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Es war spät am Abend, als ich aus der Bahn stieg und die Treppen zur Straße hinunter lief. Ich hatte meine Kopfhörer auf, und die Playlist meiner Lieblingsband lief auf meinem Handy.  Für ende September war es ungewöhnlich kalt, und ich musste mir meinen Mantel anziehen, um die Kälte fern zu halten. Im spärlichen Licht der Straßenlaternen kam mir der Weg immer besonders lang vor. Doch ich wusste, dass es nur knapp 10 Minuten bis zum Haus meiner Eltern waren. Ich würde mir einen ruhigen Abend vor dem Fernseher machen und vielleicht ein paar Kartoffelchips dabei essen. Als ich in unsere Straße einbog, fing etwas Ungewöhnliches meinen Blick auf. Wir lebten in einem ruhigen Viertel, wo das aufregendste Ereignis der kaputte Rasenmäher des Nachbarn war. Meine Verwunderung war also groß, als ich jemanden zu so später Stunde auf dem Gehweg gegenüber sah. Es schien eine Frau zu sein, die zusammengekauert auf den Bürgersteig hockte. Ich konnte nicht viel außer des weißen Kittels mit dunklen Flecken erkennen. Es war sicherlich keine besonders schlaue Idee, näher zu ihr zu gehen, doch meine Neugier übermannte mich. Mit vorsichtigen Schritten ging ich auf sie zu. Ihre langen, dunklen Haare verdeckten vollkommen ihr Gesicht und es machte mich unheimlich nervös ihre Augen nicht sehen zu können. "Hallo?", sprach ich sie an und wartete einen Moment, doch sie reagierte nicht. "Hallo? Geht es Ihnen gut? Brauchen Sie Hilfe?" Sie rührte sich nicht. Vielleicht hatte sie mich nicht gehört? Ich versuchte meine Nervosität herunter zu schlucken und trat noch ein Stück näher an sie heran. Selbst im Halbdunkeln erkannte ich nun, dass die dunklen Flecken  auf ihrem Kittel wie Blut aussahen. Einige waren noch tiefrot, andere schon dunkelbraun verfärbt. Mein erster Instinkt war es wegzulaufen. Ich wünschte ich, hätte genau das getan. Stattdessen beugte ich mich zu ihr hinunter und fragte: "Soll ich einen Krankenwagen rufen?" Mit einem Ruck hob sie den Kopf und sah mich aus winzigen Augen, eingebettet in aschfahle Haut, an. Bevor ich etwas tun konnte, schnellte ihre Hand nach vorn und packte meinen Unterarm. Ein Schauer lief mir über den Rücken und breitete sich dann in meinem gesamten Körper aus. Einen Moment später versenkte die Frau vor mir plötzlich ihre spitzen Zähne im Fleisch meines Unterarms und krallte sich fest. Ich schrie auf und schlug ihr mit meiner anderen Hand immer wieder auf den Kopf, bis sie letztendlich von mir abließ und auf allen Vieren krabbelnd hinter dem nächsten Haus verschwand. Ich erzählte meinen Eltern was passiert war, und wir fuhren zum Krankenhaus. In der Notaufnahme wurde die Bisswunde in meinem Arm gesäubert und verbunden. Anschließend fuhren wir zur Polizei und erstatteten Anzeige gegen die unbekannte Frau. Ab dem folgenden Tag brachten mich meine Eltern jeden Morgen zur Bahnstation und holten mich Nachmittags wieder ab.

Es vergingen ungefähr zwei Wochen, bis zu den ersten Zeichen. Obwohl ich wie gewohnt aß, begann ich dünner und blasser zu werden. Meine Wangen fielen ein und meine Augen sanken tiefer in ihre Höhlen. Meine Mutter brachte mich zu einem Arzt nach dem anderen, doch keiner von ihnen konnte eine körperliche Ursache feststellen oder eine andere Erklärung als Magersucht bieten. Als nächstes begann die schwer verheilende Bisswunde an zu jucken. Ich musste all meine Willenskraft zusammen nehmen, um dem Drang zu kratzen zu widerstehen. Ich entwickelte Schlafprobleme. Egal wie spät es war, oder wie lange ich schon wach war, ich konnte einfach nicht einschlafen. Meistens blieb ich ganze 24 Stunden wach, bis ich zur Ruhe kam. Schlief ich, weckte mich jedoch schon das kleinste Geräusch. Ich hatte das Gefühl, dass mein Hörsinn sich um das dreifache gesteigert hatte. Einige Tage später fiel mir auf, dass meine Sicht hin und wieder verschwamm. Zeitgleich bemerkte ich, dass mein Geruchssinn immer empfindlicher wurde, und ich öfter Probleme damit hatte mich auch nur in der Nähe der Sepeisekammer aufzuhalten. Den Müll raus zu bringen wurde zur Tortur, und ich mied den Kühlschrank aus Prinzip. Ich begann mir Sorgen zu machen. Irgendetwas stimmte nicht mit mir, und ich war mir zu 100% sicher, dass es mit dem Biss zutun hatte. Vielleicht hatte ich mir einen tödlichen Virus eingefangen? Es fühlte sich jedenfalls ganz so an. Vor allem, als sich eine Woche später meine Haut zu schälen begann.

Ich war an jenem Oktoberabend allein zu Haus, da meine Eltern ausgegangen waren. Mit einer Schüssel Chips hatte ich es mir vor dem Fernseher gemütlich gemacht und lachte hin und wieder über die Geschehnisse der laufenden Komödie. Plötzlich begann die Wunde wieder zu kribbeln. Ich packte meine Hand fest darauf, um mich vom Kratzen abzuhalten, da fiel mir die Haut meines Arms auf. Sie löste sich an mehreren Stellen und es standen kleine Fetzen nach oben ab. Schon als kleines Kind konnte ich mich in solchen Situationen nicht zurück halten. Mit meinen schmal gewordenen Fingern zog ich an ihnen und pulte mir Stück für Stück die Haut vom Arm. Es löste sich mehr und mehr und hörte einfach nicht auf. Von meinen Fingerkuppen hingen gräuliche semitransparente Streifen, auf dem Boden bildete sich ein unförmiger Haufen aus Hautstücken. 

Doch dieser Anblick hielt mich nicht auf. Irgendetwas in mir sagte, dass es besser würde, wenn ich nur weiter machte. Ich kratzte an meinem Arm rauf und runter, begann dann auch auf der anderen Seite. An meinem Gesicht angekommen schien alles plötzlich noch mehr zu jucken, so als wühlten sich millionen kleiner Würmer durch mein Fleisch. Beinahe hysterisch bei diesem Gedanken warf ich meine Kleidung von mir und versuchte mit den Fingernägeln überall heranzukommen. An einigen Stellen blutete ich bereits, doch ich konnte einfach nicht stoppen, der Juckreiz war viel zu stark, umd schien mit jeder verstreichenden Sekunde intensiver zu werden. Gerade, als ich dachte, ich könne es nicht länger ertragen, fing die Bisswunde fürchterlich an zu brennen. Ich schrie so laut, dass man mich wahrscheinlich noch drei Straßen weiter gehört hatte. Schnell schob ich mich von der Couch auf meine Füße. Mit wackeligen Beinen legte ich langsam und schwankend den Weg bis zum Spülbecken in der Küche zurück. Angekommen drehte ich das kalte Wasser auf, und hielt schließlich meinen Arm darunter. Anstatt durch die niedrige Temperatur gelindert zu werden, breitete sich das Brennen in meinem gesamten Körper aus. Es fühlte sich an, als würde jede einzelne Zelle in mir in Flammen stehen. Ich konnte nicht Schreien, nicht Sehen, nicht Atmen. Noch nie zuvor hatte ich solche Schmerzen gespürt. Das Letzte was ich sah war die Decke der Küche, dann wurde alles schwarz.

Als ich wieder zu mir kam, war alles anders. Ich wollte mich umsehen, konnte aber nur Umrisse erkennen. Über mir bewegten sich zwei davon, und redeten wie wild auf mich ein. Ich erkannte ihre Stimmen, es waren meine Eltern. Ich hörte sie laut und deutlich. Viel lauter, als sonst. Meine Mutter sagte meinem Vater immer wieder, er solle sich meine Haut ansehen, und fragte ihn, was nur los sei. Ich wollte ihnen antworten, ihnen versichern, dass alles gut war, doch als ich den Mund öffnete, kamen nur krächzende Laute heraus. Ich versuchte Worte zu formen, konnte jedoch keinen einzigen Ton hervorbringen. Meine Mutter begann zu weinen. Ich roch es an ihren salzigen Tränen, bevor ich es hörte. Mein Vater hatte sich wahrscheinlich – wie so oft, wenn er gestresst war – auf die Unterlippe gebissen, denn der Geruch von Eisen drang an meine Nase. Er blutete. Auf einmal breitete sich Hitze in mir aus, doch nicht so wie vorhin, es war eine andere Art von Hitze. Es war Verlangen. Das Verlangen nach Blut. Es belebte meinen ganzen Körper mit Energie und gab mir die Kraft mich aufzurichten. Meine Eltern sagten wieder und wieder meinen Namen und versuchten mir beim Aufstehen zu helfen, doch ich merkte, dass ich mich hockend sehr viel wohler fühlte, als ich es sonst tat. Mein Vater versuchte mich dennoch hoch zu ziehen, und ich gab ein warnendes Krächzen von mir. 

Er war so nah, dass ich seine Körperwärme spüren, und das Blut an seiner aufgerissenen Lippe deutlich riechen konnte. Ich holte durch die Nase tief Luft, um den metallischen Duft aufzusaugen, und konnte nicht mehr an mich halten. Ich warf meinen Vater zu Boden und kletterte auf ihn. Sein Schock musste groß gewesen sein, denn er wehrte sich nicht. Langsam leckte ich die rote Flüssigkeit die ich so sehr begehrte von seinem Mund. Sobald es meine Zunge berührte, löste es in mir unsagbaren Hunger aus. Hunger, wie ich ihn noch nie in meinem Leben verspürt hatte. Ich rammte meine Krallen in seine Brust und genoss das Gefühl seines pulsierenden Herzens an meinen Fingerspitzen. Ich packte es und zog fest daran, bis es sich aus dem Körper meines schreienden Vaters heraus löste und stopfte es mir in den Mund. Es war das schönste Gefühl der Welt, zu spüren, wie sein warmes Blut mir die Kehle hinunter lief. Ich nahm mir seine Leber, Milz und Niere, und aß sie nacheinander. Jedes Mal fand ein Feuerwerk in meinen Geschmacksnerven statt. Zögerlich biss ich in seinen Arm, nicht sicher, ob dieser Teil auch so gut schmecken würde, wie die Innereien, doch auch sein Fleisch war köstlich. Als ich alles abgenagt hatte, was ich als essbar empfand, hörte ich eine leise Stimme ein paar Meter neben mir. Es war meine Mutter. Sie sprach mit jemandem, doch ich konnte niemanden außer ihr riechen. Sie musste telefonieren. Ich wünschte, sie wäre mir egal gewesen, doch ich hatte immer noch so entsetzlich Hunger. Leise schlich ich ihr entgegen, während sie der Person am Telefon erklärte, dass sie in ihrem Haus fest saß und dringend Hilfe benötigte. Ich wartete den passenden Moment ab, dann sprang ich auf sie zu und versenkte meine Zähne in ihrem Hals. Sie kreischte, schlug um sich, und versuchte mich von sich zu schieben, doch ihre Versuche waren vergeblich. Es dauerte nicht lang, bis all ihre Energie erlosch und das Leben aus ihrem Körper wich. In der Ferne hörte ich das Heulen von Sirenen und knurrte. Es war ein widerliches Geräusch. Ich warf mir die Leiche meiner Mutter über die Schulter, dann sprintete ich auf allen Vieren aus dem Haus in die Dunkelheit. Nicht weit hinter der Wohnsiedlung gab es einen Wald. Das war mein Ziel. 

In einem leeren Fuchsbau richtete ich mir ein Nest ein und begann zufrieden die Überreste meiner Mutter zu verspeisen. Ich legte mich schlafen, nachdem ich mit ihr fertig war, doch es dauerte nicht lang, bis ich wieder erwachte und etwas feststellte – ich hatte unbeschreiblich großen Hunger.

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