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Die Sonne war schon fast untergegangen. Die Welt war in ein schwaches Zwielicht getaucht, als Tom Archer den Feldweg entlangschlenderte, die Leine fest umklammernd, an dessen Ende Charlie, sein massiger Rottweiler, vor ihm herlief. Tom war erst vor einem halben Jahr in dieses kleine Dorf gezogen. In Städten hatte er es nie aushalten können. Er war froh, endlich so einen idyllischen kleinen Ort gefunden zu haben. Das Dorf war von Wäldern umgeben. Bis zur nächsten Stadt waren es viele Kilometer. Es war abgeschieden. Man konnte stundenlang laufen, ohne auch nur einem einzigen Menschen zu begegnen. Genau so wollte es Tom.

Der letzte Rest Sonnenlicht verschwand und Tom konnte den Waldweg nicht mehr vor sich sehen. In seiner Jackentasche spürte er seine Taschenlampe, aber er zog sie nicht hervor. Stattdessen genoss er die Ästhetik der Dunkelheit. Er liebte es, wenn die Nacht sich wie ein wärmender Mantel um ihn legte. Natürlich war der Wald auch tagsüber schön. Aber Tom hatte das Gefühl, wenn man die Welt um sich herum statt zu sehen nur spüren konnte, konnte man mehr in seinem Geist sehen. Er glaubte, wenn man statt des übertriebene Kreischen der Vögel nur das sanfte Flüstern des Nachtwindes hören konnte, konnte man besser auf seine eigenen Gedanken hören können. Und so war es auch.

Während Tom durch die Dunkelheit trottete, raste ein Strom Gedanken durch seinen Kopf. Erinnerungen an seinen harten Arbeitstag, an die Probleme mit seiner Freundin und die Kredite, die er noch zu bezahlen hatte. Versunken in seinen Gedanken bemerkte er, wie Charlie an einem Baum stehengeblieben war, um einen an einem Haufen Laub zu schnüffeln. Da Tom es nicht eilig hatte, blieb er stehen und sah zu, wie sein Hund sein Revier markierte. Als sich Charlie gerade abwenden wollte, blieb er plötzlich stehen. Er starrte direkt den Weg voraus, den sie noch zu gehen hatten. Das Tier wirkte wachsam. Undeutlich erkannte Tom, dass sein Hund die Ohren aufgerichtet hatte. Er hörte ein weiteres Schnüffeln, als Charlie die Luft untersuchte. Tom lauschte angestrengt, spähte umher, darauf gefasst, eine undeutliche Gestalt zischen den Bäumen zu sehen. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer nichts bemerkt hatte, sah Tom zu seinem Hund herab. Charlie verharrte noch immer in der selben Position. Vermutlich hat er nur ein Reh oder so gehört, dachte Tom achselzuckend, ging ein paar Schritte voran und zerrte an der Leine. Der Hund ließ sich nur ungern mitziehen. Er sträubte sich, zog in die andere Richtung und wehrte sich so hartnäckig, dass Tom mit beiden Händen ziehen musste, um Charlie mitzuschleifen.

Je weiter sie in den Wald kamen, desto mehr hielt Charlie dagegen. Der Rottweiler keuchte und hechelte. „Was zum Teufel ist los mit dir, Kleiner?“ fragte Tom schnaufend, denn es war eine Herausforderung, den ein Zentner schweren Hund mitzuschleifen, der sich offenbar lieber erdrosseln lassen wollte, als weiter in den Wald zu gehen. Tom hielt an und stieß einen scharfen Pfiff aus. Charlie hielt einen Moment inne. Dann kam er zögernd zu ihm. Zu seiner Überraschung bemerkte Tom, dass Charlie zitterte, als seine Finger sanft durch das bebende Fell fuhren.

„Was ist denn nur los mit dir? Wenn du nach Hause willst, müssen hier lang. Wir gehen eine Runde, verstehst du?“ Tom wusste, dass Charlie ihn natürlich nicht verstanden hatte. Er hoffte einfach nur, seine Worte würden das verängstigte Tier beruhigen. Tatsächlich ließ das Zittern ein wenig nach. Dankbar richtete Tom sich auf. „Es ist auch nicht mehr weit,“ versprach er, wobei er sich insgeheim fragte, ob dies stimmte. Er war diesen Waldweg bisher noch nie gegangen.

Tom zog sachte an der Leine. Diesmal sträubte Charlie sich nicht, jedoch lief er langsam. Er hielt sich tief geduckt und presste sich an das Bein seines Herrn. Allmählich machte Tom sich ernsthaft Sorgen. Charlie hechelte noch lauter als zuvor, stieß manchmal sogar ein leises Winseln hervor. War er etwa verletzt? Als Tom sich fragte, ob er seinen Hund später zu einem Tierarzt bringen sollte, endete der Weg plötzlich. Vor sich sah Tom eine große Lichtung, in dessen Mitte ein Haus stand. Langsam kramte er die Taschenlampe hervor und schaltete sie an. Nach der Dunkelheit kam ihm der eigentlich schwache Lichtschein gleißend hell vor. Er blinzelte mehrmals, um seine Augen an das Licht zu gewöhnen. Als er wieder aufsah, fiel ihm auf, wie zerfallen das Haus war. Die roten Ziegelsteinwände waren mit diversen Pflanzen bewachsen. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen und mehrere Dachziegel fehlten. Es schien, als hätte man dieses Haus jahrelang den Einflüssen der Natur ausgesetzt.

Als Tom die Lichtung nach einem weiteren Weg absuchte, stieß Charlie ohne Vorwarnung ein schrilles Jaulen aus und raste den Weg zurück. Tom wirbelte herum und wollte nach ihm rufen, doch als die Leine zu Ende war, wurde er zu Boden gerissen. Die Taschenlampe fiel ihm aus der Hand und flog im hohen Bogen in einen Busch. Fluchend kam Tom auf die Beine und rief nach seinem Hund. Er kam nicht zurück. Zur selben Zeit hörte er ein spitzes Kichern hinter sich.

„Hallo? Ist da jemand?“ rief er und tastete in den Sträuchern nach der Taschenlampe. Dornen und Ranken zerrissen seine Kleider. Undeutlich erkannte er zwischen Zweigen und Blättern den fahlen Lichtschein der Lampe. Er streckte den Arm aus, schob Äste beiseite und bekam endlich die Taschenlampe zu fassen. Mühsam zog er seinen Arm zurück, ignorierte den Schmerz der Dornen, die sich in seine Haut bohrten und sie aufrissen. Tom trat von den Sträuchern weg, drehte sich um und hob die Lampe. Vor ihm stand, ein graues Kleid tragend, eine junge Frau, nicht älter als etwa achtzehn. Sie war sehr blass, beinah schneeweiß. Ihre weißblonden Haare, die in langen Locken ihren Rücken hinabfielen, passten zu ihrer Hautfarbe. Sie hatte graue Augen, die Tom stechend fixierten. Einen scharfen Kontrast zu dem Rest ihrer Erscheinung bildeten ihre blutroten Lippen, die, im Vergleich zu dem Rest ihres Gesichtes, kräftig zu leuchten schienen. Tom war wie gelähmt, unfähig zu sprechen oder auch nur den Blick von der jungen Frau abwenden zu können. Sie wäre zweifellos attraktiv gewesen, hätten ihre grauen Augen nicht so einen gebieterischen Ausdruck gehabt. Es schien eben jener Blick zu sein, der Tom in seiner Starre hielt.

Nach einer schier endlosen Zeit begann die Frau zu schmunzeln. Wie von einem Fluch befreit trat Tom einen Schritt zurück, verlor dabei jedoch das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken. Die Frau trat näher. Aus dem Schmunzeln war ein schüchternes Lächeln geworden. Tom lag ihr zu Füßen. Er wollte etwas sagen, brachte jedoch keinen einzigen Laut hervor, sodass sich sein nur Mund hektisch öffnete und wieder schloss. Die Frau beugte sich zu ihm herab und hob ein langes Messer. Ein grausames Grinsen zierte nun ihr Gesicht. In ihren Augen loderte das Feuer wilder Vorfreude. Aus ihrer schüchternen Miene war ein Ausdruck mörderischer Leidenschaft geworden. Tom wollte einen Schrei ausstoßen, jedoch brachte er nichts weiter als ein leises Stöhnen hervor. Er hob seine Hände, um die Frau von sich wegzustoßen. Seine Hände glitten einfach durch sie hindurch, als ob ihre zierliche Gestalt keine Substanz hätte. Das Messer allerdings, das sie in ihren scheinbar lebendigen Händen hielt, war aus echtem Stahl, was Tom spürte, als die Klinge seine Bauchdecke aufschlitzte. Er krümmte und wand sich in seiner Todesqual, noch immer unfähig, mehr als nur ein leises Keuchen von sich zu geben. Er schloss die Augen, kaum noch in der Lage zu fühlen, wie die junge Frau ihr Messer nun direkt in seine Brust stieß.

Als das Leben aus Tom Archer wich, kniete sich die Frau neben seinem Kopf nieder und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Weder ihre Hände, noch ihr schlichtes Kleid waren von seinem Blut gesudelt worden. Als sie sprach, tat sie es mit einem lieblichen Flüstern. „Wenn du Papa findest, sag ihm doch bitte, dass Lia getan hat, was er wollte. Er wird sich freuen, denn Lia ist ein braves Mädchen.“

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