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Stock und Stein brechen mein Gebein, doch Worte bringen keine Pein. Wie falsch ich doch lag! Dabei sind Worte doch viel gefährlicher. Bücher waren immer selbstverständlich für mich. Eine Geschichte, mit ihrer eigenen Welt und Charakteren. In der man für kurze Zeit eintauchen kann. Und wenn sie einem nicht gefällt oder zu gruselig ist, kann man das Buch immer noch zuschlagen. Es sind schließlich nur Worte. Und die können einem nicht gefährlich werden. Das dachte ich zumindest immer. Bis eine Geschichte real wurde. Und damit zu meiner eigenen. Ich hoffe, es gibt einige von euch da draußen, die kämpfen und sich zur Wehr setzen –bevor es zu spät ist.

-Magnus White, 24. April 1993

Die Tür erzitterte. Ein weiterer Tritt und das Schloss barst. Holzsplitter und abgeblätterte Farbreste stoben in die Eingangshalle. Zwei grüne Augen schauten sich neugierig um, bevor ihr Besitzer eintrat.


„Hier lässt es sich feiern!“


Evan fuhr sich mit einer schmutzigen Hand über den Mund und fixierte alles. Ganz schön ranzig, stellte er fest. Obwohl diese Beschreibung genauso gut auf ihn selbst zutraf. Evan Jenkins war mehr eine Bohnenstange, als ein Mann. Gekleidet in abgewetzter Lederjacke und verwaschenen Jeans. Seine, mehr schlecht als recht, schwarzgefärbte Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht. Dessen Haut sich blass und käsig über die Knochen spannte. Zeichen der Joints und dem Alkohol, die seine Hauptnahrung ausmachten.


„Hätten wir nicht auch in den Club gehen können?“, ertönte eine weibliche Stimme hinter ihm.


Wie eine diebische Elster begutachtete Evan seine Umgebung. Die alten Brokattapeten und Kerzenleuchter ließen vermuten, dass das Haus einmal sehr schön gewesen sein musste. Jetzt, mit dem vielen Graffiti und anderen Schmierereien, war es nur noch ein Schatten seiner selbst. Der perfekte Ort also. Er würde hier alles auf den Kopf stellen und so richtig die Sau rauslassen! Laila drängte sich an ihm vorbei. Sie war zwar kaum älter als zwanzig, aber der Umgang mit Evan hatte sie ihrer Jugend beraubt. Das schmutzig blonde Haar hing in einem losen Zopf über ihre Schulter. Eine Strähne an der Schläfe wies einen lila Ton auf, der aber auch schon langsam verblasste. Um ihre wässrigen Augen lagen dunkle Schatten und die Haut warf bereits kleine Falten.


„Ich schau mich schon mal um“, rief Evan ihr zu.


Mit großen Schritten durchquerte er die Eingangshalle und steuerte auf eine verquollene Tür zu. Einen Moment lang betrachtete er sein verzerrtes Abbild, welches sich im Messingknauf spiegelte, bevor er ihn packte, umdrehte und verschwand. Unschlüssig blieb Laila stehen. Ein Lufthauch zog durch eins der zerbrochenen Fenster und sie fröstelte. Warum hatte sie keine Jacke mitgenommen? Egal. Trotzig schlang sie die Arme um sich. Währenddessen verfluchte sie sich innerlich, mitgekommen zu sein. Beim Feiern machte sie natürlich mit, keine Frage. Aber das es in einem alten Spukhaus stattfand, ging ihr zu weit. Trotzdem sagte sie zu. Weil es Evan war. Wie immer. Und sie ihn nicht enttäuschen wollte. Auch, wenn sie das leugnete. Etwas raschelte. Laila wirbelte herum. Doch hinter ihr lag nur undurchdringliche Finsternis. Ein kleiner Körper krabbelte über ihren Schuh. Sie musste sich die Hand auf den Mund pressen, um nicht aufzuschreien. Wahrscheinlich nur eine Ratte, dachte sie. Oder gab es hier noch andere Wesen? Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Ihr Herz pochte so schnell und hart in der Brust, wie ein Presslufthammer. Automatisch begann sie zu rennen. Die Schuhe machten dumpfe Geräusche auf den morschen Dielen. Sie sprintete durch die Tür, als hinge ihr Leben davon ab. Keuchend presste sie sich gegen das Holz. Dann hob sie den Blick.


Evan stand auf dem Treppenabsatz und schenkte ihr ein spöttisches Grinsen. Es war das typische Grinsen, das er immer aufsetzte, wenn er etwas aus Stolz oder Dickköpfigkeit tat. Nun drehte er sich um, mit dem Gesicht zur Wand und erhob die Arme. Das Ganze erinnerte ein wenig an König der Löwen, ganz am Anfang, wo der neugeborene Simba hochgehalten wird. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte sie vielleicht gelacht. Minutenlang stand er einfach nur da. Laila grub die Fingernägel in die Handflächen. Ihre Angst war mittlerweile unerträglich.


„Komm schon, Evan“, meinte sie, „das ist nicht komisch.“


Er antwortete nicht.


„Ja, du bist total cool, schon kapiert. Aber es reicht!“


Der junge Mann verharrte in seiner Position.


„Es ist wirklich nicht lustig!“ Sie flehte beinah.


Keine Reaktion. Laila nahm einen tiefen Atemzug und ging langsam auf die Treppe zu. Widerwillig stakste sie die Stufen hinauf. Jeder Schritt verursachte ein bedrohliches Knarzen. Angekommen, überkam sie ein Würgreiz, als ihr der Gestank von Verwesung und Fäulnis in die Nase stieg. Sie machte einen Schritt auf Evan zu. Sein Kopf lag im Dunkeln verborgen und sie konnte nur eine vage Silhouette entdecken. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm. Und schrie auf. Zwei glühend rote Augen blitzten ihr entgegen. Und da, endlich, bewegte sich Evan.


„Fang mich doch, du Angsthase!“


Mit diesen Worten lief er davon, in einen angrenzenden Flur. Laila blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Sie sah gerade noch, wie er in einen Raum verschwand. Die Angst unterdrückend, trat sie ein. Jemand hatte verschlungene Muster auf den Boden gemalt. In deren Zentrum ein Pentagramm prangte. Die Linien stachen ihr in die Augen, wie Nadeln. In der Mitte stand eine Holzkiste. Die Kanten waren mit Gold versetzt und es erweckte den Eindruck einer Schatztruhe. Doch Laila war sich sicher, das hier keine wertvollen Münzen warteten. Ehe sie reagieren konnte, hatte Evan den Deckel ergriffen und stemmte ihn auf.


„Oh Gott, was immer da drin ist, ist bestimmt verflucht! Ein Junge ist letztes Jahr spurlos verschwunden, es stand in der Zeitung! Was, wenn er hier war? Ich bitte dich, tu das nicht!“, bettelte Laila verzweifelt.


Er lachte nur und mit einem letzten, kräftigen Schub, löste sich der Deckel und rutschte zur Seite, wo er klappernd auf dem Boden aufschlug. Evan griff ins Innere der Kiste. Alles in Laila schrie danach, abzuhauen. Sie blieb. Jetzt stand er vor ihr und hielt etwas in den Händen. Sie riss die Augen auf und hielt die Luft an.


„Tada!“


Laila wagte einen Blick auf das Ding. Und hätte fast losgelacht vor Erleichterung.


„Das ist ja nur ein blödes Buch!“, rief sie.


Evan grinste und überreichte es ihr. Es war ziemlich groß und wog schwer. Der Umschlag bestand aus schwarzem Leder. Blutrot waren Buchstaben aufgedruckt. Angestrengt entzifferte sie das Geschriebene.


„Obscurus.“


Kapitel 2Bearbeiten

„Setzen. Wir schreiben eine Arbeit!“, bellte Magnus White.

Rufe, Beleidigungen und genervtes Stöhnen erfolgten. Es störte ihn nicht. Er war nun schon seit 30 Jahren Lehrer an der Mountain-High-School. Und er war dieses Szenario gewöhnt. Gelangweilt ließ er seinen Blick über die Schüler schweifen. Missmutige Gesichter stierten zurück. Er hasste diese neunte Klasse. Nein, das war ganz und gar nicht übertrieben. Er hasste sie. Ihre vorlaute Art, ihre Faulheit, sogar ihr Aussehen. Einfach alles. Stattdessen lächelte er nur selig. Die bewährteste Methode, damit fertig zu werden, war sich nichts anmerken zu lassen. Obwohl…einige waren doch nicht so schlimm. Es gab ein paar Kids, die sich als wirklich schlau und freundlich herausgestellt hatten. Leider gehörten die zur Minderheit. Und in diesem Augenblick musste er sich eingestehen, nur Idioten vor sich zu haben.

„Mackenzie McHollister, was tust du da?“

Die Blondine sah von ihrem Handspiegel auf und ließ den Lippenstift sinken. „Mich schminken, Sir?“

Magnus spitzte missbilligend den Mund. „Ich erinnere mich, eine Arbeit angekündigt zu haben.“

„Aber ich muss doch perfekt aussehen, wenn ich später Model werden will!“, entgegnete sie.

Ihr Lehrer hob die Brauen. „Dann gibt es also Agenturen, die hirnlose Ankleidepuppen einstellen? Wobei, das sind ja alle Models, wenn ich’s mir recht überlege.“

Und damit war die Diskussion beendet. Mackenzie funkelte ihn noch giftig an, bevor sie ihr Blatt entgegennahm. Dann herrschte Stille im Raum. Bis auf das Kritzeln von Füllern und das Rascheln umgeschlagener Seiten.

In diesem Moment ging die Tür auf und ein schlaksiger Junge betrat den Raum. Evan schleuderte seinen Rucksack in die Ecke und setzte sich auf den leeren Platz ganz hinten. Einige Mädels pfiffen ihn hinterher. Sie fanden ihn natürlich cool. Für seine Noten galt bedauerlicherweise das Gegenteil. Vieren und fünfen, vereinzelt sogar sechsen.

 „Warum kommst du erst jetzt?“, fragte Magnus verärgert.

Evan grinste. Seine Nasenlöcher waren blutverkrustet und ein Schneidezahn abgebrochen. Wahrscheinlich hatte er sich mit einem anderen Schüler um Zigaretten geprügelt. Oder härteres Zeug.

„Ist doch egal. Ich wollte diese langweilige Stunde mal etwas auflockern. Deshalb lese ich vor.“

Der Lehrer öffnete empört den Mund, klappte ihn aber gleich wieder zu. Evan zog ein Buch hervor. Es besaß einen schwarzen, ledergebundenen Umschlag mit rotem Titel.

„Obscurus“, las der Schwarzhaarige den Titel. „Jenseits des blutroten Sees und den eisigen Bergen, liegt ein Haus. Die Fenster sind verschlossen und die Tür geht nie auf. Die Ziegel so dunkel und der Schornstein spuckt Rauch. Eine gar grausige Kreatur lebt dort. Harmlos von Antlitz und eine Stimme wie Samt. Doch begegnet man ihm, ist man verdammt. Der Meister der Albträume mit ungleicher Macht.“

Magnus erschauerte. Evans Stimme schien ihn einzulullen. Die Worte passten sich dem Takt seines Herzens an. Mit jeder Silbe wurde der Raum dunkler. Verwirrt riss er sich los und sah umher. Die anderen Schüler folgten ihm gebannt, wiederholten das Gelesene stumm. Als würden sie unter einem Zauber stehen. Seine Nackenhärchen stellten sich einzeln, nacheinander auf.

Peng! Die Deckenleuchte zerplatzte. In dem kurzen Funkenschauer, sah er einen Schatten über Evans huschen. Andere Züge legten sich über sein Gesicht. Große, schlitzförmige Augen, eine lange Nase und rasiermesserscharfe Zähne. Sogar ein kleines Glöckchen bimmelte schwach.

„Hör auf!“, schrie Magnus. Seine Stimme überschlug sich panisch.

Der Gruftie blinzelte überrascht. Er sah wieder normal aus. Kein Anzeichen für das, was gerade geschehen war.

„Geht es Ihnen gut, Mr. White?“  

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