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Ich hatte einen Freund, ich würde nicht sagen er war mein bester Freund, aber ich hatte ihn doch sehr gern. Aber noch lieber als ihn hatte ich seinen Opa. Da ich selber leider keinen von meinen eigenen Großvätern kennen lernen durfte, füllte er diese Lücke aus. Er war ein Opa wie man ihn sich vorstellte: Alt, weißes Haar, Halbglatze und er roch nach Mottenkugeln. Mein Freund und ich besuchten ihn regelmäßig, da sein Haus nicht weit von unserem entfernt war und wir somit ohne Anstrengung zu ihm gelangen konnten.

Eines Novembertages, es war kurz vor Allerheiligen, stattete ich dem alten Mann einen Besuch ab, da mein Freund mit einem Harnwegsinfekt im Bett lag. Als ich vor seinem Haus stand wartete ich kurz und drückte dann die Klingel. "Riiiiiiiiiing Riiiiiiiiiiing", machte es. Nach einem kurzen Moment öffnetet sich quietschend die Tür, da stand er und sah aus wie immer. Er lächelte und schüttelte mir die Hand und sagte: "Komm nur rein mein Junge, das Wasser ist noch warm." Ich folgte ihm in seine Stube. Nachdem er mir Lebkuchen auftischte, die schon ein wenig hart waren, fingen wir an uns zu unterhalten. Dabei ließ ich meinen Blick durch die Wohnung streifen, aber ich sah nichts außergewöhnliches, es war ein eher schlichtes Wohnzimmer, das aus einem Bücherregal, einem Holzofen und eben diesem Tisch bestand an dem wir uns niedergesetzt hatten, um uns zu unterhalten. Auf einmal starrte er mich aber an und in seinem Blick lag nichts was mich beunruhigt hätte. Er fragte in ruhigem Ton: "Möchtest du noch einen Lebkuchen?" Ich lehnte dankend ab, da mir der Mund vom kauen schon ein wenig weh tat.

Nach etwa einer halben Stunde, in der wir über nichts besonderes geredet hatten, schnipste er mit den Fingern und sagte: "Bevor ich es vergesse, du solltest etwas wissen! Denn wie du weißt, mein Sohn, bald ist Allerheiligen, der Tag der Toten..." Ich antwortete: "Was ist an diesem Tag so besonders?"  Darauf flüsterte er, in schlechtem Englisch: "Hällowiiin!". Ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er wispernd fort: "Ich weiß nicht, ob du es weißt Junge, aber Hällowiiin ist doch nicht so, wie man es aus dem Fernsehern kennt, damals, ich war gerade aus Frankreich zurückgekommen, musste ich mich verstecken, da ich Spielschulden bei einem SS-Offizier hatte, aber niemand wollte mir, einem Flüchtigen, Obdach gewähren". Mir schauderte es und ich fing an zu bibbern. "Also musste ich mich auf einem Friedhof verstecken, eine Granate hatte eine Krypta geöffnet. So hatte ich wenigstens einen guten Unterschlupf." Angstschweiß lief mir meinen Rücken hinab. "Was hast du dann gemacht?" "Erst einmal brühte ich mir einen Tee auf, danach legte ich mich schlafen." Jetzt stieg mir schon langsam der Angstschweiß auf die Stirn. "Plötzlich,", fuhr er fort, " es muss so gegen halb drei gewesen sein, weckte mich die Kirchturmuhr, sie ließ ihr schauriges Läuten zwölf Mal ertönen, bevor sie verstummte." Ich rutschte unruhig auf meinen Stuhl herum und biss in einen Lebkuchen. "Etwas fühlte sich komisch an, aber ich merkte, dass ich dringend meine Blase entleeren musste, also stieg ich aus der Gruft um mich an einem Grabstein zu erleichtern." Meine Hände zitterten und ich verschüttete etwas Nikolaustee. "Auf einmal bemerkte ich, dass ich nicht allein auf dem Totenfeld zugange war, ich machte etwas mit meinen geschulten Scharfschützen-Augen aus, es war eine grässliches fledermausähnliches Wesen mit Hörnern und Stacheln, dass um die Grabsteine wandelte und dabei ein unheimliches Lied sang." Das Blut gefror mir in den Adern, als er mit krächzender Stimme das Lied sang: "Werwolf, Werwolf, ich riech' dich. Werwolf, Werwolf, versteck dich nicht." Die Augen des Opas sahen nun leer aus, leerer als seine Schnupftabakdose. "Als mich das Wesen ausmachte, habe ich nur noch geschrien und bin davongelaufen, ein Jahr später war der Krieg vorbei und ich sah das Wesen nie mehr wieder." Mit offenem Mund stammelte ich: "Was war das für ein Tag?" Und er sagte mit schauerlich klingender Stimme: "Hällowiin!"

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