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»Nocebo«

Victor L. Harrison

 

William  betrachtete sein Ebenbild in dem winzigen Spiegel. Die Reflektion war getrübt durch den billigen, in die Jahre gekommenen Kunststoff, welcher den Untergrund des Spiegels bildete. Sein Blick bewegte sich langsam über die Wand, vor welcher er stand. Unter dem Spiegel hing ein kleines altes Waschbecken. Braune Rückstände hatten sich um den Abfluss gebildet.  Der Abfluss selbst war ein einfaches Loch. Das Becken hing zu tief für William. Er war nicht außerordentlich groß. Es hing einfach zu tief, sodass er sich jedes Mal bei der Benutzung unnatürlich tief nach vorne beugen musste. Rechts neben dem Waschbecken, das Klo. Die Sitzfläche war so schmal, dass eine bequeme Position nicht existierte. Es war zudem ungeputzt, schon seit er hier lebte. Eine einfache Bürste hätte bereits gereicht, doch es gab keine. Links von ihm stand eine kleine Trennwand..

Dahinter ein Tischlein welches Platz bot für einen Teller.

Dahinter etwas weniger als ein Schritt Luft.

Dahinter ein… ›Bett‹.

Dahinter Gitter.

Und dahinter..? Eine ganze Welt in welcher alles schöner war, als dieser Raum.

Spiegel, Klo, Wand, Tisch, Bett, Gitter. Ihm waren diese sechs Sachen geblieben. Und jede war auf eine ganz eigene Weise menschenverachtend gewesen. Sadisten. Jemand meldete sich an der Tür.

Noch ein Blick in den Spiegel.

»Heute ist mein Glückstag.«, sagte er zum Spiegel. Seine Haftzeit war nun vorrüber.

Zwei Vollzugsbeamte entriegelten die Tür, traten in die Zelle und vollzogen die wohlbekannte Prozedur, welche William in den letzten Monaten schon mehrmals durchlaufen hatte. Auch heute war es wieder dieselbe. Das überraschte ihn. Er hatte wenigstens ein ›Jetzt ist es so weit.‹ oder ein ›Freust du dich schon?‹ erwartet. Die Beamten blieben jedoch still.

Sie begaben sich zu dritt auf den langen Gang des Traktes. Die Tür wurde wieder geschlossen und verriegelt.

William atmete auf. Nie wieder eine Sekunde in diesem verfluchten Raum.

An jedem anderen Tag waren sie dem Gang nach links gefolgt, heute drehte sich die kleine Prozession in die entgegengesetzte Richtung.

Eine viel zu lange Zeit hatte William unschuldig in dieser Anstalt verbracht. Er war nicht ›unschuldig‹, wie die meisten hier. Er war wirklich unschuldig. Es war eine Verkettung tragischer Zufälle, welche ihm diese unangenehmen Monate eingebracht hatte.

»Ich hole Sie da so schnell es geht wieder raus.« hatte der Anwalt ihm damals versprochen. Zum Glück muss ich nicht noch mehr Zeit in diesem verfluchten Raum verbringen.

Nach einigen Abbiegungen kam eine große Doppeltür am Ende des Ganges in Sicht. Mit jedem Schritt kam sie näher. Bald erreichten sie das Ende des Zellentraktes. Die Türen schwangen auf. Dahinter folgte die Sicherheitsschleuse.

William durfte sich umziehen. Wann hatte er das letzte mal etwas anderes als diese verfluchte Insassenuniform getragen? Nie wieder diese verfluchten Lumpen.

Als er fertig war, wurde er zum Ausgang der Sicherheitsschleuse begleitet. Der Beamte welcher neben ihm lief, hatte einige Dokumente in der Hand. Irgendwo auf diesen Blättern musste ein unterzeichneter richterlicher Beschluss stehen, welcher es ihm möglich machte, durch diese eine letzte Tür zu treten und diesem trostlosem Betonkoloss endgültig zu entrinnen.

Die Tür öffnete sich. Helles Licht strahlte ihm entgegen, er wurde bereits mit einem Lächeln erwartet.



Der Arzt blickte freudig überrascht durch die Scheibe auf die Exekutionsbank. Auf dem Monitor nahm die Herzfrequenz stetig ab.

»Der Glaube bewirkt doch wahre Wunder…« flüsterte er fast ehrfürchtig, während der Injektionsapparat eine weitere Ladung Kochsalzlösung in die Venen des Verurteilten William J. Dearing beförderte.

Einige Minuten später setzte er sein Zeichen und notierte die Uhrzeit auf dem vom Wärter überreichten Dokument.

Noch nie hatte man so günstig exekutiert.



Victor L. Harrison

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