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"Kommst du, oder muss ich noch lange auf dich warten?", hörte ich die Stimme meiner Frau aus dem Wohnzimmer rufen. Es waren bereits einige Stunden vergangen, seit ich mich in mein Arbeitszimmer begeben hatte. Zu viel Zeit war vergangen und ich hatte nicht ein Mal ansatzweise das geschafft, was ich schaffen wollte.

Das leere Papier vor meinen Augen machte mich traurig. Es zeigte mir, was für ein Versager ich doch war und die halbleere Absinthflasche auf meinen Schreibtisch verstärkte dieses Gefühl nur noch mehr. Meine Frau durfte sie nicht sehen, also legte ich sie wieder in ihr Versteck. Sie hasste es, wenn ich trank, aber es war das Einzige, was mich auf andere Gedanken brachte.

Sie lag im Wohnzimmer. Der Fernseher lief und ich hörte, wie qualvolle Schreie aus dem Raum zu hören waren. Ohne ein Wort zu sagen, setzte ich mich neben sie und starrte, gemeinsam mit ihr, auf das Fenster, welches uns jeden Abend ein Abenteuer erleben ließ. Ich sah wie eine Frau um ihr Leben rannte. Ihr Gesicht war durchnässt vom Regen und man konnte sehen wie ihr Blut aus dem Auge langsam an ihren Wangen hinunterglitt.

Vermutlich wurde sie von einem Mörder oder einem wilden Tier verfolgt, doch bevor meine Fragen beantwortet werden konnten, riss mich meine Frau wieder aus meinen Gedanken.

"Du hast wieder getrunken, nicht wahr?", fragte sie mich beinahe flüsternd. "Ich kann es riechen..." Wieder sagte ich kein Wort und ich konnte ein leises Seufzen neben mir hören. Die panischen Schreie der Frau wurden immer lauter und ich konnte spüren, wie meine Frau schlagartig zusammenzuckte, als die Frau im Film von etwas gepackt wurde.

Eine lange, knochige Hand hatte sich auf ihre Schulter gelegt. Es vergingen einige Sekunden, in denen zuerst nichts geschah, doch dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck und aus der Panik wurde langsam eine emotionslose, fast schon kalte Miene. Aus ihrem Auge ragte eine kleine Metallspitze. Stück für Stück bohrte sie sich ihren Weg durch sie hindurch. Das Blut lief ihr in Strömen das Gesicht hinunter.

Ich sah kurz hinüber zu meiner Frau, welche gespannt, auf ihren Fingernägeln kauend, neben mir saß und die Szene beobachtete. Wieder sah ich nach vorne und musste mit ansehen, wie eine weitere Spitze sich langsam durch ihr anderes Auge bohrte. Dann gab es ein lautes, knackendes Geräusch und die Nadeln wurden nach hinten gezogen. Ihre beiden Augäpfel schossen wieder tief in ihre Höhlen und man sah von ihnen nichts mehr, außer einer Dunkelheit bedeckt mit einem roten Schleier.

Eine schwarze Gestalt stand hinter ihr und man konnte sehen, wie er ihr Augenlicht in den Händen hielt. Sie thronten an den Spitzen seiner Nadeln, geschmückt mit ihren letzten Gedanken, welche in Teilen langsam auf den Boden plätscherte.

Meine Frau schaltete den Fernseher aus und sah mich kopfschüttelnd an. "Ich frage mich immer, woher du diese Filme bekommst. So etwas Realistisches habe ich noch nie gesehen..." Sie holte die DVD heraus und legte sie wieder ins Regal. Nachdenklich stand sie davor und strich über die ganze Reihe, so als ob sie nach einem weiteren Film suchen würde. Wieder schüttelte sie den Kopf. "Du musst unbedingt Mal wieder Neue mitbringen. Die hier habe ich schon alle gesehen..."

Ich lächelte zufrieden. Sie liebte Horrorfilme über alles und als ich ihr erzählte, dass ich da jemanden kannte, der eine riesige Sammlung hatte, war sie kaum noch zu bremsen. Seitdem brachte ich ihr immer wieder eine Reihe von Filmen mit, die gruseliger und verstörender nicht sein konnten. Sie sah mich wieder mit diesem einen Blick an und ich wusste ganz genau, was er zu bedeuten hatte. "Ich muss jetzt los zur Arbeit... und bitte... trink heute nichts mehr... du hast es mir versprochen."

Ich nickte und starrte weiter in die Leere. "Ich versuche dir morgen einen neuen Film zu besorgen, aber ich glaube, wir haben heute den letzten gesehen..." Ich spürte ihre Enttäuschung, aber daran ließ sich leider nichts ändern. Sie ging durch die Tür und ich war wieder alleine mit meinen eigenen Gedanken. Langsam stand ich auf und ging wieder in mein Arbeitszimmer. Instinktiv holte ich die Flasche wieder hervor und nahm einen Schluck. Wenn sie nur den Grund wüsste, dann würde sie verstehen. Jetzt war es auch für mich an der Zeit zu gehen. Ich telefonierte eine Weile, ehe ich meine Sachen packte und wieder zur Tür ging. Wieder traf mein Blick die Flasche. Ich sollte sie mitnehmen, bevor sie noch etwas merkte. Vielleicht konnte ich sie für etwas anderes verwenden. Die Sache mit den Nadeln wurde mir langsam zu stumpf und auch das Reinigen wurde mir mit der Zeit einfach zu lästig. Es wurde an der Zeit Mal etwas Neues auszuprobieren.

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