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Ich kann es den Menschen nicht verdenken, dass sie meine Profession nicht besonders mögen und ich glaube nicht, dass es auf der Welt auch nur eine einzige Person gibt die wirklich gerne zum Zahnarzt geht. Ich mache mir dabei nichts vor. Es ist die angespannte Atmosphäre im Wartezimmer, der schrille Ton des Bohrers und der eigenartige, sterile Geruch, der vielen meiner Patienten einen albernen, doch verständlichen Schauer über den Rücken jagt. Und trotzdem muss man doch zugeben, dass die meisten Leiden, mit denen sich die Zahnheilkunde beschäftigt, im Vergleich zu anderen Bereichen der Medizin, völlig harmlos sind. Kein Schmerz der jemals mit meinen Untersuchungen Hand in Hand ging war so groß, wie das was in manchen Krankenhäusern vorfiel und keine Unpässlichkeit so bizarr, dass man sie nur unter vier Augen hätte besprechen können. Das heißt... fast keine. Ich erinnere mich an genau eine Angelegenheit - einen einzigen Fall, der mir bis heute wie ein grotesker Traum im Gedächtnis blieb.

Es war an einem gemütlich verregneten Samstagmorgen, da klopfte es plötzlich wie wild an meiner Tür. Meine Praxis war damals direkt unter meiner Wohnung und so war es mir möglich auch für Notfälle an Wochenenden zur Verfügung zu stehen. Genau so ein Notfall schien nun eingetreten zu sein und ich ließ Kaffee und Brote stehen um nach unten zu eilen. Dort angekommen öffnete ich hastig die Tür und davor stand... Sie müssen mir verzeihen, aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht darf ich Ihnen selbstverständlich keinen Namen geben, aber nennen wir meinen Besucher der Einfachheit halber „Herrn Steiner“.

Noch während Herr Steiner sich dafür entschuldigte, mich an meinem freien Tag aufzusuchen, teilte er mir mit, was für furchtbare Schmerzen er doch hätte, dass er ursprünglich erst Montags zu mir kommen wollte, es jedoch einfach nicht mehr ausgehalten habe. Bei all dem Wehklagen, dass darauf noch folgte, konnte ich es ihm nicht einmal Übel nehmen mich vom Frühstückstisch weggeholt zu haben. Ich wollte ihn nicht länger im Regen stehen lassen und bat ihn schließlich herein.

Herr Steiner legte ab und nahm sogleich auf dem Behandlungsstuhl im ersten Zimmer hinter der Rezeption platz. Ich zog ein frisches Paar Vinyl-Handschuhe an und setzte mich an seine Seite. Mein Patient schlug den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und ich blickte hinein. Alles sauber. Sogar frisch geputzt. Hier und da ein paar Plomben, die ich ihm, wenn ich mich recht erinnere, im Jahr davor eingesetzt hatte, doch im Grunde keine Unregelmäßigkeiten. Bis auf eine unscheinbare Kleinigkeit die ich beinahe übersehen hätte. Mir fiel eine kleine Beule am Oberkiefer auf. „Das da?“, fragte ich und ertastete sanft die Stelle. „Eh-he.“ antwortete er mir sachte nickend. Die Beule war etwas verhärtet und ich hatte bereits einen Vermutung worum es sich handeln könnte. Ich tastete sie noch etwas genauer ab. Es war keine Flüssigkeit darin, soviel konnte ich bereits erfühlen. Mein Patient begann zu jammern und ich lies von ihm ab. „Kleines Knochengeschwür im Zahnfleisch. Nichts tragisches, aber das sollten wir wohl raus nehmen, sonst bricht es vielleicht durch.“ Bei den Worten „Geschwür“ und „raus nehmen“ wurde mein Besucher blass. „Es ist wirklich nichts tragisches.“ versicherte ich ihm augenblicklich erneut. „Wenn Sie etwas Zeit haben, können wir das gleich machen.“ Mein Gegenüber schien zuerst etwas mit sich zu ringen, doch dann überzeugte ihn wohl der Schmerz einzuwilligen. „Davor brauche ich aber noch eine neue Röntgenaufnahme von ihrem Kiefer.“

Ich nahm ihn also in die Röntgenkammer mit, spannte ihm die Bleiweste um und startete die Maschine. Während die Aufnahme gemacht wurde, rief ich einen meiner Assistenten an, er solle schnell vorbeikommen um mir bei der Sache zur Hand zu gehen. Sehr begeistert war dieser selbstverständlich nicht, aber es sollte ja eigentlich keine großartige Prozedur werden.

Als ich die fertigen Aufnahmen auf dem Computerbildschirm betrachtete war mein Verdacht  bestätigt. Über dem rechten Eckzahn hatte sich ein kleines aber dennoch beachtliches Odontom gebildet – eine Art zersplittertes, perlenartiges Knochengeschwür, welches normalerweise aus einer Missbildung im Zahnkeim entstand. Und genau das fand ich damals bereits etwas seltsam. Gewöhnlich entwickelten sich diese Geschwüre besonders im jugendlichen Alter zwischen sechs und achtzehn Jahren, je nachdem wo sie zu wachsen begannen, doch mein Patient war bereits in seinen späten Dreißigern. Hinzukam, dass mir seine Vorgeschichte durchaus bekannt war. Ich hatte seine alten Röntgenbilder ja sogar hier auf dem Rechner und es gab nie auch nur das Anzeichen einer Wucherung.

Odontom

Nichtsdestotrotz musste das Geschwür entfernt werden. Ich zeigte meinem Patienten also die Aufnahmen und erklärte ihm die ganze Angelegenheit: „Zwei, drei Spritzen in den Oberkiefer - je nachdem wie gut sie darauf ansprechen. Danach ein kleiner Einschnitt nebst dem Eckzahn und das Zahnfleisch lässt sich soweit verschieben, dass wir gut an die geschwollene Stelle herankommen. Es ist recht einfach die Einzelteile des Geschwürs herauszuholen, weil sie meistens nicht mit dem Kieferknochen verbunden sind. Wir fahren dann mit der Pinzette unter das Zahnfleisch und holen eine Perle nach der anderen heraus. So einfach funktioniert das...“ Nach meiner Ausführung war Herrn Steiner sichtlich unwohl. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Extraktionen waren all meinen Patienten von Natur aus unheimlich, doch dann auch noch ein so eigenartiges Geschwür? Es war wohl besser ihn nicht weiter mit den Details zu behelligen, also begann ich den Eingriff im Nebenzimmer vorzubereiten.

Nach einer Weile traf auch mein Assistent ein. Ich begrüßte ihn und zeigte ihm in aller Ausführlichkeit die Aufnahmen. Schließlich bat ich unseren Patienten in den Operationsraum. Herr Steiner legte sich merklich nervös auf den bereits heruntergefahrenen Behandlungsstuhl. Ich richtete das Licht und begann mit der Prozedur.

Was es war, das wir unserem Patienten aus dem Kiefer zogen? Ich weiß es nicht. Wir hatten es auf der Stelle entsorgt. Am liebsten hätte ich es unter einem Tischbein zertrümmert und die Reste verbrannt, so angewidert war ich. Aber es hilft nichts, sich im Nachhinein darüber aufzuregen. Und ganz abgesehen davon: Anfangs lief alles noch bestens! Ich gab unserem Patienten zwei Spritzen. Eine etwas hinter dem Geschwür und die andere weiter vorne, direkt am Eckzahn, um eine gute Fläche des vorderen Gaumens zu betäuben. Eine dritte Spritze war laut Herrn Steiner nicht notwendig, denn schon nach wenigen Minuten spürte er von dem Schmerz der ihn kurz zuvor noch so plagte überhaupt nichts mehr. Ich nahm das Skalpell und setzte es zwischen Zahnfleisch und Eckzahn an. Langsam fuhr ich mit der Klinge an der Innenwand des Zahnes entlang und versenkte die Schneide vorsichtig in das rosa Gewebe. Blut ran heraus. Ich bat meinen Assistenten den Absauger neben das Skalpell zu halten und spreizte achtsam das Zahnfleisch vom Knochen fort. Ich konnte das Geschwür nicht sehen. Dafür war die Stelle nicht weit genug aufgeschnitten. Doch ich konnte die schroffe Oberfläche der Knochenscherben bereits mit der Klinge erfühlen und so versuchte ich den ersten Teil des Geschwürs mit der Pinzette zu lockern. Die Beule am Oberkiefer wölbte sich und mit einem rauen Knirschen zog ich eine kleine Perle aus der blutigen Stelle hervor. „Sehen sie!“ Ich zeigte meinem Assistenten das winzige Knochenstückchen. „Das machen wir noch ein paar mal und schon sind wir wieder fertig.“

Ich fuhr wieder mit der Pinzette in die Wunde und zog eine weitere Perle hervor. Und noch eine und noch eine. Eines nach dem anderen löste ich die groben Geschwüre aus dem Freiraum, den sie im Oberkiefer gebildet hatten heraus und legte sie auf ein kleines, mal um mal blutiger werdendes Tablett neben mir. 

Ein weiteres Mal fuhr ich mit der Pinzette unter das Zahnfleisch. Ich erfasste den letzten harten Klumpen, zog... und blieb hängen. Instinktiv machte sich unser Patient mit einem Laut bemerkbar. „Verzeihung.“ sagte ich, legte die Pinzette zur Seite und tastete den Knochen mit dem Skalpell ab. Etwas bewegte sich da unter dem Zahnfleisch, aber es war fest im Kiefer verankert. Ich versuchte es noch einmal mit der Pinzette zu lockern, doch es half nichts. Blind konnte ich dieses letzte Geschwür nicht entfernen und so entschloss ich mich doch einen tieferen Einschnitt in das Zahnfleisch zu wagen um die Stelle sichtbar zu machen, an der das Geschwür zu haften schien. Ich schnitt das Fleisch an der Seite des Eckzahns weiter auf, bis ich es wie einen Lappen zur Seite kippen konnte. Das Blut floss nun wesentlich stärker als zuvor und mein Assistent musste sich Mühe geben die Stelle mit dem Absauger richtig zu säubern. Herr Steiner klagte. Offenbar war das Betäubungsmittel an der neu angeschnittenen Stelle nicht ganz so gut verteilt. Doch nun war die Wunde offen und wir mussten die Sache durchziehen. Ich gab meinem Patienten eine weitere Spritze und betrachtete den kahlen, rot verschmierten Kieferknochen.

Ein seltsamer Anblick offenbarte sich mir und meinem Assistenten. Wie erwartet hatten die Geschwüre einen kleinen kraterförmigen Freiraum im Oberkiefer gebildet. Doch in der Mitte eben jenes Kraters schien der Knochen eine seltsame verhärtete Blase gebildet zu haben, die wie ein kleiner Ball, dessen oberes Ende festgewachsen war, auf dem Gebein zu sitzen schien.

Ich zog etwas mit der Pinzette daran. Das Geschwür war ganz offensichtlich an den Seiten schon etwas abgesprungen also nahm ich einen Bohrer und begann es achtsam vom Kieferknochen abzutrennen. Zu meiner Verwunderung ging es ganz leicht, als wäre der Teil, der die Blase an Ort und Stelle hielt nur aus sprödem Kalk. Schließlich brach das Geschwür einfach ab und mein Assistent zog es mit dem Absauger aus Herrn Steiners Mund. Da offenbarte das geronnene Blut plötzlich ein winziges Loch an jener Stelle, an der gerade noch die Blase gesessen hatte. Ich betrachtete diese neue Entdeckung erstaunt und plötzlich war mir so als würde ich nicht recht sehen, denn etwas in diesem Loch hatte sich gerade bewegt. Im ersten Moment dachte ich, wir wären gar durch den Oberkiefer gebrochen, aber das war völlig ausgeschlossen, denn so tief war die Wunde nicht. Ich nahm daher die Pinzette, fuhr damit in die Öffnung und wieder bewegte sich etwas. Da unser Patient dies scheinbar nicht spürte fuhr ich etwas forscher hinein und umschlang was sich darin befand mit den eisernen Greifern meines Instruments. Ich zog und es löste sich ohne weiteren Widerstand heraus.

Blut, Fleisch, ein langer, sich windender Rumpf, gesäumt von Fühlern und etlichen dunkelrot verklebten Füßen.

Eine Minute lang starrten mein Assistent und ich es nur an, bis er schließlich die Initiative ergriff und mir einen der Ausspühlbecher hinhielt. Ich legte die gekrümmte Kreatur hinein. „Weg damit?“ Ich nickte. Er stand schon bei der Tür, da sagte ich noch: „Nicht in den Abfalleimer. Ganz hinaus.“ Später hatte ich das bereut. Wenn ich es noch einmal gesehen hätte, dann würde es mich beim Gedanken daran nun vielleicht nicht ganz so sehr schaudern. Wie dem auch sei, ich prüfte die Wunde meines Patienten. Ich schliff und säuberte alles gründlich, denn ich wollte ganz sicher gehen, dass sich keine weiteren Abnormitäten im Kieferknochen eingenistet hatten. Zu meiner Erleichterung war nichts zu finden und so füllte ich das Loch mit etwas Watte auf, die sich im Heilungsprozess auflösen würde. Ich begann den klaffenden Schnitt im Zahnfleisch zuzunähen.

Mein Patient hatte von all dem nichts mitbekommen. Er war hoch erfreut als er endlich vom Operationsstuhl aufstehen durfte und wunderte sich noch warum wir denn alle so blass waren. Ich sagte nichts. Ich konnte es ihm einfach nicht sagen – der Schauer saß damals noch zu tief. Auch mein Assistent konnte sich nur ein verlegenes Lächeln abringen. Ich half Herrn Steiner auf und wir begleiteten ihn zur Tür. Dort angelangt gab ich ihm eindringlichst die Instruktion, sollte sich auch nur ein kleine Unannehmlichkeit ergeben, so solle er sofort wieder zu mir kommen. Mein Patient nickte etwas überrascht und ich glich, um möglichen Fragen aus dem Weg zu gehen, seine Stimmung mit Geschichten über diverse Infektionen an meine an, ganz so als wäre das mein Hauptbedenken gewesen.

Als Herr Steiner schließlich gegangen war, ging ich wieder ins Operationszimmer. Ich dachte nach und wusste nicht, was ich von all dem halten sollte. Die ganze Sache war so seltsam. Wie sollte so ein Tier überhaupt in den Kiefer gelangen und was für eine Art von Parasit nistete sich zwischen den Scherben eines Knochengeschwüres ein? Ich dachte, denkbar wäre es schon, aber nichtsdestotrotz merkwürdig und allem voran widerlich.  

Meinen Assistenten wollte ich nach der Sache nicht noch länger beanspruchen, also schickte ich ihn nach Hause und räumte alleine auf. Ich war schon beinahe damit fertig, als ich das Tablett mit den herausgezogenen Geschwüren an mich nahm um es zum Abfall zu bringen. Da fiel mir auf wie eigenartig gleichmäßig die Scherben geformt waren. Sie waren zwar von verschiedener Größe doch jetzt, da das Blut an ihnen abgetrocknet war und sich kleinere Fleischreste leicht abstreifen ließen, bemerkte ich dass sie allesamt beinahe perfekt kugelförmig waren. Ich nahm eine der runden Perlen zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie schien nun viel weicher als zuvor und so drückte ich sie sachte zusammen bis sie mit einem Knacken zerbrach.

Eine eigenartige klare Flüssigkeit trat hervor und wie ein Blitz schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass es sich bei den Perlen nicht um Geschwüre handelte. 

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