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Sein Name steht überall in den Zeitungen, während seine Stimme in den verschiedensten Interviews zu hören ist und man seine blitzend weißen Zähne in jedem Fernsehmagazin zu Gesicht bekommt. Egal ob man will oder nicht, er wird überall abgebildet. Seine Heldentat unnötig oft haarklein geschildert.

Der Kerl ist in wenigen Tagen von einem Niemand zur wichtigsten Person des Landes, wenn nicht sogar der Welt mutiert. Einfach weil er Glück hatte, behaupten viele. Doch viele haben nicht die geringste Ahnung. So wie es immer in einer Gesellschaft ist.

So wie es immer sein wird.


In wenigen Tagen wird seine Biographie jeglichen Verkaufsschlager in den Schatten stellen, der jemals existiert hat. Sein Vermächtnis soll zu einem Film verschmelzen und sein Gesicht ziert jedes Internetportal. Seine Taten werden von den wichtigsten Politikern geehrt, während sich sein Reichtum ins Unermessliche steigert und immer mehr Orden an seiner Brust hängen bleiben. Jeder will so sein wie er. Jeder. Doch jeder ist ziemlich einfach zu täuschen, müsst ihr wissen.

Er wurde von jedem begrüßt wie der Held, der er war: Der respektierte Doktor, der den Süd-Schwaben-Schleifer dingfest gemacht hatte, nachdem dieser versuchte, sein vierundzwanzigstes Opfer unter die Erde zu bringen. Dieser Irre schliff ihnen Zähne und Nägel, sowie Teile des Schädelknochens im Umkreis von Süd-Schwaben weg, woraufhin er seinen Spitznamen erhielt. Und dies alles tat er nur mit einem einzelnen Messer, das scheinbar jedesmal Form und Länge änderte, aber dennoch dasselbe Pofil aufwies. Ungewöhnlich.

Die Menschen lieben ihren Helden. Der, der diesem Serienkiller und seinen schrecklichen Taten ein Ende gesetzt hatte. Aber wer kann es ihnen verdenken. Schließlich strahlt er eine charmante, unnachahmbare Gelassenheit aus; hat trotz seines etwas fortgeschrittenen Alters noch durchaus jugendliche Züge, weiß wie man sich als Gentleman kleiden muss und kann ungewöhnlich fesselnd sprechen. Fesselnd wie eine Ranke von giftigem Efeu.

Oh ja, ich mache Andeutungen. Viele Andeutungen. Helden sind oft auch nur Menschen und Menschen neigen dazu, sich ihren Ruhm zu ergaunern. Und dieser eine, ganz besondere, unendlich berühmte Held… er ist bei weitem nicht der schlimmste, aber ein ziemlich übler Genosse.

„Ich bin kein Held“, pflegt er zu sagen. „Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort“.

Und dann zeigt er der Menge sein strahlendes, jugendliches Grinsen und verschwindet wieder mit wehender Mähne und siegessicherem Schritt, ohne sich noch einmal umzudrehen.




Nur das Licht der Straßenlaterne konnte durch die halb heruntergelassenen Rollladen des Schlafzimmers dringen und der sanfte Wind hauchte an den Dielen vorbei, welche bei dem Kontakt resigniert seufzten. Kein weiteres Geräusch störte die empfindliche Ruhe, wenn man von einer Kleinigkeit absieht. Nämlich von seinem Atem, der gestaltlos durch die kalte Luft glitt und seine Nebelschwaden wie einen Schriftzug in dem fremden Haus hinterließ.

Es war wie Musik. Lautlose Musik. Bewegungen. Tanzschritte?

Er schlich weiter, wohl darauf bedacht, nicht erwischt zu werden. Ein unangenehmes Gefühl schlich über seinen Rücken hinauf bis zu seinen Haarspitzen und er fühlte sich… beobachtet?

Irgendetwas stimmte nicht, das war ihm bewusst. Und wie es so oft ist, konnte er einfach nicht genau sagen, was ihn denn so unter Druck stellte. Trotz allem wagte er es nicht inne zu halten. Immer weiter, nicht stehen bleiben, denn die Möbel waren nunmehr kantenlose Konturen in der Dunkelheit. Er näherte sich der Gestalt, die sich unter der Decke zusammengekugelt hatte. Ruhig. Beinahe geräuschlos. Seine Hand packte den sanften Stoff, der sein Opfer zärtlich umhüllte und nur die Statur offenbarte.

Er zog die Decke zurück und ließ das Messer hinabsausen. Sofort fühlte er, wie die Schneide den Körper durchdrang und vollkommen durchspießte, was bei einem Schädelknochen eher ungewöhnlich war und versuchte erst gar nicht, die Klinge wieder zu entfernen.

Selbst in der Dunkelheit erkannte er die Konturen der Federn, die daraufhin aus dem Kissen stoben und in alle Richtungen davonflogen. Beinahe spottend wirbelten sie ohne Musik umher und ließen sich von der Straßenlaterne wie von einem Scheinwerfer beleuchten, während sie ihren Zuschauer bei der Aufführung hinters Licht führten. “Entschuldige.”, murmelte jemand hinter ihm. Er wirbelte herum. Kurz darauf ertönte ein Schuss, der dem Opfer ein wundervolles Loch in die Brust bohrte. Blut. Schmerz. Alles ging irgendwie zu schnell, da sich die realen Horrorgeschichten niemals so unnötig lange ziehen, wie die meisten es erwarten.

„Wa…?“, war alles, was er vor seinem letzten Röcheln hervorbrachte, woraufhin er auf die Knie fiel, und wie ein fallender Turm zu Boden ging.


Er hatte geschnaubt, als er an seiner Tasse genippt hatte und die Zeitung grob überflog.

“Süd-Schwaben-Schleifer tötet 25 Opfer. Wer ist der nächste?“, stand dort, fettgedruckt, unübersehbar. Titelblatt und Titelseite gleichzeitig. Ihm gefiel das Gefühl berühmt zu sein, weswegen er nicht vor hatte, es so schnell wieder aufzugeben.

Selbst die Polizei war überfordert, da der Schleifer schnell war; sie konnten keine Verbindung zu ihm herstellen. Jung. Alt. Männlich. Weiblich. Südländisch. Einheimisch. Er brachte sie alle um. Egal wann, egal warum, egal wo. Beinahe wie der Tod höchstpersönlich, der sich in seiner Freizeit mal einen kleinen Scherz mit den Menschen erlauben will und deswegen alle in eine schreckliche Panik versetzt, aus der niemand so schnell entfliehen kann.

Mit einem elegantem Schwung warf er sein rechtes Bein über das linke und blätterte um. Im Hintergrund sprachen verschiedenste Leute miteinander und die Sonne stand mitten am Himmel.

Sein Partner, Markus, saß ihm gegenüber und beachtete statt seinem Getränk nur sich selbst.

„Dein Ziel.“, murmelte Markus nun und schob ihm einen unbeschrifteten Briefumschlag zu. 500€ und eine Adresse. Ihr Geheimnis zum Erfolg. Lukas erster Mord war Zufall gewesen und kurz darauf war Markus mit seinem schnuckeligen Angebot angekommen. Scheinbar aus dem Nichts, wie der Tod höchstpersönlich, der sich in seiner Freizeit mal einen kleinen Scherz mit den Menschen erlaubt...

„K, dasselbe wie immer?“


„Natürlich!“, lächelte Markus. Sein Lächeln ging Lukas tierisch auf den Keks. So strahlend wie aus einer Zahnpastawerbung und so gefälscht wie sein Doktortitel. Doch er würde sich nicht beschweren.


Noch nicht.


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