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Sie wünschte sich ein Geschwisterchen. Papa war jetzt schon so lange weg... Mama sagt, er ist verreist, aber sie weiß auch nicht, wann er wiederkommt. Sie erzählt zwar immer, er ist bestimmt nicht mehr lange weg, aber sie sieht nicht so aus, als würde sie das selber noch wirklich glauben. Sie arbeitet seitdem auch den ganzen Tag und hat gar keine Zeit mehr. Sogar am Wochenende muss sie meistens zur Arbeit. Aber abends, wenn sie daheim ist, hat sie immer Zeit für ihre kleine Tochter. Mama sieht in letzter Zeit immer so müde aus, sie braucht ihren Schlaf. Es ist auch nicht so schlimm, dass sie keine Zeit mehr hatte, gute Nacht zu sagen, oder ihr abends ein Lied zu singen, wie früher immer. Aber sie war immer so allein... Mama hatte ihr noch mehr Stofftiere gekauft, als Papa gegangen ist. Aber die antworten ihr nie, als wären sie tot. Und Nachts sieht es immer so aus, als würden sie sie beobachten... Mama hat gesagt, sie passen auf, dass keine bösen Monster ins Zimmer kommen, aber im Dunkeln sehen sie selber aus wie gruselige kleine Monster.

Manchmal lag sie in ihrem Bett und bekam Angst, wenn sie irgendwo ein Geräusch hörte. Ihre Zimmertür war immer einen Spalt offen und manchmal klang es auch so, als würde irgendetwas ganz vorsichtig im Haus herumschleichen. Dann versteckte sie sich immer unter ihrer Decke und versuchte ganz flach dazuliegen und sich kein bisschen zu bewegen.

Heute Abend hatte sie ihre Mutter noch gar nicht gesehen, als sie aus dem Kindergarten wiedergekommen war, stand Mamas Auto schon in der Garage. Auf dem Esstisch stand ein Teller mit Wurst- und Käsebrot, daneben lag ein kleiner Zettel, auf den ein Herzchen gemalt war, darunter stand auch etwas, aber das konnte sie nicht lesen.

Als sie mit Essen fertig war, ging sie zum Schlafzimmer und machte ganz vorsichtig die Tür ein wenig auf. Es war dunkel im Zimmer, also schlief Mama wahrscheinlich schon. Sie wollte sie nicht wecken, flüsterte nur schnell „Gute Nacht“ und machte die Tür leise wieder zu.

Dann ging sie selber in ihr Zimmer, ließ den Rollladen herunter, aber nur so weit, dass unten noch ein wenig Licht von draußen durchkommen konnte und kippte das Fenster. Es war komisch, dieses Gefühl, als wäre man ganz alleine im Haus. Als sie sich umgezogen hatte, schaltete sie das Licht aus. Es war Winter, deshalb war es draußen auch schon ziemlich dunkel und sie sah ein paar Sekunden gar nichts, während sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Die Schatten im ganzen Zimmer machten ihr Angst, in der dunkelsten Ecke im ganzen Zimmer sah es so aus, als würde dort irgendetwas sitzen und sich nicht bewegen, damit sie es nicht bemerken würde.

Sie hielt die Luft an und rannte vom Lichtschalter neben der Tür in ihr Bett, versuchte, so schnell wie möglich unter die Decke zu schlüpfen und zog sich diese bis zum Hals hoch. Ihr Atem ging schnell, sie versuchte ihn zu verlangsamen, versuchte so leise zu sein wie sie konnte. Nachdem sie ein paar Minuten regungslos dagelegen war, beruhigte sie sich langsam. Ihre Stofftiere saßen alle in einer Reihe neben ihr auf der Bettkante, ihre Glasaugen wirkten in dem spärlichen Licht, als würden sie sie anstarren.

Plötzlich wurde es draußen still. Keine Autos mehr, die vorbeifuhren, keine Leute auf der Straße, die sich unterhielten. Und dann hörte sie wieder ganz leise irgendetwas. Sie wusste, dass Holz manchmal leise Geräusche macht, ganz von alleine. Aber dann ging es weiter, kein Knacksen, wie es manchmal von den Möbeln kommt, sondern etwas anderes. Sie zog ihre Decke weiter nach oben, bis fast unter die Nase, versuchte selber kein einziges Geräusch zu machen. Sie stellte sich tot, aber ihre Augen waren weit aufgerissen und suchten hektisch das ganze Zimmer ab.

Dann kam das Geräusch wieder. Es klang wie irgendetwas Schweres, was auf dem Boden liegt und sich ganz langsam bewegt. Es kam eindeutig von unter ihrem Bett. Sie atmete erschrocken aus. Dann wurde es wieder still, ganz still, als hätte es gemerkt, dass es bemerkt worden war. Das kleine Mädchen atmete jetzt ganz schnell, sie presste ihre Bettdecke über ihren Mund und ihre Nase, damit das Ding unter dem Bett sie nicht hört, damit es wieder weggeht.

Dann bewegte es sich plötzlich wieder. Nicht mehr so langsam, als wäre es ihm jetzt egal, noch entdeckt zu werden. Es bewegte sich langsam unter dem Bett hervor. Das Mädchen bekam Panik, sie war kurz davor, anzufangen zu weinen.

„Mamaaaa!“

Die Bewegungen unter ihrem Bett klangen jetzt noch schneller.

„MAAMAAAAAAA!“

Es klang, als hätte es sich jetzt das letzte Stück unter dem Bett hervorgezogen, sie konnte es aber noch nicht sehen. Dann richtete sich die dunkle Silhouette vor ihrem Bett langsam auf. In dem Moment fuhr irgendwo draußen wieder ein Auto vorbei und die Scheinwerfer warfen für einen kurzen Augenblick ihr helles kaltes Licht durch das Fenster.

Der Hals ihrer Mutter war seltsam verdreht, ihr Kopf saß irgendwie schief. Aber am schlimmsten war der wahnsinnige Blick in ihren Augen, die durch ihre wirr herunterhängenden Haare durch ihre Tochter hindurch ins Leere zu starren schienen. Ihre blutleeren Lippen waren zu einem irren Grinsen verzerrt. Dann war das Licht auch schon wieder weg, aber der Schatten und das Bild im Kopf des kleinen Mädchens blieben.

Jetzt kann ich endlich immer für dich da sein!“

Die Stimme ihrer Mutter klang tiefer als normal und hatte einen seltsam hohlen Klang, als würde sie durch einen Tunnel sprechen.

Ich muss dich nie mehr alleine lassen...“

Sie schaute nachdenklich auf den Boden, redete mehr zu sich selbst.

Ihre Tochter hatte sich inzwischen ganz unter der Decke zusammengekauert, sie wollte nichts mehr sehen, die röchelnde Stimme ihrer Mutter nicht mehr hören. Ihre Hände hatte sie auf die Ohren gepresst und sie kniff die Augen so fest zu wie sie konnte, so dass es fast weh tat.

Komm zu Mama...“

Sie streckte ihre dünnen Arme nach ihrer Tochter aus, zog die Decke von ihrem kleinen, zusammengekauerten Körper und hob sie hoch, als hätte sie kein Gewicht.

Sie wiegte den zitternden, kleinen Körper in ihren Armen, wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht und presste ihr dann eine Hand fest auf den Mund. Sie begann leise zu singen.

...schließ die Äugelein fest zu, schlaf in seliger Ruh...“

Als sie mit dem Lied fertig war, legte sie den erschlafften Körper liebevoll wieder ins Bett und deckte ihn zu.

Gute Nacht“



Am nächsten Tag waren auf dem Anrufbeantworter drei Nachrichten, eine von der Kindergartenleitung, die sich erkundige, ob die Tochter krank sei, eine vom Arbeitgeber der Mutter und eine von einem Mann, der sich unter Tränen immer wieder entschuldigte und versprach, bald wiederzukommen.

Noch einen Tag später fand die Polizei in der Wohnung eine Frau an einem Strick von der Decke im Schlafzimmer hängen und im Zimmer nebenan ein kleines Mädchen, das tot in ihrem Bett lag. Die Todesursache konnte nicht festgestellt werden.

Erst, als die ganze Wohnung schon überprüft worden war, fiel einem Polizisten unter dem Esstisch ein Zettel auf, der auf den Boden gefallen sein musste.

Schlaf gut

Darüber war ein kleines Herz gemalt.

-scratch- (Diskussion) 14:05, 6. Mär. 2014 (UTC)

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