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Ich habe Angst. Mir ist kalt.

In meinen schweißnassen Händen halte ich den Briefumschlag, den ich nur dann öffnen darf, wenn ich überhaupt nicht mehr weiter weiß.

Der Bus, in dem ich sitze, ruckelt vor sich hin. Er hört sich altersschwach an, quietscht und riecht alt und staubig. Die anderen Fahrgäste versinken in den Schatten. Nur ab und zu mal – durch eine Laterne – erhasche ich einen Blick auf sie. Mich schaudert es dann. Sie wirken düster und reden nicht.

Still ist es im Bus – bis auf die Geräusche, die das Fahrzeug macht.

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist mitten in der Nacht.

Noch einmal rufe ich mir die letzten Worte meiner Eltern ins Gedächtnis, bevor ich den Bus bestieg.


Sie sagten, sie danken mir.

Sie sagten, ich wäre ihre letzte Hoffnung.

Sie würden auf mich zählen.

Ich solle tapfer sein. Sie wüssten, dass ich das könne.

Und wenn es gar nicht mehr ginge oder ich am Zielort angekommen sei, dann dürfe ich den Brief öffnen.


Ihre Worte hatten mich verwundert und ich vermutete, es bezöge sich auf unser Grundstück, das sie zu verlieren drohten. Unheimlich aussehende Personen hatten sich vor einiger Zeit als Makler vorgestellt und beanspruchten das Haus und den großen Garten am dunklen Wald.

Meine Eltern aber sind bekannt dafür, niemals einfach so nachzugeben.

Nun sitze ich also im Bus und habe etwas zu erledigen, von dem nur sie wissen, was es ist.

Ich schaue wieder auf den schon zerknitterten Brief in meinen kalten Händen und überlege, ob ich ihn nun öffnen darf. Doch weiß ich nicht, wie lange wir noch fahren werden.

Und so beschließe ich, noch etwas zu warten.

Neben mir auf dem Sitz liegt ein kleiner abgewetzter Koffer. Meine Mutter hatte ihn mir gepackt und in die Hand gedrückt. Ich solle gut darauf aufpassen. Er dürfe nicht verloren gehen.

Ein Fahrgast weiter hinten im Bus hustet laut. Ich zucke zusammen und kann gerade noch so verhindern, dass ich mich reflexartig umdrehe.

Der Husten klingt eher wie ein Bellen. Rau und düster.

Ich schaue aus dem Fenster. Dunkel ist es und die Straße uneben, als führen wir auf einem Feldweg.

Ich kneife die Augen zusammen und starre in die Nacht. War da etwas?

Unruhig rutsche ich auf meinem Sitz herum und zucke erschrocken zusammen, als ein lautes Klicken ertönt. Es kommt von den Bustüren, so als wenn ein Schloss eingerastet wäre.

Hat der Fahrer die Türen verschlossen? Gibt es einen Grund für diese Maßnahme?

Ich werde panisch und meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Ich will raus!


Wir biegen ab und fahren in einen Wald.

Steif sitze ich auf meinem Platz und starre nach draußen. Dann öffne ich den Koffer. Ich muss irgendetwas tun. Muss mich ablenken. Ich brauche etwas, dass meine Nerven beruhigt und hoffe, meine Eltern hatten mir etwas eingepackt, was mir helfen wird.

Fassungslos starre ich in den Koffer. Es befinden sich keinerlei Kleidungsstücke darin. Auch keine Speisen oder Getränke finde ich vor.

Statt dessen liegen dort drei große Glasampullen nebeneinander. Die Flüssigkeit wirkt in der Dunkelheit rötlich.

Es wird eine Sinnestäuschung sein, vermute ich, doch es läuft mir ein Schauder den Rücken herunter.

Neben mir höre ich hektisches Rascheln. Die Fahrgäste werden munter. Sind wir bald da?

Von der anderen Seite ertönt ein Schnüffeln. Leckt sich da Jemand die Lippen? Ein Schmatzen ist zu hören.

Ich wage nicht, aufzuschauen und greife statt dessen zu einem der Gefäße im Koffer. Zaghaft halte ich es fest und wundere mich über die Wärme, die davon ausgeht. Leichter metallischer Geruch steigt mir in die Nase und ich schnüffel an der Flüssigkeit. Durch den Verschluss hindurch erahne ich einen Geruch.

Huch!

Ich fahre zusammen. Der Bus bremst plötzlich hart und kommt zum Stehen.

Erschrocken schaue ich auf, um zu sehen, was passiert ist. Da bemerke ich erst, dass viele der Fahrgäste zu mir aufgerückt sind und mich anstarren. Ich kann sie nicht erkennen, es sind nur Schemen. Aber ihre Augen glühen.


Mir entfährt ein kleiner Schrei, dann verstumme ich.

Hektisch suche ich nach dem Brief, den ich in den Koffer gelegt habe und lasse dabei das Fläschchen fallen. Es zerspringt sofort auf dem Boden.

Laut schreie ich auf, schnelle vom Sitz hoch und renne in den Gang. Der Bus steht und ich erreiche außer Atem die Türen.

Sie gehen nicht auf!

Sie sind verschlossen.

Im selben Moment ertönt hinter mir ein Geräusch und ich drehe mich um. Dabei verliere ich das Gleichgewicht und stürze zu Boden. Etwas springt auf mich zu, verfehlt mich aber, da ich nun unten bin und fliegt durch das Glas der Bustür.

Scherben regnen auf mich herunter, verletzen mich aber nicht ernsthaft.

Ich bin wie erstarrt, doch dann kommt wieder Leben in meine Glieder. Mit letzter Kraft springe ich durch das Loch, das der Körper eben verursacht hat und rolle mich auf der anderen Seite auf hartem Boden ab.

Mein Atem geht stoßweise, meine Rippen schmerzen und ich sehe fast nichts.

Blind rappel ich mich auf und stolpere in die Dunkelheit. Als ich nicht mehr kann, breche ich hinter einem Baum zusammen. Zitternd liege ich da. Doch dann bemerke ich etwas neben mir. Ich greife danach und kann es nicht fassen. Es ist der Brief, den ich verloren geglaubt hatte!

Wie in Trance greife ich danach und öffne ihn. Im Dunkeln sind die Buchstaben schwer zu entziffern, doch ich schaffe es trotzdem, bevor ich das Bewusstsein verliere:


„Sei tapfer, wir danken dir!“

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