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Der Lärm einer Explosion, riss ihn aus seinem tiefen, ruhigen Schlaf. Kaum hatte er die Augen geöffnet, erstarrte er. Sein Geist versuchte, dass was er sah und hörte, zu verarbeiten und eine Logik dahinter zu begreifen, versagte ihm allerdings seinen Dienst.

In der Ferne hörte er Schüsse, teils schnell hintereinander, teils vereinzelt. Außerdem vernahm er Schreie, manche waren gebrüllte Befehle, andere einfach nur gequälte Schmerzlaute. Eine weitere Explosion zerriss die Luft und übertönte alles andere. Sie war erschreckend nahe.

Vor sich, sah er eine Reihe hölzerner Bretter, die ihn von der Erde, die man dahinter aufgeschichtet hatte, bewahrte. Nach links und rechts erstreckte sich diese Wand, mehrere Meter lang und machte irgendwann eine Biegung. Hinter ihm befand sich eine ähnliche Wand, an der er lehnte und unter ihm lag das blanke, vom Regen aufgeweichte Erdreich. Der Himmel über ihm, war finster und ein feiner Nieselregen, ging auf ihn nieder.

„Sergeant, wir haben hier einen Überlebenden!“ schrie jemand neben ihm.  Er drehte den Kopf in Richtung der Stimme und erblickte, einen jungen Mann in voller Montur, der auf ihn zeigte.

Die grauschwarze Kleidung des Mannes, starrte vor Dreck und befand sich in äußerst schlechtem Zustand. Auf dem Rücken trug er ein Gewehr, in diversen Taschen seiner Jacke, Messer und Granaten. An der Seite führte er eine altertümlich wirkende Pistole. Er selbst, machte ein schlechteres Bild, als seine Kleidung. Die Hälfte des Gesichts, von Narben verunstaltet; das war zumindest das, was er unter dem Dreck ausmachen konnte. In seinem Blick lag jedoch, eine unpassende Ruhe, die den Eindruck vermittelte, als wäre alles nur halb so schlimm.

„Scheint ein Neuer zu sein“, murmelte der junge Mann, als er näherkam.

„Geben Sie ihm eine Waffe und dann weiter“, herrschte eine weitaus tiefere, zweite Stimme. Der Mann war aus dem Nichts gekommen. Ein älterer, magerer, regelrecht ausgezerrter Kerl, mit eiserner Miene und stählernen blauen Augen, die keinen Widerspruch erlaubten.

„Ja Sir!“ erwiderte der Erste. Er kam noch ein Stück näher, doch dann ertönte eine weitere Explosion, die die Erde erzittern ließ. Dreck und Staub, schwappten über die Deckung und verbargen, das Geschehen. Gleichzeitig konnte man kaum etwas hören, da die Explosion noch in den Ohren nachhallte und für ein schrilles Klingeln sorgte.

Als der Staub sich legte und sein Gehör zurückkehrte, merkte er erst, dass er lauthals schrie. Er schrie sich sie Seele aus dem Leib und als er den Leichnam erblickte, schrie er nur noch lauter. Sein Geist, war nun wieder in der Realität und langsam begann er zu begreifen, was hier vor sich ging. Der Schock über diese Erkenntnis, machte es ihm unmöglich, mit dem Geschrei aufzuhören.

Der Schlag kam hart und unerwartet. Sein Kopf wurde heftig zur Seite gedreht, die linke Wange pochte vor Schmerz, die rechte wurde für einen Moment, in das nasse Holz gepresst. Als er den Kopf wieder zurückbewegte, schrie er nicht mehr und in sein Blickfeld, trat das Gesicht des älteren Mannes.

„Beruhige dich Junge! Sonst überlebst du hier, keine fünf Minuten!“

Er war unfähig, etwas zu erwidern. Sein Blick huschte an dem Mann, vorbei zu dem Leichnam. Erst jetzt erkannte er, dass es sich um keinen Leichnam handelte, zumindest noch nicht.

Der junge Mann, der ihn zuerst entdeckt hatte, lag begraben unter einem weiteren Soldaten, welcher sich vor Schmerzen windete. Sein linkes Bein fehlte zum Großteil und aus den Überresten, strömte das Blut nur so heraus.

„Ach verdammt…“ knurrte der Ältere und erhob sich. Er griff an seine Seite, zog eine ähnlich altertümliche Pistole, wie sie der Erste trug und ging auf den Verletzten zu.

„Nein, nein, bitte nicht! Ich will nicht sterben!“ flehte der Verletzte.

Der Mann, der als Sergeant angesprochen wurde, schüttelte nur den Kopf, hob die Waffe und erschoss den anderen, ohne weitere Worte zu verlieren. Danach kniete er sich nieder, schob den Leichnam von dem jungen Mann herunter und begutachtete ihn einen Moment lang. Erneut schüttelte er den Kopf, steckte dieses Mal jedoch seine Waffe weg, erhob sich und kam wieder zurück.

„Erschlagen von seinem Kameraden, nicht zu fassen“, murmelte er. „Und jetzt zu dir Frischfleisch, steh auf!“ Etwas in dem Ton des Mannes, veranlasste ihn dazu zu gehorchen. Er erhob sich. „Wie heißt du?“

„Ich…“ erschrocken stellte er fest, dass er es nicht wusste.

Der ältere Mann nickte. „Dacht ihr mir. Ist besser so, glaub mir. Bald schon wirst du alles vergessen haben, das ist ein Segen.“

Ein Segen? Wovon redete der Kerl da? Und was, war hier verdammt noch mal los? Das letzte woran er sich erinnerte, war, dass er zu Bett gegangen war, in seinem zu Hause, dem Familienhaus seiner Eltern. Er war ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher, der zur Schule ging und sich mit alltäglichen Problemen auseinanderzusetzten hatte und dann erwachte er plötzlich an diesem… diesem…

„… Schlachtfeld. Es wird von Tag zu Tag schlimmer, aber wir haben keine Wahl, wir müssen weiterkämpfen.“ Der ältere Mann, hatte weitergesprochen, ohne dass er es gemerkt hatte. „Ich bin übrigens der Sergeant, keine Ahnung wie ich einmal geheißen haben mochte. Jedenfalls, unterstehst du jetzt meinem Kommando.“

„Aber… das kann nicht sein, ich… ich gehöre nicht hierher!“

„Das tut niemand von uns Junge. Wir wurden nicht danach gefragt, wir wurden auserwählt. Schnapp dir eine Waffe, hör auf Fragen zu stellen und tu deine Pflicht.“

„Aber…“

„Das war ein Bef…“ begann der Sergeant zu brüllen, doch im nächsten Augenblick, ertönte ein Schuss aus der Ferne und gleich darauf, drang eine Kugel in seinen Hinterkopf ein, nur um kurz darauf auf der anderen Seite wieder herausgeschossen zu kommen. Sie verwandelte seine linke Gesichtshälfte in eine blutige Masse. Blut, Gehirnmasse, ein Auge und Knochensplitter flogen durch die Luft, während der Stahl in dem verbleibenden Auge, der Leere wich und der Kerl tot in sich zusammensackte.

„Nein!“ schrie der Namenlose. Sämtliches Denken abgeschaltet, drehte er sich um und rannte einfach los. Er wollte nichts Anderes als von hier verschwinden, dieser Hölle entkommen und wieder zurück in sein langweiliges Leben, das bereits zu verblassen begann. Er musste diesem Albtraum entfliehen. Er musste aufwachen!

Als er blindlings gegen eine weiche Masse rannte, die jedoch nicht nachgab und er deswegen zurückgestoßen wurde und rücklings zu Boden fiel, erkannte er, dass er nicht träumte und nicht darauf hoffen konnte, zu erwachen. Über ihm, stand der Sergeant und blickte mit einem stählernen, blauen Auge auf ihn herab. Die linke Gesichtshälfte war schrecklich vernarbt, die Augenhöhle ein leeres, gähnendes, schwarzes Loch.

Auf dem Boden liegend, kroch er rückwärts von dem lebenden Toten zurück und flüsterte: „Das ist unmöglich, Sie sollten tot sein.“

Der Sergeant lächelte müde. „Das sind wir doch schon alle, mein Junge. Wir sind schon lange tot und kämpfen dennoch weiter.“

Der Namenlose stieß gegen irgendetwas, das hinter ihm lag. Er wollte es nicht und doch drehte er den Kopf, um zu sehen, was es war. „Der Sergeant hat recht, es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren.“ Es war der junge Mann, dem das Bein weggefetzt worden war. Der Stumpf war nun verheilt, aber er würde nie wieder laufen, geschweige denn kämpfen können. Dennoch trug er seine Waffen bereit an seiner Seite und lächelte.

„Hier, nimm die.“ Der Sergeant war nähergetreten und hielt ihm nun seine Waffe, verkehrt herum entgegen, so dass er nur noch den Griff packen musste.

Er schüttelte den Kopf. „Nein“, flüsterte er.

„Wie war das?“ Der Sergeant zog fragend die Augenbraue hoch.

„Ich sagte nein“; sprach er nun lauter und sicherer. „Ich werde nicht kämpfen. Gegen wen, kämpfen wir denn überhaupt und für wen?“

„Ist das wichtig? Wir kämpfen gegen den Tod, wir kämpfen für niemanden, als uns selbst. Ich sagte dir schon einmal: Hör auf Fragen zu stellen und tu, was man dir sagt. Jetzt nimm die Waffe.“

„Nein. Ich werde nicht in den Krieg ziehen. Ich werde hier irgendwie rauskommen!“

Die eiserne Miene des Sergeant veränderte sich, er wirkte plötzlich sehr müde und sehr alt. „Das dachte ich aus einst“, sagte er traurig. „Aber das war bevor ich vergessen habe, wer ich war und woher ich kam. Heute, bin ich nur noch ein Teil der Maschine und du, wirst das auch bald sein.“ Der Sergeant nickte dem Mann, hinter dem Namenlosen zu. Kaum war das Geschehen, spürte er kalten Stahl an der Kehle und eine ruckartige Bewegung später, lag er röchelnd und blutend auf dem Boden des Schützengrabens, unfähig zu begreifen, welches Schicksal ihn ereilt hatte und warum.

Das letzte was er sah und hörte, waren die Schreie seiner Eltern, von irgendwoher aus der Wohnung. Er stand am Fenster seines Zimmers, fragte sich, was den los sei und erblickte dann, einen grellen, gleißenden Blitz, der sich rasant ausbreitete und alles einzunehmen schien. Kurz darauf, war da nur noch Dunkelheit.

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Irgendwo auf einem namenlosen Schlachtfeld, in einem namenlosen Land, bekriegten sich namenlose Feinde in endloser namenloser Finsternis. Sie kamen aus namenlosen Zeiten und namenlosen Welten. Einzig und allein eines verband sie: der namenlose Schrecken, der sie alle ereilt und zu diesem Schicksal verdammt hatte.

Ein namenloser Mann, mit einer Narbe am Hals erhob sich auf diesem namenlosen Schlachtfeld. Er trug verblassende Erinnerungen mit sich, die nicht länger von Bedeutung waren. Er griff eine namenlose Waffe, die aus einer namenlosen Zeit stammte und begann den namenlosen Feind zu bekämpfen.

Er war nun Teil der Maschine. Teil eines Ganzen, das niemand begriff und niemand begreifen konnte, weil es dafür kein Begreifen gab.

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