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Ich fühlte, wie jemand zaghaft an dem Stoff meines Shirts zupfte.

Dadurch wurde ich geweckt, lenkte meinen noch von Schlaf vernebelten Blick kurz zu meinem Handy, welches neben mir auf dem Nachttisch lag, und dort an ein Ladekabel angeschlossen war. Als ich es berührte erhellte sich das Display sofort und bedeutete mir, dass es gerade einmal drei Uhr morgens war. Der hellblaue Schein, der noch einige Sekunden danach von dem Gerät ausging konkurrierte mit dem schwachen Licht einer der Straßenlaternen draußen, das durch halbgeschlossene Rollläden zu mir herein drang. Dennoch konnte ich die Gestalt, welche sich da auf mich herabbeugte, im ersten Moment kaum erkennen.

Meine Tochter hatte sich rechts neben mir auf das Bett geworfen, und ihre kleine Faust in meinem Oberteil vergraben. Ihre dunklen Augen schienen in der dunklen Umgebung beinahe unterzugehen, wenngleich in ihnen ein kleiner Lichtreflex funkelte. Oder ich das, was ich in ihren Iris sah, zumindest als solchen interpretierte.

„Papi, ich habe Angst.“, beichtete sie mir mit einer wackligen Stimme, die ihr nicht sonderlich gut zu Gesicht stand. Meine Kleine war für gewöhnlich mutig, besonnen und in aller erster Linie eine logische Denkerin. Sie machte sich nichts aus dem Monster unter ihrem Bett, füchtete sich dafür aber umsomehr vor der "uns unweigerlich bevorstehenden Inflation". Ihre Worte.

Als ein paar Momente der Stille verstrichen waren, in denen ich noch den nutzlosen Versuch startete den Schlaf abzuschütteln, welcher sich an mich klammerte als ginge es um sein Überleben, fügte sie hinzu: „Ich will heute Nacht nicht alleine schlafen…“ Obwohl sie mit ihren 10 Jahren schon deutlich zu alt für solche Aktionen war hob ich wortlos die Decke, unter welche sie sofort schlüpfte, und ließ diese genau wie meinen Arm um meine Kleine herumsinken.

„Aber nur für heute Nacht.“, flüsterte ich schließlich, nach einer ganzen Weile, als ich sicher war, sie wäre eingeschlafen.

Das Mädchen mit den dunklen Haaren und dunklen Augen atmete aus. „Danke.“

Dann nach einer Weile: „Es ist kalt hier.“

Ich küsste sie auf die Stirn, schlang die Decke noch etwas enger um sie herum und zog sie an mich, woraufhin sie wohlig aufseufzte. Ihre kalten Füße drückte die Kleine ganz dreist zwischen meine Waden, wo diese sich wohl nach einer Weile aufwärmen würden.

„Alles ist ok, Süße. Dir passiert nichts, so lange ich hier bin.“, versicherte ich ihr.

“Ich weiß.”, antwortet sie viel zu nüchtern für ein Mädchen ihres Alters.

Etwas störte mich gewaltig an der Art, wie mir meine Tochter plötzlich so ruhig und gesammelt geantwortet hatte, wenngleich sie Sekunden zuvor sicher noch einen erhöhten Herzschlag aufgrund ihrer Panik gehabt haben musste. Aber die Müdigkeit und der Stress meiner Arbeit überkamen mich und zogen mich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


Ich öffne meine Augen zeitgleich mit dem aufwühlenden Klingeln des Weckers und werde prompt bestraft, da mich das helle Licht der Sonne genau durch einen Spalt in meinen Rollläden trifft.

Nein, es ist kein Wecker, sondern lediglich mein Telefon, welches diesen verabscheuungswürdigen, schrillen Ton von sich gibt. Ich greife ein paar Mal nach dem Gerät und als ich es endlich in meine Finger bekomme hebe ich ab.

„Hallo? Hi?” Meine Stimme klingt absolut verschlafen, beinahe etwas belegt. Und so fühle ich mich gerade auch. Jedoch ist mein Ton nicht halb so angeschlagen, wie die meines Gesprächspartners. Die Antwort auf der anderen Seite besteht aus panischem Heulen, Japsen, dem sinnlosen Versuch, Worte hervorzubringen und hektischem Atmen.

Ich lausche den Worten einen Moment, bis ich die Stimme erkenne, die da hin und wieder schluchzt.

„Jenna?“, frage ich, da ich das Weinen meiner ehemaligen Frau überall wiedererkennen würde.

Das scheint sie ein wenig aus ihrer geistigen Umnachtung zu reißen. Nach zahlreichem Schlucken und Räuspern bringt sie endlich hervor, was sie mir unbedingt in aller Herrgottsfrüh hatte mitteilen müssen: „Ihre Leiche ist weg!“

Ich will fragen was sie meint, als ich mich erinnere.

Ein Schauer läuft über meinen Rücken.

Das Telefongespräch wird beendet.

Die Decke bewegt sich.

Ich fühle, wie jemand zaghaft an dem Stoff meines Shirts zupft.

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