FANDOM


Eine Kurzgeschichte von Mirko Morozin Bearbeiten

Er saß im Schneidersitz auf seinem Bett.

213396-insane original

Die Haare waren zerzaust, der graue Jogginganzug wirkte ungepflegt und zerknittert. Auf seinem Gesicht wuchs ein schwarzer Stoppelteppich. Das einzige, was schier ungebrochene Energie auszustrahlen schien waren seine Augen, welche stur geradeaus ins Nichts stierten. Unter dem Kopfkissen lagen die Akten. Alle Akten, die er finden konnte. Niemand hatte den Diebstahl bemerkt. Weder den Diebstahl der Schlüssel noch den der Akten. Es war perfekt über die Bühne gegangen. Keine Fehler, keine Patzer. Rein und wieder raus. Wie eine Katze. Wie eine tollwütige Katze. Er rieb sich die Fingerknöchel, bis diese weiß und taub wurden. Sein Lid zuckte, an seiner Schläfe pulsierte eine Ader in Form eines mäandrierenden Flusses. In seinem Kopf loderte ein Flammenmeer. Doch er löschte es nicht. Im Gegenteil, er schürte die Glut und goss Unmengen Benzin in die lodernden Flammen. Dann gab er sich seinem schier nie endenden Gedankenfluss hin und lauschte seinem eigenen Monolog. Dem Monolog eines Irren.

"Viele Wege führen nach Rom und es brannte am Ende lichterloh durch die Hand eines Mannes ich bewunderte diesen Mann schon immer Nero der Kaiser des Terrors und des Schreckens ich bin fasziniert vom Bösen warum mag ich das Böse so sehr was ist es das mich so daran fasziniert ich sehe Tote viele Leichen und Blut inmitten von Asche und Rauch Leute schreien sie schreien um ihr Leben doch niemand kümmert sich drum ich schreite durch die kreischende und sich windende Menge mein Kopf ist nach oben gereckt ich schreite wie ein König wie ein Cesar wie Nero höchstselbst denn ich bin ein böser Mensch ich bin die Abrechnung ich bin das notwendige Böse hier um das zu tun was meine Bestimmung ist aber kenne ich die überhaupt mit Gewissheit ich wünschte alles wäre nicht so diffus und so unscharf ich sehe zwar den Weg den ich gehen will und höre auch die Stimme die mir sagt was alles zu tun ist doch nagen Zweifel an mir Zweifel an meinen Fähigkeiten an meiner Bereitschaft ich hasse es ich hasse mein Leben dieses langweilige Dahindümpeln diesen Trott mein Kopf packt dieses Martyrium nicht mehr und ich will es auch gar nicht mehr ertragen müssen ich bin hier um endlich große Dinge zu vollbringen endlich eine Sache durchziehen knallhart und ohne Kompromisse diese Bastarde werden versuchen es zu begreifen mich zu begreifen ein jeder von ihnen meine Familie natürlich auch Gott diese Bagage ich kann sie nicht mehr sehen und sie werden das schwarze Schaf ausstoßen und ich werde mit Freuden ihre Entscheidung entgegennehmen und diesem Pack dabei lachend vor die Füße spucken immer diese Erwartungen diese Wünsche diese verlorenen Träume die ich für das Versagen meiner Familie leben sollte das ist der Fluch der Nachgeborenen aus dem Schutt der Vorgänger wieder etwas glorreiches errichten zu müssen doch nicht mit mir ich werde in dem Trümmerhaufen tanzen und Aschewirbel in den glutroten Himmel emporsteigen lassen und damit beweisen dass ich wohl zu ungewöhnlichen und großen Taten fähig bin denn ich besitze Leidenschaft und den Willen zu verstehen zu begreifen niemals wieder werde ich für die schmierigen Arschkriecher irgendwelche Bagatellen zu rührenden Stories aufblasen nur damit sich die Verkaufszahlen ihrer Schundblätter steigern wie oft habe ich mir geschworen eines Tages richtige Journalistenarbeit zu machen Dinge die mich interessieren und nicht zu Tode langweilen Rentner bei ihren kleinen Kaffeekränzchen nach den Gründen ihres langen und glücklichen Lebens zu interviewen und darüber berichten wie eine kleine Gruppe Halbstarker in der Nachbarschaft einen Kaugummiautomaten in die Luft gejagt haben mit Böllern von Silvester wie kümmerlich wie erbärmlich ich kann es nicht fassen mich an diesem elenden Schauspiel derart lange beteiligt zu haben du Dummkopf du hast dich immer unterschätzt und immer deinen wahren Wert verkannt lüg dich nicht an so ist es immer dachtest du das geht nicht das packst du nicht verdammt noch mal jetzt sieh dich an was du in dieser kurzen Zeit geleistet hast ja so ist es ich bin Nero ich bin entschlossen unter meinem Kopfkissen liegt mein Schlüssel zu Ruhm und Anerkennung und ich werde ihn nicht mehr aus meinen Händen legen ich werde verstehen und begreifen und niemand wird an meinem Tun zweifeln ich will diesem Pack zeigen wozu ich fähig bin dann wird ihr Lachen im Halse stecken bleiben und ich drücke noch fester zu wie er es einst tat oh mein Gott ich bin so nah dran was du wohl von mir denken musst ich wühle mich durch deinen blutigen Morast den alle vertuschen wollen und vergessen doch du bist viel mehr als ein Mann der hier elendig verreckte du bist eine Persönlichkeit ein Charakter mehr erinnerungswürdig als alle die ich kenne denn du hast dein Ding durchgezogen wohldurchdacht und mit Präzision und Selbstbeherrschung deine Taten sind meisterhaft durchgeführt worden und niemand kam dir dadurch auf die Schliche und ich will verstehen was deine Antriebsfeder war was hat dich dazu gebracht dich von aller Logik freizusprechen und dadurch grenzenlose Freiheit zu erreichen du hattest keine Angst vor dem was eines Tages kommen würde du warst frei von Angst und deswegen bewundere ich dich du warst der Nero der Angst und ich will wissen wie du das geschafft hast ich will auch meine Spuren in der Geschichte hinterlassen deine waren blutig und dadurch umso unvergesslicher und ich werde mich an dich heften wie ein Parasit an seinen Wirt du wirst sehen glaub mir deine Geschichte war viel zu lange verschlossen geblieben zwischen vergilbten Blättern und dunklen Geheimnissen ich werde in sie eintauchen und Teil davon werden ich habe auch keine Angst denn ich habe nichts mehr zu verlieren und wenn etwas die Geschichte bewiesen hat dann ist es die grenzenlose Gefahr die von einem Mann ausgeht der nichts mehr zu verlieren  oder alles zu gewinnen hat..."

Es klopfte an der Tür. Er lächelte müde. Er ließ seinen Nacken mehrfach lautstark knacken. Der dritte Akt hat begonnen. Und die Klimax würde kommen, da war sich der junge blasse Mann sicher. Er zischte die folgenden Worte so leise, dass nur er sie vernehmen konnte. Und der Arzt, der nun das Zimmer betrat, hatte keine Ahnung, wie ernst der blasse junge Mann diese Worte meinte. Niemand konnte das. Nur er selbst.

"Ich werde erfolgreich sein. Ich werde unsterblich sein. Ich werde ihn töten. Ich werde ihn vernichten. Zerreißen. Ausbluten lassen. Seine Haut anziehen wie einen Mantel. Ich werde seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in mir aufnehmen, verdauen und wieder ausscheiden. Ich werde es tun. Ich kann es tun. Ich bin Satan. Ich bin Gott. Ich."

Er grinste.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki