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Es war ungewöhnlich schnell dunkel geworden. Er war auf dem Rückweg eines ausgedehnten Spazierganges gewesen, als auf einmal sehr rasch dichter Nebel aufgezogen war. Auch die Sonne war urplötzlich hinter dem Horizont verschwunden. Oder war er nur so in Gedanken versunken gewesen, dass er einfach nicht gemerkt hatte, dass es dämmerte? Es war Mai, aber noch sehr kalt für diese Jahreszeit. Hatte man sonst manchmal schon um diese Zeit das zarte Erwachen des Frühlings gespürt, so war das Land zur Zeit noch im Griff des Winters. Die unangenehmen sieben Grad, die es gerade einmal hatte, hatten ihn aber nicht von seinem ausgedehnten Spaziergang durch das Moor abgehalten, den er jeden Freitag zu tun pflegte. Seine Frau und seine Tochter, die ihn manchmal begleiteten, hatten seine Frage heute mit einem entrüsteten Kopfschütteln beantwortet. Ihn jedoch störte die Kälte nicht. Zwar wurden seine Zehen und Oberschenkel langsam ein wenig kalt, doch dank Thermounterwäsche und fester, warmer Bekleidung war ihm ansonsten recht warm.


Er fragte sich, wie spät es wohl war. Eine Uhr nahm er ganz absichtlich nie mit, genau so wenig, wie sein Smartphone. Er genoss diese langen Wanderungen durch das Moor, ohne unter Zeitdruck zu stehen, oder erreichbar zu sein. Henning war gegen 17 Uhr losgegangen, demnach war es jetzt wahrscheinlich halb acht. Manchmal verlor er total das Zeitgefühl. Das Moor, durch das er ging war das größte Norddeutschlands, und es konnte gefährlich sein, die Wege zu verlassen, denn es gab unter dem flach aussehenden Matsch und Schlick tiefe Löcher, in denen ein Erwachsener leicht bis zur Hälfte einsinken konnte. Blieb man jedoch auf den Wegen, so bot sich einem oft ein sehr schöner Anblick auf grüne Wiesen, sanfte Hügel und alte, verkrüppelt dastehende Eichen. Es gab auch sehr viele Tiere hier, Rehe, Falken, und einmal hatte Henning einen Fuchs gesehen, der verstohlen durchs Unterholz pirschte. Heute dagegen war nichts zu sehen gewesen, doch das war nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich war allerdings das, was geschah, als Henning gerade im immer dichter werdenden Nebel eine Kreuzung zu finden versuchte.


Durch den Nebel, der ihm fast jede Sicht nahm, drang ein leiser, erstickter Laut an seine Ohren:“Hilfe!“ Henning blieb stehen. Hatte er das wirklich gehört? Wenn man alleine durch den dichten Nebel ging, konnte einem das Gehirn schon einmal Streiche spielen. Zögernd machte er einen kleinen Schritt. Plötzlich, diesmal dringlicher kam wieder ein ersticktes „Hilfe!“ Henning drehte sich hilflos im Kreis, er konnte nicht ausmachen, woher der Hilferuf kam. „Wo sind Sie?“, rief er so laut er konnte in die Einsamkeit hinein. Es kam keine Antwort. Dann glaubte er, ein im Nebel zögerlich umherzuckendes Licht zu sehen, wie von einer Taschenlampe. Er ging darauf zu, verließ den Weg und ging über grünes Gras auf das schwache Licht zu. Noch drohte ihm keine Gefahr vom Boden, doch bald würde er aufpassen müssen. „Hilfe!“ Diesmal, so kam es ihm vor, ein wenig näher. Noch einmal versuchte er es mit Rufen: “Hallo! Können Sie mich hören? Sind Sie bei dem Licht?“ Wieder Stille, doch dann drang durch den Nebel ein flüsterndes „Ja“ Na also. Da war wohl jemand eingesunken. Henning ging jetzt mit rascheren, aber immer noch vorsichtigen Schritten auf das Licht zu, das aber irgendwie nicht näher rückte. Im Gegenteil, es schien vor ihm herzutanzen, schien ihn zu locken. Das war natürlich Unsinn, aber komisch war es doch.


Langsam sanken seine Schritte in den weicher werdenden Boden ein. Jetzt hieß es allmählich aufpassen. Henning kam eine Idee. „Rufen Sie weiter, damit ich hören kann, ob ich ihnen näher komme.“ Es kam wieder keine Antwort. Derjenige, der da in der Klemme saß, hörte ihn bestimmt nicht gut. Wahrscheinlich blies der kaum merkliche Wind die Worte des Festsitzenden in Hennings Richtung, doch andersherum war es natürlich nicht so. Henning ging schweigend weiter, dem zuckenden Licht entgegen. Es kamen keine Hilferufe mehr. Er hatte Durst. Mit vor Kälte und ein wenig Nervosität wackelnden Fingern holte er eine Wasserflasche aus seinem Rucksack hervor und schraubte den Deckel ab. Er trank einige Züge, doch dann ertönte ohne Warnung ein weiterer, diesmal wesentlich schrillerer Schrei, und es kam Henning so vor, als schrie ihm jemand ins Ohr. Vor Schreck ließ er die Flasche fallen und mache einen Satz rückwärts, wobei er mit einem leisen feuchten Geräusch bis zu den Knöcheln im Schlamm einsank. Kalt lief der ihm in die Schuhe, und er unterdrückte ein Schauder. Ihm war unheimlich zumute. Der Nebel spielte mit den Geräuschen, machte es ihm unmöglich zu bestimmen, woher sie kamen.


Er horchte in die dichter werdende Dunkelheit. Er musste sich beeilen, in der Dunkelheit hier draußen herumzuirren wäre lebensgefährlich. Aus einem Reflex heraus griff er sich an seine rechte Hosentasche, doch dann wurde ihm noch kälter vor Schreck. Er hatte kein Handy dabei! Während er fieberhaft überlegte, kam das flackernde Licht auf einmal rasch näher. Wie konnte das sein? Steckte der, der da um Hilfe gerufen hatte nicht im Schlamm fest, sondern hatte sich nur verirrt? Henning hoffte es, um so schneller konnte er hier aus dem Nebel heraus. Jetzt war er nicht mehr nur nervös, er hatte Angst. „Ich komme zu ihnen, ich komme jetzt zum Licht. Bleiben sie bitte dort stehen.“ Eine merkwürdig klingende Stimme, wahrscheinlich die einer Frau antwortete:“Ja, kommen sie. Kommen sie ganz weit her.“ Henning stutzte. Wie war das denn gemeint? Von dieser merkwürdigen Aussage verunsichert vergaß er, nach unten zu schauen. Bei seinem nächsten Schritt sank er auf einmal bis zu den Knien im kalten, feuchtem Schlamm ein. Vor Schreck stockte ihm der Atem, er brachte nur ein ersticktes Keuchen heraus. Im ersten Moment der Panik strampelte Henning heftig, nur um prompt zehn Zentimeter weiter einzusinken. Der faulige Modergeruch stach ihn in der Nase.


Er bemühte sich, ruhig zu sprechen und brachte nach einem nervösen, viel zu schrillem Kichern heraus: “Tja, jetzt müssen sie mir wohl heraushelfen.“ Als Antwort tanzte nur der Lichtschein einige Meter vor ihm umher. Auf einmal fiel Henning auf, dass das Licht aus der Nähe doch nicht an eine Taschenlampe, sondern viel mehr an eine Laterne erinnerte, denn es gab keinen Strahl. Es machte ihn irgendwie ziemlich nervös, dass man ihm nicht antwortete, denn auf diese Entfernung musste der Halter der Laterne ihn verstanden haben. „Hey!“, rief er noch einmal mit kläglicher Stimme. Das Licht sprang plötzlich um ihn herum. Henning zitterte am ganzen Körper, und der Schlamm gab nur ein feuchtes Saugen von sich, als er versuchte, sich aus ihm zu lösen. Ganz langsam sank er tiefer ein, wie von einer anderen Kraft gezogen, und ihm wurde plötzlich bewusst, dass er hier nicht mehr ohne Hilfe herauskommen würde. Er starrte das herumspringende Licht an, bis es plötzlich in einen toten Blickwinkel sprang, den er nicht einsehen konnte, da er nicht seinen ganzen Körper drehen konnte. Er war inzwischen fast bis zur Hüfte eingesunken.


Das Licht nicht zu sehen, ließ ihn in Panik ausbrechen. Er hatte das Gefühl, als pirsche sich etwas entsetzliches von hinten an ihn heran, und er hatte keine Chance, es zu betrachten. Er schrie, ein schriller, im Nebel rasch verhallender Laut. Plötzlich sah er über sich eine Bewegung. Er riss seinen Kopf ruckartig nach oben und sah, dass die Lichtquelle knapp über seinen Kopf hinweg schwebte und knapp einen Meter vor ihm begann zu sinken. Henning betrachtete das Licht, und während er es ansah, hatte er das Gefühl, dass die Temperatur weiter sank. In seinem Kopf fingen kleine, unterdrückte Stimmchen an, ihn um Hilfe anzuflehen, bettelten ihn an, ihnen zu helfen. Sie wurden immer lauter, während die Quelle des kalten, leicht grünlichen Lichtes im Schlamm versank, und steigerten sich zu einem lauten, alptraumhaften Crescendo, bis sie urplötzlich verstummten. Henning stöhnte erlöst und senkte erschöpft den Kopf, nur um etwas weitaus beunruhigenderes zu sehen.


Vor ihm, genau da, wo das Licht versunken war, begann der Schlamm zuerst träge Blasen zu bilden, nur um sich dann zu einem regelrechten Brodeln zu steigern. Henning hatte die fürchterliche Ahnung, dass dort etwas aus dem Moor aufstieg, etwas, das er bestimmt nicht sehen wollen würde. Panisch keuchend begann er zu strampeln, nur um bis zum Bauch einzusinken. Der Geruch nach feuchter Erde, Verwesung, und Fäulnis war auf einmal unerträglich stark. Sich der Ausweglosigkeit seiner Lage bewusst begann Henning zu weinen, wobei er immer wieder erstickt aufschrie. Und immer noch brodelte vor ihm der Schlamm. Er entleerte seine Blase vor Angst in seine Thermohose, zuerst war es warm, doch dann wurde es ihm entsetzlich kalt ihm Schritt.


Langsam begann etwas aus dem Boden an die Oberfläche zu dringen. Zuerst etwas rundes, dass dann langsam zu einer Schädeldecke wurde. Henning, unfähig wegzuschauen, registrierte entsetzt, wie sich die obere Hälfte des Kopfes (denn das war es) mit einem feuchten Schmatzen aus dem Schlamm hob. Langsam offenbarte sich eine Schädeldecke, an der sich an einigen Stellen bereits die Haut gelöst hatte, und an denen grau Knochen durchschimmerte. Dann löste sich, mit einem raschen Ruck der Rest des Kopfes aus dem Moder. Lange, einer Frau gehörende Haare, steckten noch mit den Spitzen im Schlamm, und während sich der Kopf hob, fielen sie teils in Büscheln aus.


Ein Gesicht starrte ihn da an, das Henning, würde er die Gelegenheit dazu bekommen, nie mehr vergessen würde. Der Farbton der Haut variierte zwischen einem braun und einer fauligen Schwärze, es waren, durch die Fäulnis ruiniert, keine Gesichtszüge zu erkennen. Die Augen wirkten erschreckend normal. Sie starrten ihn aus dieser Maske aus fauligem Fleisch und Schlamm heraus, mit einer perversen Freude an seiner Angst, an. Das Ding hatte keine Lippen, und so zeigte sich viel mehr von seinen Zähnen, als es den Mund öffnete. Diese waren vollkommen weiß, so, wie in einer Werbung für Zahnpasta. Sie waren klein, und es gab keine Lücken im Gebiss. Die Kreatur öffnete ihren Mund unnatürlich weit, wie zu einem gewaltigen Gähnen und stieß dann mit einer schlangenartigen Bewegung vor.


Henning begann wie ein Schwein auf einer Schlachtbank zu schreien, als sich dieses Wesen, durch den Schlamm scheinbar ungehindert, auf ihn zubewegte. Aus dem Schlamm hoben sich dünne, verweste Arme, und als sich die sehnigen, furchtbar kräftigen Hände mit kaltem, nassen Griff auf seine Schultern legten, quiekte Henning. Dann erhob sich noch einmal ein letzter, dünner Schrei, der in einem grausamen Gurgeln endete, als die lebende Leiche ihre Zähne in Hennings Hals grub und grunzte, als das warme Blut herausschoss. Es dampfte auf dem kalten Schlamm, und wurde von diesem gierig aufgesogen.

~Weltenfrost~

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