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Mein Atem schwebt mir in kleinen, weißen Wolken vor dem Gesicht, während ich die Straße entlanggehe. Es ist kalt, wie immer in dieser Nacht. Zum Glück hab ich meine warme Jacke angezogen, noch bevor ich zu Jeff gegangen bin. Konnte doch nicht ahnen, dass er mich einfach so rausschmeißt. Meint, er müsse noch mit seinem kleinen Bruder Halloween spielen und habe vergessen, es mir zu sagen.

Dieser Idiot. Wir haben diesen Abend bereits seit zwei Wochen geplant. Erst ein wenig alleine um die Häuser ziehen, nur um zu gucken, wer sich so alles in Schale geschmissen hat, um Süßigkeiten abzustauben, danach ein Filmabend – nur Horrorfilme, versteht sich – und danach, mal sehen... was ein Siebzehnjähriges Mädchen mit ihrem Freund halt so macht, wenn die beiden die ganze Nacht alleine zu Hause sind...

Strengt halt eure Fantasie ein wenig an.

Aber jetzt... er hat wohl vergessen, dass seine Eltern seinen Bruder zu Hause lassen wollten und er mit ihm um die Häuser ziehen musste. Übrigens, mir hätte es nichts ausgemacht, die beiden zu begleiten. Aber es ist so, dass Jeff es nicht aushält, wenn er, sein Bruder und ich uns auch nur fünf Minuten im selben Raum aufhalten. Keine Ahnung, warum das so ist, aber na ja... jeder hat halt so seine Macken.

Dummerweise habe ich für heute Abend keine Mitfahrgelegenheit mehr zurechtgelegt, weil ich ja nicht wissen konnte, dass...

Wie auch immer. Stolpere ich halt um Halb Zwölf in Rock und Stöckelschuhen, aber mit meiner warmen Jacke, durch die Nacht des Grauens und frage mich, wieso ich eigentlich nicht richtig sauer auf Jeff bin.

Hach, es wird wohl die Liebe sein. Grausame Sache, die Liebe, findet ihr nicht auch? Man wird verletzt, ignoriert es aber, obwohl man tief im inneren weiß, dass es dir nur schadet...

Ups, hihi. Tut mir Leid. Ich rede hier und rede, von meinen Gefühlen und der Missachtung, die sie heute erfahren haben und vergesse dabei völlig die schönen Dinge, die Jeff und ich gemeinsam erlebt haben. Und nein, davon werde ich jetzt nicht erzählen, haha. Einige davon sind nämlich nicht so ganz jugendfrei...

Wie auch immer, ich erreiche nun den Wald. Von hier aus nur noch knapp hundert Meter, bis ich Zuhause bin. Ich höre das Heulen eines Wolfes... Moment, gibt es hier überhaupt Wölfe? Na, wird wohl ein Scherz von Kindern oder Jugendlichen sein, um den Leuten Angst einzujagen. Ich gebe zu, ich hatte auch kurz Gänsehaut.

Ich freue mich schon auf mein warmes Zimmer, denn langsam fängt es echt an, um meine nackten Knie herum zu frieren. Da wärme ich mich doch damit, mir auszumalen, wie ich mir einen schönen, kochend heißen Tee mache und mich danach aufs Bett werfe, um ein wenig Fernzusehen. Heute kommt mein absoluter Liebling aller Horrorfilme, Die Frau in Schwarz.

So in Gedanken, hätte ich den Mann am Waldrand beinahe nicht bemerkt.

Nun, im ersten Moment war ich mir nicht mal sicher, ob es sich überhaupt um einen Mann handelte... Verdammt, ich wusste ja nicht mal, ob es ein Mensch war.

Er war einfach nur ein schwarzes Bündel, das auf der dünnen Grasstelle zwischen Straße und Waldrand lag. Ich sah es mir erst genauer an, als es sich bewegte und leise krächzte.

Ich blieb stehen und blickte auf die andere Straßenseite, wo es... wo er lag. Meine Gefühle waren, verständlicherweise, zwiegespalten. Auf den ersten Blick war da nur eine Person, die am Boden lag, vermutlich ein Mann und kräftiger als ich. Vor allem der letzte Punkt war wichtig. Wenn man als ein hübsches Mädchen allein unterwegs ist, noch dazu so spät in der Nacht an Halloween, dann sollte man vorsichtig sein.

Andererseits klang dieses Krächzen schwach und krank, als wäre er verletzt oder so... Und eigentlich verdankt der Mann es nur dem Umstand, dass Vollmond war, die Tatsache, dass ich zu ihm eile.

Warum das so ist? Der Vollmond hat mir zwei Dinge gezeigt. Erstens, dass sich etwas dunkel glitzerndes auf dem Boden befand. Etwas, dass ich nur zu gut aus diversen Filmen kannte: Blut. Jede Menge davon.

Und zweitens die Stelle, aus der das Blut kam, oder zumindest eine von mehreren, aber mit Sicherheit die schrecklichste.

Der rechte Arm des Mannes war komplett abgerissen worden.

Ich hocke mich neben ihn und stupse ihn unschlüssig an: „Ähm... Wie... geht es Ihnen...“ Dann schüttele ich den Kopf. Gott, ist das bekloppt. Der hat den Arm verloren und verblutet hier gerade, und ich frage, wie es ihm geht...

Er bringt als Antwort nur ein weiteres Krächzen heraus und versucht sich auf den Rücken zu rollen, was ich insgesamt als: „Mir geht es beschissen“, interpretiere.

„Nein, warten Sie. Ähm... blei... bleiben Sie liegen, okay? Ich... äh... ich rufe einen Krankenwagen. Moment...“

Mit zittrigen Fingern hole ich mein Handy aus der Tasche und merke nebenbei, das mir Blut an den Händen klebt. Egal.

Ich tippe die Nummer für den Notruf ein und erstarre zu Eis, als ich merke, dass ich hier kein Netz habe.

Nein, jetzt mal ehrlich: Kann das wahr sein? Da findet man einmal einen Schwerstverletzten, der einem praktisch unter den Händen wegblutet, und dann hat man kein Netz. Verdammt, das ist schon fast Horrorfilm-Logik.

Ich seufze und verfluche meine Eltern dafür, in einen Teil der Stadt gezogen zu sein, in dem es abgesehen von unserem nur noch vier weitere Häuser gibt. Für den Rest müsste man etwa Zehn Minuten laufen...

„Äh... Ich... ich komme gleich wieder, in Ordnung? Ich muss nur schnell jemanden um Hilfe bitten...“

Oh Mann, das klingt selbst in meinen Ohren blöd und hilflos.

Ich sehe mich um. Mein Haus ist am weitesten von allen entfernt, die Familie Krantz ist im Urlaub...

Ich renne herüber zu dem nächstbesten Haus. Ich kenne die Leute, die hier wohnen, nicht, aber sie sind offenbar zu Hause. In der Küche brennt Licht.

Ich klingele, und kurz darauf öffnet einer dieser Menschen, vor denen im RTL-Reallife-TV immer gewarnt wird. Das wandelnde Klischee eines Harz-IV-Empfängers. Na ja, egal. Solange er ein Telefon hat...

Atemlos blicke ich ihn an: „Ent... entschuldigen Sie, aber... ich müsste... mal ihr... Telefon benutzen...“

Sein Gesicht verfinstert sich: „Warum?“ Mehr sagt er nicht. Ein einziges Wort und schon so voller Verachtung...

„Da draußen... liegt ein Mann, der...“ Oh Gott, ich muss erst wieder zu Atem kommen...

„Der Mann ist verletzt, und mein Handy funktioniert nicht. Ich muss einen Krankenwagen rufen...“.

Ohne mich ausreden zu lassen, schmeißt er mir die Tür vor der Nase zu.

Perplex starre ich auf das Milchglas, dann blinzele ich: „Hey! HEY! Sie können mich doch nicht...“.

Die Tür geht wieder auf, und der Kerl funkelt mich an: „Ich hab' keinen Bock auf eure Halloween-Scherze. Verzieh dich von meinem Grundstück, oder ich rufe die Polizei!“.

Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, dass die ihn am liebsten auch gleich mitnehmen würden, aber dann verwerfe ich ihn und widme mich wieder dem Wohl des verblutenden Mannes: „Mann, dann rufen Sie doch die Bullen, meinetwegen. Und sagen Sie denen am besten, sie sollen einen Notarzt mitschicken.“.

„Nix da. Die Bullen, die dich einkassieren, wenn du nicht Leine ziehst, und nichts weiter. Also?“.

Ich fasse es nicht. Der Mann verblutet nur zehn Meter entfernt und dieser Bildungsfremde in seinem Unterhemd, das den Bierbauch nicht mal ansatzweise verdeckt, verweigert jede Mithilfe.

Ich glaube, ich bin einfach zu niedergeschlagen von dieser wahnwitzigen Idiotie, weshalb ich nur den Kopf schüttele und sein Grundstück verlasse.

Ich will wieder nach dem Mann sehen, fürchte aber, damit zu viel Zeit zu verschwenden, weshalb ich mich direkt an die beiden verbleibenden Häuser wende.

Nun, um es kurz zu machen, das Ergebnis war ernüchternd. Zuerst erwartete mich ein kleines Mädchen, dessen Eltern nicht da waren, und anscheinend hatten sie ihr eingebläut, niemanden reinzulassen. Zugegeben, ich kann ihr keinen Vorwurf machen, sie war gerade erst Zehn oder so...

Na ja, sie wollte mir noch Süßigkeiten geben, aber dafür habe ich jetzt echt keine Zeit.

Im letzten Haus wohnte eine alte Lady, und offenbar ist ihr Hörgerät defekt, denn als ich ihr sagte, ich müsse den Krankenwagen anrufen, meinte sie nur, sie wollen keinen Herd kaufen und hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Ich laufe jetzt zu dem Mann zurück und komme mir vor wie in einer besonders unoriginellen Geschichte von irgendeinem sadistischen Autor.

Ich komme bei dem Mann an und sehe, dass er sich nicht mehr bewegt. Sein Armstumpf jedoch blutet immer noch, und so gehe ich davon aus, dass er noch lebt.

Und dann kommt mir eine andere Idee, so simpel, dass es schon fast peinlich ist, dass ich nicht vorher daran gedacht habe.

Ich stehe auf und renne los, so schnell ich nur kann. Zu mir nach Hause. Festnetz, ein Erste-Hilfe-Kasten, bis der Arzt kommt, alles hier. Das ich da nicht früher drauf gekommen bin...

Ich rufe den Notarzt, schildere ihm die Lage, nenne die Adresse... das Übliche, sozusagen.

Danach schnappe ich mir den Erste-Hilfe-Kasten und renne den Weg zurück zum Wald.

Ich glaube, ihr könnt euch meine Verwunderung vorstellen, als ich zwar die gigantische Blutlache sehe, nicht jedoch den halb toten Mann, der sie verursacht hatte.

„Was zum...?“, entfährt es mir, und ich blicke mich irritiert um. Nirgends ist er zu sehen... Weggeschleppt hat er sich nicht, dazu muss er zu schwach gewesen sein, und die Wahrscheinlichkeit, dass einer der anderen Anwohner ihm geholfen hat ist, so traurig es auch klingt, minimal.

Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich danach im Wald und am Waldrand umhergeirrt bin, aber nun habe ich genug. Der Mann ist weg, und ich werde ihn nicht finden.

Langsam und erschöpft gehe ich wieder nach Hause. Das Klick-Klack meiner Stöckelschuhe beruhigt mich irgendwie, obwohl mir gerade gar nicht nach Ruhe zumute ist. Die ganze Sache ist doch echt merkwürdig. Erst liegt da dieser Mann, mit einem abgerissenen Arm und blutet wie ein Schwein, und als ich es endlich hinkriege, den Notarzt zu rufen, ist er verschwunden. Einfach so, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, von den ungefähr tausend Liter Blut mal abgesehen...

Als ich die Türe aufschließen will, merke ich, dass ich vorhin vergessen habe, sie zuzumachen. Na ja, auch egal. Ich gehe rein und mache sie zu. Dann will ich das Licht anmachen.

Es bleibt aus.

„Shit! Funktioniert heute denn gar nichts!?“, brülle ich ins Haus. „Scheiß Halloween!“

Den Erste-Hilfe-Kasten, den ich immer noch in der Hand halte, lasse ich achtlos zu Boden fallen. Danach gehe ich ins Wohnzimmer und hoffe, dass nur die Glühbirne kaputt ist und es sich nicht um einen Stromausfall handelt. Ich habe jetzt richtig Lust auf einen guten Horrorfilm.

Im Wohnzimmer herrscht ein bestialischer Gestank, fast so wie von schimmelndem Holz, zumindest stelle ich es mir so vor. Nur sehr viel stärker. Wahrscheinlich irgendwas Kaputtes in den Wasserleitungen, um das sich meine Eltern morgen kümmern können. Ich hab heute echt die Schnauze voll.

Oh, nein. JETZT habe ich die Schnauze voll. Der Fernseher funktioniert auch nicht, und der Gestank wird stärker. Ich wische mir mit den Händen die Wut-Tränen aus den Augen und drehe mich um zum Fenster, das den Blick auf unseren Garten freigibt. Jetzt ist freilich kaum etwas zu erkennen, auch wenn der Vollmond so schön scheint.

Ich blicke hinauf in den Himmel und zum Mond. Er hat eine beruhigende Wirkung, die ich im Moment wohl mehr als alles andere benötige. Ich atme langsam ein und aus...

Und stocke. Kneife die Augen zusammen. Täusche ich mich etwa? Nein, ganz sicher, neben dem Mond sind zwei gelbe Schlitze aufgetaucht, links und rechts davon. Und sie breiten sich aus...

Das es nur Spiegelungen auf der Scheibe sind, merke ich erst, als sich eine nach verwesendem Holz stinkende Pranke um meinen Hals legt.

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