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Abschaum. Egal, wo ich hinblicke. Menschen sind nicht besser als Tiere, sie sind welche. Niemals werden sie Herr sein über ihre eigenen Triebe.

Mit dieser Einstellung lebe ich schon ewig. Ich erkläre auch gern, warum das so ist.

Meine Eltern sind seit 20 Jahren verheiratet. Der ganzen Welt müssen sie zeigen, was für ein traumhaftes Ehepaar die beiden doch sind. Mich täuschten sie nie. Wenn Vater mal wieder arbeiten ist, kommen jedes Mal andere Männer zu uns nach Hause. Freunde von ihr, so erzählte mir meine Erzeugerin. Ich war nie ein dummes Kind. Ihr könnt euch denken, was sie taten.

Doch auch mein Vater kommt oft breit grinsend von der Arbeit. Es war nicht schwer, dahinterzukommen, wieso. Der selbe Grund.

Man hört ja kaum noch etwas Anderes. Es geht schlichtweg nur um das Eine, wie man so schön sagt. Jedem geht es darum. Skandale, oh weh, ein Promi wurde von seiner Frau betrogen. Eine Schauspielerin ist zum dritten Mal glücklich verheiratet, na, so etwas!

Meine Einstellung legte ich niemals ab. Ich glaube aber auch nicht, dass ich sie jemals irgendjemandem erzählt hatte. Wozu auch? Ich bin ja das glückliche Einzelkind aus einem perfekten Familienhaus, da DARF ich etwas Derartiges doch gar nicht denken, oder?


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Ein Klingeln. Immer lauter dringt es in mein Bewusstsein ein. Ich zucke zusammen. Oh, ich muss wohl mal wieder eingeschlafen sein. Frohen Mutes lasse ich meine Hefte und Bücher in den Rucksack gleiten, nachdem ich das Geräusch als die befreiende Schulglocke, die mir meinen freien Donnerstagnachmittag bescheren sollte, identifiziere.

Als ich dann endlich bereit bin, meinen Heimweg anzutreten, ist der gesamte Raum wie leergefegt. Klar, wieso sollte auch irgendjemand auf mich warten? Ich habe mir nie die Mühe gemacht, Freunde zu finden. Das soll nicht heißen, dass man mich verachtet.                          

Jeder akzeptiert mich, ansonsten wird aber lieber Abstand von mir gehalten. Mir ist das mehr als nur Recht. Meine Klasse ist voll von stereotypischen Obermackern und den passenden Gegenstücken, den naiven Tussen, die sich unter den Bemalungen ihres Gesichts verstecken müssen, um sich vor die Tür zu trauen. Da kann ich nur müde lächeln. Menschen, die sich nicht in dieses Schema einzugliedern vermögen, sind für mich nicht einfach zu finden. Oft sind es diese, die in Selbstmitleid versinken und um Aufmerksamkeit winseln oder die, die einfach mit dem zufrieden sind, was sie haben und ihre eigenen Gruppierungen fanden.

Mich irgendwo dort einzufinden, hat mich nie gereizt. Ich bleibe lieber das verwöhnte Einzelkind, welches man von mir erwartet, zu sein. Da fragt sich auch niemand, wieso ich eigentlich nie in Gruppen unterwegs bin.

Gedankenverloren habe ich schon die Hälfte meines Heimweges zurückgelegt. Wozu auch konzentrieren? Jahr für Jahr ist es der selbe, eintönige Weg.                                                          

Doch da, ein provokantes, lautes Pfeifen! Da möchte sich wohl jemand einen Spaß erlauben. Nicht mit mir. Ich drehe mich nicht um. Etwas Hartes trifft meinen Kopf.                            

Knurrend hebe ich den Stein vom Boden. 

"Oh, entschuldige. Der sollte dich nicht treffen. Aber, sag mal, du hörst nicht besonders gut, was?", ertönt eine Stimme frech hinter mir. Langsam wende ich mich ihr zu. Sie habe ich nun wirklich am wenigsten erwartet.

Immer und überall scheint es Ausnahmen zu geben, das will ich gar nicht widerlegen.                

Da gibt es beispielsweise Kira. So sehr ich es auch möchte, es gelingt mir nicht, sie richtig einzuordnen. Man behandelt sie außergewöhnlich respektvoll, jeder möchte mit ihr befreundet sein. Aber ihren Heimweg tritt sie immer allein an. Vielleicht hat sie strenge Eltern, die ihr den Umgang mit anderen verbieten, wer weiß? Ich habe für sie genauso wenig Interesse übrig wie für jeden anderen hier. Nein, Wirklich!

 "Was willst du von mir?", entgegne ich barscher, als ich vorhatte. Das Mädchen vor mir nimmt die Tonlage aber anscheinend nicht wirklich wahr.                                                        

 Ihre hellblauen Augen scheinen mich zu durchleuchten. "Och, nur ein bisschen quatschen!" Ernsthaft? Da bewirft die mich volle Wucht mit einem Stein und will noch allen Ernstes mit mir reden? Für wen hält sie sich? Achja, sie ist ja so super beliebt. Andere würden dafür sterben, einmal von ihr beachtet zu werden. Arrogante Ziege. "Hier... nicht, dass er dir nochmal verloren geht." Ich drücke ihr den Stein in die Hand "Bye... Kira."

Ich gehe meines Weges, ohne ihr noch einen Blick zu würdigen. Sie sagt nichts und macht auch keine Anstalten, mir folgen zu wollen. Ihren Blick spüre ich allerdings noch lange in meinem Rücken brennen.

Diese Nacht schlafe ich schlecht. Ständig muss ich an ihre Augen denken. So kalt, nicht deutbar... ich muss zugeben, dass sie mein Interesse geweckt hat. Ja, erst jetzt! Wenn sie es erneut versucht, werde ich mich auf das Gespräch mit ihr einlassen. Verdammt, ich verliebe mich doch nicht etwa?


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Am heutigen Tage freue ich mich schon förmlich, in die Schule zu gehen. Nicht nur wegen der Aussicht auf das wohlersehnte Wochenende. 

Entgegen meines wenigen Schlafes letzte Nacht bin ich hochkonzentriert. Doch nicht etwa auf den Unterrichtsstoff, nein. Unentwegt betrachte ich sie von hinten. Kira. Ihre Aschblonden Haare reichen ihr bis zur Hüfte. Ab und an kann ich sogar einen Blick ihrerseits erhaschen. Ihre Augen sind unvergleichlich schön. Wie immer beteiligt sie sich freudig am Unterricht, nicht umsonst ist sie der Lehrerliebling. Ich verstehe langsam, warum ihr niemand widerstehen kann. Dennoch traue ich mich nicht an sie heran. Ich elendiger Feigling. Nach der Schule ertönt es wieder. Das Pfeifen. Ihr Pfeifen. Sie hastet mir entgegen. Doch anstatt dass sie mir eine Predigt hält, wie unhöflich mein gestriges Verhalten doch war, begrüßt sie mich fröhlich. "Hallo, Raphael! Hast du heute schon etwas vor?" Wie soll ich auf so etwas reagieren? Verdammt, ich bin noch nicht bereit! Sie zittert ja praktisch vor Freude, mich zu sehen. Nein. Sie zittert wirklich. "Alles in Ordnung bei dir?", frage ich leicht besorgt, ihre Frage gekonnt umgehend. "Klar, na sicher doch! Magst du mich?" Sichtlich erfreut über meine Sorge strahlt sie mich nun an "Stehen mir meine weißen Sachen? Oder magst du eher Buntes?" Auf diesen Ansturm von Fragen war ich nicht vorbereitet. "Äh... nein, das passt zu dir. Ich finde dich auch ganz nett..." "Ohhh, wirklich? Danke, Raphael!" Sie umarmt mich stürmisch, ich muss mich losreißen. "Äh, also... ich habe heute noch etwas vor. Wir sehen uns morgen!", wandte ich mich ab. "Na klar doch! Wir werden uns sehen! Tschau tschau!" Das "werden" betont sie sehr eigenartig, fast sarkastisch. Und auch nach ihrer Verabschiedung macht sie keine Anstalten, zu gehen. Etwas verwirrt krächze ich noch ein halbherziges "Bis dann", daraufhin begebe ich mich schnellen Schrittes Richtung Heimat. Ich weiß, dass sie mir wieder hinterherstarrt. Aber ich denke, dass es mir gefällt.


Wieder diese Schlafprobleme. Auf einmal fühle ich mich in der Dunkelheit meines Zimmers gar nicht mehr geborgen. Heute muss ich wohl mein Licht anlassen. Ich meine, mir einzubilden, wie etwas Weißes an meinem Fenster vorbeihuscht. Ich denke eindeutig zu viel an Kira! Erbost über meine bescheuerte Angst lasse ich die Rolladen heruntersausen. Sind das dort Fingerabdrücke an der Glasscheibe? Blödsinn. Energisch werfe ich mich auf mein Bett, fest entschlossen, endlich Schlafen zu gehen. Doch ich habe sie noch lange vor Augen. Der weiße, lange Mantel, die weichen, blonden Haare. Und die Augen. Diese Augen...


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Heute ist sie nicht in der Schule, komisch, sie verpasst normalerweise keine einzige Stunde hier. Dennoch erwartet sie mich auf meinem Heimweg. Diesmal kein Pfeifen, kein Stein. Sie steht einfach nur da, ihr eisiger Blick scheint mich zu durchbohren. "Du stehst auf mich, oder?" Schockiert starre ich sie an. Hat mich ihr Anblick etwa so hypnotisiert, dass ich gar nicht merkte, wie sie näher kam? Und wieso diese direkte Aussage? Soll das ein Scherz sein? Nein, ihre Miene bleibt eisern. Kein Anflug eines Lächelns. "W-woher willst du das denn bitte wissen?  Wieso sollte ich?? Und überhaupt, w-" Kiras Finger findet ihren Weg schneller an meine Lippen, als mir lieb ist. "Shh... das ist unwichtig. Können wir uns bitte, bitte bei mir unterhalten? Es dauert nicht lange. Keine Angst vor unangenehmen Fragen, meine Eltern sind heute nicht zuhause. Komm." 

Sie reicht mir ihre Hand. Ohne zu zögern ergreife ich sie und lasse mich von ihr führen. Wehren kann ich mich nicht, meine Gedanken sind gelähmt. Fühlt sich so Liebe an? Wie absurd...



"Ist es nicht schön hier?" Kira strahlt, als wir ihre Wohnung betreten. Sie ist nur spärlich eingerichtet: kahle, weiße Wände, ein paar Kommoden, ein leerer Schreibtisch. Kein Fernseher, noch nicht mal ein Teppich ist hier zu finden. "Wohnt... ihr schon lange hier?", frage ich zögernd. Anstatt mir eine Antwort zu geben, scheint sie einen nicht existenten Punkt irgendwo in der Wohnung zu begutachten. "Kira...?" Sie streichelt über meinen Kopf. Verdammt, das fühlt sich so unheimlich gut an. "Raphi, lass uns doch in mein Zimmer gehen, ja?", säuselt Kira. Raphi? So nannte mich höchstens mal meine Mutter, als ich klein war. Egal, neugierig begleite ich sie in ihr Zimmer. Das seltsam Geheimnisvolle an ihr reizt mich aus irgendeinem Grund sehr. Ihr Zimmer allerdings ist komplett leer, einfach nur weiß. Ich fühle mich, als wäre ich in einer anderen Dimension gelandet. "Setz dich doch." Dankend verneine ich: "Ich stehe lieber. Bin nich' so der Fan davon, auf Fußböden zu sitzen." "Fein", meint sie, ohne mich anzusehen, "Aber beschwere dich nicht, falls du den Halt verlieren solltest." Leicht verwundert frage ich mich, was sie damit andeuten möchte. Aber ich bohre nicht nach, zu unschlüssig war ihre letzte Antwort gewesen. Sie wendet sich mir zu. "Raphael, immer, wenn ich so ganz allein in diesem Raum stehe, denke ich an dich. Es ist endlich wahr geworden, du bist hier! Bei mir! Uns kann nichts mehr trennen!" 

Schockiert über ihre plötzliche Euphorie bahnt sich plötzlich ein schreckliches Gefühl in mir an. Mir wird schlecht. Ich muss raus, ich brauche frische Luft! Gerade will ich zur Tür hasten, da findet ein gekonnter Haken seinen Weg in meinen Magen. Ich sinke auf die Knie und muss sogleich erbrechen. Mit Schaudern betrachte ich die rote Färbung meines Erbrochenen. Kira bäumt sich vor mir auf. Ich komme mir so winzig vor. Fassungslos starre ich sie an. "Siehst du? Du hättest dich auch einfach setzen können!" Sie grinst. Dieses Grinsen sieht so abstrakt aus, dass ich es unmöglich beschreiben könnte. Und diese Augen... Ich kann mich ihnen nicht entziehen... "K-Kira... was..." Ein Tritt in mein Gesicht. Alles flimmert vor meinen Augen. Ich falle nach vorn über. Mit hoher Anstrengung hebe ich meinen Kopf. "Spar dir deinen Atem, Kleiner. Du wirst ihn brauchen. Tja, da dachte ich ernsthaft, du wärst anders. Könntest dich mir entziehen. Wie schade..." 

Erst jetzt bemerke ich es. Ich bekomme hier von Minute zu Minute schwerer Luft. "Anscheinend hast du es endlich bemerkt. Hier gibt es keine Fenster. Keinen Sauerstoff. Nur den, den wir von draußen mitgebracht haben. Teile ihn dir gut ein, damit wir noch eine schöne Zeit haben können." Sie passt mittlerweile einfach perfekt in das Bild, welches sich mir hier bietet. Sie erstrahlt im perfekten Weiß, ihre blasse Haut ergänzt dies nahezu perfekt. "Bist du... ein Geist?", bringe ich hustend hervor. "Ach was. Zu viele Horrorfilme geguckt? Ich möchte mich dir gerne vorstellen. Ich bin Luxuria, die Wollust. Du hättest interessant werden können. Ich war der Überzeugung, du könntest mir widerstehen. Lange habe ich dich studiert, doch anscheinend nicht ausreichend genug. Ich bin eure tödlichste Sünde. Ich ganz allein! Früher oder später gibt sich jeder seiner Lust hin, nicht wahr? Ihr seid machtlos! Alle!" Ein irres Kichern entfährt ihr. Machtlos muss ich mitansehen, wie sie etliche Spielzeuge aus ihrem Mantel kramt. Die sind definitiv nicht für Kinder gedacht. Das Flimmern wird stärker. Mit Mühe kann ich noch feststellen, wie sie sich an meiner Kleidung vergeht. "Ich werde großen Spaß mit dir haben, Raphi",säuselt sie erregt, "Leider wirst du das wohl nicht mehr miterleben können..."                                                                                            

Vielleicht ist es besser so. Sie ist nicht das, was sie behauptet, zu sein. 

Doch ich bin es auch nicht.

Denn in einem Punkt hat sie Recht. Wie alle anderen bin auch ich nur ein Tier.

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