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„Hey, im Westflügel ist das Delta-Aggregat ausgefallen, übernehmt ihr den Job?“, tönt die Stimme von O.9 aus dem Funk. „Uns bleibt ja wohl nichts anderes übrig.“, antwortet E.4 in einem leicht sarkastischen Tonfall. „Super, ich markiere euch den besagten Punkt, bitte macht euch schnellstmöglich auf den Weg. Ceph wartet nicht besonders gerne.“, damit ist das Gespräch beendet.

„Das ist bereits das dritte Mal, dass das Aggregat dort ausfällt. UGE sollte das mal dringend auswechseln, ansonsten klappt hier gar nichts mehr.“, die leicht gedämpfte Stimme von Q.0 nehme ich durch den Funk im Anzug kaum war. Immer wenn wir hier draußen sind, überkommt mich das Gefühl von Freiheit. Eigentlich ist es auch die Freiheit. Wenn ich wollte, könnte ich einfach den Schlauch lösen und mich abstoßen, dann würde ich den Rest meines Lebens in vollkommener Freiheit verbringen. Aber der Rest meines Lebens würde dann vermutlich nicht mehr besonders lange dauern. Entweder mir würde die Luft ausgehen oder irgendein unbekanntes Gas würde sich durch den Anzug, bis in mein Innerstes fressen. Zumindest wäre das bei IHNEN so. Freiheit hat ihren Preis. Alles hat seinen Preis.  „UGE sollte das Auswechseln?“, fragt E.4 während er sich an einer T9 Leitung nach vorne zieht, „Schön wär´s, die würden sich doch niemals die Hände schmutzig machen. Wir sind für die Drecksarbeit zuständig. Wir müssten das neue Aggregat einbauen und darauf habe ich keine Lust. Da repariere ich lieber das Aggregat noch zehn Mal.“. „Super, machst du das dann auch alleine?“, stichelt Q.0, „Wir haben hier auch so etwas wie Teamgeist mein Freund.“. Immer diese Nörgeleien. Sie haben einfach keine andere Möglichkeit als sich über alles zu beschweren. Sie sind es nicht anders gewohnt. Zum tausendsten Mal blicke ich auf die wunderschönen Wolken, die meinen Liebling umhüllen. Wie gerne würde ich zum stationären Team gehören, das sich ausschließlich mit der Forschung beschäftigt. So könnte ich auch endlich an bessere Informationen über SIE rankommen. Wie ich SIE verabscheue. Dann müsste ich mich auch nicht mehr hier, an den immer grauen Röhren umherhangeln und niedere Arbeiten verrichten. Elende Nahrungskette der Menschen. Vielleicht ist es heute schon so weit. Vielleicht kann ich ab heute wieder in Freiheit leben. Aber nur vielleicht. Ich brauche nur etwas Geduld.

„Oke O.9, wir sind da, du kannst die Schleuse öffnen.“, E.4 zieht sich am Geländer nach oben und erreicht das große, hermetisch verschlossene Tor, welches den Zugang zum Delta-Aggregat darstellt. Kurz darauf öffnet sich das Tor mit einem gedämpften Vibrieren. „Alles klar, die Schleuse wird geöffnet“, antwortet die Stimme von O.9. Wie es manchen Menschen ein Bedürfnis zu sein scheint, immer das absolut Offensichtliche noch einmal in Worte zu fassen. E.4. hält mir seine bedeckte Hand hin um mich hochzuziehen. Kritisch blicke ich ihn an, doch ich nehme trotzdem seine Hilfe an. Keine offensichtliche Abneigung zeigen. Ohne viel Anstrengung lande ich neben ihm auf der Plattform vor der Schleuse. Kurz danach zieht sich auch Q.0 am Geländer hoch. E.4 nickt uns zu und betritt die Schleuse, uns hinter sich.

Nicht menschlich

Mit einem Vibrieren schließt sich das Tor hinter uns und mit einem lauten Zischen füllt Luft den Schleusenraum. „Es ist sooo langweilig hier, mir hat Jupiter viel besser gefallen.“, sagt Q.0 mit völlig ernster Stimme, „Hier ist einfach immer nur derselbe rot-beige Kreis. Auf Jupiter gab es wenigstens einen Sturm.“. Wut durchströmt mich. Ich könnte sie für diesen Satz umbringen. Wie konnte sie es wagen, meinen Liebling zu beschimpfen? Auf dem Saturn war tausendmal mehr los als auf Jupiter. Aber was weiß Q.0 schon? Sie ist schließlich nur ein kleines naives Mädchen, das sich den Job hier ervögelt hat.  Lautes Klicken, wie von ineinander greifenden Zahnrädern, ertönt. Das Tor zum Delta-Aggregat öffnet sich mit einem lauten Knarren.

Ich schaue mich kurz im weitläufigen, aus verschiedenen mechanischen Gliedern bestehenden Raum um. In der Mitte des Raumes befindet sich das wummernde Aggregat: Ein lebloser, schwarzer Kasten mit röhrenartigen Auswüchsen, die im Boden und in der Decke endeten. Sofern es hier überhaupt ein oben und unten gibt. E.4 schwebt auf das Aggregat zu und beginnt mit der Analyse. Q.0 schaut ihm dabei mit verträumtem Blick zu. Wie dumm, dass er auf mich und nicht auf sie steht. Für sie dumm. Für mich gut.

„Das Übliche, ein Fehler in der Codierung. Das ist schnell behoben.“, er dreht sich zu uns, „Q.0, könntest du bitte das Leitsystem überwachen? U.1, kannst du die Codierung überprüfen?“.

Überrascht blicke ich auf.

„Das ist nicht mein Aufgabenbereich.“, sage ich. Soll es heute schon so weit sein?

„Ist doch egal, jeder sollte mal etwas dazu lernen.“, erwidert er mit einem undefinierbaren Unterton.

Irgendetwas weiß er. Etwas, dass er nicht wissen sollte.

„Hey, das ist doch meine Aufgabe!“, protestiert E.4.

Unwissendes Mädchen.

„Ich weiß Q.0, aber U.1 sollte da auch einmal eingewiesen werden.“.

Keine Erwiderung. Sie ist ihm verfallen. Wie gut für mich. Ich überprüfe den Sauerstoffstatus. Irgendetwas stimmt nicht. Ich DARF das nicht machen. Ich bin dazu nicht ausgebildet. Misstrauisch stoße ich mich vom Boden ab und schwebe zu E.4.

„Also, könntest du dich in das Aggregatsystem einklinken und die Fehlfunktion suchen?“, fragt er, immer noch mit diesem undefinierbaren Tonfall. Ich nicke und tue wie mir geheißen. Datenströme fließen in meinen Speicher. Zu viele Datenströme. Zu viele für ihn.

Ein Ruck durchfährt den ganzen Delta-Abschnitt und mit einem Mal geht die Notbeleuchtung an. Mehrere vulgäre Ausdrücke fliegen von Q.0 zu uns nach oben.

„Komm runter Q.0, U.1 hat einfach nur einen kleinen Fehler gemacht. Kein Grund zur Sorge.“.

Völlig verwirrt starre ich E.4 an. Ich hatte nichts falsch gemacht. Ein Piepen ertönt in meinem Ohr.

„Bitte lass dir nichts anmerken, ich bin E.4. Ich habe eine gesicherte Verbindung zu dir aufgebaut, niemand kann uns hören.“.

Bitte was?

„E.4, ist da hinten alles gut mich euch? Ich habe eine Nachricht über einen Stromausfall im Delta-Abschnitt erhalten.“, fragt die Stimme von O.9 per Funk.

„Nein, alles Gut, nur ein kleiner Fehler bei der Analyse.“, antwortet E.4, während er mich unverwandt anstarrt. Was ist hier los? Ist heute etwa schon der große Tag?

„Hör mir zu U.1, irgendetwas hat sich vor acht Tagen im Ceph eingenistet.“, sagt E.4 mit eindringlicher Stimme, „ Und ist definitiv NICHT menschlich.“.

Du Idiot. Du naiver Idiot.

„Es ist dort durchgehend aktiv und leitet alle Forschungsstellen.“, fährt er fort, „Auch den Westflügel. Es lässt regelmäßig das Delta-Aggregat hier abstürzen um Informationen abzuzweigen.“. Er schaut zu Q.0, die sich dazu bereit macht, zu uns zu springen.

„Mach dir keine Sorgen Q.0, ich löte das schon wieder, bleib einfach nur dort unten!“, die Stimme von E.4 überschlägt sich fast. Wäre Q.0 nicht so unglaublich dumm, dann hätte sie seinen Stimmungsschwung garantiert bemerkt.

„Du bist die einzige Person, der ich noch vertrauen kann. Von allen anderen erwarte ich nichts mehr, irgendetwas hat sich in ihren Körpern eingenistet und kontrolliert sie nun. Höchstwahrscheinlich auch in den Körper von Q.0.“, sagt er gehetzt zu mir und blickt wieder zu Q.0.

So ein Idiot. 

„Du bist doch paranoid.“, sage ich mit kritischem Blick zu ihm.

„Nein, ich schwöre es dir. Ich habe Beweise dafür. Vor acht Tagen haben wir diese Gasproben gemacht und irgendetwas ist mit in den Südflügel gelangt. Dort hat es die anderen infiziert und jetzt hat es fast vollständig Kontrolle über die Station.“.

Ein flüchtiges Lächeln durchstreift mein Gesicht.

„Du bist doch Irre.“, sage ich zu ihm.

„Nein! Ich bin nicht Irre, ich habe alles gesehen. Ich habe gesehen, wie die Sporen von Mensch zu Mensch gelangt sind. Wir müssen dieses Aggregat zerstören, damit die Station abdriftet und diese Bedrohung ausgerottet wird.“, beharrt er.

„Okay, nehmen wir an es wäre so. Was soll ich dann machen?“, frage ich mit unverkennbar ernsten Stimme.

„Du musst einfach nur eingeklinkt bleiben, damit der Stromausfall bestehen bleibt. Währenddessen bringe ich das Aggregat zum Absturz und somit auch den Westflügel. Dadurch wird die Station aus dem Gleichgewicht gebracht und stürzt in die Gaswolken von Saturn.“. Erwartungsvoll blickt er mich an.

„Okay“, sage ich und lasse weiterhin die Datenströme in meinen Speicher fließen. Für die Menschheit.

„Danke.“, sagt er und wendet sich Q.0 zu, „Wir haben alles unter Kontrolle, nicht mehr lange und das Aggregat funktioniert einwandfrei.“.

Informationen und Daten gelangen ungefiltert in meinen Speicher. 97%. Ich habe es fast geschafft. Ich sende ein ungedecktes Signal an O.9. 100%.

Ein metallisches Klicken ertönt, als ich mich ausklinke.

„Was… Was machst du da U.1?“, fragt E.4 mich mit entgeisterten Blick.

„Weißt du? Es gibt da so ein Sprichwort bei euch Menschen: Wie gewonnen so zerronnen.“. Ein kurzer Impuls durchfährt mich. Ein erkennendes Aufblitzen seiner Augen.

„Du auch.“, sagt er und ich nicke.

Mit einem lauten Knarren öffnen sich beide Tore der Schleuse. Ein Schrei durchfährt Q.0, bevor sie hinaus gesogen wird und in der schwärze des Alls verschwindet. Sie war die Immune.

„Ihr Menschen seid einfach zu gierig. Ihr wollt immer mehr haben, ohne dabei Rücksicht auf andere zu nehmen.“. Die Verbindung vom Aggregat zu E.4 strafft sich, als er von der Geschwindigkeit der Station nach hinten gesaugt wird.

„Ihr haltet es nicht für möglich, dass so etwas wie Leben auf dem Saturn existiert und daher nehmt ihr keine Rücksicht auf Leben auf Saturn. Ihr filtert sein Gas. Seine Lebensenergie, ohne zu wissen, dass ihr uns damit das Leben nehmt.“, sage ich und ein weiterer Impuls durchfährt mich. Die Station fängt an sich unbeschreiblich schnell zu drehen.

„Ihr seid wie kleine Kinder. Alles was ihr seht zerstört ihr. So lange, bis jemand kommt und euch zurechtweist. Manche machen das etwas härter, manche etwas sanfter.“. Der Blick von E.4 wird immer panischer. Er versucht eine Verbindung mit dem Hauptnetzwerk herzustellen. Doch O.9 weiß Bescheid.

„Eure Zeit ist gekommen.“. Dann lösen sich die Verbindungsstücke unserer Körper mit dem Aggregat und wir fliegen hinaus. E.4 schreit. Ich nicht. Ich genieße es.

Wir fliegen immer weiter.

Immer weiter auf meine Heimat zu.

EPILOG: Bearbeiten

Ausschnitt aus den Unterlagen von UGE Inc., die zu den lokalen Behörden auf der Erde gesendet wurden.

Am 24.08.2097, um -0320 fiel auf der UIFSOS eines der Aggregate aus, was zur Folge hatte, dass mehrere Antriebssektionen ausfielen oder doppelt so stark arbeiteten. Dadurch veränderte sich die Umlaufbahn der UIFSOS um Saturn so massiv, dass die Station in den Gaswolken von Saturn verschwand. Nach mehrfachen Tiefenscans konnte jedoch keine Signatur der UIFSOS in Saturn entdeckt werden, die Ermittlungen dazu laufen noch. Eine weitere Ungereimtheit ist, dass sich kurz vor dem Absturz der UIFSOS die Schleusen zum ausgefallenen Aggregat geöffnet hatten. Die Gründe dafür sind bisher unbekannt. Alle 183 Besatzungsmitglieder der Filterstation sind mit der UIFSOS im Saturn verschwunden. Auch die Gründe dafür sind unbekannt, da kein Notfallsignal von der UIFSOS zur administrativen Leitstelle von UGE Inc. Gesendet wurde. Wir arbeiten jedoch weiter an diesem durchaus mysteriösen Fall vom plötzlichen Verschwinden der UIFSOS. Wir hoffen auf ihr Verständnis zu diesem weltbewegenden Ereignis. Bei Fragen und Anregungen sind wir jederzeit verfügbar. Wir alle von UGE Inc. fühlen mit den Familien der Verschollen 183 Besatzungsmitglieder mit.

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