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Das Fördergerüst war laut.

Ohrenbetäubend laut, um es genau zu sagen. Es förderte das Erz ans Tageslicht. Mehr als 150 Kumpel bauten täglich das Erz ab. Wir erhitzten das Gestein und kühlten es ab, erhitzen es und kühlten es ab… Das Fördergerüst blieb niemals stehen. Die Schächte sollen für die Belüftung sorgen. Trotzdem war die Luft immer muffig. „Modrig“, hatte Peter gesagt. Er war ein hagerer Mann, der die meisten seiner Zähne bereits verloren hatte. Ich arbeitete gern mit Peter. Denn dort unten im Stollen brauchte man einen Kumpel der einen dem Rücken freihielt und ein waches Auge hatte. Und so war Peter. Ein einfacher Mann, mit einfachen Prinzipien. Seine Körperhygiene ließ zu wünschen übrig. Aber dort unten im Stollen schwitzen wir alle wie die Schweine und der eigene Gestank und der der Kumpel wurde von anderen, noch widerlicheren Gerüchen überdeckt. Brennendes Gestein. Moder… Verwesung? Ich erinnere mich noch daran wie mich Peter mürrisch ansah. Wie der Gestank immer intensiver wurde. Es war die Nachtschicht am 16. Dezember 1961. Wir hatten einen neuen Schacht gegraben. Immer tiefer in die Mine. Immer tiefer in die Dunkelheit. Die stickige Luft war so schwer, dass sie fast greifbar erschien. Der Staub in der Luft drückte mir auf die Lunge und machte das Atmen schwer. Bis auf die Unterwäsche hatten wir alle Kleider von uns geworfen. Die Hitze wurde immer unerträglicher, umso tiefer wir ins Erdreich vorstießen. „Wir sind tief genug, Rick“, beschwerte Peter sich. „Du weißt was der Vorarbeiter gesagt hat. Wenn wir diesen Schacht fertigstellen, wartet eine dicke Bonuszahlung auf uns. Das dürfen wir uns nicht durch die Lappen gehen lassen, verdammt!“ Ich brauchte dieses Geld. Anne war krank geworden und unser Geld reichte nicht für die Medikamente, geschweige denn für unser Essen. Von der Oberfläche dröhnte das Fördergerüst zu uns herunter. Hier unten war es nur ein gedämpftes Geräusch. Ein schwer atmendes Monster mit rasselndem Atem das uns unermüdlich antrieb. Peter schwieg und wir gruben den Schacht immer tiefer. Noch heute wünsche ich mir er hätte beharrlicher gegen mein Vorhaben protestiert. Aber so war er nicht. Er war ein einfacher Mann. Circa 100 Meter unter der Oberfläche, hörten wir zum ersten Mal das Geräusch. Es hörte sich an wie ein Lächeln indem Zähne knirschen, mit einem Mund voller Gestein. „Von wo kam das?“, rief ich Peter zu, der vor mir damit beschäftigt war eine weitere Lampe anzuschließen. „Fördergerüst, Rickard…“, murmelte er, mit zwei Nägeln im Mundwinkel. Über 100 Meter Gestein trennten uns von dem Fördergerüst, aber dieses Geräusch war viel zu nah. Auch der Geruch. Ich hatte ihn schon fast vergessen, aber jetzt schob er sich wieder so aufdringlich in den Vordergrund wie zuvor. Es war der süßliche Geruch von Verwesung. Vielleicht ein verendetes Tier das nicht mehr aus dem Stollen gefunden hatte… Plötzlich stieß ich mit meiner Spitzhacke aus etwas Weiches.

Erschrocken zuckte ich zurück. Wer die ganze Nacht auf hartes Gestein einschlug spürt es im kleinen Finger wenn sich der Untergrund verändert. Einen kurzen Augenblick hatte ich überlegt einfach abzuhauen. Mich umzudrehen und zu laufen, zurück an die Oberfläche. An die frische Luft. Peter war inzwischen einige Meter von mir entfernt und montierte eine Lampe nach der anderen. Ich bückte mich um nachzusehen, worauf meine Spitzhacke gestoßen war. In dem dämmerigen Licht hielt ich es zuerst für einen Wurm oder eine dicke Schlange. Doch dann entdeckte ich etwas funkelndes, ein Ring. Wie erstarrt schob ich loses Gestein mit meinem Handschuh aus dem Weg um den Ring freizulegen. Der Finger an dem er steckte war durch die Erde nur wenig konserviert worden. Die Haut hing in Fetzen von ihm herab und Maden krochen aus dem Stumpf an dem er abgetrennt worden war. Obwohl abgerissen in diesem Fall wohl das passendere Wort gewesen wäre.

Dann setze die Trommel ein. Eine rhythmische Trommel. Panisch stellte ich mich auf und verlor rücklings das Gleichgewicht. „Pete!“, rief ich in den Schacht. Er war nicht mehr zu sehen. Auch die Reihe der Lampen endete und ich blickte in absolute Dunkelheit. Vor mir aus dem Schacht hörte ich wieder das Knirschen. Unfähig mich zu bewegen starrte ich in die Finsternis. Langsam zeichnete sich am Ende des Ganges ein Gesicht ab. Ein rotes Gesicht, mit tief in den Höhlen liegenden Augen. Ein diabolisches Lächeln zeichnete sich auf dem Gesicht ab. Sand und Gestein rieselten aus dem Mund. Es knirschte mit den Zähnen und lächelte. Es war Peter. Vorsichtig kroch ich rückwärts den Schacht hinauf. „Pete, ich denke das war wirklich tief genug. Wir sollten jetzt zurückgehen. Zu den Anderen.“ Peter rührte sich nicht. Nur sein verzerrtes blutrotes Gesicht und sein weitaufgerissenes Maul lugten mir aus der Dunkelheit entgegen. „Ich habe etwas gefunden dort unten.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein widerliches Krächzen aus Sand und Gestein. Außerdem erschien sie mir unnatürlich hoch. „Rickard, ich will es dir zeigen.“

Mein Entschluss in diesem Moment los zu rennen rettete mir wahrscheinlich das Leben. Ich hörte wie hinter mit loses Geröll plötzlich zur Seite rutschte. Er verfolgte mich. Ohne mich um zu sehen rannte ich. Ein paar Mal spürte ich klauenähnliche Finger an meinem nackten Rücken. Sie zerkratzen meine Haut und Schmerz durchzuckte meinen Körper. Als die Luft wieder frischer wurde und ich wusste ich hatte die Oberfläche beinahe wieder erreicht, warf ich einen Blick über meine Schulter, aber von Peter fehlte jede Spur.

Von der Oberfläche drangen Schreie zu mir. Schreie die pures Entsetzen ausdrückten. Das Fördergerüst war hier oben wieder lauter. So laut dass es fast die Schreie übertönte. Ich trat aus dem Schacht und atmete die frische Luft. Inzwischen war die Morgendämmerung eingetreten und tauchte alles in ein rötliches Licht. Zitternd ging ich den Schreien und entsetzenden Rufen entgegen. Sie kamen vom Förderband.

„Jemand muss das Fördergerüst anhalten!“, schrie ein Kumpel über den Platz hinweg. Einen Moment später erstarb das stetige malmende Geräusch des Förderbands. Blut tropfte durch das Gitter durch das lose Gestein fallen sollte.

Peters lebloser Körper lag auf dem Förderband. Seine rechte Hand fehlte. Aus dem zerrissen Stumpf tropfte Blut. Lose hing die Haut von ihm herab und Maden krochen daraus hervor. Der Geruch von Verwesung stieg mir in die Nase. Die bereits beginnende Zersetzung an seinem Stumpf rief mir wieder den Finger im Gedächtnis, der dort unten in der Dunkelheit lag. Und ich schrie.

Im Januar 1962 wurde der Erzabbau in der Mine eingestellt. Die Kumpel berichteten davon Knirschen in den tieferen Schächten zu hören. Ich näherte mich der Mine nie wieder. Bis heute weiß ich nicht was Peter zugestoßen ist. Was er gesehen hat und mir zeigen wollte. Manche Dinge sollten einfach im Verborgenen bleiben.

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