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Es gab keine Spur mehr von dem Dampf, der vorhin noch über ihr geschwebt hatte, und dennoch schien die Flüssigkeit unerträglich heiß, als ich vorsichtig an ihr nippte. Sofort verzog sich mein Gesicht, denn - Wunder, oh Wunder - mein ehemaliger Lieblingstee schmeckte grauenvoll, geradezu wie verdaut und wieder ausgekotzt. Dennoch wagte ich es nicht, die noch halbwegs wärmende Tasse wegzulegen, aus Furcht, ich würde sonst an meiner inneren Kälte verrecken.

Kaffee wäre im Nachhinein betrachtet wohl die bessere Wahl gewesen, denn, obwohl ich das bittere Gesöff verabscheute, konnte ich nicht leugnen: Es hielt einen wach.

Und ich war kurz davor, einzuschlafen, mit dem Kopf auf der Tischkante aufzutreffen, vom Stuhl zu Boden zu fallen, dort in einer Pfütze meines Blutes und vielleicht auch ein wenig meiner Gehirnmasse zu sterben, die aus dem gähnenden Loch meines Schädels fließen würden. Tote Augen sähen zur Decke, und ein süßlicher Gestank vertriebe den schwachen Geruch von Pfefferminze. Man würde mich nicht finden, bis Maden sich in meinem Kopf wie ein depressiver Gedanke ausgebreitet, sich das allmählich faulende Fleisch von den Knochen gelöst, und das nutzlose Herz als Futter für allerlei Aasfresser gedient hätte.

Mit einem Schnauben schüttelte ich meinen Kopf. Derartige Gedanken waren vor kurzem noch vollkommen untypisch für mich gewesen.

Pazifist, Claire. Du bist ein Pazifist. Du hast Gewissensbisse, wenn du Mücken zerquetscht, verdammt. Noch dazu wird dir normalerweise auch nur bei dem Gedanken an Blut schon schlecht.

Ich seufzte ergeben, stützte das Kinn in meine freie Hand und blickte durch das große Fenster vor dem Schreibtisch hinaus in den Schleier der Dunkelheit, welcher zu meiner Welt geworden war. Draußen regnete es. Dicke Tropfen benetzten die Scheibe, und waren so dunkel, dass sie im Schein des Kerzenlichtes rötlich glänzten. Sie rollten ein wenig unheilvoll hinab, und hinterließen einen schnell verblassenden Weg, der sich wie ein Muster über das Glas erstreckte.

Es erschien mir ein bisschen so, als würde der Himmel bluten.

Abermals drang ein Seufzen aus meinen Lippen, die sich eigentlich für ein Gähnen geöffnet hatten, während ich den Blick wieder auf das Buch richtete, welches vor mir lag. Doch egal wie oft ich einen Satz begann; die Worte ergaben in meinem Kopf keinen Sinn mehr. Die morbiden Gedanken übertönten alles, wobei sie sich überschlugen, und ihnen folgten Bilder von sämtlichen Schreckensszenarien, die mir einfallen wollten. Stichwort Maden. Stichwort Blut. Stichwort Tod.

Das alles hatte mit diesem dämlichen Haus begonnen.

Es war billig gewesen, aber mir war wichtiger, so weit wie möglich von der Stadt wegzukommen, wegen dem Spinner, der mich ein paar Wochen zuvor noch verfolgt hatte. Irgendwie hatte ich ihn hinter Gitter bekommen. Aber das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ sich nicht so einfach abschütteln. Es fühlte sich so an, als wären Augen überall. In meinem Zuhause, in meiner Arbeitsstelle, in meinem Lieblings-Café. Naja: In meinem ehemaligen Zuhause, meiner ehemaligen Arbeitsstelle, und meinem ehemaligen Lieblings-Café.

Also entschied ich mich, vor den Blicken zu fliehen. An einen Ort, mit weniger Leuten, um meine Ruhe wiederzufinden. Um mich wiederzufinden.

Das Haus selbst war groß, ziemlich alt, aber eigentlich ein sehr angenehmer Umgebungswechsel. Der Agent, welcher mich der Ortschaft vorgestellt hatte, war gezwungen, einen Serienkiller zu erwähnen, der hier in der Vergangenheit gelebt hatte, was wohl einer der Gründe dafür gewesen sein könnte, dass das Haus so billig war. Aber er befahl mir regelrecht, gar nicht erst daran zu denken. Schließlich hatten vier Inhaber zuvor dort gelebt, und waren alle wunschlos glücklich damit gewesen.

Den letzten Besitzer lernte ich sogar persönlich kennen, als er mir den Schlüssel zu meinem neuen Leben übergab. Ein etwas älterer, von Zeit gebeugter Herr, dessen Frau schon vor ihm elendiglich verrec– verstorben war. Er erzählte mir, dass manchmal Dielen ohne erfindlichen Grund knarren würden, das jedoch bei Häusern aus dem viktorianischen Zeitalter vollkommen normal sei, und ich mich schnell eingewöhnen würde. Er mochte das Haus, wollte aber endlich weg von der Abgeschiedenheit, in die Stadt, zu seiner Familie. In die Mitte der Menschenmassen.

Wie ironisch? Nein, das ist nicht das richtige Wort. Es gibt bestimmt ein Besseres.

Ja, ich hatte mich prompt in das Haus verliebt. Die Einrichtungsgegenstände waren wunderschön und gemütlich, alt aber praktisch. Die Leute hier in dem winzigen Jeder-kennt-hier-jeden-Kaff namens Lacey nett, und nicht zu scheu, andauernd frisch gebackene Leckereien mitzubringen, wenn sie mal nach „meinem Rechten“ sahen, oder mich zum Abendessen einzuladen. „Zusammenkünfte“, hatte Sarah, die das Haus ein paar hundert Meter nebenan bezog gesagt, „stellen sicher, dass alle Leute, die hier leben, sich unwiderruflich in Lacey verlieben.“

Eigentlich klang dieser Satz eigentümlich gruselig, aber mir war das zu diesem Zeitpunkt vollkommen egal gewesen, in meiner verblendeten Glückseligkeit. Doch nach einer Woche verschwand meine Liebe zu Lacey allmählich. Das Gefühl, beobachtet zu werden, kehrte zurück - stärker als je zuvor. Und es wurde so viel schlimmer. Ich versuchte, es zu ignorieren, doch… In jedem Schatten lauerte ein Angreifer. Jedes Geräusch wurde durch ein Monster verursacht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis aus der Dunkelheit eine Hand nach meinem Hals greifen, und diesen mit Leichtigkeit in zwei Teile reißen würde, sodass mein Blut wie aus einer Fontäne aus mir herausschösse. Wie Farbe würde es die Wände und den Boden benetzen, in einem schönen Tiefrot, das beinahe schwarz schimmert. Aus dem Mund meines abgetrennten Kopf würde noch ein überraschtes Geräusch dringen, bis jedes Lebenszeichen endlich ersterben wü...

Genau das war mein Problem: durchgeknallte Gedanken. Bescheuerte, böse, unnötige, durchgeknallte Gedanken. Pazifist, Claire! Verdammt. Schwarze Ringe wuchsen unter meinen Augen, und bald gähnte ich fast so oft, wie ich einatmete.

Doch nicht nur das suchte mich heim.

Von geschwätzigen Leuten hatte ich ja gehört, dass der Typ, der hier Leute abgeschlachtet, ihnen die Kehle aufgeschlitzt, die Innereien...

unschuldige Opfer grausam ermordet hatte, Francois Karter hieß. Auch bekannt als Pfau von Lacey. Sarah hatte mir an einem ihrer geschwätzigeren Tage erzählt, dass er ein Narzisst gewesen sei soll. Man behauptet nämlich, dass er nicht schlafen konnte, wenn er sich nicht beobachtet fühlte. Er wurde irgendwann festgenommen, da er in den Garten eine Vogelscheuche stellte, die zu ihm ins Schlafzimmer blicken, und ihn somit beobachten musste, wenn er schlief. Seltsam, aber nicht unbedingt strafbar. Das einzige Problem? Es war keine Vogelscheuche. Karter hatte ein 17-jähriges Mädchen umgebracht, und ihre Lider abgetrennt, nur damit sie ihn beobachtete, weswegen ihre Leiche ein paar Tage lang mit heraushängenden Organen dort hing, bis einer der Nachbarn "nach dem Rechten" gesehen hatte. Dieser Nachbar war wohl schon genauso lange tot wie Francois.

„Das ist aber nur so `ne dämliche Gruselgeschichte.“, hatte Sarah hinzugefügt, als sie meinen entgeisterten Gesichtsausdruck bemerkt hatte. „Damit die Kinder keine Dummheiten anstellen.“

Ich lag immer öfter wach. Dachte immer öfter an Zerstückelung. Aufreißen. Aufschlitzen. Aushöhlen. Töten, töten, töten, töten. Hörte Stimmen, die durch das Haus hallten, und mit zugenähten Mündern um Hilfe riefen, während ihre Augenlider abgetrennt wurden...

Kurzum: ich begann, meinen Verstand zu verlieren.

Und so saß ich hier, an einem (blutig) regnerischen Tag, mit zitternden Händen, einer heißkalten Tasse meines grauenhaft schmeckenden Lieblingstees in der Rechten davon, der Stirn in der Linken, eingewickelt in tausende Schichten Kleidung, um die verdammte Kälte zu vertreiben, die sich in meinen Knochen festgesetzt hatte. Doch sie haftete an mir wie eine zweite Haut, weswegen ich sie nicht los werden konnte.

In dem Eckchen, dass die Kerze nicht beschien, kam eine Kreatur meiner Fantasie zuckend und ruckelnd auf mich zu – eine bleiche Hand nach mir ausgestreckt, die Augen unnatürlich weit aufgerissen. Es hatte mich schon lange genug beobachtet. Wahrscheinlich würde so ein Vieh einen verdrehten Nacken haben. Papyrusartige Haut, eine Zunge, die länger wäre, als mein Arm. Das Geräusch, dass es machen würde, wäre ein abartiges, abgehacktes Keuchen. Durch meinen Kopf jagten immer schrecklichere Bilder. Immer schneller. Immer schlimmer. Nein, nein. Pazifist. Mach bitte bitte bitte, dass es aufhört.

Eine Holzdiele knarrte hinter mir.

Meine Knöchel stochen unglaublich weiß unter meiner Haut hervor, als ich so schnell aufsprang und mich umwandte, dass der Stuhl, auf dem ich gesessen hatte, mit einem lauten Geräusch auf das Parkett knallte. Noch in der Drehung löste ich meine schmerzhafte Umklammerung um den Henkel. Ich warf die Tasse aus reinem Reflex hinter mich, obwohl sich wohl kaum ein Monster durch ein dämliches Stück Porzellan aufhalten lassen würde.

Oh, hehj Satan, lass mich dir was an den Kopf werfen, damit du mich mit noch mehr angepisstem Genuss Stück für Stück auffressen kannst.

Ich vernahm ruhige Wassertropfen. Den sanften Widerhall des Aufpralles und mein viel zu hastiges, aber gleichmäßiges Atmen. Wie Musik. Dort war nichts hinter mir. Meine Schultern sanken mit meinem Wurfarm ein wenig hinab, während ich die Flugbahn der Tasse mit nüchternem Interesse verfolgte. Sie würde unweigerlich zerschellen, aber... Mir doch egal.

Das erwartete Klirren erklang erst nach etwas Anderem, was meine auf den Kopf gestellte Gefühlswelt kurz innehalten ließ. Die Wand, mit welcher die Tasse kollidiert war, wurde nun durch eine Delle geziert, in deren Mitte sich nun ein kleines Loch befand. Einigen Minuten nachdem sich meine Angst endlich gelegt hatte, konnte ich ein wenig näher rücken, und das kleine Wunder inspizieren. Die Müdigkeit war durch den Adrenalinschub scheinbar verschwunden, der Neugier gewichen. Irgendetwas in mir, oder etwas außerhalb von mir, wollte unbedingt, dass ich… dass ich...

Ergeben pulte ich ein paar dünne Holzspäne mit den Fingern von den Seiten ab, ohne mich daran zu stören, dass einige davon tief unter meine Nägel in das Fleisch drangen. Die Einhöhlung wurde schnell immer größer, was mich ein wenig verwunderte. Wände sollten doch stabil sein? Immer schneller. Immer mehr. Immer weiter.

Etwas Warmes lief meine Finger hinunter, und vertrieb die Kälte meiner Hände ein ganz kleines, aber so dringend nötiges Bisschen. Ich konnte nicht aufhören. Immer größer. Immer blutiger. Als das Loch anscheinen groß genug für irgendeinen Zweck war, denn ich nicht kannte, hielt mein Körper inne. Ich erlaubte, dass meine Arme nutzlos wie sie im Grunde waren zu meinen Seiten hinabfielen, und das Blut an meiner weißen Jogginghose abwischten. Pazifist. Pazifist. Pazifist. Töten. Töten. Töten.

Ehrlich gesagt war ich mehr überrascht, als erschrocken, und mehr verwundert, als schockiert.

Denn mein Blick traf einen Anderen.






Ich sehe der Polizei nun schon seit einer ganzen Weile dabei zu, wie sie den Trockenbau vorsichtig einreißen; zu störrisch, um mich wegzerren zu lassen, zu fasziniert, um den Blick abwenden zu können.

Sie haben mittlerweile 57 gefunden.

57 Augenpaare. Feinsäuberlich eingelegt in Formaldehyd. Gluckernd, umherschwimmend; das was Augen in ihrem natürlichen Lebensraum eben so zu tun pflegen. Die Männer in den hässlich grünen Uniformen tragen sie manchmal an mir vorbei, da ich mich geweigert habe, das Haus zu verlassen. Und ich scheine wirklich den Verstand verloren zu haben.

Denn diese verdammten Augen… Sie sollten eigentlich vollkommen ohne Ziel durch die Einmachgläser schwappen, mal nach rechts, mal nach links, vielleicht auch mal nach oben, wenn einer der Typen das Glas hochhebt, oder nicht vorsichtig genug damit umgeht. Aber mir kommt es so vor, als würde jedes Einzelne von ihnen mich anstarren, so wie ich sie anstarrte. Überrascht.

Eine Gänsehaut läuft meinen Rücken hinunter, als sie Nummer 58 an mir vorbeitragen. Ich stehe im Gang. Der Beamte ist mir nahe genug, sodass ich die Augenfarbe durch das durchsichtige Zeug erkennen kann: Malachit mit Sprenkeln. Die Farbe erinnert mich ein wenig an einen Wald, durch dessen Geäst die ersten Sonnenstrahlen eines jungen Morgens fallen. Ich bemerke nicht, wie sich meine Hände zu Fäusten ballen, und ich mir auf die Lippe beiße. Irgendjemand hat meine Hände verbunden. Wann? Wer? Es ist so, als würde etwas in mir "Klick" machen. Ein Zahnrad fällt an den Platz, an dem es gefehlt hat.

Gänsehaut. Ein unterdrücktes Lächeln. In meinem Kopf Bilder von meinem „Stalker“, dem die Augen ausgehöhlt werden, während er um Gnade winselt, in der Ruhe eines abgeschiedenen Waldes. Niemand kann ihn hören, und dennoch kann und werde ich ihm die Zunge abschneiden. Vielleicht lasse ich ihn zwischen drinnen auch mal fliehen, nur um ihn danach wieder einzufangen, da er mit ausgerenkten Knien oder gebrochenen Beinen nirgendwohin gehen wird; nur um seine Hoffnung aufrecht zu erhalten. Um ihn zu brechen, so wie er mich gebrochen hat. Und überhaupt - warum eigentlich nur er? Es gäbe so Viele mehr, die es verdient hätten, zu leiden - Beamte, Freunde, Leute die sagten, dass das alles doch halb so wild sei - und ich hätte nichts dagegen, auch mal ein paar Augen in Formaldehyd zu legen... aus Dankbarkeit für einen Narzissten, der mir meine Augen geöffnet hat. Die Gänsehaut, die meinen Rücken hinunterläuft, besteht aus puren Glücksgefühlen.

Heute Nacht werde ich trotz schrecklicher Träume wunderbar schlafen, weil Monster keine Angst vor anderen Monstern haben.

Mein Grinsen lässt sich partout nicht mehr unterdrücken.




Schrecklich morbide.


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