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„Also Frau Henkel, der Hornissenstaat ist nun entfernt, Sie können sich wieder sicher fühlen.“ Georg setzte ein breites Vertretergrinsen auf und reichte der Kundin eine verschwitzte Hand, die die Hausfrau nur zögerlich drückte.
„Es tut mir ja schon ein wenig leid, immerhin sollen Hornissen doch so friedfertig sein. Außerdem stehen sie unter Naturschutz. Aber mit meiner Insektenphobie kann ich unmöglich mein Haus mit einem Hornissenstaat teilen“, sagte sie zerknirscht.
„Machen Sie sich keine Sorgen, die Tierchen werden nach Vorschrift an einen Ort umgesiedelt, wo sie niemanden stören. Ein befreundeter Imker hat gute Erfahrungen mit Hornissen, als Schutz seiner Bienenvölker, gemacht“, der Kammerjäger versuchte noch breiter zu grinsen, damit die Frau ihn endlich verabschiedete. Der Nachmittag neigte sich dem Ende entgegen und Georg verspürte das Verlangen nach seinem obligatorischen Feierabendbier.
„Also, wenn Sie keine Fragen mehr haben, dann werde ich mich jetzt um die Umsiedlung der Hornissen kümmern. Wir wollen den armen Tieren doch nicht mehr Stress zumuten, als nötig. Die Rechnung kommt, wie besprochen, in wenigen Tagen mit der Post. Einen schönen Abend noch“, Georg ging, stieg in seinen Wagen und winkte beim Losfahren übertrieben freundlich der Frau, die noch immer in der Tür ihres Hauses stand, wie eine besorgte Mutter, die auf ihr Kind wartete.
Auf dem Beifahrersitz lag ein mittelgroßer Plastikbehälter, aus dem ein lautes Brummen drang. Der Kammerjäger bedachte ihn mit einem bösen Blick. „Olle Hippe, wenn die wüsste.“ Dann klopfte er mit der rechten Hand auf den Deckel. Das Brummen aus dem Innern schwoll an. „Na, ihr hässlichen Mistviecher? Gleich ist es aus mit euch. Oh ja, es wird mir ein Vergnügen sein.“

Wenig später wanderte eine Tiefkühlpizza in den Ofen. Georg stellte einen alten, verbeulten Wasserkocher auf den Gasherd und angelte ein Bier aus dem Kühlschrank, der, bis auf mehrere Flaschen Hansa, ansonsten verdächtig leer war. Das traf auf die ganze Wohnung zu. Georgs spärlicher Besitz bestand aus wenigen alten Möbeln. Die Tapete war alt und vergilbt, der Holzdielenboden abgewetzt und speckig. Von der Decke hingen nackte Glühbirnen und verbreiteten ein gelbes schummriges Licht.
Schnaufend ließ er sich auf den einzigen Küchenstuhl fallen, öffnete die Bierflasche mit den Zähnen und sah flüchtig die Post durch, während das Wasser langsam zu kochen begann.
Rundfunkbeitrag.
Versicherungsbeitrag, 1. Mahnung.
Miete, 2. Mahnung.
Vielleicht sollte er die Miete morgen bezahlen, wenn noch genug Geld auf dem Konto war. Beschissener Job, der nichts einbrachte. Georg fluchte. Wie sollte ein Mann davon leben können, dass er Ungeziefer tötet?
Georg hasste Insekten. Er hasste seinen Job. Er hasste seinen Vater, der ihn gezwungen hatte Kammerjäger zu werden und die kleine, heruntergewirtschaftete Ein- Mann- Firma zu übernehmen.
Aber vor allem hasste Georg Insekten. Diese widerlichen krabbelnden, wimmelnden Viecher, mit zu vielen, dünnen Beinchen und ekelerregend langen Fühlern. Kriechend, krabbelnd, flatternd und fliegend, sie ekelten ihn an und verdienten den Tod. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu dem Plastikbehälter, den er vorhin auf dem wackligen, kleinen Küchentisch platziert hatte. Wieder klopfte er auf den Deckel, um die eingeschlossenen Tiere aufzuscheuchen.
„Gleich ist es aus mit euch. Da hilft auch kein Naturschutzgesetz.“ Das Pfeifen des Wasserkochers unterbrach ihn. „Habt ihr das gehört? Das ist der Klang eures Todes.“ Georg stand auf, nahm die dampfende Kanne vom Herd und öffnete eine kleine Klappe im Deckel des Behälters. Ein engmaschiges Nylonnetz verhinderte, dass die Hornissen durch die Öffnung entkommen konnten. Langsam, mit dem Gefühl tiefer, innerer Befriedigung, kippte Georg das heiße Wasser in den Behälter. Das Brummen aus dem Innern schwoll an, als die Insekten panisch vor dem heißen, nassen Tod zu flüchten suchten, dann verstummte der Lärm allmählich. Der Kammerjäger füllte den Kocher erneut. Erst, als das Wasser aus der Öffnung wieder herausquoll, war er zufrieden mit seinem Werk.
„Drecksviecher. Sucht euch im nächsten Leben eine vernünftige Lebensform aus“, mit diesen Worten leerte er sein Bier und griff sich eine neue Flasche aus dem Kühlschrank. Im Wohnzimmer schaltete er den Fernseher ein. Aber das Programm gefiel ihm nicht. Unzufrieden zappte er durch die Kanäle, den Ton stumm geschaltet, weil er die Stille in der Wohnung bevorzugte.
Das Licht flackerte. Georg fluchte halblaut vor sich hin. Im Schlafzimmer war die Beleuchtung bereits kaputt. Hoffentlich gab jetzt nicht auch diese Lampe den Geist auf. Dann entdeckte er einen Falter, der um das Licht herumschwirrte und zitternde Schatten in den Raum warf.
„Ach ne“, feixte der Kammerjäger, „Du bist wohl lebensmüde, dich hier herein zu trauen.“ Es dauerte nur wenige Minuten, bis er den Falter in einem Glas gefangen hatte. Angewidert ertränkte er ihn in dem Rest des schal gewordenen Bieres, das er gestern nicht ausgetrunken hatte.
Kaum saß er wieder in seinem abgewetzten Sessel, flackerte das Licht erneut.
„Zum Teufel mit euch, ihr wollt mich wohl verarschen!“
Wieder tanzte ein Falter um die Lampe. Der Kammerjäger war schon auf den Sesselrand geklettert, um den Schwärmer ebenso einzufangen und zu ertränken, wie seinen Vorgänger, doch eine Bewegung auf dem Fernseher lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm. Eine dicke, schwarze Spinne krabbelte vom unteren Rand in die Mitte und blieb geradezu provokativ im Bild sitzen.
„Also jetzt ist Schluss. Ich mach euch alle platt!“ Mit hassverzehrtem Gesicht bewaffnete sich Georg mit einer Männerzeitschrift, rollte sie zusammen und schlug nach der Spinne. Aber das Tier wich erstaunlich flink jedem seiner Angriffe aus, schien ihn höhnisch anzublicken und auszulachen.
Dann stieg ihm ein brenzliger Geruch in die Nase. „Scheiße, die Pizza hab ich ganz vergessen.“ Georg ließ von der Spinne ab, wollte retten, was von seinem Abendessen noch zu retten war, aber so weit kam er nicht. Mit offenem Mund starrte er auf das Unfassbare, das sich hinter seinem Rücken abgespielt hatte, während er mit der Spinne beschäftigt gewesen war. Aus allen Ecken quollen schwarze Insekten. Schaben krabbelten die Wände hoch, riesige, haarige Spinnen seilten sich von der Decke ab. Der alte, abgewetzte Sessel wimmelte vor gigantischen Ameisen.
„Das kann doch gar nicht- das gibt es doch gar nicht!“
Als hätten sie nur auf ein Zeichen gewartet, fielen sie über den Kammerjäger her, der vor Ekel und Panik wild um sich schlug und trampelte. Chitin Panzer brachen mit widerlichem Knacken, unter dem Schlag des zusammengerollten Heftes und der Boden wurde glitschig von den gallertartigen Innereien, der zertretenen Tiere. Für einen kurzen Moment sah es so aus, könne der Schädlings- Vernichter den bizarren Kampf gewinnen. Dann krochen die Ameisen in seine Hosenbeine.
Brennender Schmerz zwang ihn schreiend in die Knie. Verzweifelt schlug Georg auf sich selbst ein, doch für jede Ameise, die er zerquetschte, stürzten sich drei neue auf seine weiche, ungeschützte Haut. Mehrere ungewöhnlich große Spinnen krabbelten flink über seinen zuckenden Körper. Koordiniert sponnen sie ihn ein, bis er sich in den klebrigen Fäden nicht mehr rühren konnte. Nur sein Kopf ragte unberührt aus dem Kokon, als verfolgten die Mistviecher einen makabren Plan, an dem er teilhaben sollte. Georg zappelte hilflos und Verwünschungen brüllend in seinen Fesseln. Todesangst und Ekel raubten ihm jeden klaren Gedanken.
Doch der finale Angriff ließ auf sich warten. Schließlich gab er erschöpft auf. Seine Widersacher hatten sich knapp außerhalb seines Blickfeldes gesammelt, als warteten sie auf etwas.
Ein leichtes Vibrieren erschütterte die alten Holzdielen. Bewegung kam in die formlose Masse der Ungeziefer, die plötzlich auseinanderstoben und sich raschelnd im Raum verteilten. Georg blickte sich ängstlich um, sein Herz schlug hart und schnell, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn.
„Nein, bitte, ich will nicht sterben. Ich konnte doch nicht wissen…“, seine Stimme überschlug sich. Erneut vibrierte der Boden, stärker, kraftvoller, als näherte sich etwas Großes.
„Es tut mir leid! Es tut mir leid, ich mach’s wieder gut! Ich will nicht sterben, bitte!“ Etwas Nasses lief über seine Wangen, bis Georg begriff, dass er weinte. Verzweifelt kämpfte er gegen die klebrige Spinnenseide, doch es war aussichtslos. Als er für einen Moment erschöpft inne hielt, stellte er beiläufig und überrascht fest, dass aus der Küche dichte Rauchschwaden drangen.
Als ob dies noch irgendeine Bedeutung für ihn hatte.
Das Unfassbare und Unerklärliche war geschehen und er würde sterben. Der Rauch! Mit einem Geistesblitz rollte er sich auf den Rücken, um so tief Luft holen zu können, wie es der Kokon gestattete. Georg brüllte, so laut er konnte: „Feuer, Feuer!“ Aber der Hilferuf ging in einem entsetzlichen Bersten unter, als die Holzdielen aufbrachen und ein gewaltiges, fahles Insekt aus der Tiefe stieg.
Georg schrie, sein Verstand wandte sich ab, bei dem Anblick der riesigen, beinahe zwei Meter großen, bleichen Gottesanbeterin, die sich langsam in seinem Wohnzimmer aufrichtete und den hilflosen Mann aus kalten Insektenaugen musterte.
Ein Schwall muffiger Kellerluft begleitete sie und vermischte sich mit dem Rauch. Die Masse der Ungeziefer brach in geschäftiges Rascheln und Zirpen aus, als begrüßten sie eine Königin.
Die Gottesanbeterin entfaltete gemächlich die riesigen Fangarme, schnappte in Sekundenbruchteilen das kreischende, zappelnde Bündel, das vor ihr lag und begann ihr Mahl an der Stelle, die ihr zuerst vor das Maul kam. Die Schreie des Kammerjägers, der bei lebendigem Leib gefressen wurde, verhallten ungehört. Aus der Küche drang der flackernde Schein der ersten Flammen, die nach wenigen Augenblicken das Haus in ein Inferno verwandelten.

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