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Wald im nebel 2
Als Kind wohnte ich mit meiner Mutter in einer ziemlich abgelegenen Gegend. Geografisch gesehen lag sie zwar unmittelbar in der Nähe einer dicht bewohnten Stadt, doch genau unser Wohnviertel wurde von einem schmalen ca. zweieinhalb Kilometer breitem Wald von der Masse der Bevölkerung abgeschnitten. Die einzelnen Häuser unserer Gegend hatten ebenfalls einen ungefähr zehn Meter breiten Abstand zueinander, was zu einer relativ hohen Privatsphäre führte.

Jeder Erwachsene würde sich wohl in genau solch einer Gegend pudelwohl fühlen, doch ein Kind welches sich durch zweieinhalb Kilometer dicht bewachsenem Terrain kämpfen muss um seine Freunde auch außerhalb des Kindergartens zu sehen findet eine derart einsame Wohnsituation wohl alles andere als toll. Doch genau diese Aspekte ließ ich als Kindergartenkind vollkommen außer Acht, zum Kindergarten fuhr meine Mutter mich mit dem Auto und falls ich mich mit Freunden traf taten wir dies meist bei mir, da wir im Besitz eines großen Gartens waren der aufgrund der schlechten Pflege eher wie eine verwilderte Lichtung aussah.

Da meine Mutter sehr viel Wert darauf legte, dass ich die Natur und die dazugehörigen Lebewesen respektierte und keinem Tier mutwilligen Schaden zufügen sollte, ging sie mit mir in den Herbstmonaten oft im Wald spazieren. Nicht selten legte sich dabei ein kalter Schleier aus Nebel um uns, welchen wir als perfekte Vorlage für unser Versteckspiel nutzten. Doch nicht nur im Herbst stand uns dieser Nebel zur Verfügung, er war ganz jährig vorhanden, selbst an Nachmittagen im Sommer und egal wie Warm es war, der Nebel war eiskalt.

Bald schon sollte meine Kindergartenzeit enden und aus mir endlich ein Schulkind werden. Jedes Mal auf dem Weg zum Kindergarten fuhren wir an der städtischen  Grundschule vorbei, jedes Mal war ich neidisch auf die Schulranzen, welche für mich ein Beweis für die Reife der Kinder waren.  Die letzten zwei Wochen meiner Kindergartenzeit verbrachte ich hauptsächlich damit Bilder von mir mit Schulranzen zu malen, dabei dachte ich nicht im entferntesten an die Hausaufgaben, Tests und auch nicht an die Zeugnisse, die für mein zukünftiges Leben ausschlaggebend seien.

Endlich war es soweit, der große Tag meiner Einschulung ist gekommen. Ich konnte die gesamte Nacht kein einziges Auge zudrücken, meine Nervosität aufgrund der ganzen fremden Kinder wollte einfach nicht nachlassen. Ständig musste ich mir vorstellen, dass wenn wir uns einen Partner suchen sollten ich der einzige ohne wäre oder mich die anderen Kinder in der Schule hänseln würden.

Mein erster Schultag verlief im Vergleich zu meinen Befürchtungen ziemlich gut und obwohl es nur eine Stunde war in der wir uns gegenseitig vertraut machten konnte ich aus dieser eindrucksvollen Erfahrung schließen, dass die nächsten vier Jahre der Grundschule ein Spaß werden würden und ich wohl nie die Pausen alleine verbringen müsste.

Nach mehreren Wochen mussten wir sogar schon ganze 4 Stunden in der Schule verbringen. Meine Mutter fuhr mich wie gewohnt jeden Morgen hin und holte mich ebenso wieder ab, dies war eine sehr beruhigende Tatsache, da ich aufgrund der abgelegenen Wohngegend alleine laufen müsste.  Eines Morgens im Winter sprang das Auto meiner Mutter aufgrund der Kälte nicht an, sie konnte meine Nervosität wohl von meinem Gesicht ablesen und so bot sie mir an, mich auf meinem Schulweg zu begleiten. Allerdings hätte ich vor meinen Freunden dann keine Ausrede mehr, weshalb mich meine Mutter zur Schule brachte. Normalerweise erzählte ich immer, dass ich mich fahren ließ um mir den Weg zu Fuß zu sparen. Ich holte tief Luft und sagte ihr, dass ich lieber alleine laufen würde damit ich die Angst vor der Dunkelheit überwinden könnte. Sie war am Anfang überhaupt nicht einverstanden, einen mittlerweile Zweitklässler lässt man doch nicht morgens alleine durch ein dunkles Waldstück gehen. Doch als ich versuchte ihr klarzumachen, dass Verbrecher sich nicht im Dunkeln sondern nur abends und nachts an einsamen Orten aufhielten und das auch mein Lehrer diese These bestätigte gab sie nach und verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Stirn. Zwar war das mit meinem Lehrer erfunden, doch ich war mir sicher, dass niemand auf mich lauern und versuchen würde mich in den Wald zu ziehen oder schlimmeres mit mir zu machen. Die Route kannte ich von den Autofahrten mittlerweile auswendig und seit diesem Tag lief ich nur noch alleine zur Schule.

Weitere zwei Jahre später, als ich in der vierten Klasse war lief ich immer noch ein und dieselbe Strecke die ich seit dem Tag in der zweiten Klasse lief, als das Auto meiner Mutter nicht ansprang. Den dichten Nebel, den ich als Kindergartenkind noch so mochte fing ich nun an zu verabscheuen, des Öfteren verabredeten wir uns in der Mitte des Waldes um von dort an gemeinsam zur Schule zu laufen. Da die Straße die durch den Wald führte kerzengerade war und auch keine größeren Höhenunterschiede mit sich brachte konnten wir uns schon auf mehreren Hunderten Metern Distanz zuwinken und uns Zeichen geben. Der Nebel allerdings zerschlug diesen Plan oft, wenn er wie so oft wieder da war konnten wir uns erst bei einer Entfernung von ca. 5 Metern sehen. Oft wusste ich deshalb auch nicht, ob mir meine Freunde nun entgegen kamen oder nicht.

Kurz vor Ende der vierten Klasse war mein bester Freund an einer Erkältung erkrankt und die anderen wollten ohne ihn nicht in den Wald, weshalb ich den Weg alleine beschreiten musste. Ich nutzte die Zeit die ich für meinen Schulweg benötigte um über ein paar Dinge nachzudenken, z.B. fragte ich mich schon seit längeren was meine Lehrer so Privat machten oder was wohl nach der vierten Klasse geschehen würde.

Als ich in den Himmel schauen wollte um zu sehen wie sehr der Mond noch erkennbar war musste ich leider feststellen, dass der Nebel sich wie eine Decke über den Wald legte und mir somit sämtliche Aussicht auf den morgendlichen Himmel verwerte. Ich vergaß sämtliche belanglosen Themen und stellte mir eine für mich ziemlich wichtige Frage. Diese Frage verfolgte mich eigentlich schon mein gesamtes Leben und stand schon immer im Raum, nur habe ich sie nie beachtet. Ich fragte nach dem Nebel, woher dieser stammte und weshalb er auch im Sommer und den ganzen Tag über wie ein Schleier auf dem Wald lag. Mir viel einfach keine plausible Erklärung für dieses schon beängstigende Phänomen ein.

Wenige Meter vor dem Ausgang des Waldes viel mir eine dichte Spur des Nebels auf, von dort aus verteilte er sich in der Luft und verbreitete seine Kälte. Die Schule verblasste in meinen Gedanken vollkommen, ich hatte nur noch das Rätsel des Nebels im Kopf, der Nebel zog mich förmlich an. Ich verließ die Straße und ging querfeldein in den dichten Wald, ich tat genau das was mir meine Mutter verbot und weshalb sie mich ursprünglich nicht alleine zur Schule gehen ließ.

Nach nur wenigen Minuten war ich bereits in solch dichtem Nebel, dass sich Tau auf meinem Schulranzen niedersetze und meine Haare nass wurden. Meine Hände wurden starr vor Kälte und in der Luft lag ein muffiger Geruch. Nach nur weiteren geschätzten zweihundert Metern wandelte sich der muffige Geruch in einen stark faulig riechenden Gestank. Der Nebel schränkte mein Blickfeld auf unter dreißig Zentimeter ein, weshalb ich meine eigenen Hände nur noch mit angewinkelten Armen erkennen konnte.

Auf einmal  fuhr ein Schock durch meinen gesamten Körper, ich verlor sämtliches Gefühl in meinem rechten Fuß und spürte wie mein Schuh von Wasser geflutet wurde. Reflexartig zog ich den Fuß weg und beugte mich vor um zu erkennen wo ich rein trat. Es war ein Teich, nicht sonderlich groß aber auch nicht auffallend klein. In der Mitte des Teiches stieg ein extrem dichter Nebel empor, der sich auf der Höhe der Baumkronen aufteilte und wieder zu Boden sank.

Plötzlich sprudelten die Gedanken in meinem Kopf nur vor sich hin, die Bäume um mich herum waren aufgrund des Nebels nur als Silhouetten zu erkennen, was dazu führte, dass sich ein angsterfülltes Gefühl in mir breit machte. Mir wurde erst in diesem Moment bewusst, dass ich von der Existenz dieses Teiches überhaupt nichts wusste, meine Mutter verbrachte damals beinahe die Hälfte meiner Freizeit mit mir in diesem Wald und nie ist uns ein Teich aufgefallen.

Als ich gerade die Kontrolle über meinen Angstzustand verlor und in Richtung Straße rennen wollte, spürte ich wie etwas meine Atemwege zuschnürte. Es waren nicht die Hände eines alten Mannes und ebenso war es keine Schlange die es wagte mich zu erlegen. Es war der Nebel, der Nebel der immer dichter wurde und somit sämtlichen Sauerstoff aus meinen Lungen verbannte. Ich spürte wie sich kleine Wassertropfen in meiner Kehle bildeten. Sie tropften langsam durch meine Luftröhre in die keuchenden Lungenflügel. Ein starkes stechen bedeckte meinen gesamten Brustbereich und ich fiel langsam in die Knie. Sämtliche versuche Luft zu holen endeten als würde ich einen Schluck Wasser nehmen. Nur stach dieses Wasser, es drückte sich mit Gewalt in meine Lungen. Der Nebel wurde für mich immer weißer und die Umwelt verschwommener. Ich spürte nur noch einen dumpfen Aufschlag unter Wasser und ertrank.

Doch dies war nicht mein Ende, zumindest nicht mein endgültiges. Ich gehe seit jeher immer meinen alten Schulweg entlang. Immer wenn ich ein Kind sehe, welches zu neugierig nach mir sieht, welches mich verfolgt oder welches zu übermütig ist niste ich mich wie ein Parasit in dessen Lungen ein.

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