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Es war mal wieder ein Tag wie jeder andere. Beau weckte mich indem er mir mit seiner nassen Zunge über das Gesicht fuhr. Dieser Hund war alles was mir nach der Katastrophe noch geblieben war. Das Einzige was übrig war nachdem die Welt unterging. Alles und jeder, ich war der letzte Mensch auf Erden und es gab keine Erklärung dafür warum ausschließlich ich überlebte!

Ich habe keine Ahnung welcher Wochentag es war. Montag, Mittwoch oder Sonntag? Es machte keinen Unterschied mehr. Die Zeit ließ sich nur noch an Tag- u. Nachtwechsel sowie den Jahreszeiten messen. Am Anfang zählte ich noch die Tage wie lange ich keinen Menschen mehr getroffen hatte. Doch irgendwann hörte ich auf. Es müssen inzwischen Jahre gewesen sein, viele Jahre. Beau war noch ein Welpe als es geschah. Nun war er ein ausgewachsener, verhältnismäßig großer Border Collie. Nomen est omen sagten die Menschen früher und ja, er war wirklich ein wunderschönes Tier. Das einzige was noch zählte war er. Angesichts seiner verlorenen Bedeutung kaum noch in der Lage mich an meinen eigenen Namen zu erinnern, so würde er immer an meiner Seite sein. So wie er es auch bisher immer war als alles andere um uns herum zu Staub zerfiel.

Wir haben gemeinsam den ganzen Kontinent bereist. Über Jahre wanderten wir von Großstadt zu Großstadt. Ständig auf der Suche nach anderen Überlebenden. Doch da war nichts; nur Trümmer. Und nun waren wir seit - vermutlich - einigen Monaten wieder zurück in Paris. Einem Massengrab das auf einem Massengrab stand. Nichts war mehr übrig von der einstigen Stadt der Liebe, den Emotionen die diesen Ort einst ausmachten. Obwohl, doch. Der Blick des Hundes wenn er sich neben mich legte. Doch das war's. Die Stadt lag, wie alle anderen auch, in Trümmern. Kein Gebäude ragte mehr heraus. Keine Hochhäuser, keine Prachtbauten, keine alten Villen. Die Zerstörung machte keinen Unterschied. Lediglich der Turm stand noch, bedrohlich geneigt nachdem einige Teile seiner Stahlkonstruktion geborsten waren. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis er endgültig fallen und mit ihm auch das letzte große Mahnmal unserer untergegangenen Zivilisation in der Asche ihrerselbst verging. Die Asche, überall diese Asche. Doch die Natur nutzte sie um in ihr neues Leben spriessen zu lassen. Und so erinnerten viele Stadtteile inzwischen mehr an einen Wald der sich seinen Weg durch die Überbleibsel der Großstadt bahnte.

Das Leben - nein - die Existenz in dieser Welt war ein Kampf. Es war die Rückbesinnung auf die Wurzeln der Menschheit. Sammeln und Jagen. Meine Geduld und Ausdauer sowie die Kunst Feuer zu entfachen retteten mir früh das Leben. Aufgefangenes und abgeschöpftes Regenwasser konnte ich abkochen. Bei jedem Regen zogen Beau und ich los um mit unseren Kanistern soviel Wasser wie möglich zu sammeln. Gerade im Sommer war es zwingend nötig fallenden Regen sofort zu sichern. Im nächsten Moment konnte er schon wieder getrocknet sein. Nahrung war natürlich ähnlich schwierig zu beschaffen. Inzwischen wuchsen in der Stadt einige Pflanzen und Bäume die einen versorgen konnten. Doch Fleisch war nicht leicht zu finden. Ich hatte überall Fallen aufgebaut um kleine Tiere fangen zu können. Wenn es etwas gab, so war es in der Regel Ratte. Nicht ansatzweise mit der Haute Cuisine zu vergleichen die ich in dieser Stadt einst genoss. Doch es reichte um zu überleben - naja, zu existieren.

An diesem einen entscheidenden Tag nun weckte mich der Hund. Die Sonne stand bereits hoch über der Stadt. Das verfärbte Laub tauchte die ganze Szenerie in ein goldbraunes Licht. Es war Herbst. Ich wusch mir mit etwas abgestandenem Wasser das Gesicht, trank etwas und genehmigte mir ein paar Früchte um genügend Energie vorweisen zu können, den Tag zu überstehen. Mein Domizil war der Eingangsbereich eines ehemaligen Einkaufszentrums. Hier konnte ich mich die ersten Tage gut über Wasser halten, war im Trockenen und hatte Vorräte. Inzwischen hatte ich die einstige Glasfassade mit Holz verbarrikadiert um vor Wind und Wetter geschützt zu sein. Das Vordach nutzte ich um Regen aufzufangen und leitete das Wasser über einige alte Rinnen zu meinen Kanistern. Neben der zentral gelegenen Feuerstelle hatte ich einen gemütlichen Platz für den Hund eingerichtet. Die Einrichtung hatte ich komplett aus dem Kaufhaus genommen, ein Bett, Matratze und Decken sowie Kissen, ein Tisch und Stühle. Wobei ich mich schon seit langer Zeit fragte, wofür ich eigentlich den zweiten Stuhl besaß. Inzwischen hatte ich alle anderen brauchbaren Gegenstände aus dem Bau hinter mir verarbeitet. Oder halt verbrannt, je nach Material.

Nachdem ich richtig zu mir gekommen war verließ ich meinen Unterschlupf und Beau und ich machten uns mal wieder auf die Suche nach allem was wir zum Überleben brauchten. Essen, Wasser und in erster Linie wohl Beschäftigung um nicht den Verstand zu verlieren. Die Luft war golden und roch nach einer Mischung aus Staub und frischem Gras. Beau und ich gingen die einstige Rue Saint-Lazare hinunter, den schiefen Eifelturm von Paris im Blick um in einem etwas entfernteren Teil im Süden der Stadt ein paar Fallen zu sichern. Wir schlenderten durch die Straßen, der Hund hatte Spaß. Ihm war es egal ob die Welt untergegangen war. Er lebte, war nicht allein und war frei. Beau war mir ein Beispiel. Er zeigte mir wie man das Sein betrachten kann ohne seinen Verstand an unsere Situation zu verlieren. Ich versuchte nicht darüber nachzudenken. Doch tief in meinem Inneren wurde mir mit der Zeit immer deutlicher klar, dass diese Sichtweise alles war, was mich derzeit noch am Leben hielt.

Wir kamen bei meinen Fallen an, sie waren leer. Die Gitterfallen hatte ich in engen Seitenstraßen, an verlassenen Metro-Eingängen und Büschen versteckt. Sie waren alle leer. Seit drei Tagen hatte ich in den Fallen hier im Süden keine Tiere mehr gefunden. Das war noch kein Problem, unsere Vorräte waren noch nicht aufgebraucht und es ging auch mal eine Woche ohne Fleisch. Ausserdem waren wir die letzten drei Tage immer in Richtung Süden unterwegs. Morgen würden wir in den Norden der Stadt gehen und dort sicherlich mehr Glück haben. Da oben fanden wir immer mehr. Doch wie auf einem gut bestellten Feld muss man halt auch mal andere Wege gehen und dem Grund die Gelegenheit zugestehen sich zu erholen. Wir schlenderten weiter durch die Straßen der Stadt und lauschten der Stille. Der Wind stand und in den letzten Tagen waren nicht einmal mehr viele Vögel zu hören. Der Großteil schien bereits in Richtung Süden gezogen zu sein. Die großen Schwärme hatte ich dieses Jahr wohl verpasst. Die Lage wurde immer bedrückender umso näher Herbst und Winter kamen. Keine Menschen, kaum Tiere. In den Sommermonaten vergaß man die Einsamkeit dieses Lebens beinahe. Durch die Rückeroberung der Stadt durch die Natur war man nie ganz allein. Doch nun kam die Einsamkeit wieder. Und sie sollte in den nächsten Monaten noch größer, der Überlebenskampf noch härter werden.

Ich hielt an einer Metro-Station. Der Name war auf dem verwitterten Schild nicht mehr zu entziffern. Vorsichtig näherten Beau und ich uns den Treppenstufen und lauschten. Nichts. Kein Windzug, kein Wispern. Da war gar nichts. All unseren Mut zusammennehmend streiften wir zwei einst tagelang durch das Metro-System. Ich rechnete mit allem außer dem was ich dort tatsächlich fand. Das Nichts. Nicht einmal dort hatten sich Überlebende zusammenfinden können. Es gab außer ein paar Ratten nichts. Nicht einmal irgendwelche Monstrositäten die die düsteren Stationseingänge an zu deuten schienen.

Auf dem Rückweg sammelten Beau und ich noch einige Beeren und Früchte die mein Gefährte in zwei Taschen die über seinem Rücken hingen nach Hause trug. Ich sammelte und trug soviel Feuerholz wie ich finden konnte. Die Sonne ging im Westen bereits unter. Es war Zeit in unseren Verschlag zurück zu kehren. Nicht, dass ich Angst vor der Dunkelheit hatte. Doch war die Finsternis hier inzwischen das, was sie einst ausmachte. Absolute Dunkelheit. Vom Mond und den Sternen abgesehen gab es keinerlei Lichtquelle mehr. Lediglich noch mein Feuer. Batterien waren bereits lange vergangen. Beau und ich nahmen eine Abkürzung durch ein altes verfallenes Krankenhaus. Hier hatte ich eine Menge Verpflegung gefunden als sie im Kaufhaus zuende ging. Dazu trug ich damals innerhalb von zwei Tagen noch sämtliches Verbandsmaterial aus dem Hospital heraus. Ich habe noch heute große Teile davon. Glücklicherweise musste ich außer im Falle einiger Kleinigkeiten noch keine größeren Verletzungen an uns beiden verarzten. Hinter dem Krankenhaus stand noch eine kleine Kletterpartie über das an dieser Stelle durch Schutt und Geröll extrem unwirtliche Gelände an. Jeder Schritt musste sitzen. Doch mein Hund und ich waren hier schon so oft langgegangen dass wir absolute Routine hatten. Doch manchmal ist ja gerade diese Routine gefählich. Also besser wieder gut aufpassen. Wir schaften es und waren nun wieder beinahe in der Rue Saint-Lazare. So verging ein weiterer Tag. War er bedeutend? Ich wusste es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Kurz bevor wir wieder bei unserem Unterschlupf ankamen zog sich im Sonnenuntergang der Himmel zu. Doch die Wolken schienen noch recht hell zu sein. Es würde wohl nicht regnen. Wir kamen zurück zum Kaufhaus und ich verstaute alle Fundstücke und Vorräte. Auch ohne Fleisch waren wir erstmal gut versorgt. Ich gab dem Hund noch etwas zu fressen und entzündete das Feuer. Während der Hund fraß trat ich noch einmal aus der Tür heraus und starrte die Straße hinunter. Der Himmel war grau, der Boden tat es ihm gleich. Hier und dort kämpften sich aber auch in diesem Stadtteil bereits Pflanzen durch die zerstörten Häuser und den Asphalt. Pure Stille. Kein Vogel, kein anderes Tier, kein Wind, kein Geräusch. Selbst Beau hatte es sich bereits still auf seinem Platz bequem gemacht. Ich trat wieder herein und setzte mich an das Feuer. Der Hund richtete sich nochmal auf um etwas zu betteln. Ich gab ihm noch ein Stück von einem Apfel den ich aß. Schon in meinem Bett liegend begab mich kurz darauf doch nochmal zur Tür nach draussen. Es wurde Abends bereits sehr kühl, sodass ich - anders als im Sommer - nicht mehr mit geöffneter Tür schlief. Ich schloss sie und legte einen leichten Riegel vor, sodass der nun aufkommende Wind sie nicht aufwerfen würde. Zurück in meinem Bett sah ich in das schwächer werdende Feuer. In wenigen Augenblicken würde es ausgehen und der Raum wäre wieder in die nächtliche Finsternis gehüllt die diese Welt inzwischen eigentlich ständig umgab. Auf die eine oder andere Weise. Der Hund hob plötzlich noch einmal den Kopf. Es klopfte an der Tür!

Was? Es klopfte an der Tür? Das war unmöglich, ich war allein. Einbildung. Da klopfte es wieder. Es musste der Wind gewesen sein. Noch nie hatten Beau und ich einen anderen Menschen getroffen. Doch was, wenn ich mich irrte? Ich sprang aus meinem Bett und rannte zur Tür. Millionen Gedanken schossen mir durch den Kopf. Da konnte doch niemand vor der Tür stehen. Ich sah im Vorbeigehen den Hund an. Er lag immernoch auf seinem Platz und legte nun auch wieder den Kopf auf den Boden. Wenn da jemand wäre hätte er doch stärker reagiert, wäre an die Tür gelaufen. War es doch nur der Wind? Ich musste es herausfinden. Die Tür stand verschlossen vor mir. Wer war da und was wollte er? Oder was war da? Wie sollte ich reagieren? Was sollte ich sagen? Konnte ich überhaupt noch sprechen? Seit Jahren hatte ich kein Wort mehr gesprochen. Meine Hand griff den Riegel. Sollte ich die Tür öffnen? Das Feuer in meinem Raum wurde schwächer. Um mich herum wurde es dunkler und dunkler. Die aufkommende Finsternis setzte mich unter Druck. Wenn das Feuer aus war konnte ich die Tür nicht mehr öffnen. Ich hätte nichts mehr sehen können. Ich zögerte. Da konnte nichts sein. Und wenn doch? Wäre so eine Begegnung wirklich etwas Positives? Worauf würde es hinauslaufen? Und Beau? Was wäre mit ihm, was wenn ihm dabei etwas zustöße? Ich sah den Hund im immer schwächer werdenden Schein des erlöschenden Feuers an. Er schlief, draussen konnte nichts sein. Meine Hand rutschte wieder von dem Riegel an meiner Tür herunter, das Feuer ging endgültig aus. Ich tastete mich durch die Finsternis zurück in mein Bett und legte mich wieder hin. Doch an Schlaf war noch nicht zu denken. Zu viel Adrenalin durchströmte meinen Körper. Nein, kein Adrenalin. Es war Angst. Was war schlimmer? Das, was eventuell vor meiner Tür auf uns lauerte oder die Einsamkeit die Beau und ich lebten?

Dann wieder das Klopfen. Ich bildete mir wieder ein, dass etwas oder jemand an die Tür klopfte. Doch hörte ich auch, wie der Hund erneut seinen Kopf hob. Nein, wir waren allein, da konnte nichts sein. Ich musste mich ausruhen um den nächsten Tag zu überstehen. Während ich langsam in den Schlaf fiel hörte ich wieder dieses Klopfen an der Tür. Immer und immer wieder. Ich driftete tiefer in meinen Schlaf. Das beständige Klopfen wurde leiser und leiser bis es schließlich verstummte. Ob ich morgen Fleisch finden würde?

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