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Er starrte in die Leere des Raumes. Warten. Das Warten auf den nächsten Auftrag. Es machte ihn fertig. 240-mal hatte er den Kugelschreiben bereits über seinen Daumen gedreht. Ihm gefällt es alles ganz genau in Zahlen auszudrücken. Plötzlich, da. Eine E-Mail poppte in einem Computerfenster auf. Es war jenes E-Mail auf das er schon die ganze Zeit gewartet hatte. Die Betreffzeile: Abholung Anforderung #12841. Er packte seine Tasche zusammen: Messer, Spanngurte, etwas zu trinken und einen Schlagring. Zusammen mit seiner Glock G17 machte er sich auf dem Weg zu seinem Wagen.

Die Sonne erhellt den frühen Morgen irgendwo nahe der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. „Haben Sie die Uhrzeit?“ sprach er, mit einer leisen und freundlichen Stimme. Noch bevor die Fremde überhaupt ihr Telefon aus der Hosentasche nahm, schlug er zu. So fest, dass sie mit voller Wucht auf den Boden knallte. Sie war bewusstlos, so wie er es wollte. So wollte er es immer, bei Bewusstsein wäre der Transport viel schwieriger, aber der Tarif unverändert. Für ihn war diese Frau keine Frau. Nein. Ein Objekt, wie ein Telefon. Es gibt so viele Telefone, billige, teure, hochwertige, eines mehr oder weniger fällt da keinem auf. Er schleift sie in seinen Transporter, einen Ford Transit und fixierte sie mit drei Spanngurten. Einen über den Kopf, den zweiten über dem Bauch der dritte hielt die Füße. Keine Chance für sie hier irgendwie rauszukommen. Über den Mund klebte er ein Stück Panzertape. Mit einem Knall war die Seitentür verriegelt und damit der Auftrag fast erledigt. Zur Kontrolle ob ihn auch niemand bei seinem Geschäft bemerkt hatte, schaut er sich in der ganzen Straße noch einmal um. Niemand. Er stieg in den Wagen, startete den Motor und fuhr los.

Nach einer halben Stunde fahrt war es soweit. Sie kamen zu einer alten Chemiefabrik. Die Außenmauern waren komplett zugewachsen, lediglich die Fenster waren zu sehen. Rund um die Fabrik verliefen dicke Rohre, die an einigen Stellen bereits Löcher hatten. Am Eingang angekommen stellte er den Motor ab, zwei Männer, links und rechts von dem geschlossenen Schranken warteten schon. Sie rissen die Tür auf und klebten der Frau ein Etikett mit einem Strichcode auf die Stirn auf dem Stand: NR 412 DE. Dann schliffen sie Nummer 412 einen langen Korridor entlang, vorbei an etlichen Türen, nummeriert von 1 bis 49, sämtliche Stiegen hinunter und da waren sie. Der Aufenthaltsraum für alle Neuankömmlinge. Gleich neben Nummer 411 fand Nummer 412 ihren Platz. Ihre Hände hinter dem Rücken, hing man sie an ein dickes Seil, das an der Decke an einen massiven Stahlträger befestigt war. Diese schmerzhafte Position würde sie so lange einhalten, bis jemand sie für einen angemessenen Preis gekauft hatte. Das kann dauern. Fünf Tage, eine Woche oder über ein Monat. Mittlerweile war sie aufgewacht und versuchte zu schreien, was ihr mit dem Panzertape auf dem Mund allerdings nur schwer gelang. „Die Schnauze halten, sonst kommst du zum Ausschuss, hast du mich verstanden, ja?“ sagte einer der Männer. Ein neu hinzugekommener Mitarbeiter nahm Nummer 412 sämtliche Kleider ab und warf sie in eine Mülltonne, welche er durch den ganzen Raum schob. Zwei weitere schrieben einen ganzen Notizblock voll während sie sie von oben bis unten musterten.

Nummer: 412DE

Name: Lucie Margeth
Herkunft: europäisch
Sprache(n): Deutsch, Englisch
Alter: 19
Hautfarbe: weiss
Haarfarbe: blond
Aufgegriffen in: Deutschland
Preis: Auktionsbeginn bei 24.000
Lieferung: Komplett / Teillieferung verfügbar
Der Raum war groß, eher eine Halle. Scheinwerfer erhellten jeden Zentimeter. Über jeder Frau war ein Strahler mitten auf den Kopf gerichtet, sodass die Opfer durch das grelle Licht dermaßen geblendet waren, dass sie ihre Umgebung nicht mehr erkennen konnten. Man schoss Fotos von jedem einzelnen Objekt, vermaß alle Körperteile, beschrieb sämtliche Merkmale. So kann ein potenzieller Käufer genauestens feststellen ob ihn dieses Produkt interessiert. Käufer gab es auf der ganzen Welt, die meisten Geschäfte wurden über das Internet abgewickelt. Über Online-Auktionen wird ein Startpreis gesetzt, der Meistbietende erhält anschließend die Ware innerhalb 5 Werktagen. Versendet wird per Transporter. Speziell dafür ausgebildete Männer sorgen dafür, dass Produkte aller Art von A nach B transportiert werden.






Einige Zeit verstrich, als plötzlich ein potenzieller Kunde Interesse an der Nummer 412 zeigte. Jedoch nur für ein Körperteil: Den Fuß. Es wurde eine Zeit lang verhandelt, letztendlich wurden € 3.000 pro Fuß vereinbart. Die Auktion ist hiermit beendet. Die Ware wird für den Transport kommissioniert.

Nummer 412 wurde von den Seilen gelöst und auf einen metallenen Tisch gelegt. Mit ihren Händen über den Kopf hinweg voll ausgestreckt wurde sie an den Tisch gebunden. Die Rollen des Tisches waren deutlich unter dem dreckigen Boden zu hören. Auf dem Tisch selbst haben sich über die Jahre bereits getrocknete Blutreste angesammelt. Sie schoben den Tisch durch den gesamten Raum, fast verhungerte Frauen, alle auf die gleiche Art und Weise angebunden, streiften an Nr. 412 vorüber. In dem Nebenraum angekommen, hievte man 412 auf den nächsten Tisch, wieder aus Metall. Die Kälte ließ ihre Haare aufstehen. Operationsleuchten erhellten den Raum, Laken aus grünem Stoff grenzten einen Teil des Areals ab. Ein dunkelhäutiger Mann mit weißem Operationstuch vor dem Gesicht kam mit einer dicken elektrischen Säge auf 412 zu. Er markierte die Schnittlinie, am Ansatz des Fußes, mit einem Permanentmarker. Anschließend startete er die Säge, wie eine Turbine begonnen sich die Sägescheiben zu drehen. Er setzte an, 412 schrie laut auf vor Schmerz, das Blut spritzte in sein Gesicht, an die Wand und floss letztlich auf den Fußboden wo es durch eine Abwasseranlage entsorgt wurde. Eine Betäubung wäre zu viel Aufwand und zudem mit hohen Kosten verbunden.

Der Fuß wird an der abgetrennten Stelle mit Salz behandelt, so bleibt dieser haltbar und einigermaßen frisch. Anschließend wurde er in eine mit Eis gefüllten Box abgelegt und in einen Kühltransporter geladen. Die Bestellung ist abgeschlossen und ist auf dem Weg um den halben Globus zu seinem neuen Besitzer. Der Rest des Körpers wird wie Abfall entsorgt.

Der Wecker klingelte um sieben Uhr. Lucie stand gerne früh morgens auf. Die Luft fühlte sich so frisch an und man hat mehr vom Tag, meinte sie immer. Um neun Uhr müsste sie bei der Uni sein, da beginnt ihr Vortrag Organische Chemie. Sie schaltete die Kaffeemaschine ein, drückte ein paar Knöpfe, rurr, rurr, trank einen Schluck, zwei, drei und überlegte ob sie noch irgendwas zu erledigen hatte. Sie packte ihre Sachen, Taschenrechner, Schreibblock, eine Füllfeder. Sie liebte es mit Füllfeder zu schreiben, die Art und Weise wie die Tinte von der Goldfeder auf das Papier floss faszinierte sie. Ein Geschenk ihres Großvaters zum sechzehnten Geburtstag. „Pass auf dich auf, mein Schatz!“, sprach ihre Mutter mit liebevoller Stimme. „Ich bin neunzehn Mom, da kann ich wohl auf mich alleine aufpassen.“, erwiderte sie. „Ja, weiß ich doch, machs gut.“ Um acht Uhr fünfzehn machte sie sich auf den Weg, und kam nicht mehr zurück. Die Polizei ist in Begriff den Fall einzustellen, da sich die grenzübergreifende Zusammenarbeit schwierig gestaltet.

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