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Sie band ihre Haare für gewöhnlich mit einer blutroten Schleife zurück. Mit Fingern, die gekonnt durch Strähnen fuhren, und sie übereinander legten, sodass ein einzigartiges Muster aus verschiedenen Dunkelbrauntönen entstand. Die Lippen zu einem zynischen Grinsen verzogen, und die Brauen über funkelnden Augen neckisch emporgehoben, als ich sie einmal darauf angesprochen hatte, dass Haargummis praktischer seien. „Hast du etwa ein Problem damit?“, wollte sie beinahe angriffslustig wissen, obwohl ihre freundliche Art diese Posse lügen strafte.

Man, dieses Mädchen. Sie war perfekt; einfach unglaublich. Witzig. Liebenswürdig. Clever. Nach einem einzigen Gespräch war ich schon süchtig nach ihr gewesen. Weit hinter verknallt, weit hinter verliebt; ich lag ihr zu Füßen. Ich war ihr bedingungslos erlegen.

Doch… sie war wunderschön, noch mehr sogar: Bezaubernd. Wie ein Gift, das sich sekundenschnell in deinen Adern ausbreitet, obgleich es süß schmeckt, und deine Nervenenden betörend betäubt.

Ja, ihre Schönheit. Genau das war das grundlegene Problem. Es war ein Problem, weil ich es nicht bin. Ich bin hässlich. Ich bin seltsam. Ich habe Akne, und bin dicker als das Gestell meiner Brille. Ich bin nicht reich, oder beliebt. Nur ein netter Typ in einem beschissenen Körper.

(„Hast du etwa ein Problem damit?“)

Aber verdammt, dieses Mädchen.

Ich konnte mich genau an die routineartigen Handgriffe erinnern, mit denen sie ihr leicht gewelltes Haar zurückband, und es mit einer eleganten, blutroten Schleife verzierte. Witzelnd. Lachend. Die Sekunden, an denen ihr Nacken freigelegt war. Die Sekunden, in denen ich die Hand ausstreckte, sie aber wieder nutzlos neben meinen Körper zurückfallen ließ. Vollkommen erlegen. Süchtig.

Wir waren Freunde, denn trotz allem mochte sie mich genug, um Zeit mit mir in der Schule zu verbringen. Sogar nach der Schule. Wir hatten so viel Spaß. Wir passten so gut zueinander. Es war so, als würde sie mich mögen, weil ich ich war. Wegen meiner Persönlichkeit, meiner Intelligenz, meinen Gefühlen und allem, was unter diesem ekelhaften Äußeren lag. Wir gehörten zueinander. Wir ergänzten uns. Yin und Yang.

Aber sie konnte nicht mit mir ausgehen. Nie mein sein. Sie konnte mich niemals lieben. Meine große Liebe war viel zu beschäftigt damit, die anderen Typen von ihr fernzuhalten, die sie nur wegen ihrem Äußeren wollten.

Wegen ihrer Hände, wenn sie ihr Haar mit einer weiteren, geschickten, blutroten Schleife verzierten.

Wegen ihren mandelförmigen Augen, die stets eine andere Farbe anzunehmen schienen.

Wegen ihrer vollen Lippen; den sanft geschwungenen Mundwinkeln.

(„Hast du etwa ein Problem damit?“)

Deswegen begann ich irgendwann, mir zu wünschen, sie wäre hässlicher.

Wenn sie so aussehen würde wie ich, könnten wir für immer zusammen sein. Sie würde sehen, wie sehr ich mich von diesen ekelhaften Deppen um sie herum unterschied. Sie könnte mich lieben, weil wir nur auf unser Inneres hören würden.


Mit diesen Gedanken tief in meiner Brust lud ich sie schließlich auf einen “Ausflug unter Freunden” ein. Hier, bei dem nahegelegenen See unserer Stadt, der sich keiner großen Beliebtheit erfreute, da sich ein dichter Wald um ihn herumspannte.

Wir benutzten das Boot, das zufällig - ha! Wohl eher von mir deponiert - an einem Ufer lag, um uns den Sonnenuntergang anzusehen. Und verdammt, war dieses Mädchen schön. Ihre Haut, die in dem Licht sanft leuchtete, die Haare, welche wiederrum regelrecht aufdringlich funkelten. Süchtig.

„Habe ich dir jemals von dem Mädchen erzählt, dass hier ertrank?”, fragte sie irgendwann, berührte das wohl eher kühle Wasser spielerisch mit den Fingerspitzen, was kleine Kreise über den See trieb. Ich hätte die Schönheit der Natur bewundern können, die Ruhe der Nacht, doch ich sah nur sie. Als wäre alles andere ausgeblendet. Und für sie war es wohl genau andersrum, so wie sie die kleinen, von ihr selbst verursachten Wellen betrachtete.

„Die Kleine ertrank hier, vor Jahren. Ihr langes Haar verfing sich, während sie schwamm, und niemand bemerkte ihr verschwinden. Am nächsten Tag fand man sie, mit dem Gesicht unter Wasser, die Füße nur Millimeter von der Oberfläche entfernt, ihr Haar noch in der Tiefe verfangen.“ Melodisch, ruhig und betörend summte sie diese Worte vor sich hin. Ich hatte nur mit halbem Ohr zugehört, aber ich wusste sofort, was sie hören wollte. So gut kannte ich sie:

“Verdammt.”

“Sie sucht diesen See noch immer heim”, fuhr dieses wundervolle Mädchen nun grinsend, dennoch unbeirrt fort. Ein neckischer Unterton hatte sich in ihre Stimme eingeschlichen. Anscheinend gefiel es ihr, mir einen Schrecken einzujagen, auch wenn das von meiner Seite nur gekünstelt war. „Mir wurde immer eingeredet, meine Haare zurückzubinden. Sonst zieht die Kleine dich hinab, bis du ertrinkst.“ Während ihres letzten Satzes äffte sie jemanden, den ich nicht kannte, sehr abschätzig nach.

„Guter Platz für ein romantisches Date“, antwortete ich, vollkommen benebelt.

Sie lachte nur. Süchtig.

Zuerst wollte ich mitlachen, aber das blieb mir in der Kehle stecken, als sie verlauten ließ: “Date? Mit dir? Wow, das wäre ziemlich abartig.”

Und obgleich ich ihre Stimme liebte, obgleich ich alles an ihr liebte, sah ich nur diese verdammte Schleife hinter ihr hervorblitzen. Blutrot. Neckend. Beleidigend. Schrecklich. Schrecklich schön. Ich schaltete ab, nachdem sie mich geächtet hatte, wie all die anderen. Nachdem sie unsere Beziehung zueinander so sehr beschmutzt hatte, dass sie mich für eine Sekunde nur noch anwiederte. Von einem High hinab in die Realität zu fallen war nie sonderlich angenehm gewesen.

Und dennoch war es ein Unfall.

Ich schwöre, es war ein Unfall.

Leere Augen, der Hals ziemlich abartig verrenkt.

Das Lächeln auf ewig aus dem Gesicht getrieben, durch einen letzten, stummen Schrei ersetzt.

(„Hast du etwa ein Problem damit?“)

Meine Hände, die dunkle Striemen auf ihr hinterlassen hatten.

Ihre Fingernägel, die dunkle Striemen auf mir hinterlassen hatten.

Ich hatte meine Arme ausgestreckt, und sie um diesen wundervollen Nacken geschlossen. Einfach so. Ohne großartiges Nachdenken. Das war nicht so geplant gewesen. Das war nie so geplant gewesen. Ihre Kratzer brannten auf meiner Haut, ihre Tritte schmerzten, und das verdammte Boot drohte zu kentern. Das war nicht so geplant gewesen. Das war nie so geplant gewesen.

Ich wollte doch nur…

Ich war doch nur…

Süchtig.


Ich bin heute Nacht schon wieder hier, obwohl mich die Polizei erst vor wenigen Stunden zu dem rätselhaften Verschwinden meiner besten Freundin befragt hat. Niemand weiß von unserem kleinen Ausflug außer mir; sie hat dieses Geheimnis mit in ihr tiefes Grab genommen. Ich könnte so tun, als wäre ich nie hier gewesen. Als wäre all das nie geschehen. Und dennoch warte ich. Denke an sie. Suche nach ihr.

Mit jedem Mal, den ich den Anker lichte, ohne sie zu sehen, stirbt ein kleiner Teil von mir. Obgleich sie tot sein muss, wünsche ich mir ihr Lachen so sehr. Die Tage unterhalb des Sees hätten ihrem Aussehen sicher keinen Gefallen getan; wir könnten zusammen sein, es wäre alles perfekt. Sie müsste mir meinen kleinen Wutanfall nur verzeihen. Auch, wenn sie tot wäre, könnte ich... würde ich… Ich brauche sie. Selbst mit von Wasser aufgedunsenem Körper würde sich nichts daran ändern. Außerdem - so grotesk es erscheinen mag - sie könnte mir tot nie wieder widersprechen, oder mich verschmähen.

("Hast du etwa ein Problem damit?")

Doch dieses Mal, ja dieses Mal ist etwas anders. Zuerst fühle ich Überraschung, dann Schrecken und sogar Angst. Aber das Gefühl, welches alle anderen überblendet ist Freude; Hoffnung. Für mich ist es keine Warnung. Es ist vielmehr ein Versprechen. Und ich werde warten. Verdammt, ich liebe dieses Mädchen so schmerzlich, was sonst soll ich tun? Das Gefühlschaos in mir ist nicht temporär, es bleibt.

Und der Grund dafür ist eher simpel.

Denn, feinsäuberlich um das hässliche Metall des Ankers gebunden, hängt eine elegante, blutrote Schleife.



Süchtig.


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