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Früher habe ich in einem kleinen Gebäude nahe der Innenstadt gewohnt. "Früher", weil ich ausgezogen bin.

Einer der Gründe dafür war die miese Nachbarschaft, besonders dieser Freak im Apartment direkt über meinem. Er benahm sich seltsam, und sah auch dementsprechend aus; mit dunklen Schatten unter den leblosen Augen, eingefallenen Wangen und krummer Statur, sowie einem Lächeln, das eher aus Zähnen als aus Lippen bestand.

Manchmal stellte ich mir vor, dass sein Inneres so verfilzt war wie seine Haare: verworren, dunkel und irgendwie unangenehm anzusehen.
Und dann fühlte ich mich schlecht.
Der Typ war im Grunde ja auch nur ein Mensch.

Aber ich konnte nichts für diese abschätzigen Gedanken. Er war nunmal die Definition des aus der Gesellschaft ausgestoßenen Außenseiters. Eigentlich hätte er mich nicht sonderlich gestört, schließlich bin auch ich nicht unbedingt der normalste Kerl auf dem Planeten, doch das Schlimmste an ihm begann stets um Mitternacht.

Auftritt: Das seltsame, nervige Geräusch.

Ich bitte um Applaus.

Es war niemals laut, das muss man ihm lassen, aber mit meiner Insomnie und meinem leichten Schlaf hatte ich keine Chance, es einfach zu ignorieren. Zudem war es auf Dauer ziemlich nervtötend. Es wurde zunehmend schwierig, meine Augen mit diesem dumpfen Geräusch im Hintergrund geschlossen zu halten. Es erinnerte mich ein wenig an den Klang, den hochhackige Schuhe auf Parkett verursachten, aber es war nicht ganz so penetrant, als würde der Auslöser versuchen, leise zu sein.
Es war da.
Und es störte.

Ich war nicht sonderlich musikalisch, also dauerte es ein paar Tagen, bis ich das Muster darin bemerkte. Ein wenig wie eine Schallplatte.
Eine kaputte Schallplatte.
Mit zufälligen Intervallen zwischendrinnen.
Zufälligen Interva-
-llplatt-
Kap-
Kap-
Kap-
Kaputt eben.

Und so ging es weiter, für den größten Teil des Jahres. Warum ich es ertrug? Sehr einfach: Wegziehen war keine Option.

Das Apartment war billig, hatte die perfekte Lage für einen Collegestudenten wie mich, und beschweren wollte ich mich beim Vermieter ohnehin nicht. Noch dazu quittierte der seltsame Typ jeden meiner Versuche zur Aussprache mit einem Grummeln und irgendeiner Ausrede.

Vielleicht war er ja Cross-Dresser?
Vielleicht war ihm seine Neigung ja peinlich?

Irgendwann begann dieselbe Sequenz sich langsam in meine Gedanken einzutätowieren, sodass ich manchmal begann, den Takt selbst - wenngleich gedankenverloren und ohne, dass ich es bemerken würde - zu klopfen: während einer Vorlesung, wenn ich wartete, oder wenn mir einfach nur langweilig war.

Erst viele Jahre später, als ich meiner Tochter zuhörte, während sie mir enthusiastisch von dem heutigen Unterrichtsstoff erzählte, verstand ich.

Sie klopfte mit den Handknöcheln auf unseren hölzenen Tisch, zeigte mir mit vor Stolz funkelnden Augen, was ihnen die Lehrerin zuvor beigebracht hatte, und sandte automatisch eine Gänsehaut meinen Rücken hinab.
Diesen Takt würde ich nie vergessen.

Auftritt: Das seltsame, nervige Geräusch.

Ich bitte um Applaus.

Als ich wissen wollte, was es bedeutete, lachte sie lediglich. "Ach Papi, das ist doch der Einfachste", erklärte sie weiterhin grinsend. Meine Hände krampften sich nach ihrer Antwort so fest um die Tischkanten, dass meine Knöchel weiß hervortraten.


"Es ist der, mit dem man nach Hilfe ruft."


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