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Über dem Bauernhof lag eine schwüle Hitze. Ein Junge schleppte einen Wassereimer über den staubigen Weg, einzelne Tropfen netzten den ausgedörrten Boden. Der Junge leerte den Wassereimer über ein paar Blumen. Er sah das kühle Nass im Boden versickern, wie es nach und nach gierig von der Erde aufgesogen wurde. Der Junge schluckte. Er nahm den nun leeren Wassereimer und schlurfte den Weg zurück, den er gekommen war. Mitten auf dem Hof stand eine Wasserpumpe. Eine alte, rostige, vielleicht kennt ihr sie von euren Großeltern. Gierig starrte der Junge auf das Wasser, welches in den Eimer floss. Durst.

Nein. Er durfte nicht. Noch nicht. Es war nicht mehr viel Wasser da. Erst das Wichtigste. Dann er. Müde nahm der Junge den Wassereimer auf und stapfte in die Stallungen. Müde Pferdegesichter schauten ihm entgegen, trockene Zungen leckten sich über die Mäuler, angesichts des vollen Eimers. Wieder machte sich der Junge auf den Rückweg. Zur Wasserpumpe. Mit dem Wasser. Sprudelnd ergoss es sich in den Eimer und blinkte klar in der Mittagssonne. Durst.

Nein. Er durfte nicht. Noch nicht. Erst sollten die Blumen und das Vieh versorgt werden. Das hatte der Herr gesagt. Der Junge versorgte die Kühe. Durst. Der Junge versorgte die Schweine. Durst. Der Junge versorgte die Schafe. Durst. Letztendlich gab er dem Herrn das letzte bisschen Wasser. Durst. Nun war es nicht mehr da. Alle tranken. Alle soffen. Nur er trocknete.

Der Junge setzte sich im Schatten nieder und beobachtete die Wasserpumpe. Als sich ein letzter Tropfen am unteren Rande bildete, stürzte er auf ihn zu und versuchte ihn mit der Zunge aufzufangen. Es gelang. Genussvoll ließ der Junge den Tropfen die Kehle hinunterrinnen. Ihm flimmerte es vor dem inneren Auge. Seine Kehle brannte. Seine Haut war rissig. Die Luft um ihn schwirrte vor Hitze.

Der Junge atmete tief ein. Nahm die trockene Luft in sich auf und stieß sie mit einem langem Ausatmer wieder aus. Er brauchte Flüssigkeit. Doch er traute sich nicht, von den Tieren zu nehmen. Er hatte gesehen, wie sie das Wasser in sich hineinschlürften. Ihre durstigen Leiber hatten vor Verlangen gezittert. Der Herr wäre wütend, würde der Junge von den Tieren nehmen. Der Herr war streng. Und egoistisch. Und arrogant. Und faul. Die Faust des Jungen ballte sich. Die Beine drängten den Jungen aufzustehen. Er hatte noch Arbeit zu tun. Er musste den Garten umgraben.

Seine Hände griffen nach der Schaufel, die am Heuschober bereitlag. Ein Mädchen kam des Weges. Sie hielt einen Eimer in den Händen. Der Junge bemerkte den Eimer und musste an den Eimer voll Wasser denken. Voll unerreichbarem Wasser. Die Beine des Jungen trieben ihn dazu an, zum Garten zu laufen und seine Arbeit zu verrichten. Doch der Junge wollte nicht. Er wollte den Eimer. Als das Mädchen den Jungen herannahen sah, ließ es vor Schreck den Eimer fallen. Die Gestalt, die auf sie zu kam, glich einem Jungen. Doch ihre Augen schienen die eines Verrückten zu sein.

Immer wieder flüsterte er: „Durst!“  Kurz vor dem Mädchen blieb der Junge stehen, in einer leicht gebeugten Haltung, die Hände bittend ausgestreckt. Langsam neigte er den Kopf zu der Stelle, wo der Eimer auf den Boden gefallen war. „Wasser!“ Die Hände wühlten durch den auf der Erde verteilten Inhalt des Eimers. Der Junge keuchte angestrengt, ein rasselnder Atemzug entwich ihm.

„Durst!“ Immer wieder ließ der Junge die steinharten Weizenkörner durch seine Hände rieseln und auf den Boden prasseln. Das Mädchen beugte sich vor. Mit leiser zitternder Stimme bat sie ihn immer wieder, sich doch zu beruhigen. Der Junge raufte sich die Haare und fiel auf dem Boden wie ein jämmerliches Häuflein Elend zusammen. Sein Körper zitterte, sein Laute klangen wie Schluchzen, doch keine Träne entwich seinen Augen. Währenddessen versuchte das Mädchen, die Körner wieder in den Eimer zu füllen. Sie heulte leise auf, als eine scharfe Kante des Eimers sie am Finger schnitt. Sofort begann Blut auszutreten und auf den Boden zu tröpfeln. Der Junge hielt inne in seinem Schluchzen. Langsam wendete er dem Mädchen den Kopf zu und betrachtete mit glasigen Augen das Blut, welches auf den Boden tropfte.

„Durst!“ Das war das einzige Wort, das über seine Lippen drang. Er richtete sich auf und packte die Hand des Mädchens. Seine Eigene tastete nach dem Spaten, welchen er in der Nähe hatte fallen lassen. Das Mädchen schrie vor Verwunderung auf, doch ihr Schrei wurde jäh erstickt, als der Junge ihr mit einem kräftigen Schlag mithilfe des Spatens auf den Kopf den Garaus machte. „Durst!“ Blut sickerte aus dem gerade noch lebendigem Körper. Genießerisch trank der Junge die rote Flüssigkeit. Sie sickerte seine Kehle hinab und befriedigte sein unermüdliches Durstgefühl… Durst.

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