne legen?“ Ich stimme ihr zu. Der Weg zum Strand, an dem unsere Sachen liegen, ist länger als erwartet, offenbar sind wir immer weiter ins Zentrum des Sees getrieben, während wir geredet haben. Dennoch dauert es nur wenige Minuten, bis wir wieder nassen und schließlich trockenen Sand unter den Füßen haben. Während ich mich abtrockne und dann auf das Handtuch lege, zieht Melissa es vor, sich erst hinzulegen und das Trocknen von der Sonne machen zu lassen. Es dauert nicht lange, bis sie eingeschlafen ist, und ich verbringe ein paar Minuten damit, ihrem Atem zu lauschen, der sich erstaunlich gut in die Naturgeräusche einreiht, neben den seichten Wellen, den raschelnden Blättern und den singenden Vögeln...

Von einem Geistesblitz getroffen greife ich in die Tasche, die ich neben meinem Handtuch liegen habe, hole Stift und Notizbuch hervor und beginne zu schreiben.




Ich zittere und versuche die Schreie zurückzuhalten, die sich ihren Weg durch meine Kehle bahnen. Die Tränen hingegen brechen durch und fließen meine Wangen herunter. Meine Hände tasten mein Gefängnis ab. Klein, kaum groß genug für meinen ganzen Körper. Ich schluchze und schlage mir sofort die Hand vor den Mund. Wenn Er mich hört, wird er wieder zu mir kommen. Das einzige, was noch schlimmer ist als in diesem Gefängnis zu stecken. Ich lehne mich gegen die Wand und kämpfe gegen das Zittern an, ohne großen Erfolg. Nach einer Weile – Minuten, vielleicht auch Stunden – schlafe ich langsam ein und gleite in die sanfte Traumwelt, aus der ich jäh herausgerissen werde, als ein grelles Licht meine Haut verbrennt. Ich verkrieche mich wimmernd in einer Ecke und hebe die Hände vor mein Gesicht, während eine grässliche, raue Stimme murmelt: „Siehst du? Da ist nichts. Und jetzt schlaf gut.“ Die Lichtquelle erlischt und ich atme erleichtert auf. Für einen Moment sehe ich eine grausig deformierte Gestalt, die die Tür verschließt, dann herrscht Stille. Und mir wird bewusst, dass mein Peiniger einen Fehler gemacht hat. Die Tür ist verschlossen.

Aber nicht verriegelt.

Ich stemme mich mit aller Kraft gegen das massive Holz und schaffe es, die Tür einen Spalt weit zu öffnen. Sie quietscht und ich hoffe, dass ich nicht bemerkt werde.

Mein Blick wandert durch den Raum, in den ich mich zwängen konnte. Ein Zimmer, nicht allzu groß, doch weitaus geräumiger als es mein Gefängnis war. Es stehen Regale an den Wänden, die mit den merkwürdigsten und farbenfrohesten Gegenständen gefüllt sind... und dann ist da ein Bett, in dem eine regelrecht abstrakte Kreatur liegt. Ich erstarre als ich merke, dass sie mich ansieht. Zwei glänzende Augen brennen sich in mein Gesicht und jagen mir einen Schauer über den Rücken. Verkümmerte Hände ragen unter der Decke heraus und je länger ich versuche diesem unfassbar bösartigen Blick standzuhalten, desto mehr verkrampft sich mein Magen. Ich würge, gehe zu Boden und erbreche Galle, und die Kreatur beginnt zu brüllen. Das Geräusch geht durch Mark und Bein und droht mich zu zerfetzen. Mein Angstschrei geht in dem Lärm einer aufgestoßenen Tür unter. Ein grelles Licht erfasst mich, verbrennt mich, reißt mich in Stücke. Ich leide Qualen von unfassbaren Ausmaßen und wünsche mir nur noch, endlich zu sterben. Der Wunsch wird mir nicht gewährt, aber immerhin verliere ich das Bewusstsein.

Als ich erwache, bin ich einen Moment lang orientierungslos, jedoch nur so lange, wie ich brauche um die Dunkelheit um mich herum abzutasten. Ich bin erneut in meinem Gefängnis. Und mit einem Schlag wird mir die Hoffnungslosigkeit bewusst. Ich werde hier nicht herauskommen. Niemals. Auf ewig im Schrank gefangen von Monstern.




Melissa fliegt mit ihren schönen Augen über die Seiten, die ich ihr gegeben habe. Das Ende bewegt sie zu einem Lächeln: „Wenn ich das richtig verstehe war das einfach nur eine klassische Monster im Schrank-Geschichte aus Sicht des Monsters, richtig?“ Ich nicke: „Nicht sonderlich gut, nicht wahr? Ich hatte etwas besseres im Sinn, aber nun ja, immerhin konnte ich so meine Blockade ein wenig abschütteln.“ Melissa streicht mir über die Schulter und nickt: „Da du meine ehrliche Kritik schätzt: Ja, gut ist die Geschichte nicht. Aber sie ist doch ein wenig unterhaltsam und die Perspektive macht sie interessant.“ Sie reicht mir die Seiten zurück und ich betrachte die Blätter in meiner Hand. Nachdem wir vom See wieder zurückgefahren sind habe ich meine Notizen augenblicklich am Computer abgetippt, verbessert und den Ausdruck an Melissa weitergereicht in der Hoffnung, nennenswerte Kritik zu erhalten. Abgesehen von ihrer hochgeschätzten Ehrlichkeit wurde meine Hoffnung jedoch enttäuscht. Ich nicke ihr zu und hebe die Blätter: „Ich werfe das mal in den Müll. Jetzt guck nicht so.“, füge ich beschwichtigend hinzu, als ich ihren erschrockenen Gesichtsausdruck sehe: „Ich hab die Datei gespeichert, und vielleicht mache ich da später was besseres draus. Nur nicht jetzt.“

Ich richte mich auf und gehe aus dem Wohnzimmer heraus, durch den Flur und zum Mülleimer in der Küche. Sorgsam zusammengelegt drücke ich die Zettel in den halb gefüllten Papierkorb und gehe wieder durch den Flur zurück zu Melissa. Dann stocke ich.

War die Tür des Kleiderschranks vorhin auch schon einen Spalt breit geöffnet? Ich bin mir sicher, sie immer zu verschließen und Melissa hatte an dem Schrank nichts angerührt...

Ich schüttele den Kopf und denke: Einbildung. Nach dieser Geschichte kein Wunder.

Aber ist da nicht doch ein leises Schluchzen?

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