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Mein Körper kribbelte aufgeregt von dem heutigen Tag. Blanker Zorn ließ mein Blut kochen und mein Herz rasen. Sie hatten es wieder getan. Wieder und wieder warfen sie mir Anschuldigen an den Kopf, die ich nie begangen hatte. Frustriert und mit dem unmenschlichen Drang mich für meine Fehler zu bestrafen, lief ich in mein Zimmer und schmiss meine Tasche achtlos auf den Boden. Das Zittern wurde mit jeder Sekunde stärker, je länger ich von meiner Strafe entfernt war. Fast schon sehnsüchtig holte ich mein Instrument heraus, dass ich benötigte.

Obwohl meine Hände wie Espenlaub zitterten, zeichnete sich ein wohliges Lächeln auf meinen Lippen, während meine blasse Haut langsam und bedächtig eine rubinrote Farbe annahm. Von diesem herrlichen Kontrast zwischen leichenblass und blutrot beeindruckt, stieß ich ein erleichtertes Seufzen aus. Der Schmerz, welcher nur wenige Sekunden nach meinem begonnenen Werk ansetzte, ließ meinen Körper kurz erschaudern. „Angenehm so etwas zu fühlen, nicht wahr?“, erklang eine tiefe und doch junge Stimme unmittelbar in meiner Nähe. Zunächst beschloss ich sie zu ignorieren. Ich wollte ihre Anwesenheit nicht länger bei mir verspüren müssen.

Dennoch erwies sie sich als äußerst hartnäckig und rekapitulierte die eben ausgesprochene Frage. „Angenehm so etwas zu fühlen, nicht wahr?“, diesmal fiel ihr Ton schärfer aus als gewollt. Eine Ewigkeit zog sich die todesstille wie langgezogener Kaugummi über uns her. Einzig das leise, zugleich permanente Tropfen meiner offen zugerichteten Wunde sorgte für eine Unterbrechung. Instinktiv hielt ich meine nun freie Hand gegen eben jene gedrückt, während ich in sein Gesicht blickte. Sein Antlitz glich dem eines 16-jährigen Jungen. Giftgrüne Augen, die im goldgelben Licht der Mittagssonne leicht schimmerten und Haare so schwarz wie die eines finsteren Raben unterstrichen den rebellischen Ausdruck, den er mit seinem Gesichtsausdruck zu verstehen gab. Die Arme unter der Brust verschränkt, ging er langsam auf mich zu.

Während er lief fiel mein Blick prüfend auf seine Kleidung, die einem Emo oder Grufti glich. Aus mir unerklärlichen Gründen, musste ich plötzlich lächeln. Es war vollkommen surreal und dennoch, spürte ich sein vollstes Dasein. „Was willst du? Lass mich allein.“ So kühl wie eben nur möglich versuchte ich ihn vom Gehen zu überzeugen. Jedoch musste ich zur meiner Überraschung mit einer Reaktion rechnen, die ich ihm nie zugetraut hätte. Wie aus einem plötzlichen Instinkt heraus, nahm er mein Messer, dessen scharfe Klinge noch immer mit meinem Blut beschmutzt war und meine Hand, mit welcher ich eben noch vor einer Verblutung zu schützen versucht hatte. Dann legte er jenes in die freie Hand.

„Ich sehe dich jeden Tag. Seit 17 Jahren. 17 Jahre lang leidest du nun schon. Doch gerufen hast du mich erst vor wenigen Tagen. Vor wenigen Tagen hast du mich zum ersten Mal in deinem Leben teilhaben lassen. Du siehst mich, ich sehe dich. Du redest mit mir, ich rede mit dir. War es nicht schön jemanden an deiner Seite zu haben, der genau so war, wie du ihn immer haben wolltest? Wolltest du nicht einen Engel haben, der dich beschützt? Waren es nicht deine eigenen Worte, die du des Nachts gesprochen hast, während deine Gedanken mit dem Tod spielten?“, Verwirrung zeichnete sich auf meinem Gesicht aus, als der Junge von dem Engel redete, der mich beschützen sollte.

Doch dann rezitierte er auf einmal jene Worte wieder, die einst in meinem Kopf erschaffen wurden: „Oh Engel, bitte stehe mir bei, denn ich fühle mich nicht frei! Hier bin ich ganz allein, ohne ein Lichtes Schein.“ "Raphael?", wiederholte ich in der aufkommenden Verwirrung. Mein Gegenüber nickte. „Du wolltest einen Engel haben. Und ich bin es. Dein Engel. Vom tiefstem Herzen hast du dir durch meine Flügel Geborgenheit gewünscht“, urplötzlich kamen tiefschwarze, große Flügel aus seinem Rücken hervor, „so sollst du dies nun bekommen.“ Kaum hatte Raphael die letzten Worte ausgesprochen, umklammerte ich aus einer fremdartigen Bewegung heraus das kühle Metall und stieß es mir mit einem Ruck in den Bauch.

Um mich herum hielten mich seine Flügel wie ein Kokon umschlungen. Alles was ich sah, war sein Antlitz, dessen Form und Farbe sich leicht zu verändern begann. Sein anfängliches emotionsloses Gesicht wechselte zu einem trügerischen, diabolischen Lächeln. Eines seiner Augen färbte sich in ein leuchtendes Blau und schlussendlich verwandelten sich auch seine Haare in die eines berühmten Killers. „Du bist… das… kann nicht…“, begann ich meiner Überraschung unter den schlimmsten Schmerzen Kund zu tun, doch der Angesprochene lachte nur spöttisch. „Mit den richtigen Mitteln ist alles möglich, naives Kind!“

Tränen rollten heiß meinen Wangen hinab, während ich voller Angst und Schmerzen in das Gesicht von Raphael blickte. Worte, wollten mein Sprechorgan keine verlassen. Zu sehr kämpfte ich gegen den Drang dem Tod nicht gegenüber zu stehen. Jedoch kümmerte es meinen Engel nicht im Geringsten. Mit einem geschickten Griff, drückte er mir jenes Instrument tiefer in meinen Bauch, sodass ich unter den größten Qualen aufschrie. Mein Corpus begann unter den schnellen und heftigen Schmerzschüben zu zucken. „Was ist denn los, liebe Rose? War der Tod nicht das, was du dir gewünscht hast?“ Sein diabolisches Lächeln blieb bestehen, während er seine pechschwarzen Flügel von mir entfernte und mit einem Satz sein Lieblingswerkzeug zückte.    

„Alles, was du wolltest war ein Engel der dich beschützt. In deinem Gedicht hast du mich beschrieben, ohne des Vorwissens, wer ich wirklich bin. Und jetzt… da ich dein Wunsch erhört habe, bereitet es mir eine überaus große Freude dich zu beschützen. Sein hysterisches Lachen war unverkennbar der Hinweis darauf, dass er meinen Tod alles andere als angenehm gestalten würde. Seine Augen dürsteten nach meinem Blut, während die große, klaffende Wunde ein wahres Blutbad offenbarte. Langsam schienen die Schmerzen endlich von meinem Körper abzulassen. Mein Körper erschlaffte und ich sank zu Boden. Im Geiste sah ich meinem Engel zum letzten Mal, ehe alles mit einem schnellen Schnitt in meine Kehle endete.

Vor mir stand Raphael. Todesengel ins Spe. In seinen Armen hielt er ein Mädchen. Ihre Haut war ein einziges Schneeweiß und ihren zarten Corpus durchzogen unvorstellbare Löcher und Wunden, die den Anschein erweckten noch zu pulsieren und ihren Lebenssaft auszustoßen. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, wer es war. Es war meine Selbst. Ohne mich weiter zu beachten fiel der Engel, das Kind in den Armen haltend, in die tiefe hinab. Unter mir ertönte tosendes Stimmengeschrei. Kurz darauf umschlang mich die wohltuende Geborgenheit der Schwärze. Umschloss mich Erwartungsvoll, wie eine Mutter ihr liebes Kind…


Geschrieben von: BlackRose16 (Diskussion) 12:06, 5. Mai 2017 (UTC)

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