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Es war stickig hier drin. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal das Fenster geöffnet hatte. Oder wann ich das Zimmer mal verlassen hatte. Der Raum war gefüllt mit hastig ausgeatmeten Kohlendioxid, einem beißendem, fremdartigen Gestank und Schweißgeruch. Essensreste von mehreren Monaten stapelten sich, die Staubkörner tanzten durch das milde Licht, welches durch die muffigen Vorhänge drang. Das schummrige Licht und die Luft benebelte mein Hirn, wenn das überhaupt noch weiter ging. Es fühlte sich ein bisschen an wie Wattebauschen, sie füllen zwar den Platz aus, hatten aber kein wirkliches Gewicht.

Der Sessel auf dem ich saß, war das Letzte was mir geblieben war, ansonsten war die Wohnung leer. Ich hatte alles aufgeben, alles verkaufen müssen. Ich brauchte das Geld.

Denn es gab etwas, das ich mehr brauchte, als alles andere.

Ich weiß nicht wie lange ich hier gesessen und die Wand angestarrt hatte. Vor meinen Augen flimmerte sie, verformte sich. Ich hätte Jahre zuschauen können. Wer weiß, vielleicht habe ich ja auch Jahre dort gesessen? Mein Zeitgefühl ist schon so lange nicht mehr, was es mal gewesen war. Wann hatte ich das letzte Mal geschlafen?

Endlich schaffte ich es, meinen Blick loszureißen und mich zu bewegen. Ich spürte wieder dieses tiefe Verlangen, diesen Hunger. Es fühlte sich an, als würde jemand auf meine Lunge oder meine Bauchdecke drücken. Das war noch human und zu ertragen... manchmal, wenn ich nichts mehr hatte, war es schon fast ein körperlicher Schmerz, der von innen heraus kam. Ein Ziehen und Zerren. In Gedanken schreie ich danach, nach mehr. Es zerriss einen.

Schwerfällig strecke ich meine knochige Hand aus, zum Glück lag es nicht weit aus meiner Reichweite. Langsam und einer nach dem anderen, schlossen sich meine Finger um den Gegenstand. Ich kicherte, voller Vorfreude auf das Kommende. Die spitze Nadel blitze kurz im mattem Licht auf und mein Grinsen wurde noch einen Tick breiter. Faulige, abgebrochene Zähne waren vermutlich zum Vorschein gekommen, doch Zahnpflege war eines der ersten Dinge, die nach hinten gerückt waren. Die ich verdrängt hatte.

Ich suchte meinen zerfressenden Arm nach einer "freien" Stelle ab. Die Spritze musste tief genug kommen. Dass war eine der wenigen Sachen, die ich noch bewusst abrufen konnte. Schließlich fand ich eine geeignete, aber nicht unbeschädigte Stelle. Das gräuliche Fleisch war rissig und es tat weh, sie zu berühren. Doch es hielt mich nicht davon ab, zittrig die Spritze anzusetzen. Ich legte kurz den Kopf in den Nacken, um rasselnd Luft zu holen und schob die Spitze Stück für Stück voran. Mittlerweile genoss ich den Schmerz, stellte mir vor, wie das schmutzige Stück Metall durch mein Fleisch glitt, bis sie schließlich von irgendetwas aufgehalten wurde. Sei es Knochen oder Knorpel.

Ich schaffte es den Kolben hinunter zu drücken. Die wenigen intakten Nerven in meinem Arm registrierten den Druck der fremden Flüssigkeit und es war ein absolut berauschende Gefühl. Wie ein leichtes Kribbeln. Die Spritze fiel zu Boden und ich schloss die Augen. Ich konnte es nicht beschreiben, konnte nicht beschreiben, wie traumhaft es sich anfühlte. Wie Schweben, Fliegen. Mein Blut kochte und brodelte in meinen Adern, mir war heiß und kalt gleichzeitig. Mit jeder Injektion schwächte der Effekt schneller ab, aber zum Nachproduzieren fehlte mir die Kraft.

Ich werde sterben.

Aber es war mir gleich. Und wer sollte mich finden? Vermissen? Ich fing wieder an zu lachen, diesmal lauter. Ich war glücklich, berauscht. So unglaublich viele Farben tanzten vor meinen Augen, mehr als man sich vorstellen konnte, mehr als es überhaupt gab. Das Zimmer drehte sich, wackelte im Takt meiner Atmung mit. Plötzlich kam mir der Geruch gar nicht mehr so schlimm vor, meine Beine gar nicht mehr so schwer. Ich kam auf die Füße, meine schwarzen Zehen schmerzten, aber das war okay. Es gab nichts, was ich in diesem Moment lieber gefühlt hätte.

Wenn man mich beobachtet hätte, hätte man lediglich einen abgestürzten Junkie gesehen, der träge im Kreis taumelte. Meine Haut hing in Fetzten von meinen Armen und Beinen herab, hier und da leuchtete der gelblich verfärbte Knochen hervor. Braune, grüne, graue Flecken, Risse und unheilbare Wunden zierten meinen Körper. Die Augenringe waren tiefer, als ein Blick in die Hölle. Sie umrahmten die riesigen, glasigen Augen, durchzogen von blutroten Adern. Die Wangen eingefallen, die Lippen spröde und ebenfalls nicht von Fäulnis verschont.

Doch ich, ich fühlte mich wie ein Tänzer auf Eis, sah all die Lichter und Farben, glitt leicht wie eine Feder über den Boden. Schließlich trugen meine zersetzten Beine mich nicht mehr, ein Wunder, dass sie es überhaupt getan hatten. Vermutlich war dies reine Willenskraft gewesen. Ich sank an der Wand herab, meine Schultern bebten vom Kichern. Dann erschütterte ein Husten meine müden Knochen. Mein stinkender Atem breitete sich wie eine Wolke vor mir aus, doch riechen tat ich schon lange nichts mehr.

Ein Juckreiz ging von meinem Ellenbogen aus. Mit lila-schwarz angelaufenen Fingern und nur schlecht als recht anwesenden Nägeln kratzte ich mich. Schmerz explodierte erneut und ich grinste irre. Das Kratzen erbrachte keine Befriedigung. Mit jedem Mal schabte ich mehr von der fauligen Haut ab, es setzte sich unter meinen Nägeln ab. Sekret und Eiter säumten von Neuem die Wunde.

Ich bildete mir ein, meinen Herzschlag zu hören, ein unregelmäßiges Schlagen überall um mich herum. Es hallte in meinem Kopf, doch abgestumpft, im Hintergrund. Meine Aufmerksamkeit galt meiner Umgebung, die wieder angefangen hatte sich zu drehen, zu bewegen. Die Müllstapel schienen zu wachsen, fielen wieder in sich zusammen, Schatten wurden länger, das Licht dunkler. Wie in Zeitlupe duselten die Fliegen, welche sich mit der Zeit angesammelt hatten, durch die Luft. Mein Mund stand offen, besser gesagt, meine Mundwinkel hingen schlaff nach unten. Ich hatte kein Gefühl mehr für so etwas Nebensächliches. Meine Augen waren halb geschlossen, füllten sich mit Tränen, scheinbar ohne Grund. Die salzige Flüssigkeit brannte, als sie mir über die Wange lief. Langsam trat wieder das Gefühl von Schmerz und Trägheit ein.

Die rosige Welt vor mir verschwamm zu einer einzigen Masse, alles bräunlich und schmutzig. Kreaturen krochen scheinbar aus dem Nichts hervor. Unkontrolliert schluchzte ich. Ich schielte zu meinen Vorräten hinüber. Erst Gestern hatte ich Neues gekocht, doch es ging wieder zur Neige. So war mein Kopf wieder von der Frage erfüllt, wie ich etwas Neues besorgen konnte. Es war vielleicht günstiger als anderes Zeug, doch selbst das wenige Geld konnte ich nicht mehr aufbringen, um mir das Desomorphingemisch herzustellen. Kraftlos versuchte ich zu dem etzten Rest herüber zu krabbeln, doch mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Ich kniff die Augen zusammen. Der innere Hunger setzte wieder ein, der Druck. Die Tränen flossen weiter und ich wusste nicht mal, wo sie herkamen. Es zog, es tat weh, es brachte mich dazu, schreien zu wollen. Ich hatte einen Druck im Inneren, so etwas wie Wut oder Schmerz, aber auf eine andere Weise. Es war keine Verzweiflung, die spürte ich schon lange nicht mehr. Ich war einfach zu erschöpft, brachte es nicht mehr fertig, meine Lider offen zu halten.

Bum, bum,bum...

Ich nahm das Geräusch nicht bewusst wahr, es existierte einfach in meinem Hinterkopf. Der Herzschlag, den ich hörte, passte nicht zu dem Herzrasen, das ich verspürte. Es wurde lauter, leiser, das Summen der Fliegen hörte sich plötzlich unnatürlich schrill an. Meine Rippen schienen zu bersten, von dem Hämmern meines Herzens. Atmen war plötzlich eine lästige und anstrengende Angelegenheit.

So sank ich in Bewusstlosigkeit, ungewiss, ob ich jemals wieder daraus erwachen würde.

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