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Ich ziehe mich vor niemandem aus.”, sagte Maria. „Niemals.“

Eigentlich ist es recht seltsam, so etwas beim ersten Date spontan an den Kopf geworfen zu bekommen. Noch dazu vor der Hauptspeise. Ja, natürlich hatten wir den gewöhnlichen Smalltalk schon hinter uns gebracht: Beruf, Familie, Hobbys, Lieblingsbücher und gruselige alte Damen an Tisch Nummer 6, aber mit diesem Thema hatte sie mich tatsächlich aus dem Nichts überrascht, sodass ich zu Beginn noch dachte, sie würde Witze machen.

„Und ich kann da keine Überzeugungsarbeit leisten?“, wollte ich also mit einem kleinen Grinsen wissen. Kokett mit den Augenbrauen wackelnd stupste ich ihr Bein spielerisch an.

„Nein.“, antwortete sie, ohne dass sie den Anflug eines Lachens verbergen konnte, und stupste zurück. „Ich dachte nur, dass ich‘s dir sage, falls das für dich nicht klar geht.“


Nach kurzem Überlegen zuckte ich nur mit den Schultern. Maria war schlau, unglaublich hübsch und machte auf mich einen geradezu wundervollen Eindruck. Außerdem hatte ich einen kleinen Fetisch für Augenfarben, und ihre schien sich ständig zu verändern. Warum sollte ich mich demnach über einen kleinen Tick von ihrer Seite aufregen? Schließlich wusste ich schon jetzt, dass ich sie wiedersehen wollte. Geradezu wiedersehen musste.

Und das taten wir auch. Ab und zu. Bei Gelegenheit. Oft. Ständig.

Wir gingen aus, zogen zusammen, verlobten uns und heirateten irgendwann. Eine perfekte, ganz normale Beziehung, so wie sie in jedem Bilderbuch niedergeschrieben steht. Abgesehen davon, dass Maria wirklich keine Witze gemacht hatte.

In dieser Zeit hatte ich sie nicht einmal unbekleidet gesehen. Wenn sie badete, oder sich umzog, dann nur hinter verriegelter Tür, wenn ich mich außerhalb des Raumes befand. Die Schlüssellöcher bedeckte sie vorsorglich, obgleich ich natürlich unter gar keinen Umständen gewagt hätte, aus Neugierde hindurchzublicken.

Sie gab mir keine Erklärung, also wuchs mein Drang, zu wissenl... Jeder würde mir zustimmen, wenn ich behaupten würde, dass sie unglaublich hübsch war, und ihren eigenen Worten zufolge hatte sie sich weder peinliche Schriftzüge auf ihre Haut, noch ein Arschgeweih, noch sonst irgendetwas Peinliches tätowieren lassen. Mit ihrem Körper sei alles in Ordnung.

Wenn wir Nächte gemeinsam verbrachten, ließ ich meine Hände das erkunden, was sich unterhalb ihres Nachthemdes verbarg, aber ich konnte keine Narben ertasten. Und irgendwann gab ich auf, zu fragen; nahm es einfach hin, akzeptierte es. Schließlich schien ich mich doch tatsächlich in diese Frau verliebt zu haben, die ich niemals nackt sehen würde.

Doch dann wurde sie schwanger.

Wenn du noch nie erlebt hast, dass sich eine dir liebe Person von dir abwendet, empfehle ich dir dieses Gefühl nicht. Über 9 Monate hinweg verschwand die Maria, die ich kannte und gern hatte, als wäre alles nur ein besonders perfides Schauspiel gewesen. Sie ließ mich nicht einmal in den Kreissaal, als ihre Fruchtblase endlich geplatzt war. Sie ließ mich nicht an der Geburt meines eigenen Kindes Teil haben.

Im Nachhinein betrachtet glaube ich aber, dass das gut so war. Denn als das Baby kam, hörte ich Schreie.

Nicht die, meines Neugeborenen, sondern das schmerzerfüllte von Erwachsenen. Und ich hörte... Blut, so seltsam es klingen mag. Ich hörte, wie es mit dem Boden kollidierte, aus Körpern drang, und langsam versiegte. Als mehr Angestellte in den Saal rannten – inklusive mir – waren Marias Ärzte und Krankenschwestern tot. Sie hatten ihre eigenen Augen ausgekratzt, bevor sie sich selbst die Kehlen ausgerissen, oder ihre Köpfe gegen die Wand geschlagen hatten.

Und inmitten dieses Massakers lag Marie, vollkommen desinteressiert, vollkommen ruhig, und schrecklich schön. Blutbespritzt wiegte sie das Kind in einem Handtuch. Ich erkannte den Hauch eines Lächelns auf ihren Lippen, den sonst niemand erkennen könnte, doch dieses Lächeln galt weder mir, noch dem Kind. Es galt den Leichen.

Niemand außer mir verstand.

Niemand außer mir konnte verstehen.

Diese Leute hatten meinen Sohn gesehen. Meinen neugeborenen, nackten Sohn. Und das hatte sie ihr Leben gekostet.

In den folgenden Tagen fühlte ich mich nur noch unwillkommener in meinem Zuhause. Maria saß stets in ihrem Lieblingssessel, mit dem seltsam ruhigen Kind in den Armen, und gemeinsam blickten sie direkt durch mich hindurch, egal was ich wann tat. Meine Liebe verschwand nicht, aber sie veränderte sich. Sie wurde zu einem Gefühl, dem Leid unglaublich nahe kam.

Dann, es ist gar nicht so lange her, starb Maria.

Einfach so.

Ich konnte mir nicht eingestehen, dass ich froh war, als irgendein Typ vom Rettungsdienst ihren Tod feststellte, und sie fortbrachten. Ihr Blut sei bereits seit Wochen geronnen gewesen, aber so etwas wäre ja gar nicht möglich. So etwas ist gar nicht möglich.


Alleine mit meinem Sohn werden seine stummen Blicke immer kälter. Er scheint eine Kakerlake bei ihrem Leben zu betrachten, wenn er mich ansieht, obgleich ich ihm nur mein Selbst darlegen kann, damit er sich davon ernährt. Desinteressiert. Ruhig. Neben den faszinierenden Augen und der Schönheit hat er noch etwas anderes von meiner Frau geerbt. Etwas Schreckliches.

Ich verbinde mir die Augen, wenn ich ihn bade, oder seine Windeln wechsle. Denn, was auch immer er ist, ich glaube nicht, dass ich ihn mir ansehen kann, ohne dasselbe Schicksal wie die Ärzte und Krankenschwestern zu erleiden.

Ich liebe meinen Sohn, obwohl ich Angst vor ihm habe, und das Gefühl in meiner Brust dem pursten Schmerz immer mehr ähnelt.

Und es treibt mich in den Wahnsinn. Denn ich will wissen…


Nur ein kleiner Blick?


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