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Mein Name ist Edward Hanson, ich bin 24 Jahre alt, lebe zurzeit alleine in einer kleinen Ortschaft in H. und bin Literaturstudent mit Leib und Seele. Sie verstehen es vielleicht; wenn man in einem so kleinen Städtchen lebt, wie ich es tue, überkommt einen manchmal eine gewisse Langeweile, und da ich zurzeit sowieso nach einer neuen Inspiration suchte, beschloss ich, meine Sachen zu packen und für ein paar Tage zu verreisen. Nicht weit, nichts außergewöhnliches, vielleicht in die freie Natur, wandern oder Zelten. Da ich hier in H. nicht allzu viele enge Bekannte habe, benachrichtigte ich meine vertrautesten Freunde, hin und wieder nach meiner Katze zu sehen, die ich über alles liebte. Und wenig später fand ich mich mit dem nötigsten Proviant und einer Landkarte meines Zielortes im Auto wieder.

Als ich nach dreistündiger Fahrt angekommen war, öffnete ich den Kofferraum, um das Gepäck zu holen und mich auf Wanderschaft zu begeben. Ich hatte geplant, einmal durch den Wald zu laufen, ich würde an einer kleinen Ortschaft vorbeikommen, dort ein oder zwei Tage übernachten und dann wieder zurück gehen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, ich hätte es mir eingebildet, aber ich meinte, aus dem Augenwinkel eine kleine, schemenhafte Gestalt aus dem Kofferraum in den Wald huschen zu sehen. Nichts ahnend setzte ich meinen Weg fort und lief unbekümmert drauf los, bis es dunkel wurde. Ich beschloss, mein Zelt aufzuschlagen und auf ein Lagerfeuer zu verzichten, da ich ziemlich müde war und nichts unnötig herauszögern wollte. Es begann schon zu dämmern und ich machte mich an die schier unlösbare Aufgabe; ich hätte eben schon vorher üben sollen, das Zelt zu errichten, aber im Nachhinein ist man schließlich immer schlauer. Ein klagendes Scharren entfernt links von mir ließ mich aufhorchen. Es war inzwischen zu dunkel, um ohne Licht weiter als fünf Meter sehen zu können, und da mir das Geräusch weiter entfernt schien, holte ich eine Taschenlampe und leuchtete in die Richtung, aus der das Scharren gekommen war. Zuerst sah ich nichts, doch plötzlich erschien im Lichtkegel eine kleine geschmeidige Gestalt, und das Licht wurde reflektiert von den gespenstisch grünen Augen einer –

Katze?

Ja, kann es denn sein? Ich traute meinen Augen nicht, als ich das kleine grau- weiße Fellknäuel betrachtete, das meiner eigenen Katze bis aufs Haar ähnelte. Ich war inzwischen näher gekommen. Und selbst wenn, selbst wenn es nicht meine Katze war, was machte überhaupt irgendeine Katze um diese Uhrzeit allein im Wald?

Und plötzlich traf mich der Blitz. Die Gestalt aus dem Kofferraum. Meine Katze musste sich irgendwie unbemerkt in den Kofferraum geschlichen haben und den ganzen Weg mitgefahren sein. Es gab keine andere Erklärung. Als ich das schwarze Halsband mit meiner Adresse bemerke, hatte ich Gewissheit. Diese Katze gehörte mir. Eigentlich wäre ich umgekehrt und hätte sie nach Hause gebracht, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei Dunkelheit mein Zelt wieder einstecken und aus dem Wald finden (und das mit Katze!) könnte, war einfach zu gering. Ich musste wohl oder übel über Nacht hierbleiben. Ich nahm also mein Wollknäuel auf den Arm und machte mich auf, zurück zum Zelt, und -

Wo war das Zelt hin? Ich drehte mich um, leuchtete mit der Taschenlampe in die Richtung, aus der ich gekommen war, und sah nichts als leeren Waldboden. Meine Katze schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, denn ein Geräusch wie das, das sie nun von sich gab, hatte ich noch nie gehört. Wie ein drohendes Jammern. Leichte Panik stieg in mir auf, doch ich suchte weiter, und mein Herz machte einen dankbaren Hüpfer, als ich schließlich die dunkelblaue Zeltplane irgendwo in der Ferne zwischen den Bäumen ausmachen konnte. Habe ich mich wirklich so weit davon entfernt, als ich meine Katze holte? Aber es war inzwischen zu spät, um sich darüber noch Gedanken zu machen. Ich baute das Zelt vollständig auf, immer ein Auge auf meine Katze habend, und ging schlafen. Ich nahm die Katze zu mir ins Zelt und achtete darauf, den Reißverschluss gut zuzumachen, damit meine Katze ja an Ort und Stelle bleiben würde, eine gewisse Tendenz zum Ausreißen hatte ich bei ihr ja heute leider schon feststellen müssen. Ich schlief sofort ein.

Und als ich am nächsten Morgen aufwachte, war sie schon wieder weg. Wie hatte sie das nur geschafft? Schließlich war der Reißverschluss des Zeltes noch zu. Ich stand auf, machte ein kleines Feuer an, da die Sonne noch nicht aufgegangen war, und packte Zelt und Schlafsack ein. Ich legte alles beiseite und begab mich mit meiner Taschenlampe in den Wald. Irgendein ungutes Gefühl, das mich beschlichen hatte, seit ich gestern meine Katze im Wald gefunden habe, brachte mich dazu, die Schritte, die ich in den Wald ging mitzuzählen.

Hundertundeins, Huntertundzwei, in die gleiche Richtung wie gestern, da ich eben aus dieser Richtung wieder ein Scharren vernommen hatte.

Hundertundeinunddreißig, Hundertundzweiunddreißig, und ich hatte meine Katze erneut entdeckt. Sie saß an der gleichen Stelle wie gestern (da war ich mir sicher) und starrte in den Wald. Ich konnte noch die Fußspuren von gestern erkennen. „Was machst du nur immer“, seufzte ich und nahm das Tier erneut auf den Arm. „Diesmal rennst du mir nicht wieder weg, ja?“. Ich drehte mich um, suchte mit den Augen nach dem Feuer, das ich gemacht hatte. Ich entdeckte es nirgends.

Ein seltsames Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus. Hundertunddreißig kleine Schritte bis hierher, genauso viel wie gestern, und ich konnte nicht mal in der Dunkelheit ein Feuer auf dieser Entfernung im Wald erkennen? Wie war das überhaupt möglich?

Ich blickte verunsichert zu der Katze auf meinem Arm. Sie hatte mich mit ihren seltsamen Augen fixiert. Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser, es kann genauso gut sein, dass ich mir das eingebildet habe, aber sie schien mich anzugrinsen. Ich weiß, dass es lächerlich war, aber es war nicht meine Katze. Das wusste ich plötzlich, ich fühlte es. Sie glich ihr bis aufs Haar, fühlte sich zwar irgendwie… schwerer an, aber sie hatte ein Halsband mit meiner Adresse um, und plötzlich sollte es nicht mehr meine Katze sein?  Diese Frage war lächerlich, absolut lächerlich. Halten Sie mich für verrückt, liebe Leserinnen und Leser. Ich habe es zu diesem Zeitpunkt auch getan.

Tatsache war, dass ich mein Zelt schnellstmöglich finden musste. Das wurde mir bewusst, als diese Katze den Blick von mir abwandte. Auf einmal ekelte ich mich vor ihr, wollte sie abschütteln… aber was, wenn es doch meine war?

Ich konnte sie nicht einfach so im Wald zurücklassen, das widerstrebte jeder Faser meines Seins. Und so ging ich blindlings drauflos, in ungefähr die Richtung, aus der ich gekommen war. Und ich erblickte- zum Glück- in weiter Entfernung mein Feuer.

Ich rannte zu ihm, mit der Katze auf dem Arm. Ich hatte die Nase gestrichen voll, das können sie mir glauben. Ich löschte das Feuer, da es inzwischen heller geworden war, und packte meine Sachen zusammen. Da es mir irgendwie auch widerstrebte, diese Katze noch einmal zu berühren, bedeutete ich ihr, mitzukommen. Bisher hatte das immer ganz gut funktioniert, vor allem mit ihrem Lieblingsfutter als Lockmittel. Und auch jetzt, als ich ein paar Streifen getrocknetes Fleisch hatte, schien sie darauf anzuspringen. Sie maunzte bittend und strich mir um die Füße.  Und verstehen Sie, liebe Leser, plötzlich kam mir der Gedanke, dass dies nicht meine Katze sein sollte, doch recht absurd vor. Natürlich gehörte diese Katze mir. Alles andere wäre absolut lächerlich gewesen. Ich ging also beruhigt in die Richtung, in der mein Auto stand. Auf meinen Kompass und die Ortskarte war immer Verlass. Auf den Rast in dem Dorf musste ich dann wohl oder übel verzichten, aber meiner Katze zuliebe würde ich das gern tun.

Umso mehr wunderte es mich, dass ich mich immer noch im Wald befand, als die Dunkelheit erneut hereinbrach. Ich müsste schon längst wieder bei meinem Auto sein. Meine Katze, die auf meinem Arm schlief, kommentierte die Situation durch entspanntes Schweigen.

Und plötzlich war auch dieses Gefühl wieder da. Weshalb kamen mir alle Strecken, sobald ich sie mit dieser Katze zurück legte, so unendlich lang vor? Lag es an mir? Ich war mir relativ sicher, dass ich den richtigen Weg ging. Nur, dass ich auf dem Hinweg nur etwa die Hälfte der Zeit gebraucht hatte, die ich jetzt schon unterwegs war. Die andere Frage war mir schon beinahe zu absurd, als dass ich sie mir überhaupt stellen wollte. Lag es etwa an der… an der Katze? Wie sollte das möglich sein? Hatte meine Katze irgendetwas an sich, das Strecken ausdehnte? Waren dafür die Illuminati verantwortlich? Ich musste grinsen. Ja, wahrscheinlich war es so.

Eine halbe Stunde später war ich immer noch nicht am Parkplatz. Ich beschloss, bei der Familie anzurufen, die ich gebeten hatte, auf meine Katze aufzupassen, um diese zu entwarnen, falls sie sie schon  vermisst hatten. Allerdings hatte ich hier keinen Empfang, also ging ich weiter. Meine Katze war inzwischen aufgewacht und lief nun wieder hinter mir und dem Trockenfleisch her. Ich überlegte gerade, mein Zelt aufzuschlagen, als ich in etwa zweihundert Metern Entfernung mein Auto entdeckte. Ich beeilte mich, hineinzukommen, allerdings schien meine Katze etwas dagegen zu haben: Sie stellte sich mir in den Weg, klammerte sich an mich und war schließlich drauf und dran, zurück in den Wald zu laufen. Als ich sie hochhob, zerkratzte sie mir sogar den Arm. So hatte sie sich noch nie aufgeführt, und sie gab erst wieder Ruhe, als ich sie ins Auto bugsiert hatte. Da ich keinen Käfig dabei hatte, musste sie wohl oder übel mit dem Rücksitz vorlieb nehmen. Ich verstaute mein Gepäck und fuhr los. Nach kurzer Zeit klingelte mein Handy. Ich nahm ab, da gerade keine anderen Autos in der Nähe waren. Es meldete sich die Mutter der Familie, Missy; die ich vorhin versucht habe, anzurufen.

„Hallo, Edward? Ich bin ja so froh, dass ich dich endlich erreiche. Ich muss dir-„

Ich dachte, sie wollte mir gerade beichten, dass sie nicht wusste, wo meine Katze war, doch plötzlich kam alles anders.

„Edward, du bist im Wald nahe bei R., richtig?“ Noch bevor ich antworten konnte, unterbrach sie mich hektisch. „Verschwinde von da. Sofort. Es ist etwas passiert.“ Sie redete so schnell, dass ich sie kaum verstehen konnte. „Missy, reg dich ab. Es ist alles in Ordnung. Erzähl alles nochmal langsam.“ „NICHTS ist in Ordnung! Drei Wanderer waren vorgestern ganz in der Nähe von dir, es kam gerade in den Nachrichten- sie, sie wollten Zelten, genau wie du, aber… aber nur einer hat es überlebt, er… er…“ Sie stoppte, holte tief Luft und setzte erneut an: „Dir geht es gut, richtig? Du bist im Auto“. Ich bejahte. „Also. Der Überlebende hat gesagt, sie hätten irgendwie ihr Zelt nicht mehr gefunden. Sie wären im Wald umhergeirrt, und er hat noch irgendetwas von einem Hund gesagt, den sie bei sich hatten, der aber durchgedreht ist und die beiden anderen in den Wald gejagt hat. Nur er konnte flüchten, die anderen wurden zerfleischt, Edward…“ Ich dachte an das Gefühl, das mich beschlichen hatte; das  Gefühl, dass die Strecken sich immer mehr ausdehnen würden. Und ich Idiot hatte es auf meine Katze geschoben. Was es wirklich war, wusste ich nicht, ich freute mich allerdings im Moment mehr darüber, meinem Schicksal entronnen zu sein, als mir jetzt darüber Gedanken zu machen. Ich holte tief Luft. 

„Missy, da wir gerade beim Thema Haustiere sind: Ich dachte eigentlich, du rufst an, weil meine Katze weg ist. Das hat sich aufgeklärt, keine Sorge, ich wollte nur, dass du weißt, dass sie hie…“

„Edward!“ Sie lachte. „Was redest du. Die Katze ist doch hier bei uns. Ich hab sie gerade eben gefüttert“. Ich drehte mich um. Sie können mich jetzt für Verrückt halten, lieber Leser; ich habe es in diesem Moment auch getan.

Aber ich glaubte zu erkennen, dass das Biest auf meinem Rücksitz mich angrinste.

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