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Ein steriler Raum, ein weißer Tisch, ein einziger billiger Klappstuhl. Die Hände zwischen den Schenkeln und mit vor Nervosität trockener Kehle. Das kalte Licht der Lampen zwang sie, die Augen etwas zuzukneifen. Es war so still, sie hörte das Rauschen des Bluts in ihren Ohren. Ein weit entfernter Ozean.

Eine interessante Versuchsreihe. Wie reagiert der Mensch auf Schlafentzug? Psychologische Symptome – physiologische? Genau das wurde an diesem Abend beobachtet.

Eine junge Frau im besten Alter, jedoch sehr müde. Vier Tage ohne Schlaf, mit dunklen Ringen unter den Augen und zerzausten Haar. Sie kaute auf der trockenen Unterlippe herum und zuckte zusammen, als die zarte Haut etwas einriss. Sie wirkte abwesend und unkonzentriert, mied den Blick zum Spiegel. Wie in den Krimis lachte ihr der Einwegspiegel entgegen, verhöhnte ihre inzwischen erbleichte Haut und den gehetzten Blick.

Schlafen war alles an was sie denken konnte. Nur kurz die Augen ausruhen.

Das Kratzen am Haaransatz und an den Armen nahm weiter zu, mit jeder stillen Minute. Bald würden sie anfangen und die Fragen stellen.

'Wie geht es Ihnen heute' und 'Irgendwelche speziellen Beschwerden?'

Nein, keine Beschwerden und es geht mir den Umständen entsprechend. Die Haut juckt noch immer, ja. Nein, keine Veränderung der Kopfschmerzen.

Dann machen sie Leistungstests. Bruchrechnen war am beliebtesten beim Team, doch das konnte sie noch nie so wirklich gut. Jeden Tag wurde es ein wenig schwieriger und inzwischen konnte sie sich kaum noch darauf konzentrieren der Ärztin zuzuhören. Ihre rot umrandete Brille lenkte sie ab – warum war daran eine Kette angebracht, wie bei alten Frauen die ihre Gläser sonst verduseln würden? Verlor sie ihre Brille etwa so oft?

Die Testperson rückte ihre Gedanken zurecht und zwang sich zur Konzentration. Nicht abschweifen, mahnte sie sich streng. Beim Thema bleiben!


Nach einigen Minuten – oder waren es Stunden? - glaubte sie ein Geräusch hinter dem Einwegspiegel zu hören. Sie rutschte auf ihrem Stuhl etwas zurück, in Erwartung dass gleich die Tür sich öffnete.

Doch stattdessen erlosch das Licht.

Überrascht sprang die junge Frau auf, warf den Stuhl zurück und starrte wie gebannt in den Spiegel. Auf die zögerliche Frage hin, ob dort jemand sei, kam wie erwartet keine Antwort. Das Scheppern des billigen Klappstuhls hallte noch kurz in ihrem Kopf nach, bis ein weiteres Geräusch an ihre Ohren drang – ein Rasseln. Es klang wie diese farbenfrohen Musikinstrumente, nur sanft und leise.

Die zweite Nachfrage, ob es Gesellschaft gäbe, blieb ebenfalls unbeantwortet.

Aber noch bevor die heran rollende Panik sich in ihren Knochen festsetzen konnte, flackerten die Leuchtröhren auf und kaltes Licht erfüllte wieder den Raum. Der Schrecken legte sich, sprang sie jedoch mit doppelter Gewalt an, als sie in die Ecke des Raumes sah.


Den verschachtelten, meist bunten Puppen begegnete sie stets mit Respekt, doch dieses Exemplar war besonders grausig. Eine schwarze Matrjoschka, einen guten Meter groß und statt den reizenden, roten Wangen und Lippen zierte das Kopfteil ein faltiges, in sich zusammen gesunkenes Gesicht. Das Ebenbild einer uralten Frau, mit geschlossenen Augen. Es schien so lebensecht; Wenn sie jetzt drei Schritte nach vorn tat konnte sie die weiche, gealterte Haut berühren.

Das Rasseln war verstummt, nur diese groteske Dekoration kratzte ganz tief an ihrem Inneren. Und wenn auch die Augen geschlossen waren – es starrte sie an. Jede Sekunde brannte sich dieses Gefühl noch weiter in ihre Brust und trieb den kalten Schweiß auf ihren Nacken.

Instinktiv wich sie etwas zurück, ließ dabei die Matrjoschka nicht aus den Augen. Die Vermutung dass es ein Test war beschlich sie, nur so richtig festsetzten konnte sich dieser Gedanke nicht. War das wirklich ein psychologischer Test? Oder Halluzinationen?


Das Rasseln war kurz und leise, aber nicht zu überhören. Der Drang sich umzudrehen und davon zu laufen war überwältigend – und trotzdem blieb sie wie angewurzelt stehen. Etwas hielt sie dort, starrend in das Gesicht der Puppe.

Es dauerte einige unendlich lange Sekunden bis sie sich abwenden konnte und durch den sterilen Gang ging, zurück zu der kleinen Hölle in der sie die letzten vier Tage schlaflos verbracht hatte. Zwei Biegungen bis zum Ende des Ganges, mit nichts im Sinn als schlafen – und dem Anblick dieser furchtbaren Puppe. Und dieses Geräusch: Es klang ähnlich dem Rasseln einer Klapperschlange, die eine eindeutige Warnung von sich gab.

Panik ließ ihre Nackenhaare stehen, hängte sich an ihren Schatten und kratzte einschüchternd über ihre Schultern – sie fühlte sich beobachtet. Das Rasseln ließ sie überrascht keuchen, blitzartig herum fahren und erneut starrte sie in das Gesicht der alten Frau.

Sie hatte sich bewegt.

Die junge Frau verharrte kurz in kreischender Panik, nahm dann aber die Beine in die Hand und eilte weiter, um die letzte Ecke bis zu ihrem bezogenen Quartier.

Das Rasseln verfolgte sie, dröhnte durch den Gang in seiner bedrohlichen Banalität.

Es hetzte sie weiter, um die Biegung, wurde lauter und stoppte so plötzlich, dass es für einen Moment in ihren Ohren weiter dröhnte.

Das Gesicht starrte sie an, der Anblick der Matrjoschka ätzte sich in ihre Brust und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Die junge Frau schnappte nach Luft, während das Rasseln erneut begann und weiter, immer weiter zunahm. Das Geräusch allein schmerzte in ihren Ohren, wurde lauter und war irgendwann so durchdringend, dass sie die Hände auf die Ohrmuscheln presste.

Ein kurzer Blick nach vorn, ihr Atem stand einen Moment lang still – und das Rasseln stoppte.

Die Augen der Puppe öffneten sich, langsam und zäh.

Sie schrie, schrie mit dem vollen Volumen ihrer Lungen, verstummte doch mit der Plötzlichkeit mit der auch das Rasseln verstummt war.

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