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„Hey, du da!“, schrie er durch den Raum, als er plötzlich von seinem Tisch aufstand und quer durch die Bar auf mich zukam.

Keine Ahnung wer der Typ war, aber offenbar hatte er es auf eine Konfrontation abgesehen. Trotzdem hielt ich es nicht für nötig von meiner Couch aufzustehen, ich blickte ihn nur flüchtig an und nahm einen weiteren Schluck aus meinem Whisky.

„Ich rede mit dir!“ Jetzt stand er direkt an dem mit Zigarettenresten und leeren Flaschen übersäten Couchtisch vor mir. Als ich ihn fragend ansah erkannte ich, dass sein Gesicht fast ziemlich rot angelaufen war. Er sah allerdings eher innerlich verletzt als wütend aus.

„Ja … Was denn?“, fragte ich ihn, immer noch recht desinteressiert.

„Du weißt genau was los ist!“, brüllte er mir entgegen und er war inzwischen kurz davor sich auf mich zu stürzen. „Nein, weiß ich nicht.“, antworte ich und wandte mich wieder der Frau zu, welche rechts von mir auf der Couch saß.

„Du warst das doch mit meiner Schwester gestern!?“ 

Langsam erinnerte ich mich an irgendetwas, aber so genau war mir noch nicht ganz klar, was an diesem „gestern“ überhaupt passiert war. „Kann schon sein. Wieso was' mit der?“, brachte ich ihm mittlerweile recht genervt entgegen. „Sag mal, willst du mich verarschen?!“ Seine Fäuste ballten sich und der Kerl sah aus, als würde er gleich platzen.

„Was ist denn bitte dein Problem, Kleiner?“, ich hatte gerade besseres zu tun, als mir von irgendwem irgendetwas unwichtiges anzuhören. Ich stand auf und sah ihm an, dass er schon beinahe anfing zu heulen. Er war so viel kleiner, als er anfangs gewirkt hatte. „Du scheiß Penner!“, schrie er mir entgegen, zeitgleich wurde mir kurz schwarz vor Augen, als seine Faust mich genau ins Gesicht traf.

Damit hatte er es endgültig übertrieben. Ich hatte mich nach seiner Rechten leicht nach links gebeugt und nachdem ich überprüft hatte, ob meine Nase in Ordnung war schlug ich ihn mit aller Kraft zurück.

Er war alles andere als kräftig gebaut und so taumelte er zwei, drei Schritte zurück bis ihn einer von den Schaulustigen, die sich grade um uns versammelt hatten, zurück zu mir schubste. Ich hielt ihn an seinem Kragen fest und schubste ihn dann auf einen der Glastische links von mir. Ein lautes Krachen war zu hören, einige Leute die überrascht aufschrien. 

Der Typ erhob sich dann nur langsam, hatte sich offenbar nicht wirklich verletzt aber durchaus selbst überschätzt. „Verzieh dich, Kleiner.“, antwortete ich ihm ein letztes Mal, um mich dann wieder zurück auf die Couch zu setzen. Er war nicht der Erste und nicht der Letzte der sowas abzog, weil er mitbekam mit was für Jungs seine Schwester oder Freundin abhing, wenn sie mal nicht bei ihm war.

Lange allerdings hatte ich ab diesem Punkt nicht mehr vor zu bleiben. Mich kotzen solche Situationen an, die einfach die gesamte Atmosphäre kaputt machen. Es war schon verdammt spät in der Nacht, lange nach Mitternacht, als ich durch die Innenstadt Richtung S-Bahnstation ging. Es war schon immer ein sehr eigenartiges Gefühl durch die leeren, kalten Straßen zu gehen, wenn man grade aus einer Menschenmenge in einer Bar kam.

Wenig später kam ich an dem Gebäude an, in dem sich auch meine Wohnung befand. Typische Plattenbauten, nicht besonders hübsch, aber es gab durchaus schlimmeres. Ein Student konnte und musste sich nicht unbedingt mehr leisten und in Wohngemeinschaften hatte ich mich ohnehin nie besonders gut angestellt. Zuhause angekommen warf ich mich so ins Bett, wie ich ankam. Umziehen verschob ich dann doch lieber auf den nächsten Morgen.

Am späten Nachmittag weckte mich sehr lautes Klopfen an meiner Wohnungstür. So als würde man die Tür am liebsten einschlagen. Ich hievte mich auf die Bettkante, wo ich mich über die Urzeit versicherte. Daraufhin stand ich auf, streckte mich und nahm einen Schluck aus einer der Bierdosen auf einem der Tische. Das Klopfen hatte bis zu diesem Moment nicht aufgehört und ich entschied mich recht widerwillig doch den Weg zum Eingang des Appartements über mich ergehen zu lassen. Ich schloss die Tür auf und öffnete sie. Ich kniff die Augen zusammen, der Flur war sehr hell. Das nächste, was ich allerdings erkennen konnte, war eine mir sehr bekannte Schwärze, ein starker Schmerz und das Geräusch eines dumpfen Schlages.

„Beschissener Wichser.“, hörte ich jemanden flüstern. Dann wurde ich vollkommen bewusstlos.



Ich spürte wie sich der Boden unter meinem Rücken bewegte und entsprechend schmerzte er auch. Dann bemerkte ich einen starken Schmerz am Hinterkopf. Mein rechtes Bein fühlte sich taub an und irgendetwas zerrte an mir. Ich erschrak, als mein Versuch meine Augen zu öffnen fehlschlug. Mit aller Kraft konnte ich gerade mal ein Blinzeln erreichen. Ich fühlte eine warme Flüssigkeit aus meiner Nase laufen und von meiner Stirn tropfen - Blut. Dann verlor ich erneut das Bewusstsein. 

Es fühlte sich wie eine lange Zeit an, bis ich wieder aufwachte. Ein langgezogenes Stöhnen von großer Anstrengung. Abermals starker Schmerz an meinem Hinterkopf. Nein, er war sogar noch schlimmer als vorher. Mein Rücken brannte wie Feuer. Aber es war nicht der Boden der sich bewegte ... Tatsächlich bewegte ich mich auf ihm. Ich wurde gezogen. Ich fühlte meine Hände wieder und ertaste Beton. Und Treppenstufen. Irgendwer zog mich eine Treppe herauf.

Plötzlich verlor ich kurzzeitig den Kontakt meiner Hände zum Boden. Ich spürte starken Wind aufkommen. Mein Bein wurde fallen gelassen. Immerhin ließ der meiste Schmerz augenblicklich nach. Dann eine erneute Berührung. Diesmal unter meinen Armen. Dieser Jemand versuchte mich offenbar hochzuheben, was er aber nur unter großer Anstrengung schaffte. 

„Na, komm schon!“, brachte er schnaubend hervor und ein „... Stirb doch endlich!“. Ich riss augenblicklich meine Augen auf. „Was?!“ - schoss es mir durch den Kopf. Ich erblickte das Dach eines anderen Hauses gegenüber von mir. Dann bekam ich wieder Halt unter meinen Füßen. Nur kurzzeitig - ich stolperte - machte einen Schritt nach vorne. Noch einen - doch plötzlich fand dieser keinen Boden mehr. Meine Augen weiteten sich noch weiter. Mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft, versuchte ich meinen Körperschwerpunkt nach hinten zu verlagern. Mit allen Mitteln versuchte ich den gerade gemachten Schritt rückgängig zu machen. Ich schaffte es irgendwie seitwärts zu fallen, aber auf eine Kante. Mit meinen Händen hielt ich verkrampft an dem fest, was ich für eine Metallstange hielt. Dann erst erkannte ich die Straße die unter mir lag. Und dass ich zur Hälfte auf der Halterung eines Gebäudedaches lag. „Scheiße! Nein!“, hörte ich jemanden hinter mir schreien. Ich stieß mich von der Halterung ab, so dass ich rückwärts auf den sicheren Beton fiel. Dann erst schaffte ich es mich umzudrehen und zu erkennen, wer mich hier hoch geschleppt hatte. 

„Du kleiner, behinderter Hurensohn!“, schrie ich ihm entgegen. Ich sprang auf und war körperlich wieder einigermaßen dabei. Der mir Gegenüberstehende machte ein paar unsichere Schritte zurück und hielt sich die Arme schützend vor sein Gesicht. In meiner Rage war mir das völlig egal. Ich packte den Typen und schleuderte ihn gegen die Tür des Gebäudes, aus der er mich hochgezogen hatte. Als er da lag trat ich auf ihn ein. „Sollte mich das etwa umbringen?! Hä?!“

Das einzige, was der Kerl aus der Bar hervor brachte, waren sich immer erneut wiederholende Entschuldigungen. Er bettelte darum, dass ich ihn nicht töten würde. Schließlich ließ ich von ihm ab. Ich hatte nicht vor ihn zu umzubringen, und selbst wenn: Schon gar nicht am helllichten Tag. Aber eine Lektion hatte er alle Mal verdient. Ich ging ein paar Schritte auf dem Dach auf und ab, nur um meine Wut zu kompensieren. Viel zu spät bemerkte ich, dass der recht magere, aber doch einigermaßen robuste Junge wieder aufgestanden war. Nun sah ich auch, womit er mich an meiner Wohnungstür angegriffen hatte. Ein ganz typischer Baseballschläger. Diesen erhob er und ging mit hasserfüllten Blick auf mich zu. „Junge, du willst das nicht tun!“, rief ich ihm entgegen. Ich meinte es ernst. Schon jetzt hatte ich meine Aggressivität nicht mehr richtig unter Kontrolle. Doch er ließ sich nicht stoppen. Zumindest nicht mit Worten.

Er schlug zu, doch ich wich zurück. Was ihm gleich war, er wollte mich zum Rand des Daches drängen. Er war nun ganz verstummt. Seine Augen waren voller Zorn. Ich fühlte das metallene Geländer an meinem Rücken. Weiter zurück konnte ich nicht. Ein weiterer Schlag mit dem Baseballschläger, unter dem ich mich diesmal noch gerade so wegducken konnte. Schneller als erwartet war er erneut in Schlagposition. Diesmal würde er nicht verfehlen. Ich ergriff meine letzte Chance. Sollte ich erneut ohnmächtig werden, so würde er mich töten. Mit meiner gesamten Kraft schlug ich ihm mit meiner geballten Faust kurz unter das Kinn. Im selben Moment traf mich ein harter, hölzerner Gegenstand an meiner linken Seite. Ich sackte erneut zusammen.

Und wieder war da Schwärze. Wieder fühlte ich Schmerz. Doch wurde ich diesmal nicht gezerrt. Ich lag immer noch auf dem Dach, ungefähr da, wo mich der andere Kerl erwischt hatte. Es war inzwischen wieder später Abend und von meinem Kontrahenten keine Spur. Ich setzte mich auf, blickte mich um, doch ... außer ein wenig Blut auf dem Dach sah ich nichts weiter. Dann realisierte ich, was ich angerichtet hatte. So schnell wie es mir möglich war stand ich auf und stolperte zum Geländer, über das ich mich dann lehnte.

Der Junge war alle sieben Stockwerke heruntergefallen. Er war auf einem Müllcontainer gelandet. Ich war geschockt, mir wurde schlagartig kalt. Meine Augen weiteten sich erneut. Hatte ich ihn umgebracht? 

Ich rannte die Stufen des Hauses hinab. Stieß dabei ein paar Leute an. Rempelte einige Besoffene aus dem Weg, um schließlich in einer kleinen Seitengasse zukommen, von der ich wusste, dass in ihr der Abfall stand. Von der Straße aus konnte man nichts erkennen, ein paar Schritte weiter aber sah ich ihn. Allein der Winkel seines Kopfs zeigte es mir: Ich hatte ihn ermordet.


Und so begann mein ganz persönlicher kleiner Untergang. Von damals bis heute, vielleicht ein halbes Jahr. 

Die Leute sagen, es gibt drei Arten von Menschen:

Der erste, der „normale“ Typ wird emotional, wenn er einen anderen Menschen tötet. Er kommt mit sich selbst und seiner Tat nicht zurecht und wird, egal unter welchem Umständen der „Mord“ geschah - selbst wenn es nicht einmal einer war - Zeit seines Lebens nicht mehr glücklich. 

Der zweite Typ, sehr selten vertreten, findet Gefallen am Morden. Er sieht den Menschen dabei eher zum Mittel des eigenen Zweckes des persönlichen Wohlempfindens. Man nennt solche Menschen oftmals Psychopathen.

Noch seltener ist letzterer Typ - derjenige, der bei seiner Tat absolut gar nichts fühlt. Dieses Phänomen tritt bei manchen Kriegsveteranen auf. „Beim zweiten Mal tut es schon gar nicht mehr so weh.“

Ich selbst zählte aber eindeutig zu dem ersten Typ. Nach dem Vorfall hatte ich Alpträume, Angstzustände ... Ich wünschte mir, dass dies alles nicht passiert wäre. Ich wünschte mir das berühmte Zeit zurückdrehen. Dieses Gefühl war, wie wenn man in sehr, sehr großen Schwierigkeiten steckt ... Aber ich hatte getötet. Dieses Gefühl war eintausend Mal stärker, als alles was ich je zuvor empfunden hatte. Tagelang aß ich nichts und sprach kein Wort. Ich hielt damals dem Druck kaum eine halbe Stunde stand, bis ich mich von meinem Tatort gelöst hatte und, vermutlich nur aus Angst, die Polizei verständigte. 

Ich war eigentlich kein ehrlicher Mensch und so hatte ich immer noch das Gefühl zu lügen, als ich den Bullen zum dritten Mal erklärte, wie sich alles abspielte. Und irgendwie fühlte es sich surreal und überraschend an, als mir meine Verteidigung und der Beschluss des Richters bestätigten, dass ich im Prinzip nur aus Selbstschutz handelte. Tatsächlich wurde ich angegriffen. Der Baseballschläger trug mein Blut - wie auch das gesamte Treppenhaus. Und die Kleidungspartikel und Fetzen an dieser waren eindeutig meinem Shirt und meiner Hose zugeordnet worden. Ich kann es nicht beschreiben, doch obwohl all dies zutraf, fühlte ich mich dennoch wie ein Mörder. Den Ermittlern war auch der eingedrückte Kehlkopf aufgefallen, doch man sprach davon, dass dies ebenfalls der Selbstverteidigung zuzuschreiben war. Und so wie es mein Verteidiger erklärte hörte es sich auch vollkommen schlüssig an - nur war es trotzdem gleichzeitig so ... falsch. Oder etwa nicht?

Ich fühlte mich schuldig, aber versuchte mir einzureden, es nicht zu sein. Nach tagelangem Herumkauern in meiner Wohnung, einigen Nervenzusammenbrüchen beim Psychiater und der nahezu kompletten Abschottung von meinem sozialen Umfeld, von Freunden und entfernten Verwandten, hatte ich genug Distanz gewonnen, um zu erkennen, dass es wohl doch nicht meine Schuld war. Ich wurde angegriffen. Mit einer Waffe. Man hatte versucht mich zu töten. Warum sollte ich nun schuldig sein? Sagt man nicht „Auge um Auge“? Erst schien sich alles wieder langsam zu bessern. Dann kam es zu diesem merkwürdigen Vorfall:

Ich war auf dem Weg in die Innenstadt und da ich kein Auto benötigte, wich ich wie die meisten auf den Bus aus. An der Haltestelle setzte ich mich auf eine der verschmierten Bänke und glich hin und wieder meine Handyuhr mit der Ankunftszeit des Busses auf der Anzeige ab. Es war noch nachmittags. Schüler gingen nach hause, die ersten waren mit der Arbeit fertig. Der einzige Gedanke, an den ich mich erinnern kann ist der, dass ich hoffte, dass der Bus nicht zu voll würde. Die kleinen Kinder sind sowieso schon nervtötend genug, wenn sie einfach nur da sind. Wenn sie anfingen zu reden, macht mich das aggressiv. Ein alter Mann setzte sich neben mich. Auch Rentner konnte ich nicht ab. „Nein, eigentlich möchte ich nicht, dass Sie sich neben mich setzen.“ Der Mann war recht hager, hatte eine Halbglatze - typisch für sein Alter. Untypisch war sein sehr strenger Gesichtszug, als würde er genauso über die Kinder denken wie ich ... nur noch öfter Bus fahren müssen.

Er schlug eine aktuelles Klatschblatt auf. Mein Blick streifte einige Artikel aus Gebieten wie „Sport“, „Promis“ und dann noch „Gesellschaft & Kultur“. Letzterer Bereich ließ mich erschaudern. Da war ein Bild einer Person, die ich kannte. Eine junge, recht hübsche Frau. Es war nur ein Artikel am Rande der Zeitungsseite, doch das Thema befasste sich mit einem verstorbenen Bruder, der als etwas verrückt und draufgängerisch, aber auch als nett und hilfsbereit beschrieben wurde. Auch ein Bild dieses Bruders war abgedruckt - ich erkannte ihn sofort wieder.

„Solche Leute sollten sich ganz einfach umbringen ... Wäre besser so“, knurrte der Mann neben mir, was mir schlagartig übel werden ließ. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört, doch bedauerlicherweise war die Person neben mir wesentlich extrovertierter, als ich es mir erhoffte.

„Gucken Sie sich diese Geschichte an. Das hat doch mit Selbstverteidigung nichts am Hut! Der Kerl wollte ihn doch umbringen!“

Ich schluckte, überlegte mir tausende Antworten, aber jede hatte auf mich den Eindruck mich zu verraten. „Oder was denken Sie? Ich sage, der sollte sich einfach töten. Damit wäre niemand Schuld und die Welt ein Stückchen besser!“ Mit diesen Worten  versuchte er mir von der Seite in die Augen zu schauen, die ich aber krampfhaft auf die Straße gerichtet hatte.

Ich begann zu stottern und brachte so etwas wie kompromisslose Zustimmung hervor. Meine Schuldgefühle waren zurück, stärker als ja zuvor. „Das ist doch alles nicht mehr normal“, schloss der alte Mann das Thema ab und wandte sich wieder voll und ganz seiner Artikel zu. „Politik“, war das Nächste, was ihn wohl interessierte.

Der Bus kam bald, der alte Mann stieg nicht mit ein. Eigentlich hatte ich vor mich in einer Bar zu betrinken. Nur um meinen Kopf etwas freier zu bekommen. Aber natürlich wusste ich, dass ich mich selbst belog. Dass ich diese Gedanken nicht aus meinem Kopf bekommen konnte. „Dieses Leben ist verrückt.“, dachte ich mir. Warum fühlte ich mich nur so schuldig? Ich wusste nicht, wie ich weiter machen sollte. Als ich wie so oft durch die Straßen ging, fiel mir auf, dass ich vor anderen Menschen zurückscheute oder aber eine sehr starke Aggression ihnen gegenüber verspürte. Irgendwie hatte der Typ auf dem Dach sein Ziel erreicht. Durch ihn war ich nun ganz allein. Wer sich über ein halbes Jahr abschottet, wird so schnell keinen Anschluss in der Gesellschaft mehr finden. Schon gar nicht, wenn man sich selbst nicht länger akzeptiert. Was ist schon ein Leben, wenn man der Einzige ist, der es noch bemerkt? „Leben und Leben lassen“, heißt es. Ist das mein Fehler?

Abends bin ich immer etwas emotionaler als am Rest des Tages. Es war für mich zur Routine geworden ein unwohles Bauchgefühl zu haben, wenn ich zu Abend aß, wenn ich meine Zähne putze, duschte, wenn ich mich zu Bett legte. Ich wälzte mich immer stundenlang in meiner Decke, selbst wenn ich sehr spät zu Bett ging. Selbst wenn ich mich betrank, kam ich nicht wirklich darüber hinweg, was ich getan hatte. Auch diese Nacht versprach lang zu werden. Es war Mitternacht und ich war müde, aber noch weit vom Einschlafen entfernt. Obwohl mein gesamtes Zimmer ruhig blieb, bemerkte ich recht spät erst, dass ich mich nicht allein in meinem Zimmer aufhielt. Zunächst sah ich niemanden, aber ich meinte die Anwesenheit einer weiteren Person zu spüren. Ich hatte meine Angstzustände gehabt - aber am Anfang. Das was ich jetzt spürte war neu. Ich versuchte mehr zu hören, meine Augen immer noch geschlossen haltend. Es war irritierend, ich spürte es nicht nur. Ich hörte auch ein leises ein-und Ausatmen. Ich wollte die Luft anhalten, bemerkte aber, dass ich das schon die ganze Zeit tat - und erschauderte. 

Ich öffnete mein rechtes Auge nur so weit, dass ich meinte irgendetwas erkennen können zu müssen. Systematisch suchte ich mein Zimmer ab, von der einen Ecke zur anderen. Abermals schockierte es mich. Ich war mehr als aufmerksam und trotzdem bemerkte ich erst nach Sekunden, dass die Person direkt am Fußende des Bettes stand. Eine schwarze Silhouette von der ich nicht mehr als ihre Distanz erkannte. „Ist das echt ..?“, schoss es mir durch den Kopf. Gleich gefolgt von der Erkenntnis, dass ich so lange die Luft angehalten hatte, dass ruhiges Atmen unmöglich würde. Ich wollte und zwang mich dazu. Doch ich musste irgendwann ausatmen. „Weiß er, dass ich wach bin?!“ Nach einer Zeit des zu langen Luftanhaltens würde der Brustkorb anfangen leicht zu zucken und zu zittern. Dieser Moment sollte jeden Augenblick eintreten. In meiner Panik entschied ich wegzurennen. Ich spürte einen Impuls in meiner Brust und spannte alle Muskeln an um aufzuspringen. Plötzlich zerstörte etwas jegliche Kraft in meinem Körper. Ruckartig verließ meinen Körper jegliche Spannung. Ich sackte wieder zusammen. Alles geschah so schnell, dass man höchstens ein Zucken erkannte. „Was war das!?“ Aus Reflex hatte ich meine Augen weit aufgerissen. Erst jetzt verstand ich was passiert war, denn es wiederholte sich. „Was denken Sie?“ - erklang es. Eine schlichte Frage, die meinen Körper versteifte. Meine Gedanken brachen zusammen. Ich war ... gefangen. „Was denken Sie?“, und der Mann beugte sich hervor. Im Mondschein erkannte ich ihn. „Sie!“ erschrak ich. Etwas aus meiner Angststarre entkommen, zog ich die Beine an. „Vielleicht solltest Du dich ganz einfach umbringen, hm?“, sagte er mit einem freundlichen Schmunzeln. 

Bevor ich überhaupt reagieren konnte, riss es mich aus der Dunkelheit direkt in grelles Licht. Mir war plötzlich unglaublich heiß. Kurzzeitig fühlte ich keinen Kontakt mehr zum Boden, dann nur meine Füße. Und zwar zu meiner Matratze. Ich stand auf meinem Bett. Und es war helllichter Tag.

Resigniert, stolperte ich ziellos und fluchend durch meine Wohnung. Dieser Traum war mir nicht neu. Ich verfluchte ihn. Immer und immer wieder riss er mich aus dem Schlaf. Jedes mal das selbe Szenario. Aber diesmal war mir der alte Mann bekannt.

Gedanken durchströmten mit aller Gewalt meinen Kopf, bis ich entschied meine Wohnung zu verlassen. Mir war so vieles so unklar. Doch ich meinte die Tür geschlossen zu haben, ich war sogar recht überzeugt davon. Nur hatte ich zu viel Angst vor der Wahrheit, weswegen ich nicht weiter darüber nachdachte.


Eigentlich wollte ich über das Geschehene nachdenken ... Doch ich war ganz einfach abgestumpft. Ich wollte aber konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wie ein Zombie ohne Zugriff auf mein Gehirn, lief ich die Straße hinab. Ohne Ziel und Verstand. Zwar verspürte ich, dass das was ich gerade tat nicht normal oder gut war und dass ich irgendwie die Möglichkeit hatte diesen Zustand schlicht durch meinen Willen zu beenden, doch irgendwie gefiel es mir. Zum ersten Mal seit Wochen hatte ich keine Kopfschmerzen. Es fühlte sich so alles entspannt an.

Meine Augen blinzelten kurz, dann dröhnte etwas in mein Ohr. Widerwillig „wachte“ ich auf. Eine aufgebrachte Frau kam auf mich zu. Sie schrie irgendwas, bis ich bemerkte, dass es wohl einige Beleidigungen in Kombination mit der rhetorischen Frage: „Was soll das?“ war. Ich sah mich um, woraufhin ich bemerkte, dass ich beinahe von einem Auto angefahren wurde. Das laute Geräusch war Hupen, von mehreren Autos, denn ich war unbewusst über eine Kreuzung gelaufen. Wie ich so darüber nachdachte, wusste ich, dass ich früher sehr schockiert gewesen sein müsste ... Jetzt aber ... schmunzelte ich bloß. Nicht aus Freude, sondern schlicht auf Unverständnis. Ich verstand gar nicht, ob ich mir dabei irgendetwas gedacht hatte. Ich hatte es einfach getan. „Bring dich um!“, hörte ich es in meinem Kopf immer und immer wieder. „Es wäre besser für alle“, meinten die Stimmen in meinem Kopf. Unbeirrt ging ich einfach weiter. Ignorierte die schimpfende Autofahrerin und die Schaulustigen. Ich atmete tief durch. Das einzige was ich fühlte, war diese ungewisse Aufgeregtheit, wie damals als sich meine Eltern trennten. Irgendetwas war falsch, doch trotzdem hatte ich aus einem unerfindlichen Grund kein Problem damit. So lief ich weiterhin ziellos und willkürlich durch die Straßen. Es wurde wieder dunkler. Auch das fand ich irgendwie lustig, ich schien mich nur noch in der Nacht zu bewegen. Ohne es wirklich zu bemerken, hatte ich wohl doch ein ganz konkretes Ziel. Ich bewegte mich in Richtung der Problemviertel. So etwas hatte ich schon des Öfteren getan, nur wurde mir das erst jetzt wieder bewusst.

Es bedurfte etwas Glück, aber die Wahrscheinlichkeit für das Gelingen meines Vorhabens war doch gar nicht mal so gering. Am Ende der vor mir liegenden, recht schlecht beleuchteten, Straße gab es eine Bar. Nicht besonders gut besucht, aber mir war die Kundschaft ja auch recht egal. Immer noch mit meinem siegessicheren Schmunzeln betrat ich das Gebäude. Tatsächlich waren nur einige Arbeiter anwesend, die aber betrunken und umgeben vom Zigarettenqualm kurz vor dem Einschlafen schienen. „Kann ich Ihnen etwas bringen?“, fragte mich der etwas ältere, rustikale Kerl hinter dem Tresen. „Nur ein Bier, bitte.“ Ich setzte mich auf einen der Hocker an der Theke und wartete. 

Der Mann kam zurück, stellte eine Flasche und ein leeres Glas vor mir auf den Tisch. „Einssiebenun'fuzisch, macht des dann!“, brachte er hervor. Weiter musste ich nicht gehen. Ich nahm die Flasche, schlug sie am Tresen kaputt und hielt dem Barkeeper das gefährlich spitze Ende entgegen. „Nein, einmal alles. Her damit!“, rief ich ihm entgegen. Mein Gegenüber wich erschrocken zurück, machte aber keine Anstalten zu gehorchen. Er griff in eine Schublade hinter sich und zog eine Pistole hervor, die er auf mich richtete. „Hände hoch!“, brüllte er. Ich blickte ihn lächelnd an und ging außen um die Theke, um diese an dem geöffneten, seitlichen Teil zu betreten. „Bleiben Sie weg!“, er hatte Angst. „Ich warne Sie!“ Er drückte ab, aber ich rechnete schon damit, dass er keine Ahnung hatte, wie man eine Waffe entsicherte. Ich erschrak dennoch, als ich dann erkannte, dass er nur Panik hatte und doch Bescheid wusste. Es traf mich bloß im Oberschenkel, aber zeitgleich hatte ich dem Mann die Flasche an den Kopf geschlagen. Blutend und benommen lag er am Boden. Der Plan ging wohl doch alles in allem auf. Ich spuckte dem am Boden liegenden ins Gesicht und nahm ihm die Waffe ab. Die beiden Arbeiter an einem der hinteren Tische sahen mich nur vollkommen überrascht an. „Bleibt wo ihr seid“, knurrte ich bloß, als ich, so gut es ging, die Bar verließ.

Natürlich kannte ich den Barkeeper, ich wusste dass er dumm war. Zumindest war er zu dämlich um sich zu verteidigen. Aber immerhin hatte er mich angeschossen. Der Schmerz war so stark, wie er mir auch egal war. Ich musste nicht mehr weit kommen. Draußen hatte man den Schuss selbstverständlich gehört. Und mir war klar, dass die Bullen bald aufkreuzen mussten. Stolpernd versuchte ich ein paar Schritte weiter zu kommen. Die Passanten, die auf mich zukamen, flüchteten sobald sie die Waffe sahen. 

Hinein in eine der mir so bekannten Seitengassen. Dann in eine weitere. „Verpiss dich!“, schnaufte ich einem Obdachlosen entgegen, während ich mit der Waffe herumfuchtelte. „Ach, du bist das!“, antwortete dieser aber. Halt machte ich nicht, aber beim vorbeigehen sah ich ihn etwas verwirrt an. Sollte ich denn schon wieder überrumpelt sein, dass es er war. Der Penner stand auf und ging mir nach. „Was wollen Sie denn jetzt noch von mir!?“, fauchte ich. „Nicht viel“, lächelte er. Ich warf mich ein paar Straßenecken weiter auf den Boden und stützte meinen Rücken gegen eine Hauswand. „Wirklich hier?“, schmunzelte mein Verfolger. Dieser hockte sich vor mich und sah mich erwartungsvoll an. „Fresse, alter Mann ...“

„Der Politik-Teil war recht interessant. Und bitte, Autounfälle sind eine recht unwürdige Art zu sterben, sowas sollten Sie vermeiden.“

Natürlich wusste er Bescheid. Ich sah mich um. Voller Dreck, Pfützen und Gestank war dieser Ort. Polizeisirenen im Hintergrund. Ein Krankenwagen. Und es war schon wieder nachts. Dieser alte Mann. Weder wusste ich, wer er war, noch konnte ich erraten, was er wollte. Ich hatte es aufgegeben darüber nachzudenken. „Kann es sein, dass du nicht wirklich da bist?“, fragte ich die grinsende Person vor mir. Es dauerte etwas. Er grinste weiter vor sich hin, gab erst keine Antwort. Dann aber wurde er etwas ernster: „Du meinst, du seist verrückt? Bist du tatsächlich ein bisschen, aber ich bin genauso echt, wie der Mord den du begangen hast. Ich habe sogar einen Namen, aber... das ist jetzt nebensächlich.“ Klar könnte ich fragen, woher er das weiß. Aber das würde doch zu nichts führen. Ich wurde ruhig. „Kannst du mir erklären, was passiert ist?“, wollte ich nach kurzer Zeit des Anstarrens wissen. Seine Lippen formten ein erneutes Schmunzeln. Er seufzte und sah in den Himmel. Dann schüttelte er den Kopf: „Das was du weißt, ist das was du wissen darfst. Mehr solltest du nicht erfahren.“ Ich wurde gerade melancholisch, dann aber kamen die Sirenen näher. „Sie kommen.“, bemerkte er. Er legte eine Hand auf meine Schulter. So als würde er mich aufbauen wollen. Dann nickte er mir zu. „Es wird Zeit, Bruder.“ Nur wollte er mich nicht aufbauen. Ich atmete tief ein. „Hätte nie gedacht, dass ich das tatsächlich mal tue.“ Ich fühlte eine kalte Stelle an meinem Kopf. „Oh Mann ...“. Mein Leben war doch sowieso schon lange zu Ende. Dieser Mord schien mir so, als wäre er nie geschehen. Als wäre er bloß ein Traum gewesen. Doch immer wenn ich darüber nachdachte, begann ich mich zu hassen. Man hat verloren, wenn man gar nichts mehr liebt. Das Einzige, was ich jemals wirklich überhaupt „mögen“ konnte, war ich selbst. Das hatte sich jetzt erledigt. 

Ich sah dem Mann in die Augen. Es fühlte sich richtig an. Er nickte mir zu. Ich übte langsam Druck auf den Abzug aus. Schloss kurz die Augen, doch öffnete sie wieder. Sah den Mann vor mir ein letztes Mal an. Er lächelte mit einem mitleidigen, bedauernden Blick, aber ... Er sieht plötzlich so jung aus. Mein Gesichtszug entgleist. Ich denke gerade darüber nach, doch der Finger auf dem Abzug wird den Schuss lösen, bevor ich einen klaren Gedanken fassen können werde.

Kendjio (Diskussion) 16:09, 22. Nov. 2014 (UTC)

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