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Schwer atmend wachte er auf.

Der Boden fühlte sich hart an und er spürte ein Ziehen in seinen Gelenken, doch das beachtete er kaum. In seinem Kopf war die Hölle los. Ein unsanfter, fremdartiger Schmerz pochte durch seine Gehirnzellen, scharfstimmig und steril, als hätte jemand Quecksilber in seine Synapsen verschüttet. Mühsam, mit vorsichtigen Bewegungen versuchte er aufzustehen, aber mitten in der Bewegung merkte er, dass ihm schlecht wurde. Er hätte sich wohl erbrochen, wenn sein Magen etwas voller gewesen wäre, aber so würgte er nur einen glasigen Faden Schleim hervor, der sich in den Sand ergoss. Angeekelt wendete er sich ab, schloss die Augen und begann von Hundert rückwärts zu zählen, wie es ihn irgendeine vertraute Person in der Kindheit geraten hatte. Es gelang ihm, seine Gedanken ein Stück zu ordnen. Der Schmerz wurde matter, jedenfalls dünner als zuvor, aber ein kleines bisschen blieb er bestehen, wie ein Glassplitter in seinem Unterbewusstsein. Immer noch keuchend musste er sich die Hand vor die Augen halten, damit das Licht ihn nicht mehr blendete und er sich umsehen konnte.

Water-on-mars

Die Gegend, in der er erwacht war, sah nicht gerade lebendig aus. Große braune und gelbe Canyons aus sandigem Gestein, zwischen denen sich Schluchten von großen, trockenen Wüsten ausbreiteten und in der Ferne sah er die Schemen einiger unförmiger Berge. Verzweifelt suchte er den Himmel nach einer Sonne ab, um zu bestimmen, wie viel Uhr es etwa war, aber seltsamerweise war das dunkelblaue Firmament komplett leer. Keine Sterne, keinen Mond, noch nicht einmal Wolken zogen über seine Struktur. Nur dieses orange Zwielicht, welches die Landschaft karg durchflutete, schien von allen Ecken des Horizonts zu kommen, so als würde an verschiedenen Stellen gleichzeitig eine Dämmerung stattfinden.. „Was... zum...“, seine Stimme war zu rau, um den Satz zu beenden. Mit rissigen Fingern griff er nach einem naheliegenden Stück Felsen, fand Halt und schaffte es dieses Mal tatsächlich komplett aufzustehen.

Wo zur Hölle war er hier gelandet? Konnte es sich um eine Art Alptraum handeln? War er aus einem abgestürzten Flugzeug gefallen und hatte als einziger überlebt? Oder... war er vielleicht gestorben?

Mit Entsetzen merkte er, dass er nicht wusste, wie sein Name lautete. Schlimmer noch: Er hatte keine Erinnerungen an die Zeit vor seinem Aufwachen an diesem Ort, nicht an seine Eltern, seine Freunde, sein Zuhause. Seine ganzen Erinnerungen begannen vor nicht einmal zehn Minuten, als er mit wenig Luft in den Lungen aufgewacht war. Er wusste zwar, wie die Welt funktionierte, wer im Moment Präsident war oder wie man Auto fuhr, und er hatte auch eine Sprache, in der er denken konnte, aber es fühlte sich so an, als wäre das alles belanglos für ihn. Fast so, als hätte er aufgehört, Teil dieser Welt zu sein. Verdammt, dachte er panisch und hielt sich die Hand auf die Brust.

Eine zweite Welle von Ekel und Schwäche durchflutete ihn, aber diesmal schaffte er es, den Schleim in seinem Bauch zu halten. Er durfte es sich nicht erlauben, ihn nicht verlieren, das wusste er. Er musste essen, schon bald, den Hunger befriedigen. Er schaute sich erneut um, hektischer. Kein einziger Baum weit und breit. Keine Büsche. Selbst Gras suchte er vergebens. Also konnte er in näherer Umgebung weder mit Nahrung noch mit einem Unterschlupf rechnen. Verzweifelt überlegte er, mit bloßen Händen nach Insekten und Wurzeln in der Erde zu graben, so groß war sein Hunger, aber der Gedanke, auf einen giftigen Skorpion oder etwas ähnliches zu stoßen, hielt ihn ab. Das war das letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte.

Laufen, dachte er, bloß weg von hier. Da er barfuß aufgewacht war, nur bekleidet mit diesem grauen, weiten Overall, würde es nur langsam voran gehen, er musste seine Füße schonen, so lange wie es möglich war. Mit dem Handrücken kratzte er den Schweiß von seiner Stirn.

Es ging ihm schlecht, sehr schlecht, das wusste er. Mittlerweile hatte er auch Durst bekommen, eine schreckliche Trockenheit in seiner Kehle, die sich nicht mehr mit Speichel wegspülen ließ. Noch war es erträglich, aber trotzdem sollte es seine Priorität sein, Wasser zu finden. Wenn es in dieser Ödnis schon keine Pflanzen gab, war sein einziger Anhaltspunkt das Gebirge. Dort könnte er einen kleinen Bach oder einen Wasserfall finden und vielleicht etwas zu Essen. Er beschloss, in diese Richtung zu gehen, die er spontan als Norden bestimmte. An irgendetwas musste er sich ja orientieren, selbst wenn es nur sein Bauchgefühl war. Bauchgefühl. Dieser Hunger. Was kann schon schief gehen waren seine letzten Gedanken, bevor er sich in Bewegung setzte.

Der Boden im Tal war weicher, aber das war auch das einzige, was sich an seiner Lage verbesserte. Der Durst und der Hunger wuchsen immer weiter, bis hin zu dem Punkt, wo er alles als Nahrung in Betracht gezogen hätte. Er musste über diese Schmerzen nachdenken, die ihn beim Aufwachen an diesem Ort geplagt hatten. Die Art, wie sie ihn geweckt hatten, war nicht normal, da war er sich sicher. Es fühlte sich... künstlich an, so... synthetisch. Fast so, als hätte man ihm dieses Pochen verabreicht.

Noch immer keine Spur von Essen. Das einzige Lebewesen, was er bis jetzt gesehen hatte, war eine Spinne, oder viel mehr etwas, was einer Spinne ähnlich sah. Sie rannte unnatürlich schnell über den Sand, so groß wie eine Kinderfaust, mit mindestens sechs Beinpaaren und einem grünen, fluoreszierenden Streifen auf dem Rücken ihres Chitinpanzers. Wahrscheinlich eine Halluzination oder Fata Morgana. Sollte er ihr trotzdem hinterher laufen... Nein! Er war zwar am Verhungern, aber dieses Vieh würde ihn definitiv ins Grab bringen, so giftig wie es aussah. Trotzdem gab ihn dieses Ding ein wenig Hoffnung. Immerhin musste sie ja auch etwas trinken, um hier zu überleben.

Er lief danach noch eine Zeitstrecke, die sich wie eine halbe Stunde anfühlte, dann beschloss er, im Schatten eines Felsens Rast zu machen. Nur für einen Moment. Gott, er hätte nie gedacht, dass Staub so bequem sein könnte.

Obwohl er so gut wie möglich auf seine Schritte geachtet hatte, konnte er doch nicht verhindern, dass sich kleine Steinchen in seine Füße gebohrt hatten. Er hinterließ bereits seit Minuten eine rote Spur im gelben Sand, die alle möglichen Aasfresser anlocken würde. Die Blasen waren aufgeplatzt und etwas Klares floss aus ihnen hinaus. Nicht gut, dachte er, nicht gut, eine Infektion hatte ihm gerade noch gefehlt. Wasser. Der Durst war jetzt schlimmer als der Hunger. Er würde es nicht zu den Bergen schaffen, das war schon seit Stunden klar. Dieses Sandgrab würde das letzte sein, was er jemals sehen würde...

Unsanft wurde er aus dem Delirium gerissen, als er spürte, wie sich etwas scharfes, kaltes gegen seinen Hals drückte, direkt unterhalb seiner Kehle, tödliche Genauigkeit. Das war also das Ende. Es kam früher als erwartet, aber das war okay. Zugegeben, er hatte mit etwas mehr... Würde gerechnet. Ermordet von Banditen und für die Geier zurückgelassen. Er fragte sich, ob sie es wohl schnell machen würden...

„Was hast du mit mir gemacht?!“, die Stimme, die ihn anschrie, war wütend, heiser, höchstwahrscheinlich weiblich. Obwohl es wertvolle Kraftreserven kostete, hob er die Augenlider. Verdutzt blickte er in das dreckige, mit Blut und Sand verkrustete Gesicht der jungen Frau, die die dünne abgesplitterte Klinge aus Feuerstein immer noch  an seine Kehle hielt. Sie sah nicht aus, als wäre sie gekommen, um ihn zu retten.

„Warum zur Hölle habt ihr mich hierher gebracht?!“, rief sie noch einmal, diesmal lauter. Er versuchte, sich ein Stück aufzurichten, aber sie duldete seine Bewegungen nicht und drückte die Klinge ein Stück in sein Fleisch. Blut tropfte seine zerrissene Haut hinunter, es gerann fast augenblicklich an der trockenen Luft. Er bemerkte, dass sie den gleichen Overall anhatte wie er.

„Geh weg...“, murmelte er halblaut, „Lass mich in Ruhe sterben... Ich bin genauso in dieser Scheißwüste aufgewacht wie du...“

Sie schien mit dieser Antwort nicht zufrieden zu sein. Verwirrung machte sich in ihren braun gebrannten Zügen breit. „Wie ist dein Name?“, fauchte sie ihn an und der Druck auf seiner Haut nahm zu.

„Weiß ich nicht mehr...“, genervt rollte er mit den Augen, „Und jetzt verpiss dich. Ich hab keinen Bock, meine letzten Stunden mit einem Messer am Hals zu verbringen.“

Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, als aus der Weite vor ihnen ein Brüllen ertönte. Die Wände der Canyons ließen es widerhallen, wieder und wieder, so dass es laut in seinen Ohr brannte. Es war ein unmenschliches Geschrei, animalisch, brachial, in der Nähe und ließ jede Zelle seines Körpers erbeben. Ein Gurgeln kam aus seiner Speiseröhre, als er mit letzter Kraft die Hände auf die Ohren presste. Der Kopfschmerz war zurück, stärker als vorhin. Quecksilber. Filmrauschen. Das Gesicht des Mädchens verzog sich zu einer angsterfüllte Fratze und sie ließ das Messer fallen. „Nein!“, stammelte sie, „Nein... Nicht schon wieder...“

„Was... ist...“, mehr konnte er nicht röcheln, ehe auch schon eine zweite Ladung Strom seine Neuronen durchflutete. Immer mehr, immer mehr nahm es von seinen Gehirnwindungen in Besitz. Silberne Finger kramten in seinem Kopf, hinterließen ihre kalten, metallischen Spuren und aktivierten etwas, was man ihm eingepflanzt hatte. Er begann zu sabbern, zu zucken, kratzte sich sogar rote Striemen in die Haut seines Unterarms, aber die Eindringlinge zwangen ihn zu Boden, trieben den Widerstand aus ihm heraus, streuten Eisenspäne in sein rosa Fleisch und...

Eine Stimme sprach aus dem tiefsten Kern seines Kopfes zu ihm. Sie kämpfte gegen das Schlagen in seinen Venen und das Rauschen in seinem Hirn an und doch hörte er sie, leise, verzerrt. Sie schrie nicht, war nicht still. Ihr Klang war etwa der einer Kettensäge, die sprechen gelernt hatte, mechanisch, unerträglich, grell. Es hatte kein Geschlecht, keine Identität, nicht einmal einen Mund. Verzweifelt klammerte er sich an jeden geistigen Halt fest, den er finden konnte, aber schon bald brach sein Widerstand gegen die Urgewalten der Stimme. Seine Augen tränten, als er die Worte verstand. Befehle von einer uralten Entität, die schon Befehle gab, als die Welt noch jung war. Einer Bestie, vor deren Augen Äonen verstrichen waren und deren Wille Zeit und Raum überdauerte. Fremdartig. Nicht irdisch. Ein Monster. Ein Alien.

Rühre dich nicht, Subjekt. Sie sehen nur das, was sich bewegt, sich bewegt, sich bewegt...

Aufwachen. Wieder in der Wirklichkeit. In der Wüste. Am Verrecken. Das Mädchen schien das selbe gehört zu haben wie er, sie saß auf dem Boden und umklammerte ihre Knie, kein einziges ihrer Muskeln bewegte sich. Er lag immer noch halb im Staub, den Kopf an den Felsen gelehnt, die Hände im Kampf mit der Stimme in die Erde gekrallt. Gedämpfte Schritte hallten aus der Nähe zu ihnen. Es waren nicht die Wesen, die ihn hierher verschleppt hatten, dass wusste er. Nur weitere Figuren in ihrem perversen Spiel. Etwas, was nur die Dinge sehen kann, die sich bewegten. Die Schreier aus der Ferne. Er wollte gerade seine Beine einziehen, als der erste von ihnen hinter dem Felsen auftauchte.

Es war kein Ekel, den er beim Anblick der Kreatur empfand. Keine Angst. Nur Unwohlsein. Nervosität. Kalter Schweiß floss seinen Rücken herab, als das Ding seinen Kopf drehte und sich ihre Blicke trafen. Die zwei übereinander liegenden Augenpaare waren klein, schwarz mit dem Hauch eines violetten Schimmers über der facettenartigen Hornhaut und schienen ihn Gott sei Dank wirklich nicht wahrzunehmen. Die schneeweiße, mit einigen gelblichen Punkten bedeckte Haut war eingefallen, von Hunger und Durst gegerbt und voller Narben. Dort, wo ein Mensch eine Nase besitzt, atmete es die Wüstenluft durch ein dutzend kiemenartiger Öffnungen, die sich der Reihe nach gurgelnd und schmatzend öffneten. Der Mund ein lippenloses Maul mit langen pechschwarzen Fängen, zwischen denen eine grüne Zunge ab und an hervor guckte. Es stützte sich eine Weile am Felsen an, gab klickende Geräusche von sich, dann ging es weiter, genau zwischen seinem Versteck und dem des Mädchens.

Es folgten sechs weitere diese Missgestalten. Sie alle waren abgemagert, trugen provisorische Bandagen am Körper und atmeten auf dieselbe groteske Weise wie ihr Anführer. Ihm fielen immer weitere anatomische Perversionen an ihren Körpern auf. Die Knie, die nach hinten geknickt waren, wie bei einem Vogel. Die Nickhaut, die sich ab und zu über ihre Spinnenaugen schloss. In ihren vierfingrigen Händen hielten sie Speere, die aus den Überresten einer Kreatur gemacht waren, deren Knochen anscheinend blau waren. Sie alle beachteten weder ihn noch das Mädchen, wichen ihnen sogar aus, als wären sie Teil des Felsens. Seine gesamte Konzentration lag darauf, sich nicht zu bewegen, nicht zu atmen oder zu blinzeln, wenn einer von ihnen in seine Richtung schaute. In seinem Kopf war es still, als hätten die Quecksilberfinger seinen Gedankengang leise gedreht. Ihm war klar, dass diese Wesen ihn töten würden, wenn sie ihn entdeckten. Sie mochten humanoid sein, auf zwei Beinen gehen, waren vielleicht so intelligent. Aber trotzdem war es unmöglich, mit ihnen zu kommunizieren. Für sie war sein Körper nicht mehr als ein Bündel Fleisch.

Schließlich, nach einer Ewigkeit, kam der letzte von ihnen an. Seine linke Körperhälfte schien von etwas angegriffen worden zu sein, was mit Säure jagte. Er war langsam, humpelte merklich und trug etwas in Leder Verpacktes in den an geätzten Armen. Die Gruppe war bereits zum großen Teil hinter dem Horizont verschwunden, als der Nachzügler sich für einen Moment am Stein anlehnte. Es sah nicht so aus, als würde man auf ihn warten.

Er war dieser Kreatur so nah, dass er ihre blutdurchtränkte Haut riechen konnte. Zuwider seinem Erwarten stieß ihn der Geruch nicht ab. Es war kein stechender Kupfergestank wie bei einem verletzten Menschen, sondern ein mildes, dezentes Aroma, irgendwie süßlich. Ob er es wohl schaffen konnte...

In diesen Moment zog sich sein Magen mit einem so lauten Geräusch zusammen, dass die Kreatur aufschreckte und ihn bemerkte.

Bevor er auch nur schreien konnte, fuhr zum dritten Mal an diesem Tag eine fremde Macht in seinen Körper, dieses Mal beschränkte es sich aber nicht nur auf seinen Kopf. Flüssiges Feuer rang durch seine Adern, in jede Haarspitze, bis hin zu seinen Zahnwurzeln. Seine Muskeln verhärteten sich, als brutaler, roher Strom durch sie floss und er das Gefühl bekam, als würden seine Knochen zerbärsten. Widersetze dich nicht, schrie die Stimme, diesmal hörte er sie klar und ohne Störungen. Die Manipulatoren, die ihn hier eingesperrt hatten, fanden die Nerven an seinen verkrampften Arm und zwangen ihn, etwas am Boden zu ertasten, was er nicht sehen konnte, während der Rest seines Körpers zu gelähmt war, um sich von dem halbblinden Organismus vor ihm abzuwenden. Das Wesen, welche das Vorhaben seiner Hand durchschaut zu haben schien, öffnete seinen Mund und er konnte sehen, wie noch mehr Zähne aus dem Inneren des Rachen hervor schnellten, wie bei einer Viper, bereit, ihm den Gnadenstoß zu geben. Seine ferngesteuerten Finger fanden endlich etwas im Sand, was sich kalt anfühlte, fest, nicht sonderlich lang hier herum lag. Kaum hatte er es gegen seinen Willen umklammert, drückten sie auch schon mit der Kraft von eintausend Maschinen seinen Bizeps nach oben und er konnte gerade noch sehen, wie die Klinge des Feuersteinmessers in seiner Hand die Haut des Wesens durchtrennte.

Ein Schwall von dicker, grünweißer Flüssigkeit quoll aus der Wunde und landete mit einem glitschigen Geräusch quer auf sein Gesicht, floss in seine Haare, über die Stirn, bis hin zu seinen aufgeplatzten Lippen. Seine trockene Zunge stieß gegen die Substanz und trotz aller Abscheu strömte eine Welle von neuer Kraft durch seinen Körper, die nichts mit der Stimme in seinem Kopf zu tun hatte. Süß, oder... flüsterten die Silberfinger.

Nein! Das war doch falsch, sehr falsch sogar. Das, was gerade seinen Durst befriedigte und seinen Hunger löschte, sollte ihn anekeln, giftig sein, sich wie Feuer in seine Wangen fressen. Aber nichts davon trat ein. Das, was ihn nährte, erneuerte nicht nur seine Kraft. Es gefiel ihm, von diesem fremden Geschöpf zu trinken, es schmeckte ihm. Und es erwachte ein tiefer Wunsch in seiner Seele. Er wollte mehr.

Die Kreatur, von dessen Blut er getrunken hatte, ließ das Bündel fallen, stieß ein Gebrüll aus, welches ihn an einen tollwütigen Ochsen erinnern ließ und rannte dann los, so schnell ihn seinen verkrüppelten Beine tragen konnte. Er bezweifelte, dass sie es weit schaffen würde, aber trotzdem gelang es dem Ding, aus seinem Blickfeld zu verschwinden. Das Quecksilber verließ wieder seine Muskeln, obwohl er wusste, dass es immer noch in seinem Kreislauf war. Es würde für immer dort bleiben.

Das Mädchen trat an ihn heran, ihre Augen waren immer noch ein wenig misstrauisch. „Du... fühlst es auch, oder?“, fragte sie.

Er nickte, während er sich das restliche Blut aus den Haaren kämmte und anschließend seine Finger zum Mund führte. Es tat doppelt so gut, wie er es zugegeben hätte.

„Wie lange bist du schon hier?“, seine Stimme war viel kräftiger als vorhin.

Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich weiß gar nichts, außer, dass ich hier aufgewacht bin und diese Stimme in meinem Kopf war. Das einzige, was ich bei mir gehabt habe, war dieses Messer und...“

Weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment kam ein Laut aus dem Inneren des Bündels auf dem Boden. Er zuckte zusammen, vielleicht aus Angst, dass die Manipulatoren wieder Strom durch seinen Zellen jagen würden, aber es blieb still in seinem Kopf. Vorsichtig, mit geradezu sanften Bewegungen, entfernte er den Ledermantel, zückte seine Waffe... und blickte auf das weinende Gesicht des Jungtieres. Hilflos, nackt, ihrer Gnade ausgesetzt. Eigentlich sah es nicht groß anderes aus als ein menschliches Neugeborenes. Grün verschmiert von dem Blut seiner Mutter, lag es in seinem Beutel und zwei der vier Augen konnte es noch nicht öffnen, wie bei einem Fötus. Mit den anderen beiden sah das Baby sie an, als erwartete es Hilfe von den Menschen vor ihm.

„Fuck...“, murmelte das Mädchen und hielt sich den Kopf, „Was sollen wir jetzt tun?“

Er machte sich wenig Illusionen in diesem Thema. Diese sonnenlose Wüste war kein gewöhnlicher Ort. Es würde keinen Ausgang und keinen Hilfe geben. Mächte, die Menschen in Marionetten verwandeln konnten, hatten sie hier ausgesetzt, um zu sehen, wer am längsten überlebt. Sie waren nur die Puppen der Manipulatoren mit den Quecksilberfingern, ersetzbare Gladiatoren, eine weitere Rasse von Schakalen in ihrem perversen Spiel. Dieses Land ohne Namen war ihre Arena, ihr Jagdgrund, ihr Garten Eden, alles in einem. Und die einzige Regel, die es hier gab war die, wie in jeder andere Wüste.

„Essen, was sonst?“, sagte er hart und wischte das Messer ab. 

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