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Regungslos betrachtete sie den zugefrorenen See in seiner eisigen Trauer. Sollte sie es wagen? Sie kam sich albern vor.

„Kinderkram“, murmelte sie. Es konnte nicht klappen. Es war verrückt, dumm, sinnlos. Sie war eine Realistin, schon immer. Sie hatte nie an den Weihnachtsmann geglaubt oder an Gott und trotz allem-nein gerade deswegen, war dies ihre einzige Chance. Wie konnte man an etwas zweifeln, wenn man es noch nie zuvor probiert hatte? Sie war verzweifelt, mehr als das. Seit jenem Tag als, er ihr die zwei liebsten Menschen genommen hatte. Nein. Sie ermahnte sich selber. Der Tod ist kein er. Es ist ein Lebensabschnitt, wenn auch ein unangenehmer, nicht mehr und nicht weniger. Doch eine leise Stimme in ihren Kopf, jene die selbst der kühnste Atheist in sich trägt, so leise sie auch sein mag, befahl ihr es zu versuchen. Genervt von ihrer eigenen Naivität stöhnte sie. Es war das letzte bisschen Hoffnung, was da aus ihr sprach, was sie festhielt bis zum allerletzten Versuch und da war er. Sie stand jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit, denn wenn es nicht funktionierte war es aus. Aus und vorbei. Sie nahm den Zettel hervor, den sie von der seltsamen Voodoo-Frau bekommen hatte und faltete ihn auseinander. Dies geschah nur unter großer Mühe. Ihre Finger waren kalt und bereits blau angelaufen. Die Worte waren in einer, für sie, unverständlicher Sprache geschrieben. Nachdem sie sie laut vorgelesen hatte, wartete sie. Es war still, beinah schon gespenstisch. Nur der Wind heulte. Ihre erste Reaktion war sich zu fragen, ob sie etwas falsch gemacht hatte oder die Formal falsch aussprach. Dann realisierte sie, wie tief sie gesunken war. Selbstverständlich geschah nichts. Das wusste sie. Tief in ihren Inneren war es ihr von Anfang an bewusst gewesen. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht? Dass sie durch eine alte Möchtegernschamanin mit ein paar erfundenen Hexensprüchen ihren Mann und den Kleinen wiederbekommt? Seit die beiden von einer Lawine erfasst wurden, war nichts mehr so, wie es einmal war. Ein Windstoß ließ sie zusammenfahren. Schnee schoss ihr entgegen und brachte sie zum Weinen. Da stand sie. Müde, erschöpft vom vielen Warten im Schnee, warten auf nichts und wieder nichts. Für einen Moment hielt sie inne. Erst hatte sie es nicht bemerkt, aber je mehr sie zur Ruhe kam, des zu klarer wurde ihr Verstand. Da war jemand. Die Blicke in ihrem Nacken machten ihr Angst. Sie hatte oft davon gehört, dass einige Menschen angeblich spüren würden, wenn man sie beobachtete. Sie hatte es stets für Humbug gehalten, irgendwelche Wichtigtuer, verzweifelt auf der Suche nach jemanden, der sie beachtete. Bis zu diesem Zeitpunkt. Mit einer schnellen Bewegung fuhr sie herum. Stolpernd wich sie einen Schritt zurück. Da stand ein Mann. Ein junger hübscher Bursche mit eisblauen, jedoch emotionslosen Augen und Haut, die sich kaum vom umgebenden Schnee abzuheben schien. Sein durchdringender Blick verängstigte sie zutiefst. „Wer bist du?“ Sie wusste wer er war, wollte es aber nicht wahr haben. Ihr Verstand weigerte sich es zu begreifen, Ihn zu begreifen. „Du hattest mich gerufen. Ich bin der Kältetod.“ Er sprach ohne jegliche Gefühlsregung, kalt und monoton. „Ja. Ich- “ Sie zögerte, nicht wissend was sie sagen sollte. „Ich weiß was du willst.“ Ein Lachen erklang, eine Kinderstimme. Es war die ihres Sohnes. „Es kostet dich allerdings etwas, aber das weißt du sicherlich.“ Sie nickte. Unweigerlich ertönte die Stimme der Voodoomeisterin. „Höre auf solange du noch kannst und lass dich nicht betrügen oder er wird auch dich holen!“ Zu ihrer eigenen Überraschung fiel es ihr erstaunlich leicht diese Gedanken zu verdrängen. „Bereit?“ Wieder konnte sie bloß nicken. Schnee wirbelte auf und zwei Gestalten traten hervor. „Mommy!“ Sie tätschelte ihren Jungen. So lange hatte sie in nicht mehr gesehen. Sie presste das Kind fest an sich. Dann hob sie ihn hoch und viel ihrem Mann, sie würde nie einen anderen lieben, um den Hals. Sie küssten sich innig, sodass sie den Kleinen absetzten musste. Er griff nach ihrer Hand und sie merkte, dass sich die Kälte bereits festgesetzt hatte. Wie ein Parasit fraß sie sich immer weiter nach oben. Sie spürte ihre Füße nicht mehr, doch es war ihr egal, ihr blieb noch etwas Zeit.

„Baust du einen Schneemann mit uns?“

„Alles was ihr wollt“, beantwortete sie die Frage ihres Sohnes. Als sie drei unterschiedlich große Schneekugeln fertig gerollt hatten, setzte ihr Mann die mittlere auf die größte, am Boden liegende. Das Kind holte derweilen Stöcke und Steine für Gesicht und Arme. Als sie den Kopf des Schneemannes aufheben wollte, bemerkte sie, dass ihre Beine und Arme zunehmend steifer wurden. Ihr fiel es schwer den Kopf zu drehen. Nur noch ein wenig, ein wenig mehr Zeit. Der Schneemann bekam einen Tannenzapfen, als Nase, ein Gesicht aus Steinen und Stöcke, als Arme. Sie hatte es so gut im Griff, doch als sie ihre kleine Familie so vor sich sah, schossen ihr die Tränen in die Augen. Die Kälte fraß sich in ihren Kopf und Brustraum. Selbst ihr Becken spürte sie nicht mehr. Ein eisiger Schauer umschloss ihr Herz, wollte sich tiefer in sich bohren, doch sie schob ihn weg.

„Stopp!“ Augenblicklich verstummten ihre beiden Liebsten und der Kältetod erschien.

„Es ist bereits zu spät, ich habe gewonnen. Du hast zu lange gewartet.“

„Du irrst dich.“ Verwundert blickte er die junge Frau an. Sie lächelte. War sie nicht wütend? Nein, aber was dann? Es lag nicht nur Dankbarkeit in ihren Augen, das sah er.

„Es ist egal ob du nun noch ein wenig Zeit mit ihnen verbringst oder nicht. Du wirst sterben auf das bisschen kommt es auch nicht mehr drauf an.“ Mit letzter Kraft schüttelte sie den Kopf.

„Wartet auf mich.“ Sie sah ihre Familie nicken. Ihr Lächeln wurde breiter, dann wandte sie sich wieder ihrem eisigen Schicksal zu.

„Es ist nicht egal. Trotzdem Danke.“

„Du stirbst. Die dir verbleibende Zeit, hier auf Erden kannst du auch noch mit ihnen verbringen.“ Er blies kalten Atem in die Nacht. Erneut schüttelte sie den Kopf. Sie wusste, dass sie nun sparsam mit ihrer Energie umgehen musste. Er wirkte verärgert. Sie hatte ihm in seinen Stolz gekränkt, ein Gefühl, das ihn zuvor fremd war.

„Dummer Mensch. Wegen ein Stück Fleisch Zeit verschwenden, wegen ein paar Toter sein Leben lassen. Ich verstehe euch nicht.“ Seine Rufe ließen die ganze Gegend erzittern. Er wartete auf eine Reaktion, auf den für gewöhnlich austretenden Hass, einen Schwall an Beschimpfungen, doch er wartete vergebens. Erneut blickte er sie an. Kein Hass. Nur ein Gefühl, das er zwar deuten, aber nicht nachempfinden konnte.

„Du hast Mitleid….mit mir“ stellte er resigniert fest.

„Wieso, du liegst im Sterben und ich ergötze mich daran. Ja, es gefällt mir! Sag, wieso hast du mit mir Mitleid? Wieso weinst du nicht, um dein armseliges Leben, so wie die vor dir? “ Sie schaffte es ein letztes Mal zu grinsen.

„Weil ich etwas habe, was du niemals haben wirst…“ Unter schweren Qualen atmete sie ein und schloss die Augen.

„…ein schlagendes Herz mit der Fähigkeit zu lieben.“

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