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Labyrinth
Seine Hände zitterten, seine Stimme bebte und seine Knie waren inzwischen ständig weich wie Butter. Damals war er so naiv gewesen zu glauben, er würde in absehbarer Zeit das Ende des Labyrinthes erreichen, welches er damals freudestrahlend betreten hatte. Er tat es nicht.

Er hatte den Eingang verloren, würde nicht zum Ausgangspunkt zurückfinden. Die Tage vergingen, die Sonne ging auf, die Sonne ging unter, im ewigen Spiel der Zeit.

Die Nächte kamen, mit ihnen die Abscheulichkeiten der Dunkelheit, die aus dem Dickicht der verwilderten Hecken gekrochen kamen. Bösartige Kreaturen unterschiedlichster Größen, aber alle gleichwertig gefährlich. Sie kratzten ihn, sie bissen ihn, immer schaffte er es gerade noch so, vor ihnen zu fliehen. Sie kamen mit der Nacht. Sie kamen immer mit der Nacht.

Tagtäglich verbrachte er seine Zeit damit, einen Ausgang aus dem Labyrinth zu finden, zu entkommen, sich vor den Monstern zu verstecken. Immer der Wand entlang, selbst, wenn er nur noch kriechen können würde, immer an der Wand entlang... Nur-an-der-Wand-entlang!

Er ernährte sich von giftigen Beeren, er fraß, was die Monster übrig ließen. Den Dreck, für den sie selbst zu fein waren, ihn zu fressen. Er aß Gift, Kadaver, halb verweste Körper anderer Wanderer, die es nicht geschafft hatten, dem Grauen des Irrgartens zu entkommen oder ihn zu überleben. Sie hatten wahrscheinlich genauso gekämpft wie er. Vielleicht hatten manche aufgegeben? Vielleicht hatten sie sich auch ihrem Schicksal gefügt und sich den Monstern gestellt? Oder sie hatten sich nicht gut genug versteckt und waren im Schlafe überrascht worden...

Manche waren zerfleischt, ja, regelrecht zerfetzt worden. Sie alle waren gezeichnet, von Kämpfen, von der Zeit. Man sah ihnen ihr Leid selbst dann noch an, wenn sie schon bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren. Man erkannte es selbst mit geschlossenen Augen. Sie waren vom Leid vereinnahmt worden. Allesamt, die er jemals tot vor sich liegen hatte. Sie alle strahlten schon beinahe dieses ganze Leid ab, wenn man neben ihnen stand. Man konnte es regelrecht fühlen.

Er wusste nicht, wie lange er schon im Labyrinth irrte. Wochen? Monate? Vielleicht sogar schon Jahre? Er hatte keinen blassen Schimmer, wie die Zeit verging. Es war nur zu lang. Er dachte auch darüber nach, was wohl kommen würde, würde er den Irrgarten eines Tages lebend verlassen. Würde er dann glücklich sein? Ein Leben ohne diese Kreaturen führen können, die ihm die ständige Todesangst vorhielten? Er hoffte es.

Er hatte dem Labyrinth den Namen „Nebel“ gegeben. Er fand, das passte. Das Labyrinth war ein einziger Nebel der Abscheulichkeiten, eine „Suppe“, die allerdings ordentlich versalzen war. Versalzen - und der Koch hatte wohl jeden Dreck, den er finden konnte, hineingeworfen.

Manchmal fragte er sich, ob es wohl noch andere Wanderer gäbe. Er fand Leichen, aber er hatte noch nie einen Lebenden getroffen. Einen Lebenden, der mit ihm das Grauen des Irrgartens meistern würde.

Doch er erinnerte sich an einen „Vorfall“, wenn er es denn so nennen konnte:

An einem Abend, vor schätzungsweise einigen Wochen, hörte er entferntes Stöhnen im Labyrinth. Aus Hoffnung, auf einen Wanderer zu treffen, ging er in die Richtung, aus der er das Geräusch vermutete. Nach ein paar Minuten war er an dem vermeintlichen Ausgangspunkt des Geräusches angelangt.

Vor sich sah er eine gekrümmte Gestalt im Schneidersitz auf dem Boden kauern.

Die Gestalt, sie hatte menschliche Statur, wippte stöhnend und unverständlich jammernd auf und ab und atmete schwer und rasselnd. Sie war extrem und unnatürlich stark abgemagert. Der augenscheinliche Mensch trug nur eine etwa knielange, zerfetzte, dreckige, graue Hose mit einem ebenso abgenutztem Gürtel, die, da sie schon so dermaßen zerrissen war, kaum mehr als Hose erkennbar war. Man erkannte nur noch eine aufgesetzte Tasche am rechten Hosenbein. Auf dem Kopf trug der schwer atmende Mensch etwa schulterlange, schwarze, verfilzte, fettige Haare.

Man erkannte an dem abgemagerten Körper jeden Knochen unter der fast grauen, blassen, schmutzigen und fettigen Haut, die Rückenwirbel ragten auf dem Rücken fast heraus, und jede einzelne Rippe zeichnete sich am Brustkorb ab.

Das keuchende und wippende Häufchen Elend, das er da vor sich hatte, ließ den Wanderer so etwas wie Mitleid empfinden. Er ging vorsichtig und leise darauf zu. Unsicher blieb er hinter dem dürren Menschen stehen.

„Hallo!“ Seine Stimme zitterte, während er dieses kleine, eigentlich fast bedeutungslose Wort aussprach.

Augenblicklich hörte der Dürre auf zu wippen. Ruckartig sprang er auf, leicht wackelig auf den Beinen ging er bestimmt auf den Wanderer zu, welcher reflexartig ein paar Schritte nach hinten gesprungen war.

Der Mensch streckte keuchend seine Arme nach vorne, bereit, den Wanderer zu packen, gewillt, den Wanderer zu packen, welcher angsterfüllt nicht in der Lange war zu fliehen, außerdem trieb ihn der Dürre in eine Sackgasse.

Schwarzer, schleimiger Speichel lief aus dem Mund des Keuchenden und zog lange, mit glasigen Schlieren durchzogene Fäden, welche schlussendlich abrissen und auf dem erdigen Boden landeten.

Der Wanderer presste sich an die Wand, eigentlich schloss er in jenem Moment bereits mit seinem Leben ab und sandt ein letztes Stoßgebet gen Himmel, zu jenem Gott, an den er den Glauben schon vor so langer Zeit verloren hatte.

Der anscheinend Irre stolperte weiter auf ihn zu, keuchend, sabbernd, mit, von wahrscheinlich den Monstern, verkratztem Körper, irgendwelche unverständlichen Worte stammelnd, welche von dem schwarzen Schleim verschluckt wurden.

Der Durchgedrehte erreichte den Wanderer, packte ihn mit seinen dünnen, aber keinesfalls schwachen Armen an den Schultern und fixierte ihn an die Wand. Der Schock zwang den Wanderer, in die Augen des Irren zu blicken, was ihm ein Bild offenbarte, das er wohl nie mehr verdauen werden könne.

In den gelben und blutigen Augen des Angreifers krochen kleine, feine, weiße Würmer, wie Fäden zogen sie sich durch dessen Sehorgane. Sie wanden sich, sie krochen dort, knapp unter der Oberfläche des Augapfels. Ein Wurm zog sich quer durch die geweitete Pupille des Irren, was dort einen dünnen, weiß-trüben Strich zur Folge hatte.

Ihm wurde fast schlecht bei dem Anblick.

In den Augen krochen viele Würmer. Sechs im rechten Auge, fünf im linken. Wie winzige Schlangen fraßen sie sich ihren Weg durch die tränenden und eiternden Augen ihres Wirtes, die eine klebrige, grüne Substanz absonderten.

Der Angreifer, welcher den Wanderer immer noch an die Labyrinthwand fixierte, begann mit gequälter Stimme zu sprechen. Es waren gebrochene Sätze, unverständlich, gurgelnd, qualvoll hervorgebracht, jedes Wort begleitet von schwarzem Schleim, der teilweise platzende Luftblasen mit sich zog.

Der Wanderer verstand kaum ein Wort von dem Gesagten, doch dann stieß der „Wirt“ plötzlich laute Worte aus: „Sterben!“, brüllte er. „Sterben! Lasst mich sterben!“

Seine Stimme war rau, und man hörte ihr den Schmerz, den der Wahnsinnige empfand, in jedem Wort an. Er schrie dem Wanderer ins Gesicht, während er ihn an die Wand drückte. „Ich sterbe! Ich ste-e-eerbeeEEEE!“ Bei dem letzten Satz verfiel er unter Schreien und Toben in irres, wahnsinniges Gelächter. Seine Augen verdrehten sich, seine Pupillen hatten unterschiedliche Größen, seine Augen blickten in zwei verschiedene Richtungen.

„Ich steeerbeee sowiesoo! Wir sterben alle! Du bist doch irr! Alle sind wir hier irr! Das ist verdammt noch mal ein IRRGARTEN! Wir sind verdammt! ALLE HIER! IRR und VERDAMMT! JAAAAA!!!“ Er lachte so krank, so gestört. Noch nie in seinem Leben hatte der Wanderer so etwas erlebt.

Nach geraumer Zeit und unwirklichem, ja, gar surrealem Irrsinn, den der Kranke von sich gab, verstummte er plötzlich. Mit seinen ungleichen, von Parasiten durchsetzten Augen starrte er dem Wanderer in Seine.

Das vernarbte Gesicht des Irren verzog sich vor plötzlichem Schmerz. Er kniff seine kranken Augen zusammen und stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus. „AUFHÖREN!“ Er brüllte in die Luft, schrie aus Leibeskräften. „AUFHÖREN!“ Seine schmutzigen, grauen, eiskalten Hände mit den gelblichen, abgebrochenen, langen Fingernägeln verkrampften sich in den Schultern des Wanderers, bis der Irre schließlich leblos zu Boden sackte.

Was dann geschah, lag über der bisherigen Vorstellungskraft des Wanderers. Der Körper des Wahnsinnigen begann, sich in unglaublicher Geschwindigkeit zu zersetzen. Der Körper fiel in sich ein, urplötzlich bildeten sich auf seiner grauen Haut unzählige, schleimig wirkende, dunkelbraune Blasen. Sie sprossen wie Pilze, wurden in Sekundenschnelle größer, bis sie schließlich platzten!

Aus den geplatzten Blasen auf dem eingefallenen und bereits halb verwesten Kadaver krochen unzählige fette Käfer von der Größe eines Tischtennisballes, die augenblicklich anfingen, sich an dem toten Körper des Verwesten zu laben. Sie fraßen in unglaublicher Geschwindigkeit große, blutige Löcher in den Leichnam, die Ersten begannen damit, zu kopulieren, worauf die Ersten auch schon wieder verstarben. Vermutlich die Männchen.

Die großen Weibchen fraßen weiter, begannen bereits nach ein paar Minuten, Eier in das verwesende Fleisch zu stechen. Daraufhin verendeten auch sie.

Angeekelt, doch gleichzeitig fasziniert, beobachtete der Wanderer dieses Schauspiel, das nicht länger als eine Stunde dauerte. Danach waren alle Käfer verstorben.

Vor ihm lagen nun ein verwester Kadaver, unzählige Käferleichen und Blut. Unglaublich viel Blut. Der Lebenssaft des Irren war ausgetreten, hatte sich mit anderen Säften vermischt und den Erdboden durchnässt.

Schleunigst verließ der Wanderer diesen einen Ort des Grauens von vielen im Labyrinth und setzte seine unermüdliche Reise ins Nichts durch den „Nebel“ fort.

Das war vor einiger Zeit gewesen. Seit dem hatte er kein menschenähnliches Wesen mehr im Labyrinth angetroffen. Die Wenigen, die noch lebten, waren wohl schon längst dem Wahnsinn verfallen, durchgedreht, gefressen worden und so weiter und so fort. Er wusste es nicht, welche Grauen dieses Labyrinth noch beherbergte.

Es galt nun für ihn, ein Versteck für die Nacht zu errichten, lautlos zu sein und jedweden Kreaturen aus dem Wege zu gehen, und mochten sie noch so klein sein.

In jener Nacht hörte er Geräusche. Schnaubenden Atem. Er erkannte diesen Atem. Er hatte diese Kreatur bereits einmal getroffen.

Er kannte sie als ein riesiges, etwa zwei Meter großes, braun behaartes Tier, er könnte diesen Körper beinahe mit dem eines Bären vergleichen, acht Spinnenbeine, schwarz und nicht behaart, jedes auch etwa zwei Meter lang, die an ihren Enden mit messerscharfen, dicken, gebogenen Krallen, wie die eines Tigers, ausgestattet waren. Eine Klaue etwa fünfzehn Zentimeter lang, an ihrer dicksten Stelle etwa sieben oder acht Zentimeter dick.

Auf dem Rücken trug die Kreatur etwa zwanzig Zentimeter lange, stumpfe, fast höckerartige Stacheln, die in einem dunkelgrauen Farbton erschienen. Der Schweif erinnerte fast an die lange, buschige Rute eines Hundes. Der Kopf schien wie eine Mischung aus Hundekopf und Krokodil, mit spitzen, pelzigen Ohren und jenem furchteinflößenden Maul eines Krokodils, genauso lang, mit genauso vielen, spitzen Zähnen, mit dem Unterschied, dass im Oberkiefer vier riesige Reißzähne saßen.

Auf jeder Seite des Maules zwei, direkt hintereinander, der Vordere jeweils etwa fünfzehn Zentimeter lang, der Hintere etwa zehn Zentimeter. Die restlichen Zähne hatten die ungefähre Länge von vier bis sechs Zentimetern.

Dieses Monster ging nun geradewegs auf das Versteck des Wanderers zu, welches er sich mithilfe mehrerer dicker Äste, Moos und Laub notdürftig zusammengebaut hatte. Mit all den Baustoffen, die er in diesem Irrgarten eben finden konnte.

Er überlegte intensiv, dann stand er auf. Er trat gegen sein Versteck, zerstörte es. Er ignorierte seine Angst, seine Gefühle und ließ nur noch einen einzigen Gedanken walten.

Mit Tränen in den Augen stellte er sich dem riesigen Monster gegenüber, welches, mit seiner Höhe von fast drei Metern, welche es seinen langen, dürren Beinen verdankte, trotzdem nicht über die gut haushohe Hecke des Irrgartens blicken konnte.

„Nimm mich!“, schrie er die monströse, mutantenähnliche Kreatur an. Augenblicklich blickten ihn insgesamt vier große, gelb-orangene Augen an. Sie fixierten jede seiner Bewegungen mit ihren tiefschwarzen, senkrechten, schlitzförmigen Pupillen.

Mit klackenden Geräuschen, verursacht durch die scharfen Klauen am Ende der langen, schwarz glänzenden Spinnenbeine, näherte sich das Monster in rasender Geschwindigkeit dem Wanderer, welcher sich keine kleinste Regung erlaubte.

Es kam ihm fast so vor, als würde das Monster grinsen. Als würde das breite, hässliche Krokodilmaul mit den spitzen, gebogenen Zähnen grinsen. Über ihn, über seine Art, hier zu stehen. Er lag falsch.

Animalische Monster können nicht grinsen.

Kurz vor ihm stoppte das Untier. Von oben herab betrachtete es seine auserkorene Beute, welche seinen Hunger für kurze Zeit stillen sollte. Aus seinen Wangen stießen plötzlich blitzschnell eine Art unter der Haut verborgen gelegener „Fangklauen“ heraus, ähnlich den Cheliceren der Spinnen, allerdings saßen die des Monsters auf beweglichen „Armen“, welche anscheinend höchst beweglich waren. Vermutlich beinhalteten sie unzählige, winzigste Knochen, wenn sie nicht sogar gänzlich aus Muskelmasse bestanden.

Das Monster schnellte vor, schnappte den Wanderer mit den Klauen, die Giftzähne an deren Spitzen bohrten sich durch seine Haut, stießen durch seine Organe, pumpten ihm ihr Gift in den Körper.

Er dachte noch ein letztes Mal über sein Labyrinth nach. Wahrscheinlich hätte er es nie lebendig verlassen. Denn das Labyrinth hieß „Nebel“. Was wäre wohl am Ende des Nebels?

Er erfuhr es, als er jenes Wort rückwärts aussprach.

Er war durch das Leben gewandert.

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