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1024px-Old-farm-house-4 - West Virginia - ForestWander

Als älteste von drei Geschwistern war es, seit ich denken konnte, meine Aufgabe, mich um das Wohlergehen von Emma und Marie zu kümmern. Mein Vater war von Anfang an für nichts zu gebrauchen. Entweder saß er leise murmelnd in seiner Stube, krumm, gebückt über seine umfangreiche Schmetterlingssammlung, oder aber er wanderte durch die Wälder, immer getrieben von einem gewissen Wahnsinn und der unendlichen Suche nach mehr! – mehr! – MEHR!

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Das war alles, was wir je von unserem Vater zu hören bekamen. Er war ein Eigenbrötler. Ein eigensinniger, unheimlicher Mann, Ende vierzig, ausgemergelt wie ein alter Greis. Schon als 9-Jährige war es mir ein unglaubliches Rätsel, wie mein Vater jemals eine Frau hätte dazu bewegen können, Kinder mit ihm zu zeugen. Was muss das für eine Frau gewesen sein?

Eines Abends, als Vater wieder einmal gebückt über seiner Sammlung saß, sein dünnes, graues Haar in die verschwitzte, verklebte Stirn hängend, wagte ich die Frage aller Fragen: Vater. Kannst du mir etwas über Mutter erzählen. Wie war sie? Still saß er da, starrte in die Sammlung. Die Gaslampe am Schreibtisch zeichnete ihm tiefe Schatten unter die Augen. Kind. Geh‘ schlafen. Ich brauche mehr…

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Den Hof – ein Holzhäuschen am Rande eines Waldes mit kleinem Stall – bewirtschafteten wir Kinder. Von außen erweckte unser Häuschen durchaus den Eindruck eines Idylls. Vor dem Haus standen zahlreiche Apfel-, Birnen- und Zwetschgenbäume, dahinter bepflanzten wir einen kleinen Garten mit Tomaten, Paprika, Bohnen und Salat. Zu Mittag gönnten wir Kinder uns oft einen Sprung in den durch das Grundstück fließenden Bergbach, angelten Bachforellen oder warfen Steine ins kalte Nass. Abends scheuchten wir die Hühner und Schweine in den kleinen, an das Haus angrenzenden Stall, sodass diese nicht von Füchsen gerissen werden würden.

Während all dieser Dinge glänzte mein Vater stets mit Abwesenheit. Auch wenn wieder einmal ein Tier weniger den Stall verließ, als am Vortag hineingescheucht wurde.

Obwohl man meinem Vater vieles vorwerfen kann – Lieblosigkeit, Abwesenheit, Wahnsinn – sorgte er doch Tag für Tag fürsorglich für unser leibliches Wohl. Schon frühmorgens stand ein sättigendes Frühstück bereit, meist bestehend aus einem großen Topf Haferschleim und einem Korb Obst aus dem Garten. Abends bereitete Vater häufig deftige Wildschwein- und Hasenbraten zu. Hier und da gab es Forellen oder auch einmal ein Huhn aus dem Stall.

Meine Geschwister und ich waren also immer gut im Futter. Was den Bauchumfang betraf, übertraf die kleine Emma Marie und mich allerdings bei weitem. Im Gegensatz zu den meisten Kindern in ihrem Alter, hatte Emma bereits mit fünf Jahren nicht nur Pausbacken, sondern ein ausgeprägtes Doppelkinn. Ihre Füße glichen dicken Stampfern, ihr Bauch war überzogen mit Fettröllchen. Oft nannten wir sie Dickerchen, Dickwanst oder Fetti, sodass auch noch dicke Tränen aus ihren dicken, blauen Augen strömten.

Die 7-jährige Marie hingegen, sah mir und Emma kein bisschen ähnlich. Ihre langen, dichten, schwarzen Haare fielen lockig auf ihre breiten Schultern. Ihre dunklen, glänzenden Augen glichen schwarzen Diamanten. Egal, wie viel sie auch zunahm, sie sah stets gut aus – und ihr helles Lachen entfachte ein Feuer in mir, dass ich mir nicht erklären kann.

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Es muss rund um meinen zehnten Geburtstag gewesen sein, als quälende Alpträume begannen, mich Nacht für Nacht aus meinem Schlaf zu reißen. Meine Träume handelten meist von vertrauten Stimmen, verschwommenen Gesichtern, verlorenen Geschwistern, vergessenen Verwandten – alle verschwanden sie in der Dunkelheit des Waldes hinter unserem Haus. Nach diesen verwirrenden Träumen wandelte ich oft schlaflos durch die nächtlichen Räume, lauschte den Geräuschen des Waldes oder sah Emma und Marie beim Schlafen zu.

Eines Nachts, aus heiterem Himmel, entschloss ich mich, die Stube meines Vaters aufzusuchen. Leise schlich ich an sein Zimmer und horchte. Da war nichts. Ich hielt den Atem an und schob langsam die Türe auf. Ich machte einen Schritt vorwärts, die Tür knarzte laut, ich schloss ängstlich meine Augen und – Vaters Stube war leer, ebenso wie sein Nachttopf.

Als ich ihn auch weder in der Küche noch im Stall finden konnte, entschloss ich mich, in mein warmes Bett zurückzukehren, um dort den herannahenden Morgen zu erwarten. Ich hob meine Decke, wandte meinen Kopf zur Seite und sah durch das Fenster hinter meinem Bett. Sah, wie mein Vater gebeugt aus dem Wald schlurfte. Sah, wie er langsam den Kopf hob, um in meine Richtung zu starren. Mit leeren, ausgemergelten Augen. Schnell verkroch ich mich in mein Bett und zog die Decke über den Kopf.

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Am nächsten Morgen war Emma verschwunden. Marie und ich suchten im gesamten Haus nach ihr, im Stall, am Waldrand, am Bach – sie war nirgendwo aufzufinden. Auch Vater war, wie immer, abwesend. Am Küchentisch standen ein Topf Haferschleim und ein Korb Obst.

Marie und ich beschlossen, auf Vater zu warten und anschließend die Suche nach Emma fortzusetzen. Schnell verschlangen wir ein paar Äpfel, versorgten die Tiere und arbeiteten im Garten hinterm Haus. Immer wieder Blickte ich suchend gen Waldrand, in der Hoffnung, Emma würde plötzlich dort auftauchen und mit ihren kleinen Stampfern fröhlich auf mich zulaufen.

Vater kam erst nachts nach Hause. Wieder schlurfte er aus dem Wald, mit diesem bedrückten und doch leeren Ausdruck auf seinem Gesicht. Ich kroch aus meinem Bett, um nach Emma zu fragen. Doch als ich Vater durch die Eingangstür kommen sah, flößte er plötzlich eine Heidenangst in mir ein. Er war verdreckt, hatte blutige Kratzer an den Unterarmen und im Gesicht und schnaufte erschöpft durch beide Nasenlöcher. Noch bevor er mich entdecken konnte, machte ich kehrt und rannte zurück in mein Bett.

Dort angekommen starrte ich grübelnd und besorgt an die Decke. Was, wenn Vater etwas mit dem Verschwinden von Emma zu tun hatte? Nein. Das war unmöglich. Immerhin war er unser Vater… Und abgesehen von seiner komischen Art, naja, hatte er uns noch nie ein Leid angetan.

Immer wieder wälzte ich mich hin und her, bis ich beschloss, Maries Rat einzuholen. Im Schutz der Dunkelheit lief ich den Flur entlang. Zu meinem Schrecken stand die Türe zu Maries Zimmer weit offen. Ihr Bett war leer. Marie? Nichts.

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Plötzlich machte es einen Knall. Mit Schwung fiel die Eingangstür unseres Hauses ins Schloss. Sofort lief ich die Treppen hinab. Vater? Marie? Nichts. Ich öffnete die Tür. Dunkelheit. Nacht. Angst. Ich ignorierte mein Bauchgefühl und rannte barfuß ums Haus. Der Mond erleuchtete den Garten hell. Am Waldrand sah ich Vater, mit Marie unter dem Arm. Sie hing schlaff zu Boden. Mein Atem stockte. Vater. Was sollte ich tun?

Kurzerhand entschloss ich mich, meinem Vater zu folgen. Gemächlich schritt er durch den Wald, überquerte den Bergbach, bestieg einen Hügel… Schritt, für Schritt, für Schritt, für Schritt. Verängstigt und zitternd folgte ich ihm auf leisen Sohlen. Doch bald wurde ich müde. Nach einer längeren Wanderung, sackte ich schnaufend hinter einem Baum zusammen.

Meine Bauchdecke hob und senkte sich schnell, Schweißperlen tropften von meiner Stirn. Als ich mich umwandte, war mein Vater aus meinem Blickfeld verschwunden. Verängstigt kauerte ich mich zusammen und begann zu weinen. Was hatte das alles zu bedeuten? Das Verschwinden von Emma? Maries lebloser Körper in den Armen meines Vaters? Der Weg durch den Wald? Mehr?

Ich weinte eine gute Stunde, bevor ich ein kleines Lichtlein zwischen den Bäumen bemerkte. Ich nahm meinen gesamten Mut zusammen, erhob mich, klopfte mir den Schmutz vom Nachthemd und kletterte weiter durch das Gebüsch in Richtung Licht.

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Bald war ich an einer Hütte angelangt. Das flackernde Licht im Inneren kam zweifelsohne von einer Gaslampe, wie Vater sie immer in seiner Stube verwendete. Ich hockte mich hinter einen Felsbrocken und horchte leise. Plötzlich vernahm ich die Klänge eines alten Cembalos (). Die tiefen Töne krochen unheimlich und verstörend durch den Wald. Langsam, aber sicher fortschreitend, immer schneller werdend, sich im Wahnsinn verlierend, alles durchdringend...

Plötzlich Stille.

Langsam krieche ich an das Fenster. Die Hütte ist leer. Auf einem alten Holzstuhl platziert steht die Gaslampe meines Vaters. Im hinteren, rechten Eck erspähe ich ein Cembalo. Ich sehe nichts. Mutig schiebe ich mich ein wenig näher an das Fenster, ziehe mich nach oben und blicke gen Boden.

Der Boden ist bedeckt mit einer schleimigen Blutspur, rund einen Meter breit. Ich mache mich noch etwas größer und erblicke das Grauen in seinem gesamten Ausmaß: Am Boden liegt Emmas lebloser Körper. Darauf… Eine Schnecke. Eine Raupe. Eine blutrote, fleischige Raupe. Einen Meter breit, zwei Meter lang. Sie bewegt sich wie eine Schnecke voran, hinterlässt eine schleimige Blutspur und glitzert blutrot, schleimig im warmen Licht der Gaslampe. Dunkelblaue, dicke Venen ziehen sich über den Leib der Raupe. Des Monsters. Dicke, blaue Venen, durch die unaufhörlich dunkelrotes Blut pulsiert.

Ich starre regungslos durch das Fenster. Es hebt den Kopf. Den Kopf! Der menschliche Kopf wendet sich dem Fenster zu. Das Ding sieht mich aus pupillenleeren Augen an. Braune, blutverklebte, schleimige Strähnen hängen… ihm… ins Gesicht. Es verrenkt den Kopf, öffnet das Maul und zeigt seine rund angeordneten, spitzen Zähne. Krack! Der Kiefer ist ausgehängt.

Ungläubig sehe ich dem blutroten, venenüberzogenen, schleimigen Ding zu, wie es sich wie eine Schlange über meine Schwester Emma stülpt. Wie eine schleimige, blutige, venenüberzogene, fette Schlange schiebt es sich meine Schwester Emma in den Mund und verschlingt sie langsam, aber sicher, in einem Stück. Dabei hinterlässt es eine weitere, klebrige, blutige Schleimspur am Boden.

Mein Herz bleibt stehen. Plötzlich wird mir bewusst, was ich da beobachten muss. Ich wende mich um, will laufen, nur noch weg, aber lande direkt in den verklebten Armen meines Vaters. Vater! Stoße ich zwischen meinen Zähnen aus. Vater! Was hast du getan? Wo ist Marie?

Mein Vater sieht mit seinen leblosen Augen durch mich durch. Er liebt Cembalo-Musik. Und er ist immer hungrig. Dein Bruder ist immer hungrig. Immer hungrig… Mehr! Er will immer mehr! Fassungslos starre ich ihn an. Mein Bruder? Ich mache einen Schritt zurück, in Richtung Fenster, doch mein Vater packt mich fest an den Schultern.

Aber bald. Bald! Bald wird er sich verpuppen. Er wird sich verpuppen. Und dann, ja, dann. Dann wird er der schönste Schmetterling meiner Sammlung! Der schönste, sage ich dir! Wild verkrallt sich mein Vater mit seinen Nägeln in meinen Armen. Wahnsinn. Das ist Wahnsinn. Ich muss hier weg.

Als ich meine Augen öffne, sehe ich Marie leblos zu Füßen meines Vaters liegen. Voller Leidenschaft haut er in die Tasten des Cembalos, während mein Bruder über mich kriecht. Meine Beine sind verschlungen. Bald werde auch ich es sein.

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