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Evil church

I

Die Ereignisse der vergangenen Tage haben mein Verständnis der Welt erschüttert und mich in einem schmerzlichen und perplexen Zustand zurückgelassen. Jedoch verspüre ich den Drang, diesen Ereignissen in meinen Gedanken eine Struktur zu geben; die schrecklichen Dinge, die ich gesehen habe, zu verarbeiten, damit ich sie besser verstehen und meinen Verstand ruhen lassen kann – ich muss festhalten, was genau passiert ist.

Rein zufällig bin ich John R. begegnet. Es war im Frühling und die frühen Krokusse hatten sich gegen den kalten Griff des Winters durchgesetzt. Ich recherchierte für einen Artikel den ich für eine, sagen wir mal weniger angesehene, Publikation schrieb, als ich in einem kleinen Dorf in den Highlands rasten musste.

Um es milde auszudrücken, war die ganze Sache frustrierend und ermüdend. Ich hätte eigentlich in dieser Nacht zurück in Glasgow sein müssen, um meine Notizen abzutippen und den Nebel fortzuwischen, welcher meine Schreiberei oft begleitete. Ich war wenig begeistert davon, in einem kleinen Dorf mit nur einer Straße und einem Gasthof zu sein, welcher den Anschein erweckte, seit dem Mittelalter nicht mehr umgestaltet worden zu sein. Vor allem nicht nach Wochen des Herumreisens, langwierigen Interviews und mit mehr als nur einer Nacht in heruntergekommenen Bed and Breakfast Hotels.

Ein Dorf weiter hatte es einen Erdrutsch gegeben, weshalb der örtliche Bus nicht fuhr und was noch wichtiger war, mich in Sicherheit brachte. Es wurde immer offensichtlicher, dass ich, nach mehreren Telefonaten um alternative Reisemethoden zu beschaffen, bis zum nächsten Morgen hier gestrandet war. Der verschlafene Gasthof, welcher den liebreizenden Namen „Laird of Dungorth“ trug und mit seinen verdrehten Holzbalken und einer noch mehr verdrehten Klientel den Eindruck erweckte, mich jede Sekunde zu erschlagen, würde also mein nächtliches Quartier darstellen.

Nachdem ich mit dem Vermieter, ein großer, abgehärmter Mann mittleren Alters, sprach, wurde mir freundlicherweise ein Zimmer im oberen Stock bereitgestellt, in welchem allem Anschein nach schon länger nicht mehr geschlafen, geschweige denn geputzt wurde. Dennoch waren die Menschen nett genug und nachdem ich einen Bissen der leckeren, örtlichen Spezialitäten genoss, saß ich in einem bequemen Sessel zusammen mit einigen Bechern Bier und einer Weinflasche. Vor mir tanzten die Flammen herum und als die Nacht und die Trunkenheit über mich hereinbrachen, ging es mir ziemlich gut – fast schon so, als ob ich diese ländliche Umgebung genoss. Das Dorf mag wohl etwas düster vorgekommen sein, aber gegen die kalten Winde draußen und die einsetzende Dunkelheit wirkte der Gasthof recht behaglich.  

Von der Hitze des Kaminsims und einiger Weingläser benebelt, wusste ich nicht, wie lange er schon dort saß, doch war es offensichtlich geworden, dass sich ein weiterer Besucher des Gasthofs zu mir gesellt hatte. Er saß mir in einem breiten, ausgefranzten Sessel auf der anderen Seite des Kamins gegenüber und starrte in die tanzenden Flammen.

Seine Erscheinung schien merkwürdig. Äußerlich machte er den Eindruck, als wäre er Mitte dreißig, jedoch wirkte er sehr zerbrechlich, was man von einem Mann seines Alters nicht erwarten würde. Sein Gesicht wurde vom Schein des Feuers erhellt und offenbarte Besorgnis, sowie Falten, welche eine innerliche Zerrissenheit verrieten. Seine Augen unkoordiniert, starr, und seine Hände zitterten leicht, als er sich an den glühenden Kohlen wärmte.

„Gibt es ein Problem?“ Ich hörte diese Worte, nahm von ihnen jedoch erst Notiz als sie wiederholt wurden.

„Entschuldigen Sie, gibt es ein Problem?“, sprach der Mann mich forsch an und ich merkte erst jetzt, dass ich ihn seit einigen Minuten einfach nur angestarrt hatte.

„Nein, überhaupt nicht“, entschuldigte ich mich: „Ich…ich dachte ich hätte sie schon einmal gesehen.“

Als er mich ansah, offenbarte sein Gesicht ein Ausdruck des Unglaubens bezüglich meiner offensichtlichen Lüge, jedoch nicht ohne einen Tropfen von Humor.

„Es tut mir Leid, dass ich Ihnen gegenüber so forsch war“, sprach er: „Wissen Sie, es nervt mich, dass die Leute hier in der Gegend mich immer anstarren.“ Am Ende des Satzes hob er seine Stimme und beäugte die verstreuten Trinker und Beobachter, welche sich in dem Gasthof befanden. Man merkte ihnen an, dass sie sich wünschten, sich seinem Blick entziehen zu können.

Wir gaben uns dann eine Stunde dem Smalltalk hin. Sein Name war John R. Er stammte aus London und war im Geschäft der Landaneignung tätig. Er behauptete, auf eine nahegelegene Örtlichkeit zu spekulieren, welches ein örtlicher Bauer gewillt war an Bauunternehmer zu verkaufen. Jedoch merkte ich schnell, dass es John unangenehm war, über seine Arbeit zu sprechen. Ehrlich gesagt, wechselte er das Thema der Konversation auf mich; meine Arbeit, mein Leben, meine Familie, ganz gleich was. Es schien fast so, als wolle er die Konversation fortführen, in dem verzweifelten Versuch, von seiner versteckten Unruhe abzulenken. Jedes Mal, wenn ich ihm eine Frage bezüglich seines Lebens stellte, gab er nur Antworten mit einem oder zwei Worten von sich, oder ignorierte alles und fuhr schnell mit einer eigenen Frage fort.

Letztendlich flaute die Konversation ab – was bei nur einem wirklichen Redner zu erwarten war – und eine Weile saßen wir nur still da. Die einzigen Geräusche kamen von einigen Einheimischen die zur Bar gingen, sowie von leeren Gläsern, welche vom Vermieter gespült und getrocknet wurden.

Der Gasthof war nun merklich dunkler geworden, das meiste Licht kam von den hängen Lampen und dem Feuer, welches den ganzen Nachmittag vor sich hin gebrannt hatte. „Wieso starren die Leute Sie an, John?“ fragte ich ohne nachzudenken.

Eine Stille breitete sich aus als ich John ansah, eine Antwort erwartend. Seine Augen waren auf den Boden gerichtet, sein Gesicht strahlte Sorge aus. Aufgrund der kurzen Konversation, hatte ich keine ausladende Antwort erwartet, weshalb ich weiter meinen Wein trank, als John plötzlich in einem leichten Tonfall antwortete: „Alle wissen es, aber sie haben nicht den Mut, darüber zu reden.“ Er drehte sich zu seinen Trinkgenossen, die immer noch im Gasthof waren, um und rief: „Sie fürchten sich alle!“


Merkwürdigerweise kam vom Vermieter, wie auch den Gästen, keine Antwort. Es schien so, als ignorierten sie Johns Anschuldigung komplett. Nur ihre sporadischen Bewegungen und Gespräche zeugten davon, dass sie den Wutausbruch überhaupt gehört hatten. Ich hatte eine derartige, verletzende Antwort nicht erwartet, doch man konnte die Verzweiflung darin hören; voller Angst und Frustration. John sah mich auf eine Art und Weise an, die ich nur als Mischung aus Angst und Schmerz beschreiben konnte, öffnete seinen Mund, als ob er etwas sagen wollte, ehe er erneut zögerte. Ich spürte, dass der Man tief in seinem Innersten den Drang verspürte, sich von dieser Last zu lösen, als ob eine Art giftige Information sich in seine Seele bohrte.

Da ich ein Autor bin, wurde meine Neugier geweckt, hier möglicherweise auf eine spannende Geschichte gestoßen zu sein. Vielleicht eine, die in Zukunft als Grundlage eines Artikels oder eines Berichts verwenden konnte. Annehmend, dass er nun nur noch einen kleinen Ruck brauchte, um mir die Geschichte zu erzählen, lehnte ich mich vor und flüsterte mit einem gemischten Gefühl im Bauch: „Was ist passiert?“ Ich fühlte, dass ich nun Zeuge von etwas Wichtigem sein würde, doch aufgrund seines Schüttelns und seiner angespannten Haltung hatte ich Angst vor dem, was gleich folgte.

Ein weiterer Moment verstrich und es fühlte sich an, als ob sich eine gespenstische Ruhe über den Raum gelegt hätte und nahegelegene Personen hörten uns aus ihren dunklen und unwirtlichen Ecken zu. Dann sprach er: „Wenn Sie so gütig sind, Ihren Wein mit mir zu teilen, dann erzähle ich Ihnen die Geschichte.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich stand aus meinem Sessel auf und fragte den Wirt nach einer zweiten Flasche und einem Glas, um es mit John zu teilen. Der Wirt nahm beides aus einem Regal hinter ihm und stellte beides auf den Tresen vor mir, alles mit einem verwunderlichen Zögern. Als ich zu meinem Sessel zurückkehrte, wusste ich, dass alle Anwesenden mich nun beobachteten und ich bemerkte ihre erdrückenden und unbequem wirkenden Blicke; verborgene, bezichtigende Blicke, von Angst befallen.

Ich füllte eines der Gläser mit Wein, welches John mit nur einem Zug leerte – ein Anblick, den ich gut kannte: ein Mann, der eine in ihm wohnende Bosheit ertränken wollte. Nachdem ich ihm nachfüllte, stellte ich die Flasche zwischen uns ab und wartete gespannt auf seine Geschichte.

Nachdem er kurz zu seinem Glas sah, hob er seinen Kopf und sah mich durchdringend an, als das Feuer vor sich her brannte. Und dann, als ob er eine Last von seiner Seele austrieb, fing er an.


II

Anfangs hatte John vorgehabt, nicht mehr als einige Tage in diesem Dorf zu verbringen. Selbst nachdem er den ganzen Tag von London hierher gereist war und der Nachmittag den kalten Griff des schottischen Winters mit sich brachte, hatte er vorgehabt, sofort anzufangen – je schneller er anfing, desto eher war er wieder zuhause.

Er arbeitete für eine große Firma, welche im Bereich der Landbeschaffung tätig war. Es war seine Aufgabe, reiche Klienten zu akquirieren, welche nach Land suchten, das sie bebauen konnten. Die Person, für die er zu dieser Zeit arbeitete, war vor allem daran interessiert, Ackerland mit einem wunderschönen, rustikalen Ausblick zu kaufen, auf dem er eine Ferienwohnung für seine Familie bauen wollte. Der besagte Ort war er kürzlich von einem örtlichen Bauern, welcher aufgrund der wirtschaftlichen Lage in Geldnot geraten war, zum Verkauf ausgeschrieben worden. John wurde daher damit betraut, das Land zu beurteilen und einen Preis auszuhandeln, basierend auf den Empfehlungen, welche von einer Gruppe von Gutachtern, welche die Woche davor dort gewesen waren, gemacht wurden.

Nachdem er sich im Gasthof „Laird of Dungorth“ ein Zimmer genommen hatte, fuhr er mit dem Auto zum besagten Hof, welcher nur einige Kilometer außerhalb des Ortes lag. Das gesamte Gebiet bestand aus großen, weit ausgedehnten Feldern, welche bestellt wurden und auf dem Tiere grasten, einige Wälder, sowie ab und zu ein Fluss oder ein plätscherndes Bächlein. Die Verhandlungen waren vergleichsweise einfach. Der Bauer – ein älteren Mann namens Dale – brauchte so schnell wie möglich eine Finanzspritze, um den restlichen Hof über Wasser halten zu können, während der Käufer sich sehr über den potentiellen Kauf freute und hoffe, das Geschäft so schnell wie möglich abschließen zu können.

Ganz gleich, John war stets vorsichtig damit, ein Geschäft abzuschließen, ehe er das Land nicht selbst begutachtet hatte. In alle den Jahren hatte er sich den Ruf erworben, genau das zu liefern, was der Klient wollte, ohne dass es irgendwelche böse Überraschungen gab. Etwa Bodenabsenkungen oder andere Planungsschwierigkeiten. Obwohl ihm die eigentliche Arbeit der Begutachtungen nicht gefiel, war John durchaus qualifiziert alles zu bemerken, was zu einem späteren Zeitpunkt Probleme verursachen konnte. Trotz dieser genauen Art, Dinge anzugehen, hoffte er dennoch, möglichst am nächsten Tag zurück in der Stadt zu sein, sofern alles gut lief.

Der Bauer Mr. Dale hatte John dankbar angeboten, diesen per Traktor auf das Land zu bringen und es war nicht ohne das leichte Gefühl von Reue, dass John sich anhörte, wie der alte Mann von der Geschichte der Gegend erzählte. Wie seine Familie an dem Land hing und weshalb es für ihn so wichtig war, den Ort zu erhalten. Doch Geschäft war Geschäft und das Geld, welches Dale aus den beiden besagten Feldern schlagen würde, würden ihm einen beträchtlichen Zuschuss gewähren – hoffentlich genug, um ihm in seiner finanziellen Not zu helfen.

Die Nacht brach erneut herein und John war erleichtert darüber, dass die hügelige und unbequeme Fahrt nicht allzu lange gedauert hatte. Nach einer kurzen Weile hielt Dale den Traktor an und deutete auf die beiden zusammenhängenden Felder, die er verkaufen wollte. Die nächste halbe Stunde verbrachte John damit, in seinen Gummistiefeln durch den Schlamm und das Gras zu laufen und Bilder der Orte zu machen, an denen sein Klient gedachte zu bauen. Dabei hielt sich John an die Angaben der Gutachter verglich diese mit seinen eigenen Beobachtungen verglich. Dale beteiligte sich nicht an der Begutachtung und stand daher nur am Rande der Schotterstraße, dem Ganzen wie verlassen zusehend.

Endlich war John fertig, doch gerade als das geschah, fielen seine Augen auf einen Hügel einige Kilometer in der Ferne, welcher über dem gesamten Gebiet thronte. Er schien unbewohnt zu sein, nur aufgrund einiger Wälder und etwas Gras zu unterscheiden gewesen. Trotz seiner Entfernung schien der Hügel den Horizont zu dominieren und ohne es zu sagen, fühlte John, dass der Hügel etwas Besonderes und Einzigartiges war. Als er wieder zu dem Traktor zurückkam, deutete John auf den Hügel, doch Dale schien nicht darüber reden zu wollen und beantwortete jede Frage bezüglich des Hügels mit eisigem Schweigen. Es war Johns Aufgabe, ein Portfolio von allem zu machen, von dem er dachte, dass es seine Klienten interessieren könnten. Und da ihm dies wie ein wunderschönes Landschaftspanorama erschien, war es wert zur Weiterentwicklung anzupreisen, vor allem an reiche Geschäftsleute, denen die schottischen Highlands sehr am Herz lagen.

Auf dem kurzen Weg zurück zum Hof verspürte John das Verlangen, immer wieder über seine Schulter und in Richtung des Hügels zu blicken und war davon überzeug, dass seine professionellen Instinkte ihm rieten, diesen Ort zu untersuchen. Nachdem der Bauer Dale vehement abgelehnt hatte, brach dieser sein Schweigen und schnitt das Thema kurz an, von diesem merkwürdigen Ort offensichtlich angewidert. Als er gefragt wurde, wer das Land besäße, auch ob Dale vielleicht selbst der Eigentümer war, spottete der Bauer bei dieser bloßen Behauptung und meinte nur: „Dieser Ort gehört niemandem und niemand geht dorthin.“ Mehr wollte er nicht sagen, doch bevor John im Begriff war, wieder zu dem Gasthof zu gehen, legte der Bauer eine versichernde Hand auf Johns Schulter und gab ihm den Rat, den Hügel in Ruhe zu lassen. Der Hügel sei gefährlich und Dale hoffte, nicht noch einmal davon sprechen zu müssen. Während Dale sich fürchtete, das Thema überhaupt anzusprechen, zeugte der vorrangige Ausdruck davon, dass der alte Mann von einer grundlegenden Trauer dominiert war; eine, die man besser in Ruhe ließ.

Auch wenn er von den Warnungen des Bauers fasziniert war, war es nicht  das erste Mal, dass John auf regionale Aberglauben gestoßen war – Aberglauben die er natürlich nicht abkaufte, hätte er denn sonst die Chance auf ein gutes Stück Land verzichten müssen. Die Geschichten, welche die Einheimischen ihm erzählten, schienen eher von den abgelegenen Orten Britanniens zu handeln. In der Vergangenheit hatte er abstruse Geschichten von verlassenen Häusern gehört, in dem ein Mord geschehen war, oder Wälder, die nicht abgeholzt wurden, aus Angst vor dem, was in ihnen lebte, jedoch niemals etwas Außergewöhnliches geschehen war. Es gab keine Grundlage für diese Mythen und obgleich er es genoss, Geschichten von gruseligen  und ungewöhnlichen Wesen zu hören, die nachts die Moore durchstreiften, konnte er bei seiner Arbeit keine Rücksicht darauf nehmen. Derlei Geschichten waren ein lustiger Zeitvertreib, doch abgesehen von guter Unterhaltung am Lagerfeuer erfüllten sie keinen weiteren Zweck.

Als er zum Gasthof zurückkehrte, war er müde und erpicht, sich schlafen zu legen, in der Hoffnung, das Geschäft am nächsten Tag abschließen zu können. Doch ehe er sich in sein Zimmer zurückzog, gedachte er, einen kleinen Schlaftrunk an der Bar zu genießen. Der Wirt schien dem nicht abgeneigt und froh darüber, dass überhaupt jemand hier gastierte, da der Gasthof aufgrund seiner Lage meist leer war. Jedoch wandelte sich seine frohe Haltung drastisch, als John den Hügel erwähnte. Ähnlich wie Dale schien der Vermieter nicht gewillt, John nähere Informationen zu geben, sprach ein Wort der Warnung aus und gab „schlechtes Land“ als Grund an, die Gegend in Ruhe zu lassen. Geflüster und Abkehr machten sich in den dunklen Ecken des Raumes breit, da die Einheimischen sich von Johns Fragen beunruhigt fühlten. Niemand kam auf ihn zu, doch spürte er ihr Unbehagen sehr wohl. Als er beiläufig im Scherz meinte, der Hügel sei verflucht, brachte dies jedoch nur Schweigen hervor. Dies verriet John, dass er hier nicht erwünscht war. Schnell leerte er sein Glas und stieg die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Doch als er dies tat, kam eine junge Frau, welche kaum aus dem Teenager-Alter war, auf ihn zu, berührte ihn an der Schulter und flüstere ihm ins Ohr: „Bitte gehen Sie nicht zu dem Hügel. Niemand kommt jemals von dort zurück.“ Der Vermieter, der dies mitgehört hatte, rügte die junge Frau dafür, den Hügel überhaupt erwähnt zu haben, wandte sich dann wieder um, um ein Bierglas zu säubern und stotterte: „Gute Nacht, Sir. Ich hoffe Sie schließen morgen Ihr Geschäft ab und kehren so schnell wie möglich nach London zurück.“ Für John hörte es sich eher wie eine Warnung, als ein einfaches „Gute Nacht“ an.

*          *          *

Am nächsten Tag stand John früh auf und ging die Treppe hinunter, um erneut vom Vermieter begrüßt zu werden. Doch der Mann blieb relativ ruhig, was John etwas seltsam fand, hatte John den Vermieter bei ihrem ersten Zusammentreffen doch als sehr gesprächig erlebt. John tat dies nur damit ab, dass der Vermieter eben kein Morgenmensch war, genoss ein schnelles Frühstück und machte sich dann auf zu dem Hof, um den Kauf von Dales Land abzuschließen.

Als er die ruhige Landstraße entlang fuhr und dabei die eindrucksvolle Landschaft selbst bei schlechtem Wetter genoss, kam der Hof immer näher, in der Ferne jedoch auch der Hügel. John war der Ansicht, dass dieser mit seiner schrägen Struktur weitaus beherrschender und imposanter erschien als am Tag zuvor. Jedoch verbannte er derartige Gefühle aus seinem Kopf und tat es als Nachwirkung der Einheimischen und ihrem abergläubischen Verhalten ab. Und dennoch war dieser Ort etwas Besonderes.

Da es nur noch wenige verwaltungstechnische Angelegenheiten zu regeln gab, war John hoffnungsvoll, dass er gen Nachmittag fertig war. Dann würde er die sieben oder acht-stündige Fahrt nach London antreten, dort alles fertig machen und wieder zu seiner Tagesroutine übergehen. Auf seinem Schreibtisch in seinem Büro stand eine dreißig Jahre alte Flasche Balvenie Malt Wiskey, von dem er sich nach jedem erfolgreichen Geschäft ein Glas genehmigte. Dazu eine oder zwei Zigaretten – das einzige Mal, dass er rauchte, da er es sich nicht zur Angewohnheit machen wollte – etwas von einem Schnellimbiss und einen freien Tag, damit er tun konnte, was er wollte. Das waren die Momente, die er genoss; das Abschließen eines Geschäfts und eine kleine Pause, ehe er erneut zu einem abgelegenen Ort auf den Britischen Inseln geschickt wurde.

Als er im Haus des Bauern Dale saß, genoss John die Behaglichkeit des Ortes und seiner alten Dekorationen, welche ihn an das Haus seiner Großmutter aus Kindertagen erinnerte. Viele der Verkleidungen waren im Originalzustand und er war sich sicher, dass ein Großteil des Hauses zahlreiche Generationen kommen und gehen gesehen hatte. Dale selber war in einer besseren Stimmung als am Tag zuvor, da er seinem Gast eine Tasse Tee und etwas zu Essen anbot, während John den Rest des Papierkrams erledigte.

Als der alte Bauer mit einer Kanne und ein paar Tassen rumwerkelte, starrte John aus einem nahegelegenen Fenster und bemerkte, dass man von dem Haus hinaus zu dem namenlosen Hügel nur einige Kilometer entfernt sehen konnte. Ohne nachzudenken, merkte er beiläufig an, dass die Leute im Gasthof sich ebenfalls vor dem Hügel fürchteten.


Als John seinen Tee bekam, setze sich Dale an die gegenüberliegende Seite des Esstisches und rührte bedächtig in seinem Tee herum. Nun herrschte eine erneute Stille gleich der, welche schon am vorherigen Nachmittag geherrscht hatte und trotz der gemütlichen Atmosphäre fühlte John sich erneut unwohl. Dann, nach einer Weile, wurde das unbehagliche Gefühl von einem des genervt seins abgelöst. Warum fragte er die Leute nicht einfach, warum sie solche Angst vor dem Hügel hatten? Es war nur Aberglaube und es war Wahnsinn anzunehmen, dass Menschen in der heutigen Zeit noch von einfachen Geschichten umgestimmt werden konnten.

Nachdem er mit dem Gedanken spielte, die Dinge auf sich beruhen zu lassen, brach John letztendlich die Stille: „Mr. Dale, ich möchte nicht unverschämt wirken, doch seitdem ich im Dorf angekommen bin, verhalten sich die Menschen, was den Hügel angeht, komisch und sie behandeln mich als ob ich ein Verbrechen begangen hätte, ihn auch nur zu erwähnen.“

„Vielleicht haben Sie das“, erwiderte Dale: „Vielleicht hätten Sie ihn überhaupt nicht erwähnen sollen.“

„Bei allem Respekt, ich wollte nur wissen, wer ihn besaß, da ich dachte, er würde ein aufredendes Bauprojekt darstellen.“

„Bauprojekt“, spottete Mr. Dale: „Das Einzige, was man mit dem Ort hätte machen sollen, ist den Boden zu salzen.“

„Es ist nur ein Hügel.“

„Nur ein Hügel“, merkte der alte Bauer geistesabwesend an, als er aus dem Fenster hinüber zum unbequemen Thema ihrer Diskussion blickte.

„Mr. Dale“, sprach John, dieses Mal nur sanfter: „Ich habe viele schöne Orte überall in Britannien besucht. Ich kenne die Geschichten einiger Orte, sie werden in Verruf gebracht, wirken etwas furchteinflößend. Aber aufgrund meiner Erfahrung, bin ich keiner begegnet, welche nicht als einfacher Aberglauben abgetan werden konnte. Ich werde es sogar beweisen.“

„Was beweisen?“ sprach Mr. Dale, auf einem Mal sehr besorgt.

„Ich gedenke eine Wanderung zu machen, ehe ich wieder nach London zurückkehre. Ich denke, ich werde mir das mal ansehen.“

Der Bauer stand abrupt auf und wirkte nun eher angespannt als wütend. Seine Oberlippe zitterte und er sah wie ein Mann aus, welcher eine zerstörerische Menge an Stress von der Welt da draußen verbarg, darauf wartend, entfesselt zu werden.

„Sie dürfen dort nicht hin!“ rief er.

„Bitte, Mr. Dale, ich wollte Sie nicht beleidigen.“ Johns Gedanken kamen wieder zum Geschäft zurück; und da noch nichts unterzeichnet worden war, wollte John es nicht durch seine Neugier in Gefahr bringen. Wie konnte er dies seinen Klienten erklären?

Der alte Mann sackte in seinem Sessel zusammen und seine Augen wurden trüb, als ob er einen aussichtslosen Kampf gegen eine Übermacht schrecklicher Erinnerungen führte.

„Ich habe meinen Sohn an diesen Ort verloren“, sagte er geistesabwesend.

„Mein Gott, das tut mir schrecklich leid, Mr. Dale. Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an; vergessen wir das Ganze. “

„Nein, es ist  nicht Ihre Schuld.“ Der alte Bauer lächelte am anderen Ende des Tischs mit schmerzhafter Miene: „Niemand spricht über meinen Jungen. Mir ist es nicht erlaubt. Die Einheimischen denken, dass nur die bloße Erwähnung von ihm oder den anderen mehr Unheil über das Dorf bringen wird.“

Nach einer kurzen Denkpause brach er innerlich zusammen und sprach: „Er war ein guter Junge. Wir sind nicht dafür geschaffen, unsere Kinder zu verlieren. Oh Gott…“

Er begrub seinen Kopf in seinen Händen und fing an ohne Unterlass zu weinen. John wusste nicht, was er sagen sollte. „Es tut mir so leid. Gibt es…gibt es irgendwas, dass ich für Sie tun kann?“ war alles, was er anbieten konnte.

Sich die Tränen aus dem Gesicht wischend, saß Dale traurig in seinem Stuhl. Nach einigem Ein- und Ausatmen beruhigte er sich und sprach dann, während seine Stimme voller zurückgehaltener Emotionen zitterte: „Niemand weiß, wann es anfing. Und niemand weiß, warum.“

„Wann was anfing?“ fragte John, da sein Mitgefühl nun von seiner Neugier übermannt worden war.

„Ich wuchs in diesem Dorf auf und selbst als ich noch ein kleiner Junge war, hatten die Menschen keine Ahnung. Sicher, man sprach von alten Legenden, über einen Streit zweier Familien, der hunderte Jahre zurückging.“ Dale beugte sich nach vorne und kratzte seine ergrauten Bartstoppeln, ehe er fortfuhr: „Doch deren Namen kannte niemand, der gewillt war, über den Hügel zu sprechen. Die Besitzurkunden für das Land liegen wahrscheinlich im Tresor von irgendeinem Anwalt und der Besitzer lebt woanders in Saus und Braus – weiß nichts von dem Preis, den wir alle bezahlt haben.“

„Sicher gibt es doch Aufzeichnungen über die Besitzer?“

„Die gibt es bestimmt, aber hier werden Sie niemanden finden, den das interessiert. Im Laufe der Jahre haben vereinzelt Menschen die Warnungen missachtet und sind hoch zum Hügel gelaufen.“ Normalerweise Kinder, die einander  als Mutprobe dazu treiben. Doch sie kommen nie zurück. Dale wackelte ungemütlich ein seinem Stuhl als die Tränen wieder in seine Augen flossen. „“ Mein Junge…Er hat nicht zugehört. Und wie die Anderen ging er hoch und dann war er fort.“

„Sicher haben Sie nach ihm gesucht?“ fragte John ungläubig.

„Ja, das habe ich. Ich habe versucht hochzugehen, doch so von Trauer gebrochen wie meine Frau und andere Kinder waren, zogen sie mich wieder zum Fuß des Hügels zurück. Sie wussten, dass er mich auch holen würde“


„Ihr eigener Sohn hätte also da ob sein können, verletzt, sterbend, und Sie sind ihm wegen einem dummen Aberglauben nicht zu Hilfe gekommen?“ Der Gedanke, dass Mythen und Lügen den Tod eines Jungen zur Folge gehabt hätten können, brachte John zur Weißglut, doch fühlte er sich schuldig als die Worte seinem Mund entsprangen.

Dale sprang urplötzlich über den Tisch und griff seinen nun unwillkommenen Gast am Kragen und drückte ihn gegen einen alten Kamin: „Mit wem glauben Sie wohl, dass Sie reden!“ Dale schrie, seine Stimme erschütterte John bis ins Mark. Für einen alten Mann hatte er immer noch die Stimme eines Ochsen.

Für einen kurzen Moment dachte John, der Bauer würde ihn schlagen, doch so schnell wie alles begann, löste sich Dales griff schnell und er wandte sich um. „Wenn Sie drei weitere Kinder durchfüttern müssen und eine Frau haben, der das Herz gebrochen wurde, würden Sie ebenfalls zweimal darüber nachdenken, da hoch zu gehen. Außerdem haben einige Jungen aus dem Ort meiner frau geholfen und, nun ja, niemand wollte mich gehen lassen. Nicht weil man sich um mich sorgte – naja, vielleicht taten das einige schon – aber hauptsächlich, weil Sie in ständiger Angst vor dem Ort leben. Vor dem, was da oben lauert. Angst davor haben, dass es herunter käme, um uns allen einen Besuch abzustatten.“

Seinen Stuhl zurechtrückend, kritzelte der alte Bauer seine Unterschrift auf die noch verbliebenen Papiere und bat John daraufhin zu gehen, was dieser dann auch tat, nachdem er sich erneut entschuldigt hatte. An der Haustür verabschiedeten sich beide höflich und Dale fügte lediglich hinzu: „Hier gibt es ein altes Sprichwort: „Lieber in Ruhe lassen“ – Sie wären gut beraten, dem zu folgen.“

*          *          *

Obgleich er durch die flüchtigen Reaktionen des alten Bauers aufgebracht war, war John sich dennoch sicher, dass er den Hügel besuchen würde. Da er wusste, dass die Einheimischen sowohl physisch als auch mit Worten versuchen würden, ihn davon abzuhalten, gedachte John, direkt vom Hof aus hochzufahren. Während er fuhr, kam ihm der Gedanke, dass man dem Ganzen etwas Gutes abgewinnen konnte. Er würde ihre Furcht vor diesem Ort brechen, doch war es nunmehr seine eigene Sturheit, die ihn antrieb. Er wollte beweisen, dass er Recht hatte und wenn er dadurch ein Stück Land entdeckte, welche sich hervorragend zur Bebauung eignete, dann umso besser.

Dort anzugelangen war mühsamer, als er es zunächst erwarte hatte. Obwohl es eine kleine Landstraße gab, welche zum Fuß des Hügels führte, war sie scheinbar von den Einheimischen versperrt worden. Eine Ansammlung großer Betonplatten, roter Ziegelsteine, alter Holzpfosten und anderweitig entsorgtem Zeug war willkürlich an die Ränder geworfen worden, was ein Passieren per Auto unmöglich und ein Passieren zu Fuß sehr schwer machte.


Als er die durchaus reale Kraft sah, welche die Einheimischen gewillt waren aufzubringen, um jeden daran zu hindern, den Hügel zu betreten, spürte John ein immer größeres Verlangen danach, den Gipfel zu erklimmen. Auch verspürt er den Drang, ins Dorf zurückzukehren, um allen zu sagen, wie dumm sie doch gewesen waren. Nachdem er sein Auto an einem der versperrten Eingänge abgestellt hatte, kletterte er gekonnt über einen Schutthaufen, sicherstellend, dass er sich nichts an etwas Heraushängendem schnitt und folgte der Straße. Eine Weile dachte er darüber nach, was er wohl auf dem Hügel finden würde und die große Wahrscheinlichkeit, dabei auf die Überreste eines vorherigen Besuchers zu stoßen; Gedanken, die ihn an seiner momentanen Handlung zweifeln ließen.

Die Straße war für ein Auto gerade breit genug und sie war offensichtlich Wind und Wetter ausgesetzt worden. Große Schlaglöcher säumten ihre Oberfläche und immer wieder war der Gehweg von Schlamm und Kies bedeckt. Als der Hügel langsam in Sichtweite kam, war John erstaunt darüber, wie groß dieser im Gegensatz zu Johns Ermessen tatsächlich war.  Aus der Ferne nahm er eine kurze Wanderung zum Gipfel an, doch als er sah, wie sich das Gefälle entgegen seiner Richtung wölbte, merkte er jedoch, dass er wohl zwei Stunden brauchen würde, um den Gipfel zu erreichen. Und dass auch nur dann, wenn der Weg gut war oder man wenigstens guten Halt unter den Füßen hatte. Als John auf seine Uhr schaute, war es früher Nachmittag, doch er ging davon aus, dass er genug Tageslicht hatte, um zum Gipfel zu steigen und heil wieder bei seinem Auto anzukommen.

Hier bemerkte er auch einige der seltsameren Eigenschaften des Ortes. Er stand ganz alleine da, ohne irgendwelche anderen Hügel in der Umgebung, als ob er hier in Isolation gelassen wurde, vom Land selbst unter Quarantäne gestellt. Seine Steigung wirkte nun schiefer als sie es aus der Ferne her getan hatte; asymmetrisch, auf eine bizarre Art und Weise zur Seite gelehnt und seine Oberfläche war sporadisch mit Flecken von Bäumen bedeckt, während Grasflächen wild und ungezähmt wucherten. Eine Mischung aus toten, gelben Gräsern, welche von grünen, erfolgreicheren Sorten unterwandert wurden. Das Verblüffendste aber war, dass es einen von Menschen gemachten Pfad gab, der zum Gipfel führte, den John erfreut war, entdeckt zu haben. Auf ihm wuchs nicht das wilde, dürre Gras, welche alles andere verschlungen hatte. Einen Moment dachte John, es handle sich hierbei um einen Schwindel und dass er das Opfer eines gut ausgedachten Scherzes sei, da der Pfad in gutem Zustand war, als würde er oft benutzt werden. Doch dann machte sich ein weitaus düsterer Gedanke in Johns Kopf breit; Dass der Hügel selber sich nach innen lehnte und Besucher anlockte, sie zu einer unbekannten Bestimmung führte. Er verwarf diese Idee schnell und lief weiter.

Ein altes Tor versperrte den Weg. Es war aus Holz, offensichtlich vom schottischen Wetter gezeichnet, da seine Oberfläche zum Teil von grünem Moss und Schimmel aufgefressen worden war. Als es sich mit einem Knarren öffnete, trat John über die Schwelle und als sich das Tor hinter ihm wieder schloss, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken, zusammen mit einem üblen, aber dennoch mildem Gefühl in seiner Kehle. Wäre er selbst abergläubisch gewesen, hätte er wohl gesagt, dass dieser Ort schlimm sei, dass die Luft schlecht sei, doch derlei Gedanken hatten auf ihn wenig Wirkung. Es war viel wahrscheinlicher, dass etwas, das er gegessen hatte, ihm nicht bekam und nicht der Hügel war, welcher anfing John zu entnerven.


Den Weg entlang gehend, versuchte er, so schnell wie möglich zu sein. Er hatte nicht das Bedürfnis, nachts den Weg nach unten zu gehen – ohne festen Halt unter den Füßen oder zu sehen, wohin er ging. Zudem war der Himmel zu dieser Tageszeit etwas dunkler geworden, weshalb John zielgerichtet weiterging und aufgeregt war, die Aussicht von dort oben zu genießen.

Die Steigung nahm langsam zu und mit ihr, die sporadische Natur um ihr herum. Das lange Gras hatte alles außer den Weg überwuchert und als er nun an den gelegentlichen Klumpen von Bäumen vorbeilief, fing er an zu verstehen, warum die Einheimischen diesen Ort fürchteten – die Stränge toten Grases und das Efeu, welche jeden Stamm umwickelten, suggerierten eine bösartige Absicht. Einige der Bäume waren sogar entwurzelt, nahmen ungewöhnliche Postionen an steilen Abhängen an, wirkten so, als wurden sie in die Erde gezogen – gebrochen durch Finger aus Gras, welche an der Hülle griffen wie ein sehr lebendiges Seeungeheuer. Und während die Idee fantastisch war, fühlte sich die Hügelseite durchaus falsch an, an einigen Stellen unnatürlich. Und als John hinaufstieg, kam eine Kälte über seine Arme. Er war schon vorher gewandert, und seine Arbeit verlangte es, unerschrocken die Wildnis zu erforschen während er das Land begutachtete. Doch dies fühlte sich anders an. Es schien so, als ob das Land einen Einfluss auf die Temperatur hatte, statt das Wetter, was es zunehmend schwieriger machte, die erdrückende Atmosphäre des Hügels zu ignorieren.

Er hielt einen Moment lang an, rubbelte seine Arme hastig, um sie zu wärmen und bewertete seinen Fortschritt. Er war erstaunt darüber, wie weit er eigentlich geklettert war. Er war nicht länger als zwanzig Minuten gelaufen, doch als er in die Richtung sah, aus welcher er gekommen war, musste John mindestens auf halber Strecke angekommen sein. Doch wie war das möglich? Nach jeder Beurteilung der Größe des Hügels, schien es die vorherige Schlussfolgerung zu widerlegen. Als ob dieser Ort an sich lebendig war. John lachte bei dem Gedanken, so sehr von seiner Umgebung mitgenommen worden zu sein. Die Stille bereitete ihm dennoch Sorgen. Keine Vögel, keine raschelnden Büsche mit Hasen, keine Füchse, oder gar Insekten. Tatsächlich erschien die ganze Hügelseite tot. Nein, nicht tot, dachte er, sondern als ob der Tod selbst hier tätig war. Es war jedoch Winter, weshalb John sich eigentlich auf die Stille des Landes hätte einstellen sollen. Die Stille beunruhigte ihn dennoch.

Dann erregte ein weiteres ungewöhnliches Phänomen seine Aufmerksamkeit. Eine Ungereimtheit. Etwas, dass seiner eigenen Erinnerung widersprach, seinen eigenen Fähigkeiten. Der Weg hinter ihm hatte sich verändert. Während er kletterte war John erstaunt darüber, wie überwucherter die Hügelseite im Gegensatz zu dem nach oben führenden Weg war. Daraus schlussfolgerte er, dass dieser Weg öfters benutzt wurde, doch als er den Hügel hinuntersah, schien der Weg nun von der Natur verschluckt worden zu sein. Vielleicht nicht vollständig, doch mit Sicherheit in einem größeren Maße als zuvor. Gras fegte über ihm, während Büsche und Bäume in der Nähe wuschen, was auf ein schrofferes Land hindeutete, als John zunächst angenommen hatte. Der Weg vor ihm war jedoch frei.

Zu der Welt dort draußen und dort unten blickend, wirkte alles so fern, auf eine Art und Weise fast künstlich. Die Farben waren nicht so grell, die Weiden, welche die Täler bedeckten, hatten ihre Lebhaftigkeit verloren und der Himmel selbst filterte etwas in Richtung Boden, welches John nur als „falsches Licht bezeichnen konnte.“


Er kämpfte damit, seine unwillkommenen Gefühle abzutun, und als er fortfuhr zu klettern, kam das Gefühl von Übelkeit, welches er zu Anfang verspürt hatte, wieder zurück. Das kalte Gefühl in seinen Gliedmaßen hatte sich wie eine Krankheit ausgebreitet, drang in sein Innerstes ein und fuhr ihm bis ins Mark. John hatte sein Bestes versucht, den Gipfel zu erreichen, doch er war kein Narr. Er wusste, dass kein Monat verstrich, ohne dass es eine Meldung über einen verlorengegangen Wanderer in den Nachrichten kam und obwohl dieser Hügel weitaus bescheidener als andere war, war John gewillt, vor dem Hügel zu kapitulieren, die Kapitulation sogar willkommen zu heißen. Die Umgebung fühlte sich bedrohlich an und seine jetzige, physische Verfassung reichte John aus, um den Rückweg einzuschlagen.

Obgleich er den Gipfel nicht erreicht hatte, entschied John, dass dies genug war, um ihren Aberglauben zu beenden, falls er es zurück ins Dorf schaffte, nachdem er auf dem Hügel gewesen war. Vielleicht würde er im Sommer wiederkommen, um das Land zu begutachten, da er seine Entscheidung mehr als Aufschub als ein Versagen ansah. Er wollte nicht mit dem Gedanken spielen, dass die Einheimischen von Anfang an Recht gehabt hatten.

Doch für sein Abenteuer musste es natürlich Beweise geben. John nahm sein Handy aus seiner Tasche, welches er für seine Arbeit benutzte, und fing wieder zu zittern an, als die eisige Kälte in seine Arme fuhr und er sich wünschte, wieder vor dem warmen Kamin des Gasthofs zu sitzen. Mit ein paar Handgriffen fotografierte er den umliegenden Hügel, dann als Scherz ein Bild von sich selbst wie er mit dem Gras und den Bäumen im Hintergrund ein Lächeln fingierte.

Was er sah, als er die Bilder begutachtete, jagte ihm ein Schauer über den Rücken. Das erste Foto der Gegend sah aus wie er angenommen hatte, doch das zweite verriet etwas versteckt hinter den Büschen hinter ihm – etwas, das aussah wie ein Gebäude. Zunächst dachte John daran zu rennen, doch war er fasziniert von der Idee einer verborgenen Ruine. Von der Außenwelt von einer Mauer aus Blättern, Zweigen und Legenden abgetrennt.

Nachdem er laut ein- und ausatmete, kroch John durch das dichte Gras, zog die Blätter aus großen, niedrigen Bäumen zur Seite. Dort, auf dem Hügel, wo die Einheimischen nicht wagten hinzugehen, stand etwas, das wie eine alte Kapelle oder Kirche aussah. Ein kleiner Kirchturm ragte gen Himmel und die graue Steinwand war von großen Kirchenfenstern gesäumt – die meisten davon zerstört und zeugten von schöneren, besseren Tagen.

Johns Herz fing wild zu pochen an, als er dies sah. Vielleicht war das der Grund, weshalb der Hügel mit Mythen und Legenden behaftet war. Eine alte, verlassene Kirche was sicherlich ein fruchtbarer Nährboden für angsteinflößende Geschichten. Doch die Kirche an sich vertrieb Johns Sinn für Gefahr nicht. Als er eine Wand aus Blättern, Gras und Efeu durchbrach, konnte er seine Angst nicht zurückhalten. Schweiß begann sein Gesicht hinunterzulaufen während sein Herz  das Blut in seinem Körper in einem beunruhigendem, schwankendem Rhythmus pumpte.

Den Hügel zu verlassen war immer noch seine Intension. Doch als er sich dem steinernen Bogen, in welchem die Tür der Kirche eingelassen war, näherte, nahm er an, dass die Einheimischen offener für seine herkömmliche Erklärung wären, warum man diesen Ort fürchtete, wenn sie wüssten, dass er im Inneren der Kirche gewesen war. Ohne das Innere der Kirche gesehen zu haben, würden die Einheimischen wieder Geschichten und Falschheiten von  dem verbreiten, was sich darin verbarg.


Die Tür bestand aus dunkler, brauner Eiche und zerkratze Metallstreifen zierten ihre Oberfläche, jedoch schien die Tür verschlossen zu sein. John gab dieser einige kräftige Schubser mit seinen Händen, woraufhin diese sich überraschender weise mit einem Knarren leicht öffnete. Dies erschuf einen Spalt, der groß genug war, damit er sich hindurchzwängen konnte. Durch den Spalt sah er, dass der Boden mit Bruchstücken der Steinmetzarbeiten der Decke übersät war. Eine große Ansammlung von Steinen lag aufgetürmt hinter der Tür, hielten diese mit ihrem Gewicht zu und obwohl sie etwas nachgegeben hatten, bildeten sie genug widerstand, sodass sich die Tür nicht vollends öffnen ließ.

Kalte, modrige Luft kam aus dem Inneren und es roch muffig und nach Steinen die seit langem in Vergessenheit geraten worden waren. Einen Moment lang dachte John darüber nach, was er als nächstes tat. Ein solches Gebäude, das dem Verfall Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte lang preisgegeben war, könnte gefährlich sein. Allerdings brannte ein Verlangen weiter in ihm zu beweisen, dass er mutig alles gesehen hatte, was es zu sehen gab. Dass es hier weder Geister noch Kobolde gab, sondern lediglich Bruchstücke einer vergangen Geschichte.

Er nahm sein Handy, streckte seine Hand durch den Spalt und machte eine Blitzlichtaufnahme. Das Licht erhellte das gesamte Kirchenschiff und offenbarte, dass es mit Geröll eines zerfallenden Dachs gefüllt war, sich an dessen Ende jedoch eine Art Altar befand. Von Johns Blickwinkel aus schien er aus Stein gemacht, auf einer erhöhten Stufe ruhend, welche einige Meter hoch war. Vor allem war John von der Anwesenheit einer Art Inschrift erstaunt, jedoch konnte er von der Tür aus die Schrift nicht entziffern. Er seufzte als er realisierte, dass der einzige Weg sie zu lesen der war, hineinzugehen. Die Sorge verletzt, oder von etwas Fallendem eingesperrt zu werden, hatte höchste Priorität. Allerdings hatte seine Neugier nun ihren Höhepunkt erreicht, sein Enthusiasmus unterdrückte sowohl das mulmige Gefühl in seinem Magen als auch das Taubwerden seiner Gliedmaßen.

Nachdem er die Risiken noch einmal abwog, gedachte John so leise wie möglich zu sein, um die Gefahr eines Einbruchs zu verringern. Er musste es sich ansehen. Er atmete tief ein, dann wieder aus und schaffte es dann, sich durch den Spalt in die Dunkelheit zu zwängen. Mittels eines kleines Lichts an der Rückseite seines Handys könnte er nun einen besseren Blick auf seine Umgebung erhaschen. Die Luft war merklich kälter, kratzte an der Rückseite seiner Kehle als er einatmete und obwohl er erwartet hatte, dass es aufgrund der Menge an Stein drinnen kälter war als draußen, kam ihm die Kirche eher wie eine Gruft, als ein Ort der Anbetung vor.

Er trat so vorsichtig auf wie nur möglich, versuchte die Haufen von Schutt weder zu beunruhigen noch zu zerstören. John fixierte seinen Blick auf die Decke über ihm, immer mit der Sorge, dass eine der Steinmetzarbeiten auf ihn fallen könnte. Das Ausmaß der Zerstörung war nun offensichtlich, ab und an sah er Lichtstrahlen durch wundartige Öffnungen von oben fallen; jedoch blieb das Schiff überraschenderweise düster. John fand das merkwürdig, da er annahm, dass das Innere um ihn herum nun noch sichtbarer sein sollte. Es schien so, als ob das Licht von den Ecken des Schiffs absorbiert wurde, jedoch tat er diesen Gedanken als fantasievoll ab und gab seine ausufernde Vorstellungskraft als Grund genug an, die Nerven zu behalten – isolierte und unbekannte Umgebungen konnten selbst den rationalsten Verstand ausschalten.


Nachdem er über zwei große Hügel von Schutt geklettert war, dabei Acht nahm, mehreren großen, scharfen Stücken gebrochenen Holzes unter ihm auszuweichen, fand er sich schließlich am Ende des Kirchenschiffes wieder. Dort lag der Altar – ein Tisch hergestellt aus Stein und von achtsamen und hingebungsvollen Händen geglättet. Es war einfach sich vorzustellen, wie furchteinflößend ein Priester aus dem finsteren Mittealter erschienen mochte, dort stehend und aus einer ignoranten Position irgendwelche fürchterlichen Geschichten erzählte. Aus dem Mund schäumte, während er von Verdammnis und dämonischen Kräften sprach, welche die Seelen der Schwachen jagten.

Euphorie und Aufregung schossen John durch den Kopf, neben etwas derart Historischem zu stehen. Jedoch zog er durchaus in Betracht, dass der Altar wahrscheinlich von genau diesem Hügel stammte, einem Stein tief im Erdreich entrissen, geboren durch Abläufe, viel älter als die Menschheit selbst. Doch die Aufregung eines so alten und seltenen Fundes ließ derlei Gedanken abflauen. Er war so von dem Objekt fasziniert, dass er beinahe eine kleine, offene Tür rechts des Altars übersah, welche scheinbar zu einer Treppe zu einer unterirdischen Kammer führte, möglicherweise ein Gewölbe oder ein Grab. Zitternd bei dem Gedanken, was sich da unten befand, wusste er, dass er selbst bei seinem Grad an Skepsis nicht nach unten gehen würde. Aberglaube oder nicht, unterhalb des Bodens eines verfallenden Gebäudes umherzulaufen war keine gute Idee.

Als er den Lichtstrahl seines Handy in Richtung der Rückseite des Schiffes hielt, gab es einen winzigen, jedoch einladenden Blick auf einige verstaubte Treppen frei, welche zur Altarplattform hinaufführten. Eine natürliche Ansammlung von der ein Priester oder Prediger vor Jahrhunderten seine Messe abhielt, jedoch fühlte sich wenig daran natürlich oder beherbergend an. Erneut machte sich in Johns Gedanken ein schleichendes Unbehagen breit, als er sich vorstellte wie ein inbrünstiger, verärgerter Mann Gottes über allem thronte, kryptische und von Unheil kündende Phrasen in Richtung einer zusammengekauerten, verwirrten und sich fürchtenden Gemeine brüllte.

Während er in Richtung der Plattform ging, erpicht darauf, die Inschrift an der Wand näher zu untersuchen, wurde seine Aufmerksamkeit von dem Geröll beladenen Boden abgelenkt, als sein Fuß sich an einem kaputten Stein stieß. Er stolperte plötzlich vorwärts und John schlug sich seine Schulter an der Kante des steinernen Altars an, ehe er eine Hand ausstreckte, um seinen Fall auf dem kalten, harten Boden der Plattform zu bremsen. Der Lärm seines Falls gab ein lautes Echo im gesamten Gebäude von sich und das Geräusch prallte von den Wänden zu der Decke. Eine Sekunde glaubte er, ein leiseres Geräusch von anderswo anders gehört zu haben. Es war nah, jedoch fern. Als ob sie antworten würden, brachen vielen kleine Bruchstücke von oben herab, schlugen auf dem Boden auf, um damit eine Reihe schwererer und tödlicheren Antworten zu necken und heraufzubeschwören. Obgleich er froh war, dass das Objekt nicht größer gewesen war und noch mehr, dass der Stein vor der Tür und nicht auf seinem Kopf eingeschlagen hatte, traute John seiner Sicherheit nicht mehr.


Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, stand er neben der Plattform auf, hielt sich seine nun angeschlagene und geprellte Schulter und beobachtete nun nervös die Decke. Bis auf einen leichten Wind, welcher durch die Löcher der Kirche blies, war die Stille allmächtig. Ängstlich davor, dass weitere Bewegungen das Gebäude in sich einstürzen ließen, wartete John noch einige Minuten ab, bevor er sicher sein konnte, dass keine Steine mehr herunterfielen. Langsamer und sicherer als zuvor, drehte John sich um und sah sich den Altar genauer an. Religiöse Darstellungen säumten seine Seiten zusammen mit merkwürdigen, gezackten Symbolen die John nicht wiedererkannte. Es war einfach, sich eine Art Kommunion vorzustellen, die hier gegeben wurde, bei der jedes Mitglied der Gemeinde

– ungepflegt und unterernährt – langsam vortrat, um eine Segnung von einem Priester zu erhalten, der mehr von Zorn als von Liebe sprach.

John würde freilich jedem Bescheinigen, dass er von Natur aus nicht der Kreativste oder der Einfallsreichste war. Doch hier, an diesem verlassenen Ort, überraschte es ihn, wie lebhaft seine Eindrücke waren. Er konnte beinahe diejenigen sehen, die hier gehuldigt hatten – bleiche Gesichter, die sich von der bitteren Kälte des Winters in Sicherheit brachten. Körper, die aufgrund schlechter Ernten abgemagert waren und deren Angst vor etwas Ungewöhnlichem und Undefinierbarem jeden ihrer Gedanken erstickte. Ja, die Kirche war ein so düsterer, kleiner Ort, sodass es leicht war, sich darin Geister und Seelen der Verstorbenen vorzustellen. Natürlich hatte John keine Ahnung, wie genau oder ungenau seine Spekulationen waren.

John ließ seine Spekulationen beiseite und lachte bei dem Gedanken, so einfach von diesem Ort beeinflusst worden zu sein und sah sich endlich die Inschrift an, welche oben in eine schwarze Wand gemeißelt worden war. Er streckte seine Hand aus und fühlte die Gruben und harten Kanten, die der Meißel des Autors hinterlassen hatte. Es stand fest, dass die Nachricht auf der Wand hier nicht hingehörte, war sie doch hastig geschrieben worden und jeder Buchstabe mit dem vorherigen in Sachen Anordnung nicht übereinstimmte. Es schien so, als ob die Nachricht von jemand in Eile geschrieben wurde – jemand, der so wenig Zeit wie möglich in dieser Kirche verbringen wollte. John ging zurück und das Licht seines Handys rückte die Worte nun stärker in den Blickpunkt.

Jene, die in Dungorth lebten, nahmen diesen Hügel 1472 in Besitz. 1481 gaben wir ihn in der Hoffnung zurück, dass jene, die wir gestört hatten, uns unseren Fehltritt vergeben mögen.

Als er über den Sinn der Inschrift nachdachte, stand er erneut regungslos da, während die furchteinflößenden und rechtfertigenden Worte anfingen, ihn leicht zu verunsichern. Entweder war diese Region heftig umkämpft und kürzlich von einem anderen Klan besiedelt worden, oder die ursprünglichen Einwohner des Hügels teilten die Beschäftigung mit Mythen und Aberglauben mit ihren Potentaten unten im Dorf.

Zunächst nahm er von dem Geräusch nicht wirklich Notiz. Erst als es in einem ungleichen Rhythmus wiederholt wurde, erkannte er dessen Ursprung. Mit den Augen auf die Inschrift gerichtet, sein Rücken immer noch in Richtung des Hauptschiffes gedreht, kehrte die schleichende Kälte von draußen wieder in seine Arme ein. Sein Körper zitterte als Antwort auf die Temperatur, welche nun alarmierend schnell gefallen war, sein nun sichtbarer Atem paffte ängstlich vor seinem Gesicht. Johns Körper zuckte erneut vor Angst zusammen, als ein Geräusch eines auf dem Steinboden schlurfenden Fußes in der Nähe langsam von einem zweiten gefolgt wurde. Doch wer würde sich an solch einem Ort aufhalten? Sicherlich keiner der Einheimischen, hatten sie doch ständig aufgrund ihres Aberglaubens und den Geschichten von bösen Omen vor dem Hügel gewarnt.

Die Schritte fühlten sich nahe an und als er langsam seine Sicherheit verlor, waren Johns einzige Gedanken, abzuhauen. Als das Geräusch lauter wurde, bedrohlich näher kam, war es klar, dass er an der Person vorbeirennen musste, um es bis zur Tür zu schaffen. Es gab keinen anderen Ausweg – er musste seine angestaute Angst aus seinen Gedanken vertreiben. Langsam drehte er sich um, um wen auch immer hinter sich entgegenzutreten. Einen Moment dachte John, er würde von verzerrten Gesichtern aus seiner eigenen Einbildung konfrontiert werden. Doch das Schiff war leblos und leer, doch hörte man in der Luft immer noch die Schritte, welche auf dem Steinboden schlurften. Es hörte sich wie Papier auf Haut an.

Johns gefrorener Atem kam ihm aus dem Mund, als er sah, wie sich etwas am Rande seines Blickfelds bewegte. Wärhend er sich schnell in Richtung des dunklen Eingangs drehte, bewegte sich der Kopf einer undefinierbaren Figur mit jedem schlurfenden Schritt nach oben. In seinen Adern breitete sich eine derartige Angst aus, sodass seine Vernunft dahin schmolz und durch puren Instinkt ersetzt wurde. Während er einen Satz von der Plattform machte und den Altar und die Inschrift hinter sich ließ, spürte John eine tiefe und unbändige Furcht tief im Inneren. Stolpernd als er landete, löste der Aufschlag mehr Bruchstücke von oben und einige Steinstücke schlugen auf dem Kirchenboden auf, verfehlten seinen Kopf um ein paar Meter.

Der Ausgang kam näher und fieberhafte Gedanken füllte nun Johns Kopf, während er über und durch Haufen von Geröll kletterte. Tote Haut, welche von dem uralten Gebäude ohne Reue abgestreift worden war. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, von einem Mann Gottes umgeben und erdrückt zu werden, welcher von Sünde und dem Bösen predigte, während eine bedauernswerte und geschrumpfte Gemeine sich aus Angst vor dem, was in ihrer Nähe wandelte, versammelte.

Als die Schritte auf dem dreckigen und staubigen Boden kratzten, bekam John wieder einen klaren Kopf und als er anfing, über einen großen Hügel aus zerbrochenem Holz und Steinen zu klettern, mit der Tür in Richtung Sicherheit auf der anderen Seite, wurden seine Nerven von seiner Neugier für kurze Zeit beruhigt. Die Angst, die er in seinem Magen spürte, sagte ihm, dass er weiterlaufen sollte, hinaus auf offenes Gelände. Fort von diesem Ort. Doch sein Bedürfnis zu verstehen war grenzenlos; er musste dem nachgehen. Tief ein- und ausatmend, drehte er sich vorsichtig zum Altar um und schien vorsichtig mit dem Licht seines Handys auf die verdunkelte Treppe. Die Luft des Schiffes wurde nun kälter und Johns panisches Atmen war im fahlen Licht gut sichtbar. Die Dunkelheit schien sein Sichtfeld zu beeinträchtigen, doch an dem, was er ausmachen konnte, gab es keinen Zweifel. Eine große Gestalt stand nun bei dem Eingang, jedoch machte sie den Eindruck, als ginge eine gequälte und pervertierte Form der Menschlichkeit von ihr aus. Sowohl John, als auch die Gestalt, starrten sich gegenseitig einige Sekunden nur an. Dann entschwand eine krächzende Ansammlung von Silben deren Mund; eine lang vergessene Sprache. Und obgleich John nicht wusste, was sie genau zu bedeuten hatte, konnte er das von ihrer verachtender Art und Weise nicht sagen.


Die Gestalt am Eingang bewegte sich nun vorwärts und als sie merklich näher kam, schrie John panisch auf, ergriff unbeholfen den Schutthügel in dem Versuch nach oben und in Richtung Tür zu klettern. Nun war ihm Stille egal, seine Kletterbewegungen hallten nun durch das ganze Schiff und einige Bruchstücke vielen vom Dach. Als er die Spitze erreichte, drehte er sich noch einmal um, nur um zu sehen, wie ein mannsgroßer Brocken auf ihn zuraste. Um sein Leben springend, rollte er die andere Seite des Schutthügels hinunter. Als er hinunterrollte, spürte er einen stechenden Schmerz an seiner Seite und während er auf dem Boden aufschlug, ließ ihn die Wucht des Aufpralls kurz schummrig werden. Sich aufrappelnd schaute John nach unten und fuhr entsetzt zusammen. Ein großes Stück Holz hatte sich mehrere Zentimeter tief in seine rechte Flanke gebohrt. Blut tropfte aus der Wunde, als er beinahe instinktiv an dem Holzstück zog, es gegen seine inneren Organe drückte und es schließlich entfernte

Er ließ einen schmerzhaften Schrei los. Doch als er dies Tat, drehte er sich aufgrund eines Geräusches hinter ihm um. Der Schmerz an seiner Flanke war unerträglich, doch was er sah, war schlimmer als jedes andere Gefühl. Der Bauch der Gestalt am Eingang wand sich als diese mit unglaublicher Geschwindigkeit über das Geröll und auf ihn zu kam. Ihr Körper war schwarz, die bandagierten Überbleibsel eines weißen Gewands glitten leicht über den kantigen Boden.

Vor Angst stolpernd, konnte sich John kaum bewegen. Dann fiel es ihm ein: die Flucht war nahe. Schlecht hinkend machte er sich auf zur Tür, deren enge Öffnung schon in Reichweite, schob seinen Körper hindurch in Richtung des Lichts nach draußen. Die Tür drückte und stupste an seiner Wunde, was seinem Unterleib große Schmerzen zufügte. Bei seinem letzten Drücken schrie er und die Kraft dieses Augenblickes katapultierte ihn nach draußen. John sah durch den Spalt und sah die Gestalt, wie sie ihren Arm ausstreckte und ein abscheuliches und ohrenbetäubendes Stöhnen in Richtung der untergehenden Sonne abgab.

John nahm sich nicht die Zeit, die Gestalt näher anzusehen. Er stand erneut auf, seine Hand voller Blut als es die offene Wunde an seiner Flanke zuhielt. Er bewegte sich so schnell wie möglich fort von diesem Ort, fort von der Kirche und er war sich sicher, dass er Stimmen tief in ihrem Inneren hörte, als er floh. Die Rufe und hasserfüllten Proteste einer lang untergegangenen Priesterschaft und Gemeinde; verspottend, nachtragend und verabscheuend.

In seiner Eile wusste er nicht mehr, aus welcher Richtung er gekommen war und die Umgebung war unvertraut. Panisch humpelte so schnell er konnte weiter, jedoch erlangte seine Desorientierung die Oberhand und noch ehe er wusste, warum und weshalb, fand er sich umgeben von einem Labyrinth aus zerstören und umgestürzten Grabsteinen wieder.

Schummrig und nach Luft schnappend war es ihm nun egal, wo er war, solange er die Kirche und dessen Einwohner hinter sich lassen konnte. Als er wieder Luft bekam, konnte John den Friedhof inspizieren. Einige der Grabsteine waren groß und thronten über ihm, andere waren bescheiden und zerstört. Dann, als ob er die Wirkung eines langsam wirkenden Gifts spürte, drehte sich alles um ihn und als er versuchte ein letztes Mal nach Luft zu schnappen, nahmen die Grabsteine eine ominöse und boshafte Gestalt an. Gen Himmel ragend, die Sonne verdunkelnd, eindringlich auf ihn starrend. Er befand sich nun nicht mehr in einem Friedhof, sondern in einem Kreis aus verdrehten Steinen, mehrere Meter hoch. Sie hatten schon viele Stürme überstanden – uralte und vergessene – lange bevor der Grundstein der gottverlassenen Kirche gelegt worden war.

John streckte eine Hand aus, befühlte die moosbewachsende Oberfläche, als er das Bedürfnis verspürte, ihnen näher zu kommen. Augenblicke vergangener Zeiten spielten sich nun in seinem Kopf ab, als er langsam das Bewusstsein verlor. Seine Sicht war getrübt und die Welt begann sich zu drehen, als eine plötzliche Übelkeit seine Sinne ergriff. Eine, welche so stark war, dass sie ihn in die Knie zwang. Und obgleich er ihrer Kraft zu wiederstehen versuchte, fiel er binnen Sekunden zu Boden, die Wunde sich bei jedem Herzschlag hebend und weitertropfend. Während er auf seinem Rücken lag und nach oben starrte, schien der Himmel zu pulsieren. Alles um ihn herum begann sich zu verzerren, als ob er von dieser Welt abgekoppelt wurde und alles durch eine dicke, verdrehte Linse sah. Das Licht bog sich unnatürlich nach innen und der Schleier der Welt zog sich zurück, als John in die Leere dahinter starrte. Dann wurde er bewusstlos.

*          *          *

John erwachte zu der Stille der Erde. Spitzen brüchigen Grases berührten seine Wange, ehe sie vom Wind an einen unbekannten Ort geweht wurden. Der Himmel war schwarz, während sich nichts wirklich Lebendiges bewegte. John wusste nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war, doch die Sternendecke über ihm verriet ihm, dass es wohl mehrere Stunden gewesen sein mussten. Die Übelkeit war nicht verflogen, jedoch war sie nicht mehr so stark, allerdings tropfte aus der Wunde an seiner Flanke immer noch Blut. Als er sich erhob wurde ihm klar, dass er immer noch unter den Auswirkungen von was auch immer war, das sich auf dem Hügel befand und durch ihren Rausch besaß die Welt immer noch eine flüssige, wässrige, Form. Doch als John seine Augen für einen Moment schloss, hatte er das Gefühl, dass er sich irgendwie daran gewöhnt hatte. Jedenfalls soweit, dass er es ertragen und einen Weg fort von hier finden konnte.

Er hatte Glück, dass ihm der Mond half, obgleich dieser trotzdem nur ein schwacher Halbmond war. Dieser spendete John genug Licht, um die fremde Welt und deren Formen um ihn herum bestimmen zu können. Er war sich nicht sicher, ob er am gleichen Ort wie vorher war, da die uralten Steine, an die er sich noch gut und ohne Angst erinnerte, nicht mehr da waren. Doch als er da stand und vergeblich versuchte, das Blut mittels seiner Hand am fließen zu hindern, kam John ein fürchterlicher Gedanke. John fiel es schwer, mir genau zu beschreiben, was es war, doch er beschrieb es so, als ob „die Gesetze der Natur umgekehrt worden waren“. Nichts ergab Sinn. Einen Moment lang wusste er nicht, wer er war, was er dort wollte und was der abscheuliche Grund für sein Leiden war. Es schien so, als konnte er sich noch an den Hügel und die Kirche erinnern, jedoch waren seine Gedanken aufgewühlt und verstreut. Flüchtige Gedanken seiner Identität wurden schlagartig von vollständiger Verwirrung übertrumpft und ersetzt. Doch ganz gleich der Krankheit, eine Konstante blieb: seine Instinkte rieten ihm, diesen Ort sofort zu verlassen. Aufgrund seines schwachen Geisteszustandes konnte er jedoch nicht sagen, welchen Weg ihn nach unten und welche ihn wieder nach oben zu wen auch immer oder was auch immer sich auf der Spitze verbarg, führte. Der gefühlte Rausch war ein Gefühl wie kein zweites – die Welt offenbarte sich ihm.


Ein kränklicher Geruch erfüllte die Luft. Ob es sein eigenes Erbrechen war, oder seine Krankheit ihm einen Streich spielte, wusste John nicht. Doch innerhalb dieses Gestanks verbarg sich etwas Anderes. Ein Geruch von Nässe gemischt mit dem verstörenden Geruch verbrannten Haares. Der Geruch  wurde so stark, dass er anfing in John’s Augen zu kratzen, was seiner Orientierung keine Abhilfe schaffte. Obgleich seine Augen von Tränen bedeckt waren und die Welt sich falsch anfühlte, spürte er etwas, dass er nun als Präsens beschreiben konnte. Der faulige Geruch wurde stärker und als er das tat, gab John ein lautes Husten von sich. Die Antwort auf das Geräusch war eindeutig und obgleich er dachte, dass es unmöglich wäre, jemandes Gedanken zu lesen, kam etwas auf ihn zu – mit Bosheit und Hass als seine Gefährten.

Das Gefühl der Angst wandelte sich nun in ein Gefühl der Flucht um, als John leise an schattigen Bäumen und wildem Gras in der Hoffnung vorbeiging, einen Weg in die Freiheit zu finden. Stolpernd, als er sich eine Weg durch die Dunkelheit bahnte, wuchs der Schmerz in seiner Flankte ständig an. Und der Gedanke hier auf dem Hügel zu sterben, ohne von seinen Geliebten jemals gefunden zu werden, wurde nur allzu real. Einen Moment dachte er, er würde erneut zusammenbrechen. Doch während die Übelkeit stärker wurde, wurde sie nun von dem Geräusch toten Grases und verwitterten Grünzeugs begleitet, welche zur Seite gestoßen wurden, als sich etwas in der Nähe bewegte. Johns Sicht war nun so schwach, dass er nicht mehr wusste, wo vorne und hinten war. Und in den kurzen Momenten der Klarheit ekelte er sich vor dem Gedanken, wieder bei der Kirche oder den Steinen oder den Grabsteinen zu landen – nicht sicher seiend, was diese überhaupt waren. Er war komplett orientierungslos und etwas näherte sich ihm, das diesen widerlichen Hügel sein Zuhause nannte.

Sei still

Doch weder Stille noch Dunkelheit konnten ihn schützen. Kein Reich der Vergessenheit konnte Unklarheit bringen. Denn ein Scheusal, so alt wie die Welt, jagte nun einen Mann, der einst dem Aberglauben und den Mythen ins Gesicht gelacht hatte. Die Luft wurde dichter und das spärliche Licht, welches der silberne Mond abgab, zog sich zurück. So, als ob es in den Boden ohne Widerkehr gesogen wurde. Dann, nichts. Der Lärm bewegter und brechender Zweige und Gras hörte auf; abgelöst von einer schier unerträglichen Stille. John, nun ein nervliches Wrack, gab jede Hoffnung auf eine Flucht auf. Es war nahe, sein Atem konnte man in der Luft spüren; faulig, ranzig. Wie von etwas, das vor langer Zeit gelebt und noch nicht das Verlangen, Schmerz und Leid zu verursachen, verloren hatte. Dann, Bewegung. Tote Blätter knirschten unter dessen Gewicht. Das lange Gras, welches so unzerstörbar aussah, wurde nun mit jedem Schritt zerbrochen. Das Einzige, an das John jetzt denken konnte, war, sich zu verstecken. Sein Atem stockte und leise nach Luft schnappend, tauchte er in das hohe Gras ein, lag da. Still und angsterfüllt.

Die Präsens kam näher und in der Dunkelheit konnte er die vage Form einer Gestalt in der Nähe erkennen. Sie drehte langsame Kreise, kam näher und verschwand wieder, so als ob sie den Boden gründlich absuchte. Dann, endlich, flaute das Geräusch ihrer schwerfälligen Schritte ab und hörte dann auf. John stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Dann berührte eine Hand sein Gesicht.


Sein Überlebensinstinkt nahm die Oberhand und mit einem gewaltigen Angstschrei drehte John sich zur Seite. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, als sein eigenes Gewicht einen unebenen Fleck Erde tief in seine Wunde drückte. Ein leises Stöhnen kam von was auch immer vor ihm stand, woraufhin John durch einen neuen Antrieb motiviert wurde, ohne zu wissen, wo es langging. Er sprang auf, rannte in eine beliebige Richtung und hoffte entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, dass dies ihn aus diesem Wahnsinn führen würde. Aus diesem Albtraum.

Bäume und Gras flogen im Dunkel der Nacht an ihm vorbei. Eine dichte Wolke aus Krankheit und verbranntem Haar umgab alles; was in ihm beim Rennen einen wiederkehrenden Würgereiz auslöste. Endlich wusste er, wo er war und hatte einen Kurs. Einen, von dem er wusste, dass er nie wieder haben würde. Die Kirche thronte groß und verdreht vor ihm. Etwas bewegte sich zwischen den Bäumen hinter ihm und in kurzer Zeit würde es ihn einholen. Zumindest wusste John, in welche Richtung er gehen musste. Er rannte zur Seite in Richtung des Pfades, den er bereits entlanggegangen war. Ein alter Pfad, der ihn in Sicherheit bringen würde. Doch das Land erschien unbekannt und unnatürlich. Selbst die Gestalt und Beschaffenheit seiner Umgebung schien von einem bösen Geist verdreht worden zu sein. John musste weitergehen, weg von dem, was ihn verfolgte. Der Pfad musste in dieser Richtung sein!

Dann, endlich, brach er durch eine Reihe von Büschen und Bäumen und gelangte zu einer Lichtung. Sein Herz sank in Untiefen, die er nicht kannte. Da stand die Kirche erneut, wirkte nun jedoch anders. Nachts schien das Gebäude viel düsterer und bizarrer zu sein, als tagsüber. Einen Moment lang kam es John so vor, als ob der Kirchturm nicht aus Fels, Stein oder Beton, sondern aus Ranken, Erde und Holz bestand. Ein Kirchturm, welcher sich gen Himmel drehte, der den Turm schon vor langer Zeit in die Welt geschleudert hatte.

Das Rascheln toter Blätter ertönte erneut, als John stolperte und nach Luft schnappte. Der Schmerz in seiner Wunde war nun unerträglich und jeder Schritt nach vorne wurde von einem innerlichen, reißenden Gefühl begleitet. John war gezwungen, über den Kirchgrund von seinem Verfolger zu fliehen und er bewegte sich so gut er konnte. Stolpernd und humpelnd, schwach und erschöpft betrat er ein dichtes Netzwerk aus Gestrüpp und Dornen. Seine Kleidung verfing sich, als die Stacheln der Pflanze an seinem Gesicht und seinen Armen kratzen. Es hatte kein Zweck und er konnte dem, was kam, nicht entrinnen. Als er über seine Schulter blickte, sah er deutlich, wie etwas nur wenige Meter hinter ihm sich seinen Weg durch die Zweige bahnte.

Angst pumpte nun durch Johns Venen, als sein Verfolger immer näher kam. Es stieß einen Schrei voller Schmerz und Qual aus, während es einen Moment lang anhielt und Johns Kampf zusah, als dessen Hände von den Dornen zerschnitten und zerkratzt wurden. John riss und griff nach dem Dickicht in dem Versuch abzuhauen. Und um ihn noch einmal bis ins Mark zu erschüttern, starrte die Gestalt hinter ihm ihn an und gab einen fürchterlichen Schrei von sich. Etwas, dass sich sowohl wie ein Lachen, als auch ein Seufzer der Erleichterung anhörte. Die Gestalt begann, sich in Windeseile zu bewegen, brach ohne große Anstrengung durch das Gewirr aus Dornen und Zweigen, kam unaufhaltsam näher.


Mit einem Schrei des Schmerzes und der Erleichterung entkam John dem Griff der Dornen, doch wurde er von Verzweiflung gepeinigt. Dort stand die Kirche erneut, als ob sie ihn verspottete. Auf eine Art und Weise verzerrt und verzogen, wie kein menschlicher Architekt es sich vorstellen konnte. Mit letzter Kraft, die er noch besaß, stolpernd, passierte er die Kirche, während sein Verfolger durch die Bäume preschte und auf John zu rannte. John erhöhte sein Tempo so gut er konnte, doch brachte er nun nur wenig Kraft auf. Der Himmel öffnete sich und Schwaden von Wasser ergossen sich über die Kirche, flossen zu Boden, welcher bald durchnässt war.

Johns Kraft verließ ihn und er sank zu Boden, gab auf wie ein gehetztes Tier, welches letztendlich zusammenbrach. Dann, die Rettung. Aus der Ferne kam ein Licht. Eines, welches durch das undurchdringliche Gestrüpp schien. Etwas, das Hoffnung gab. Ein rettender Anker, ein Licht von außerhalb des fürchterlichen Hügels. Als das Geräusch seines Verfolgers  näher kam, durch das Gras in der Dunkelheit schleichend, erweckte ein letzter Funken an Kraft John von seinem fürchterlichen Schicksal. Der Anblick von Licht und Leben erweckte den letzten Funken Hoffnung in ihm. Er schrie vor Schmerz, als er sich aufrichtete, als der Regen nun auf ihn niederprasselte, ihn durchnässte und in das Loch an seiner Flanke strömte. Doch das kümmerte ihn nicht. Das Einzige, was zählte, war das Licht und die Rettung, die es versprach.  So schnell wie möglich in dessen Richtung humpelnd, stieß er sich durch die Ranken und Zweige des verwickelten Waldes; seine Angst überstieg den Schmerz, den das Kratzen und Schneiden seiner Haut verursachte.

Doch machte er Fortschritte und das Licht wurde größer und größer; lebendig und erhaltend. Es war nun klar, dass er den Hügel hinunterlief und die Wucht, mit der er nach vorne schoss, ließ ihn nach jedem Fall stolpern, wodurch er merklich schneller wurde. Augenblicke von Erinnerungen, die nicht seine eigenen waren, durchfluteten schon wieder seinen Kopf. Gedanken voller Furcht und Hass füllten sein Blickfeld; Bilder der Kirche, welche nie leer, jedoch ohne Lebende war – während der Priester seine Hände er hob und die Mitglieder der Gemeinde die Köpfe senkten.

Verwirrung machte sich erneut in ihm breit und der Geruch von verbrannten Haaren kroch erneut in die Welt. Obgleich schwerfällig, konnte er dennoch hören, wie sein Verfolger an Geschwindigkeit zulegte. Jedoch hörte es sich nun erregter an; wütend, vielleicht auch frustriert. In John kam die Übelkeit vor lauter Panik zurück, das Blut strömte nun ohne Unterlass aus der Wunde an seiner Flanke. Gerade als das Licht am nahesten erschien, rückte das Versprechen von Erlösung, Sicherheit und einem Ausweg näher. John rollte ein steiles Grasgefälle hinunter, rutschte durch den nassen Schlamm und stolperte mit hoher Geschwindigkeit zu Boden. Schmerz, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit nahmen Oberhand als sein Körper, geschlagen und geprellt, auf einem großen, umgefallenen Baumstamm zur Ruhe kam.

Die kletternden Schritte kamen näher. Und während sie dies taten, sinnierte John, ob das etwas, auf dem er lag, ebenfalls ein Opfer des brutalen und versteckten Bösen war, welches den Hügel sein Zuhause nannte.

„Komm schon! Stehen Sie auf!“ rief eine Stimme in der Dunkelheit, welche fast durch das Brechen von Gras übertönt wurde.


Die Welt schien verdreht, doch ein Bewusstsein kroch langsam wieder in seinen Kopf. Sein Verstand kam zurück und John wusste nun, wo er war. Sein Körper war nicht gegen einen Stamm, sondern gegen das hölzerne Tor gelehnt, welches die Grenze dieses fürchterlichen Ortes darstellte.

Etwas war nah. Das, was ihn verfolgt hatte, war nun wenige Meter entfernt.

„Los, es hat Sie gleich eingeholt!“ rief die nun bekannte Stimme Dales.

Mit einer letzten Bewegung, mit dem letzen Bisschen Kraft in ihm, öffnete John R das Tor und fiel mit dem Gesicht nach vorne in eine Pfütze entlang der Straße.

III

Ich saß wie angewurzelt da. Johns Worte kamen stotternd aus seinem Mund, doch mit einer solchen Überzeugung und einem derartigen Realismus, die ich trotz meiner Skepsis schwer fand zu ignorieren. Der Mann war fest davon überzeugt, dass alles, was er mir sagte, der Wahrheit entsprach. Dale war John gegen den Willen der Einheimischen gefolgt, hatte Dale doch vor langer Zeit seinen Sohn verloren und wollte nun nicht, dass noch jemand Anderes der Bosheit des Hügels erlag. Der Vermieter, ein alter Freund des Bauern, gab letztendlich nach und die beiden machten sich zum Fuß des Hügels auf. Hoffend, dass John ihr Licht in der Dunkelheit finden, ihm folgen und der Erste sein würde, welcher seit Menschengedenken wieder heil zurückgekehrt war. Ganz gleich jedoch, wie sehr die beiden John helfen wollten, wollten sie weder das Tor berühren, noch über die Schwelle des Hügels treten. Das musste John selber tun und er tat es just in dem Augenblick, als sein Verfolger sich über ihn gebeugt hatte.

Ich erinnere mich, einen erleichterten Seufzer ausgestoßen zu haben, als er den Wein vor dem Feuer vollkommen leertrank. Zwischen uns herrschte für einen Augenblick Stille und ich merkte, dass die gesamte Bar voll angespanntem Zögern war. Eines, welches fast greifbar erschien. So, als ob die Anwesenden sprechen wollten, es jedoch nicht konnten.

Endlich fing ich zu sprechen an und versuchte, so versichernd wir möglich zu klingen: „Das ist eine fantastische Geschichte, John, aber eben nur eine Geschichte. Ich bin mir sicher, dass es eine logische Erklärung gibt.“

Ernst senkte er seinen Kopf und starrte zu Boden.

„Wenn es nur eine Geschichte ist, warum kann ich dann nicht fort von hier?“ fragte er und sah mich dabei mit einem Ausdruck an, welcher halb in Angst, halb in Verzweiflung getränkt war.

„Wie meinen Sie das, Sie können nicht weg?“

„Ich sitze hier schon seit drei Monaten fest!“ rief er: „Manchmal wünschte ich mir, Dale hätte mich dort zurückgelassen.“

„John“, sagte ich, als ich mich nach vorne lehnte und meine Hand versichernd auf seine Schulter legte: „Sie können gehen, wann immer Sie wollen.“


Doch aufgrund seines Gesichtsausdrucks konnte ich sehen, dass er mir nicht glaubte. Er hatte sich von den Mythen und Sagen vereinnahmen lassen, welche ihm die Einheimischen eingetrichtert hatten und ich schloss daher, dass seine Psyche vergiftet worden war. Natürlich hatte ich das Gefühl, dass der Vermieter und die anderen es gut mit ihm meinten, doch ich war mir sicher, dass eine vernünftige Erklärung ihn hoffentlich von seinem erkrankten Geist heilen würde.

„Ich fahre morgen nach Glasgow“, sprach ich erfreut: „Wieso begleiten Sie mich nicht? Der Bus wird gegen Nachmittag hier sein und wir können zusammen fahren. Aber…oh, natürlich, ich vergaß, Sie sind ja mit dem Auto hergekommen. Bitte gehen Sie nicht davon aus, dass ich auf eine Mitfahrgelegenheit spekulierte.“

Ich lachte, doch John starrte mich nur ernst an und gab dann zurück: „Mein Auto steht draußen, kaputt.“

„Wirklich? Ich hoffe, es ist nicht allzu schlimm. Was ist passiert?“

„Ich brauchte mehrere Tage, um mich von meinem Erlebnis auf dem Hügel zu erholen“, sagte er traurig, eher er fortfuhr: „Doch als es mir besser ging, packte ich meine Sache, dankte Dale und dem Vermieter und fuhr davon. Nachdem ich einige Kilometer gefahren war, goss es in Strömen. Die Sicht war beschissen, doch ich wollte nur noch fort. Ich verlor die Kontrolle über mein Fahrzeug und fuhr direkt in einen Baum. Ich überlebte, aber das Auto konnte man vergessen.“

„Nun ja, Unfälle passieren. Solange es Ihnen gut geht. Wie wär’s mit noch einem Drink?“ Ich stand auf und als ich das tat, wurde ich von John gewaltsam gepackt.

„Das war kein Unfall. Auf der Straße war noch etwas Anderes. Ich sah ihn, wie er da stand. Ein Mann…glaube ich. Zumindest sah es aus, wie ein Mann. Ich wich ihm aus.“

„Das war gut. Das Letzte, was Sie bräuchten, wäre aus Versehen einen Einheimischen umgefahren zu haben.“ Meine Witze besänftigten seine Frustration auch ein zweites Mal nicht.

Ich setzte mich wieder, als er mir von seiner misslichen Lage erzählte. Nach dem Vorfall mit dem Auto, welches von Dale zurück zum Gasthof geschleppt worden war, versuchte John alles, um von hier fortzukommen. Jedes Mal, wenn er versuchte, den örtlichen Bus zu nehmen, gab es ein Problem. Der Bus würde abschmieren, oder ein Erdrutsch würde diesen an der Weiterfahrt ins Dorf hindern. Er hatte sogar behauptet, dass dies der Grund war, weshalb ich hier eine Nacht verbringen musste – da er an diesem Tag vorgehabt hatte, dem Bus zu nehmen.

Der Mann ließ nicht nach. Seit drei Monaten war er Gast im ‚Laird of Dungorth‘ gewesen und ganz gleich, wie sehr er es auch versuchte, konnte er das Dorf nicht verlassen. Mehrere Male hatte er versucht, in das nächste Dorf zu wandern, doch jedes Mal wurde er aufgrund des kalten und gefährlichen Wetters zurückgeworfen, welches urplötzlich auftauchte. Er hatte sogar um Hilfe telefoniert; doch sein Handy hatte keinen Empfang und wenn er es vom Festnetz aus versuchte, kam nur ein statisches Rauschen. Dasselbe passierte auch denen, welche für ihn um Hilfe baten.


Ich war mir sicher, dass es für alles Vorgefallene eine vernünftige Erklärung gab, obgleich ich nicht alles erklären konnte. Es schien absurd, dass jemand, der offensichtlich so intellektuell und wortgewandt war, dazu gebracht wurde, derlei Unsinn zu glauben.

„Sie sind ein Opfer selbsterfüllender Prophetie“, sagte ich selbstsicher.

„Was meinen Sie?“ erwiderte John.

„Ich habe in vielen Orten wie diesen gearbeitet. Man kommt zu einem alten Teil des Landes mit einer angsteinflößenden Landschaft. Im Gegensatz zum modernen Leben in London wirkt es wie eine andere Welt. Dann füllt man deinen Kopf mit Stoff für Paranoia. Ein Mythos über einen verfluchten Teil des Landes, den die Einheimischen glauben. Mit all dem im Kopf, fährt man dann gegen einen Baum und bevor man sich versieht, glaubt man dann an alles. Vielleicht haben Sie sich die Gestalt auch nur eingebildet – vielleicht auch die ganze Begegnung.“

„Was ist mit dem Hügel?“ fragte er, offensichtlich neugierig ob der Möglichkeit zur Flucht.

„Bestimmt ein Placebo-Effekt, heraufbeschworen von all den Geschichten, die sie gehört haben. Oder, wer weiß, vielleicht hatten Sie eine Lebensmittelvergiftung oder sich irgendeinen Virus eingefangen und das Ganze halluziniert. Vielleicht wohnt da oben in Verrückter in der Kirche.“

Es war offensichtlich, dass er mir nicht glaubte, doch sah ich es als meine Pflicht an, diesem armen Menschen aus dem Dorf und mit nach Glasgow zu nehmen, wo er hoffentlich die Heimreise antreten konnte. Ich hatte bereits den Schaden gesehen, den unbegründete Ideen unter Menschen und Gemeinden anrichten konnten und es widerte mich wirklich an.

„Morgen nehmen wir den Bus zusammen nach Glasgow und ich spendiere Ihnen einen ordentlichen Schluck.“

Er sagte daraufhin nicht viel, außer, dass er zögernd und zustimmend nickte.


IV

Am nächstem Tag stand ich mit einem einzigen Ziel vor Augen auf. Obgleich ich nach Hause musste, m meinen Bericht zu schreiben, würde der Bus nicht vor Nachmittag eintreffen. Das bot mir die Gelegenheit, John auf eine dramatische Art und Weise davon zu überzeugen, mit mir zu kommen: Ich würde selber zu dem Hügel gehen. Ich wusste, dass wenn ich ohne irgendwelche merkwürdige Vorkommnisse wiederkehren würde, er den abergläubischen Unsinn, mit dem ihn die Einheimischen infiziert hatten, vergessen und mit mir in den Bus steigen würde. Ich muss gestehen, dass mich die Vorstellung an diesen Ort neugierig machte und obwohl ich überhaupt keinen Zweifel hatte, dass Johns Erfahrungen falsch waren, spürte ich, dass in dem Ganzen ein interessanter Bericht oder Geschichte schlummerte. Als Autor bieten sich einem derlei Gelegenheiten nur selten an.

Bevor ich aufbrach, sprach ich mit ihn, legte meine Intentionen offen. Er beschwor mich, nicht zu gehen, dass sein Schicksal nicht das meine sein sollte. Doch nach hinreichender Überzeugung sah er ein, dass ich mich nicht umstimmen ließ. Und er stimmte zögernd zu, dass wenn ich ohne einen paranormalen, übernatürlichen Vorfall erlebt zu haben, er mit mir nach Glasgow kommen würde.

Nachdem ich Richtungsangaben erhielt – Angaben, welche von denen ich wusste, dass die Einheimischen diese mir nur widerwillig geben würden, machte ich mich zum angeblich verfluchten Hügel auf. Ich muss zugeben, dass er mir…komisch vorkam, als ich ihn zum ersten Mal sah. Als ob er hier nicht hingehörte. Jedoch tat ich es als unterbewussten Effekt von Johns Geschichte ab. Die Umgebung schien so, wie John sie beschrieben hatte. Wenigstens stimmte das. Der Weg war von Müll und Geröll versperrt worden und ich fand auch das hölzerne Tor am Fuße des Hügels. Es hatte auch Blutflecken darauf, was das Ende seiner Geschichte glaubhafter machte. Die Idee eines Irren da oben ließ mich nachdenken, doch selbst wenn ein Verrückter John durch das Dickicht gehetzt hatte, war dieser bestimmt von Dale und dem Vermieter verjagt worden. Immerhin schaffte es ein verletzter John abzuhauen, weshalb ich mir nur wenig Gedanken machte.

Ich fühlte nichts Ungewöhnliches, als ich über die Schwelle trat und obgleich das verhedderte Gestrüpp von Bäumen und totem Gras das Gefühl von Verwesung hervorrief, war ich überrascht, wie unauffällig und normal sich die Umgebung anfühlte. Ich kletterte den steilen Pfad – welcher offensichtlich in letzter Zeit oft benutzt worden war – nach oben und erreichte einen Punkt, der an Johns Beschreibung erinnerte.

Und dann sah ich sie – von der Welt durch eine Wand aus Blättern, modrigem Holz und Gras verborgen: die Kirche. Ich war sichtlich überrascht, hatte ich doch angenommen, das Gebäude sei Teil von Johns Wahnvorstellungen gewesen. Ich gebe zu, dass mich ihre Existenz mulmig machte und zögerte einen Moment, ehe ich weiterlief. Es ist mir peinlich zuzugeben, dass ich wohl gedachte, zurückzukehren, wäre die Gegend nicht durch das morgendliche Licht erhellt worden. Doch tat ich es nicht.

Die Kirche war faszinierend und ich wollte wenigstens sehen, ob sie auch so war, wie John sie beschrieben hatte; mit einem unberührten Altar darin. Es war nicht schwer, in das Innere zu sehen, doch lief es mir kalt den Rücken hinunter, als ich mich an die Beschreibung  bezüglich der Schutthaufen erinnerte, welche die Tür blockierten. Allerdings stand sie weit offen, unberührt, was mir Anlass gab, einmal kurze innezuhalten. Doch stand ich da, an der Schwelle, sah hinein. Die Kirche war genau wie John sie beschrieben hatte; der Boden war bedeckt mit Schutt des zerfallenen Daches, der hohe Altar direkt vor mir, eine Inschrift. Eine, von der ich nun überzeugt war, dass sie das aussagte, was John geschildert hatte – und der Eingang, welcher nach unten zu einem unbekannten Ort führte.

Ihr müsst verstehen, dass ich zu keinem Zeitpunkt ernsthaft geglaubt hatte, dass hier etwas Übernatürliches hauste. Die Idee an sich war lachhaft, allerdings fing ich durchaus an, meine Sicherheit in Frage zu stellen. Gedanken an einen Landstreicher oder einen verrückten Irren, der in einer verlassenen Kirche wohnte, machten mich nicht gerade mutiger.

„Hallo? Ist hier wer?“ rief ich, während das Echo meiner Stimme bis hinauf zu den Dachbalken klang.

Als ich keine Antwort erhielt, schellte ich mich selbst ob meiner Paranoia und trat ein. Langsam bewegte ich mich durch den Schutt und bemerkte Bluttropfen auf einem zerbrochenen Stück Holz von dem ich annahm, dass es Johns Blut war. Wieder gingen mir Gedanken bezüglich einer Blutvergiftung durch den Kopf: Hatte vielleicht die Wunde an seiner Flanke diese Wahnvorstellungen hervorgerufen? Zumindest jene, welche danach passiert waren? Das würde seine Orientierungslosigkeit erklären.

Der Altar stand, wo John gesagt hatte. Ich zog mein Handy aus meiner Tasche und machte einige Fotos des Inneren der Kirche, da ich einen Beweis dafür brauchte, wirklich hier gewesen zu sein und um John dies versichern zu können. Mit jedem Blitz leuchtete das Schiff auf, wobei ich wieder an Johns Beschreibung eines eifernden Priesters und an eine verängstigte Gemeinde dachte, welche sich unter dem Schutz der Kirche versammelt hatte – doch Schutz wovor?

Ich drehte mich in Richtung des dunklen Eingangs, welcher unter das Gebäude führte. Ich fühlte, wie mein Herz schneller schlug bei der Möglichkeit, die steinerne Treppe hinabsteigen zu können. Die Idee trieb mich an, obwohl nicht ganz aus selbstlosen Gründen. Ja, ich wollte John zeigen, dass dort unten nichts war und dass es keinen Grund für die Wahnvorstellungen gab, die ihn innerhalb der Dorfgrenzen hielten. Allerdings wollte ich selbst ebenfalls wissen, was sich dort unten verbarg. Wieso hatte eine Kirche ein Untergeschoss? Gab es eine Krypta? Meine Neugier stieg ins Unermessliche und ich leckte mir die Lippen bei dem Gedanken, einen Artikel zu veröffentlichen, in dem ich meinen Fund beschrieb. Ein unbekannter, archäologischer Fund, vielleicht mit einem oder zwei wertvollen Reliquien darin.  

Während ich mich der Tür näherte, konnte ich die kalte Luft von unten kommend spüren. Ich beruhigte meine Nerven, welche an mir gezerrt hatten, und mit dem Licht meines Handys spähte ich vorsichtig hinein. Eine steile und enge Treppe wandte sich in den Boden darunter. Die Wände hatten ein dunkles Grau und schienen mit weitaus weniger Achtsamkeit als der Rest der Kirche gehauen worden zu sein. Ich rief erneut nach unten, doch wieder kam keine Antwort und ich nahm daher an, dass dieser Ort verlassen war. Als ich nach unten stieg, überraschte es mich, wie lang die Treppe tatsächlich war und als ich endlich unten ankam, nahm ich an, dass ich mich etwa fünfzehn Meter unter der Kirche befand. Es erschien merkwürdig, dass ein Stockwerk so weit unterhalb sein würde und ich fragte mich nach dessen Sinn. Wieso hatten die Architekten, Baumeister und die Gemeinde so tief gegraben?

An der letzten Treppe riss ich mich zusammen und drehte mich um, nur um einen verdunkelten Durchgang zu erblicken. Das blaue Licht meines Handys erhellte alles um mich herum und was ich sah, verstörte mich zutiefst; eine große Kammer, der Boden übersät mit Lumpen, Stein und menschliche Knochen. Ich  konnte nicht sagen, wie viele Leichen hier zum Sterben zurückgelassen worden waren. so zahlreich waren sie. Ich fühlte die kalte Luft nun stärker und diese ließ meinen ganzen Körper erzittern. Nicht nur wegen des kalten Steins, der mich umgab, sondern auch von dem betrübtem Gefühl in mir. Es schien fast so, als ob ich mir die Menschen vorstellen konnte, wie sie hier unten zusammenkauerten; wie sie ihre letzten Augenblicke in völliger Finsternis verbrachten. Ich hatte den Eindruck, dass sie alle hier gestorben waren, jedoch wusste ich nicht, weshalb ich davon so überzeugt war. 

Ich schoss einige Bilder ehe ich etwas betrat, dass ich nur als…Massengrab bezeichnen kann. Vorsichtig wich ich den Knochen aus, jedoch muss ich zugeben, dass ich dafür schäme, einige zertreten zu haben. Zu meiner Rechten gab es einen weiteren Durchgang, welcher zu einer weiteren Kammer führte. Und obgleich ich das Grab nicht mehr stören wollte, als ich es eh schon tat, wollte ich die ganze Geschichte erfahren. Das befand sich dort unten.

Über dem Durchgang stand ein steinerner Kerub-Engel, kunstvoll gestaltet, was ihn in einem Raum voller Knochen fehl am Platz erscheinen ließ. Jedoch besaß sein kindliches Gesicht ein komisches Grinsen. Nicht eines voller Freude oder Verspieltheit, sondern eines voller Spott und Sadomasochistischem Schweigen. Es auch nur anzusehen, löste in mir ein Gefühl des Ekels aus und so ging ich schnell in die andere Kammer, um mich seinem Blick zu entziehen.

Darin befand sich ein großer Raum, viel größer als der vorherige. Ich erkannte schnell, dass sich hier etwas befand, das den Erbauern sehr wichtig gewesen war. Die Wände waren mit wundervoll gemeißelten Symbolen verziert. Einige davon waren christlichen Ursprungs, doch vielen war mir der Ursprung unbekannt. In der Mitte des Raums befand sich ein Brocken aus massivem Stein, circa neunzig Zentimeter groß. Auf dem Boden an seiner Seite befand sich ein großes Loch und an der Seite des Steins befand sich folgende Inschrift:

Hier ruht der Vater. Von einigen geliebt, von vielen verhasst.

Ich grübelte über ihren Sinn nach, während ich in das Loch starrte. Das Grab war leer, doch war ich froh, dass ich es gesehen hatte, ehe ich den Raum betrat. Denn es war tief und weit genug, um darin hineinzufallen und dort unten mit einem gebrochenen Bein zu liegen, war nicht etwas, auf das ich scharf war. Der Dreck darin war mit einer Schwärze befleckt, die nach Kohle aussah, und der Rand des Lochs war von einem runden Haufen Erde umgeben. Ich nahm an, dass sein Leichnam schon vor langer Zeit von Grabräubern oder vielleicht von diesen „Verhassten“ entfernt worden war.

Die Luft des Ortes fing an, mir schwer zuzusetzen. Jedes Einatmen fühlte sich kratzig und kalt an und das Unbehagen reichte aus, um mich zu überzeugen, dass ich genug gesehen hatte. Während ich einige Fotos machte, um das Grab zu dokumentieren, rückte etwas auf dem Boden in mein Blickfeld. Bedeckt mit Erde und Dreck lag dort ein Buch, welches sich nur leicht vom Boden unterschied. Ich hob es auf, blies den Staub vorsichtig von ihm ab und legte das Buch auf den Steinbrocken.

Der Einband war uralt, brach leicht ab, als ich meine Hand darüberfuhr. Der dunkelrote Buchumschlag, von welchem ich nicht wusste, woraus er gemacht worden war, sprach von einer vergangenen Zeit und vergessenen, jedoch wichtigen Geschichten. Tief in mir wusste ich, dass ein solches Objekt eigentlich vorsichtig entfernt und von Historikern untersucht werden sollte, doch als Autor trieb mich die Leidenschaft einer guten Geschichte zu sehen, was darin stand. Ich öffnete es und staunte nicht schlecht. Es war eine Chronik. Ein handgeschriebener Bericht über die Geschichte der Kirche, ihrer Gemeinde und des Hügels. Eine Momentaufnahme eines lang vergessenen Volkes.

Es war in einem sprachlich verwirrenden Ton geschrieben, da die Wortwahl eine Mischung aus Altem Scots und Phrasen in einer mir unbekannten Sprache. Ich nahm an, dass es sich hierbei um Keltisch oder Gälisch handelte, jedoch konnte ich die Absätze in Altem Scots teilweise lesen. Das nun Folgende ist eine grobe Zusammenfassung dessen, was in den Absätzen stand.

*          *          *

Im 15. Jahrhundert kam eine Gruppe von Flüchtlingen auf der Suche nach einem neuen Zuhause in diese Gegend. Die Täler – oder Glens, wie sie in Schottland genannt werden – waren zu dieser Zeit unbewohnt, so auch der merkwürdige Hügel, der die Landschaft dominierte. Die Menschen stammten aus einem Ort namens Dungorth und sie waren von ihrem Herrn geflohen, der Region zu dieser Zeit beherrscht hatte. Sie flohen seiner Verfolgung, da er ein brutaler und gnadenloser Herrscher war und jeden bestrafte, der seinem Glauben nicht folgte.

Sie waren gerade einmal an die hundert Leute und während die Dorfältesten in den Glens siedeln wollten, behauptete ein führender Priester unter ihnen, dass der Hügel zuerst besiedelt werden sollte. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass das Land gesegnet wurde und die Gemeine kein Übel befiel. Der Hügel sollte ein Leuchtturm der Heiligkeit werden, welcher seinen schützenden Schatten auf alle darunter warf. Während einige ob des Mannes Faszination bezüglich des Hügels argwöhnisch waren, war dieser für seine Nettigkeit und als jemand bekannt, dessen Urteil  man trauen konnte. Schweren Herzens folgten die Dorfältesten seinem Beispiel, wie es damals unter Strenggläubigen übrig war. Dort, auf dem isolierten und unheilvollen Hügel, bauten sie eine kleine Siedlung. Doch beinahe sofort fingen einige Siedler an, sich krank zu fühlen. Eine Krankheit, welche nicht erklärt werden konnte und welche oft in einen fiebrigen Wahnsinn mündete.

Der Priester gab einigen freistehenden Steinen die Schuld, welche über das ganze Land verstreut waren. Überbleibsel einer alten und – zumindest aus seiner Sichtweise – ketzerischen Religion. Es wurde entschieden, dass unter seiner Aufsicht eine Kirche gebaut wurde. Mit dem Vorhandensein von geheiligtem Boden nahm man an, dass die Wirkung von was auch immer sich dort auf dem Hügel verbarg, nachlassen würde.

Sie lagen falsch.

Trotz ihrer Bemühungen grassierte die Krankheit weiter und viele vermuteten, dass der Priester selbst mit den abscheulichen Mächten im Bunde war, die all das bewirkten. Einige der Dorfältesten begehrten gegen ihn auf, doch unter seiner Führung richtete die Gemeinde jeden, der Widerstad übte, hin. Da sie um ihr Leben fürchteten, flohen viele der Siedler, welche durch das Betragen des Priesters und seiner Gefolgschaft erbost waren,  zusammen mit den Dorfältesten nachts in die Täler. Viele schafften es, dem Hügel zu entkommen, jedoch kehrten einige zurück. Sie glaubten, von undefinierbaren und unnatürlichen Gestalten verfolgt worden zu sein und sie daher nicht fliehen konnten. Um ihr Leben zu retten, schworen sie dem Priester und seiner Gemeinde unbändige Treue.


Durch die Behauptung, Visionen vom Allmächtigen selbst empfangen zu haben, versicherte der Priester den Siedlern, dass sie gerettet werden würden, würden sie explizit seinen Anweisungen folgen. Jede Nacht versammelten sie sich in der Kirche, wo der Priester seine Visionen und sein Verdammen von sich gab und Hass gegen all jene schürte, welche geflohen waren. Einigen wurde klar, dass er wahnsinnig wurde. Jedoch hatte der Man zu dieser Zeit schon eine rigide, brutale und loyale Gefolgschaft um sich versammelt, die jedes seiner Worte und Prophezeiungen glaubte und jedes Aufbegehren zu einem gewalttätigen, blutigen und unsicherem Unterfangen machte.

Viele sprachen von formlosen Träumen, von der Dunkelheit geblendet und mehrere Familien fand man nachts erstickt in ihren Häusern vor. Der Priester gab die Schuld denen, die geflohen waren, spann Geschichten darüber, wie jene der Grund des Übels waren und seine Leute verfolgten. Und er verfluchte sie, bis an das Ende ihrer Tage. Verbitterung und Wut machte sich in der Gemeinschaft breit und einige Siedler wurden ausgewählt, um in das Tal zu gehen und die Dorfältesten zu holen, über welche geurteilt werden würde und welche, falls nötig, geopfert werden würden. Doch niemand konnte den Hügel verlassen. Gan gleich, wie sehr sie es auch versuchten, thronte die Kirche groß über ihnen. Ganz gleich, ob sie nach oben oder nach unten gingen, würden sie wieder am Ausgangspunkt sein. Verwirrt und desorientiert.

Die Krankheit breitete sich aus und die Dorfwachen fand man einen nach dem anderen erstickt in den Straßen, mit Zeugen die aussagten, des Nachts merkwürdige Gestalten jagend gesehen zu haben. Panisch hatten diejenigen, welche geblieben waren, keinen anderen Ausweg als ihre Erlösung in ihrer Religion zu suchen. Sie hofften, dass die Kirche sie beschützen würde. Unter ihrem Dach kauerten jene voller Furcht vor dem Unheils außerhalb zusammen.

Hier änderte sich das Geschriebene merklich, wurde zackig, eifrig und deutlicher. Der Priester hatte den Dorfchronisten abgelöst, war dieser dem Priester unzulänglich geworden. Daraufhin folgten mehrere Seiten auf denen Absätze in Englisch zusammen mit Latein und einer Reihe merkwürdiger und undefinierbarer Sprachen standen. Jede Seite war mit Schmerz und Verachtung gegenüber jenen gefüllt, die abgehauen waren. Und dann hörten die Worte einfach auf.

*          *          *

Ich stand an diesem düsteren und unheilvollen Ort, strich meine Finger über den Buchrücken und erkannte deutlich, dass die letze Seite herausgerissen worden war. Was darauf geschrieben hätte sein können, wusste ich nicht.


Ich fühlte mich von diesem Bericht übermannt, welchen ich gerade gelesen hatte,  als eine sehr reale und spürbare Furcht durch meinen Körper strömte. Es fiel mir auf, dass die Krankheit, welche die Flüchtlinge aus Dungorth befallen hatte, Johns Erfahrungen sehr nahe kam. Ich konnte diesen Zufall nicht einfach abtun und ich fing an zu glauben, dass ihn wirklich etwas betroffen hatte – etwas Spürbares. Vielleicht ein Schadstoff am Boden. Vielleicht ein Gift? Ich hatte von Wolken aus Methangas gelesen, welche aus dem Erdreich und dem Meer auftauchten und viele getötet hatten. So war es nicht abwegig anzunehmen, dass etwas Ähnliches, wenn auch in einer geringerer Dosis, tatsächlich eine Massenhalluzination, Krankheit und sogar Wahnsinn ausgelöst haben könnte. Es war die beste Erklärung, die mir einfiel. Doch wieso war ich noch nicht davon betroffen? Vielleicht waren einige Menschen, wie in der Chronik angemerkt, resistenter gegenüber den Schadstoffen als andere.

Ich schenkte meine Aufmerksamkeit nun einem anderen Grab, oder viel mehr, was davon noch übrig war. Ich fragte mich, was die Menschen mit der Leiche des geliebten und verhassten Priesters gemacht hatten. Natürlich nur, wenn man annahm, dass dieser mit „Vater“ gemeint war. Hatten sie ihn an einem anderen Ort beerdigt? Vielleicht hatten seine Anhänger Angst gehabt, dass das Grab geschändet werden würde. Die Antwort sprang mir in Windeseile ins Gesicht: Sie hatten ihn in seinem Grab verbrannt, unter der gleichen Kirche, die er erbaut hatte. Das Loch, in dem sein Körper einst gelegen hatte, war nun auf Ewig durch einen schwarzen Fleck aus Ruß und Kohle bezeichnet worden. Ich schauderte bei dem Gedanken, dass man ihn hineingeworfen und bei lebendigem Leib verbrannt hatte.

Die Luft wurde nun merklich kälter, was jedoch nicht den Anfang meiner Tortur markierte. Ich lehnte mich nach vorne, schaute genau auf das, was ich am Rande des Grabes sah. Ich konnte es nicht glauben. Am Rande des Lochs befand sich ein kalter Abdruck, vom früheren Diener der Kirche zurückgelassen. In der Dunkelheit musste ich ihn wohl übersehen haben, doch nun war dieser unverkennbar. Dort, am Rande des Grabes, war ein Handabdruck, eingeschwärzt und verbrannt, als ob eine Person sich ihren Weg aus ihrem ewigen und verlassenen Loch gekrallt hatte.

Mein Atem kräuselte sich langsam aus meinem Mund, erkältete in meinem eisigen Umfeld, während mein Herz bei der Möglichkeit bezüglich dem, was aus dem Loch kam, wild zu pochen anfing. Als die Luft kälter wurde, erhob ich mich und machte mich zum Fuß der Treppe auf.  Ich musste fort von hier – ins Tageslicht, nach draußen. Dann hörte ich es. Zunächst war es lediglich der Eindruck eines Geräuschs. Dann bestimmt, intensiver und klarer. Etwas ging dort oben vor sich.

Menschen. Viele von ihnen, stöhnend und wehklagend, gemeinsam um ihr Leben schreiend. Rufe in der Dunkelheit, sowohl christlich als auch von etwas Älterem – von einer bösartigen Religion, welche man lieber begraben hätte lassen sollen. Als das Wehklagen lauter wurde, erhob sich eine einzelne Stimme über die Kakophonie. Ohrenbetäubend und furchterregend sprach sie vom Weltuntergang, von Verrat und zügelloser Sündhaftigkeit. Die Stimme rief und schrie, verdammte alle, die nicht zuhörten – eine rachsüchtige Predigt, gehalten vor dem alten Steinaltar über mir.

Ich kann die Furcht, die ich spürte, nicht in Worte fassen. Ich war alleine in der kalten Dunkelheit einer entehrten Krypta und mir blieb keine andere Möglichkeit zu fliehen als nach oben. Hinauf in das Kirchenschiff wo etwas Fürchterliches nun alte und schreckliche Zeiten nachahmte. Die Schreie wurden lauter, als das Pochen und Scharren von Füßen in Richtung der Treppe und in meine Richtung kam. So viel Schmerz in ihren Stimmen. Ich rannte voller Pein, als sie die alten Treppen auf mich zu flogen.

Ohne nachzudenken, sprang ich hinunter in das leere Grab, schaltete das Licht meines Handys aus und kauerte, von den schmerzlichen Stimmen bis ins Mark erschüttert. Im Raum daneben verfluchten sie die Welt und sich selbst – innerlich wie äußerlich vom Hass auf das Böse und mit voller Verzweiflung in dessen Angesicht getrieben12. Das schmerzliche Schreien wurde lauter, Männer, Frauen, Kinder weinten und verfluchten den Gott, der sie ihrer Meinung nach verlassen hatte. Anschuldigungen, Hetzreden und das Reißen von Fleisch waren zu hören. Dann, Stille. Ich blieb auf dem Boden des verbrannten Grabes mit meinen Fingern tief in das Erdreich gegraben. Jegliche Skepsis bezüglich des Unsichtbaren und verborgenen Kräften war verflogen. Ich zitterte heftig in der Kälte, wartete mehrere Minuten, ehe ich das Licht meines Handys wieder anschaltete.

Über den Rand des Grabes schauend, zog ich mich lautlos wieder auf den Boden des Raums. Die Räume waren leer, bis auf die unzähligen gebrochenen Knochen und Schädeln zahlloser Leben, von dem zerstört, was auch immer böses sich auf dem Hügel befand. Ich nahm meinen Mut zusammen und mit meinen Nerven und meinem Glauben zerstört, stieg ich langsam die Treppen hinauf. Eine panische Angst ging durch mich durch, als ich daran dachte, was wohl oben auf mich wartete. Doch war es mein einziger Ausweg und ich würde verdammt sein, würde hier wie diese armen Leute sterben – tief in der Dunkelheit kauernd.

Das Schiff war leer. So leise wie möglich navigierte ich schnell durch den Schutt und das Geröll, schnitt durch eine bedrückende Stille und entkam schließlich durch die Vordertür nach draußen. Sobald ich aus der Kirche war, fiel ich zu Boden, zitternd vor Angst, als ich versuchte das Erlebte zu verarbeiten. Dann erinnerte ich mich an das, was im Grab gewesen war – und noch wichtiger: wo es jetzt war. Dann wusste ich es. Ich rannte so schnell ich konnte durch Gebüsch und Dickicht, kam schnell am Pfad an, ungehindert durch das unbekannte Böse, welches die Siedler an der Flucht gehindert hatte. Doch ich machte keine Rast, halb von der Furcht vor dem gefüllt, was auch immer mich jagte und halb hoffend, dass meine Instinkte mich täuschten.

Die Luft brannte in meinen Lungen als ich den Pfad hinunterrannte. Innerhalb von Minuten kam das hölzerne Tor in Sichtweite und ich war fort von diesem grässlichen Hügel. Einen Ort, den ich nicht wieder betreten würde. Nicht für Geld, nicht für eine Geschichte, nicht für irgendwas. Ich hätte einen erleichterten Seufzer bei diesem Gedanken ausgestoßen, doch dachte ich nicht daran. Ich musste so schnell wie möglich zurück zum Gasthof. Ich rannte weiter so schnell wie ich nur konnte, kämpfte gegen Erschöpfung und die Grenzen meines eigenen Körpers an. Und nachdem ich Felder und Hecken durchquert hatte, kam der „Laird of Dungorth“ in Sichtweite.

In Richtung des alten Gebäudes stolpernd, hörte ich sie. Schmerzensschreie, Schreie der Furcht und nach Gnade. Ich wusste urplötzlich woher und von dem sie kamen. Ein neugefundener Schub an Ausdauer kam über mich, als sich erneut sprintete und in die Tür und die Bar fiel. Im Raum herrschte Stille. Einheimische saßen da, starrten ihre Getränke an während der Vermieter selbst wie angewurzelt mit den Augen zu Boden starrend dastand. Die Schreie fuhren im oberen Stockwerk fort. Ich flehte und bat jemanden, mir zu helfen, doch niemand hörte mir zu. Da ich merkte, dass ich diesem Etwas alleine gegenübertreten musste, rannte ich in Richtung der Treppe. Jedoch hielt mich der Vermieter gewaltsam ab, zog mich zurück, seine Arme fest um meine Schultern geklammert.

„Lass ihn, Junge, du kannst ihm nicht helfen!“ rief dieser als zwei weitere Männer versuchten, mich festzuhalten.

Ich schlug meinen Ellenbogen in den Bauch des Vermieters hinter mir und rannte an den zwei Männern vorbei, einen von ihnen dabei zu Boden stoßend. Ich hastete die Treppen hinauf, folgte den Schreien zu Johns Zimmer. Die Tür war verschlossen. Mit meiner Schulter stieß ich wieder und wieder gegen sie, ließ sie reißen und splittern. Mit jedem Stoß hörte ich, wie etwas mit entstelltem Seufzen darin mir erwiderte. Endlich löste sich die Tür und ich trat ein.

Einen Moment lang starrte ich auf etwas, das wie ein Mann aussah – wenigstens wie etwas, das einst gelebt hatte. Geschwärzt und verbrannt drehte es seinen Kopf, so als ob es mich anstarrte – jedoch kann ich nicht sagen, ob es mich wirklich sah, konnte man denn nicht wirklich irgendwelche Augen erkennen. In seinen Fängen befand sich der zerfallene, leblose Körper von John R.

Es drehte sich um, wandte sich durch ein offenes Fenster und zog den Körper des armen Mannes hinter sich her. Dann waren beide verschwunden.

Das Zimmer nahm eine schwankende, flüssige Form an. Ob es an meiner eigenen Verausgabung oder an der Nähe zu dieser abscheulichen Kreatur lag, wusste ich nicht. Jedoch überkam mich eine Übelkeit, welche durch meinen Magen rannte, und ich schrie vor Hilflosigkeit aus, als ich das Bewusstsein verlor.

V

Das war vor einigen Tagen. Scheinbar hatte ich mir den Kopf beim Hinfallen auf dem Boden aufgeschlagen und mir dabei irgendwie das Bein verletzt. Der Landarzt, der mich untersuchte, verschrieb mir einige Antibiotika gegen etwas, das er als Mageninfektion deutete, sowie ein Beruhigungsmittel, um mein Angstgefühl zu lindern. Da ich mich mit nichts anderem beschäftigen konnte, habe ich alles über dieses fürchterliche Erlebnis aufgeschrieben, an das ich mich erinnerte. Immerhin ist es die Aufgabe eines Autors, zu schreiben.

Gestern habe ich Johns Zimmer zum ersten Mal, seitdem er fortgeschleppt worden war, besucht. Es war still und auf eine Art und Weise leer, wie ich sie bis dato nicht gekannt hatte. Eine Abwesenheit des Lebens ist die einzige Möglichkeit, wie ich es beschreiben kann. Der Raum war durchgewühlt, Johns Habseligkeit waren immer noch auf dem Boden verstreut. Ich nahm an, dass niemand hier drin gewesen war; der Vermieter hatte wohl zu viel Angst, was ich ihm nicht Übel nahm. Als ich mich umdrehte, um das leere Zimmer zu verlassen, fiel mir ein Gegenstand auf – einer, der hier nicht hingehörte. Auf Johns Bett lag ein verkrumpeltes und beflecktes Papierstück. Ich wusste dessen Ursprung, ohne es überhaupt gelesen zu haben – die letzte Seite der Chronik, der Bericht derjenigen, die auf dem Hügel siedelten. Ein Labyrinth aus sich wiederholenden Sätzen in obskuren und vergessenen Sprachen breitete sich über das verkrumpelte und zerbrechliche Papier aus, jedoch stach ein Satz auf Englisch heraus: Niemand entkommt.

Ich weiß nicht, was ich über das alles noch denken soll. Ich bin entkräftet, doch lasse ich die vergangenen Tage wieder und wieder in meinem Kopf Revue passieren. Ich fühle mich von Schuld zerfressen. Irgendwie habe ich den Eindruck, meine bloße Anwesenheit auf dem Hügel brachte, was auch immer das war, hier herunter, um John zu holen. Weshalb hätte es so lang warten sollen?

Mein letzter Gedanke an all die ist vielleicht der, dass ich einfach Glück gehabt hatte. Dass ich den Hügel besucht hatte, als das Ding nicht dort war, was mir das Leben rettete. Ganz gleich, wie die Einheimischen das erklären wollen, werde ich Johns Verschwinden melden, sobald ich in Glasgow angekommen bin. Zudem werde ich die Polizei darum bitten nachzusehen, wie viele Einwohner über die Jahre als vermisst gemeldet worden waren. Ich denke, sie werden von der Anzahl überrascht sein.

Mein Zuhause scheint millionen von Kilometern entfernt zu sein, jedoch weiß ich, dass ich es bald wiedersehen werde. In meinem Bett schlafen und in einer Welt weit entfernt von den Ereignissen der vergangenen Tage sein werde. Vielleicht gelingt es mir dort, diesem Wahnsinn einen Sinn zu geben. Ich hatte noch nie ein solches Heimweh und hoffentlich werde ich in einigen Stunden dort sein. Der Bus, der aus dem Dorf führt, scheint jedoch etwas Verspätung zu haben.

ENDE

Original

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