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Eigentlich, da bin ich mir sicher, kann man bei einer Domina nicht von einem „ersten Tag“ auf der Arbeit sprechen. Tatsächlich ist es schließlich so, dass viele den Beruf aus Leidenschaft ausüben, und diese Leidenschaft entsteht nicht von Heute auf Morgen, und dann ist es oft immer noch ein langer Weg, bis man es schafft, eine Escort-Domina zu werden, so wie ich es bin.

Nichtsdestotrotz will ich mich der Einfachheit einmal den Bedingungen anpassen und sagen, dass dieser Tag mein erster Tag im Dienste des Escort-Service war. Die Vermittlungszentrale trägt den Namen „Devouring Dom's“, zu deutsch etwa „Verzehrende Dominas“... nun, man muss den Namen nicht mögen, aber die Bezahlung finde ich mehr als angemessen dafür, dass ich allabendlich über Männer herrschen darf.

Ich blicke mich um. Der Zug in dem ich sitze ist sauber, und der Sitz bequem. Ein Erste-Klasse-Abteil hat seine Vorteile, soviel steht mal fest. Nichtsdestoweniger bin ich ein wenig nervös. In weniger als einer Viertelstunde werde ich meinen ersten Kunden kennenlernen. Ein Schweißtropfen bildet sich in der kleinen Falte zwischen meinem rechten Auge und den Haselnussbraunen Haaren. Ich wische ihn weg und rufe mir die Tricks in Erinnerung, die ich von Früher kenne, als ich lediglich mit meinem Freund ein wenig... gespielt habe: Harter Gesichtsausdruck, jedoch nicht abweisend, so gut wie keine sichtbare Emotion. Emotionen sind ein Ausdruck von Schwäche, und genau das wollen unsere Kunden nicht haben. Sie verlangen eine Domina, das bedeutet sie verlangen eine starke Frau, die ihren Willen durchsetzen kann. Ich atme tief durch und entspanne mich etwas. Mein Gesicht ist in meiner Gewalt, dann wird der Kunde es auch bald sein.

Trick zwei: Leise sprechen, mit einer sanften Stimme. Das mag in gewissem Kontrast zu Trick Eins stehen, aber es stimmt schon, dass man zwar keine Emotionen zeigen darf, aber sie sehr wohl hören lassen sollte. Zwar wollen die Kunden eine starke Frau, aber keinen metaphorischen Eisblock.

Ich kontrolliere die Tasche, die ich dabei habe. Das Problem bei einem Escortservice für Dominas ist, dass man keine vorbereiteten Räume hat und nie genau weiß, wonach es dem Kunden verlangt. Darum hat man immer eine Tasche mit den Standartutensilien dabeizuhaben. In meinem Falle wären das zwei Paar Handschellen, ein Seil von gut drei Metern Länge, eine Augenbinde, eine Reitgerte und ein Gummiball, der an einem Seil befestigt ist und als Knebel zu dienen hat, sofern er denn Verwendung findet.

Der Zug hält bald, und ich stehe auf. Der Trenchcoat, den ich über meinem hoffentlich aufreizenden Outfit an meinem schlanken Körper trage, fällt mir bis auf die Knie, so wie meine offenen Haare es an den Schultern tun. Er verdeckt die schwarzen Lederstiefel nicht, aber ablegen werde ich ihn dennoch erst, wenn ich den Kunden vorbereitet habe. Soll er die Stiefel als kleinen Vorgeschmack betrachten, das restliche Outfit wird ihn auf jeden Fall aus den Socken hauen.

Sofern er sich noch bewegen kann.



Bevor ich klingele, sehe ich auf die Uhr. Einundzwanzig Uhr dreizehn, ich bin zwei Minuten zu früh... Und schüttele den Kopf. Ich bin hier die Herrin, ich bestimme, wann „zu früh“ ist. Mit einem Blick auf das Namensschild drücke ich auf die Klingel und zähle die Sekunden. Er braucht genau dreizehn, um zur Tür zu kommen und zu öffnen. Ich bin nicht abergläubisch, aber ein wenig irritierend finde ich das dennoch. Keine Ahnung, wieso.

Der Kunde ist ein wenig kleiner als ich, vielleicht 1,70 Meter groß, hat schwarze, lockige Haare und ein Gesicht, das entweder Arroganz oder schlicht Aufmüpfigkeit widerspiegelt. Was es auch ist, er bezahlt gutes Geld dafür, dass ich es ihm austreibe.

„Sind Sie... Die Frau, die ich...“ Er wirkt nervös, und ich genieße es, ihn einen Augenblick zappeln zu lassen, bevor ich nicke: „Mein Name ist Anja. Darf ich hereinkommen?“

Puh, das war knapp. Eine Bitte um Erlaubnis hätte meine Position geschwächt, so aber konnte ich die Betonung während des Redens noch so umstellen, dass es nach einer rhetorischen Frage klang die verlauten ließ, dass ich so oder so hereingekommen wäre.

Meine Absätze klacken leise auf dem Keramikfußboden, als er mich in sein Wohnzimmer geleitet. Mir fällt auf, dass in jedem Raum, an dem wir vorbeikommen, die Fensterläden geschlossen sind. Wir haben Sommer, draußen ist es noch relativ hell, also kann es nur eine Ursache haben. Ich schmunzle. Das Wohnzimmer selbst ist groß, was mich beruhigt. Große Räume lassen mir Platz zum Spielen und dafür, mit herrischen Schritten, die ich perfekt beherrsche, auf und ab zu gehen, um den Kunden einzuschüchtern. Es stehen auch kaum Möbel im Weg, nur an den Wänden ein Sofa und ein kleiner Tisch. Das Sofa ist grau und scheinbar aus sehr altem Leder, es ist von Rissen durchzogen.

Für einen Moment ist mir so, als würde aus einem der Risse etwas hervorquellen, etwas gräuliches, was definitiv keine Füllung ist, aber dann ist es verschwunden, und ich tue es als nervöse Wahnvorstellung ab. Außerdem werde ich in den nächsten zwei Stunden keine Gelegenheit bekommen, weiter darüber nachzudenken. Ich sage dem Kunden, er solle sich ausziehen. Während er dem nachkommt, bewundere ich seinen gut gebauten Körper. Das wird eine ganze Menge Spaß machen.

Als er vollkommen nackt ist, bedeute ich ihm, sich hinzuknien, und ich lasse meinen Trenchcoat fallen, dicht gefolgt von seiner Kinnlade. Dreihundertfünfzig Euro für dieses Outfit aus Lack, Leder und einem kleinen Diamanten auf jeder Brust, sinnbildlich für die Brustwarzen, die er nie sehen wird. Eine Sekunde, länger genieße ich diesen wolllüstigen Blick nicht: „Jetzt starr nicht so. Du hast deine Herrin nicht so unverhohlen anzusehen. In den nächsten zwei Stunden bin ich zwar das Zentrum deines Universums, aber du siehst mich nur an, wenn ich es dir erlaube. Verstanden?“

Er nickt demütig, und ich fange an.



Halbzeit. Sowohl er als auch ich brauchen eine Pause. Er bekommt keine, ich nehme mir meine einfach. Der Beruf der Domina ist echt was für herrschsüchtige Leute.

Ich befehle ihm, sich auf der Couch niederzulassen, nachdem ich ihm den Knebel angelegt habe. Die Hände sind seit einer Dreiviertelstunde auf seinen Rücken gefesselt, und als er auf der Couch sitzt, lasse ich das zweite Paar um seine Fußgelenke zuschnappen. Danach gehe ich in seine Küche und gönne mir ein Glas Wasser.

Es schmeckt merkwürdig, irgendwie faulig, ist aber vollkommen klar. Ich sehe auf die Flasche, aus der ich es geschüttet hatte: Ophiocordyceps, keine mir bekannte Marke, und wenn das Wasser immer so schmeckt, kann ich bald davon ausgehen, in der Zeitung von der Insolvenz dieser Firma zu lesen. Nichtsdestotrotz bin ich durstig und gönne mir noch einen Schluck. Es ist widerlich, und ich spucke es in die Spüle. Man muss zugeben, das Wasser schmeckt ziemlich so gut, wie der Name vermuten lässt. Wassermarken sollten nie kompliziertere Namen haben als Adelholzener oder so.

Ich gehe ins Wohnzimmer zurück und finde meinen Kunden steif und blass auf dem Sofa sitzen. Er atmet hektisch durch die Nase, scheint mit dem Knebel nicht ganz klarzukommen. Ich habe nach Krankheiten wie Asthma gefragt, er hat verneint. Also ist er selber schuld. Gibt es da nicht sogar die angeblich stimulierende Sexpraktik der Atemreduktion?

„Steh auf.“, befehle ich in einem merkwürdigerweise müde klingenden Tonfall und mit einer rauen Stimme. Ich räuspere mich, während er sich nicht bewegt. Ich werde wütend, bücke mich nach meiner Reitgerte und taumele. Mein Blickfeld verschwimmt. Scheiße, denke ich mir, war da vielleicht was in dem Wasser? Ein Schlafmittel könnte den Geschmack erklären, aber...

Aber das bringt ihm doch nichts, wie er an Händen und Füßen gefesselt dort sitzt, kaum richtig atmen kann. In meinem Hirn blitzt etwas auf. Ophiocordyceps, dazu ein Bild von mir im Klassenzimmer, in dem ich früher Biologieunterricht hatte. Leistungskurs, Zwölfte Klasse. Irgendwas war da mit dem Wort Ophiocordyceps, irgendwas...

Ich fange mich wieder. Keine Erinnerung soll mich ablenken, während die Session eh beginnt, den Bach runter zu gehen. Ich halte die Gerte in der Hand, gehe auf ihn zu. Er rührt sich immer noch nicht, und erneut verschwimmt mein Blickfeld ein wenig. In meinem Magen macht sich ein leichtes Grummeln breit. Verfickter Mist, was war in dem Wasser?

Ich wiederhole meinen Befehl und gebe ihm gleichzeitig einen Schlag mit der Gerte auf den Oberschenkel. Ich habe fester zugeschlagen als ich wollte, und doch schreit er nicht. Er...

Er atmet nicht einmal mehr. „Oh, Scheiße!“, entfährt es mir, und trotz meines immer schlechter werdenden Zustandes renne ich in Rekordzeit zu meiner Tasche, um die Handschellenschlüssel zu holen. Ich halte sie gerade in der Hand, als ich unkontrolliert in meine Tasche und auf den Boden daneben kotze.



Ich habe mir für meinen Beruf angewöhnt, Emotionen großteils zu unterdrücken. Der eine Ausrutscher, als ich meinen Kunden atemlos da sitzen sah, ist vertretbar, und während ich meine Eingeweide über meinen Arbeitsutensilien und den hübschen blauweißen Fließen verteile, übernimmt wieder der Nüchterne Teil meiner Hirns die Kontrolle: Oh, sieh mal, sind das nicht lustige kleine Bröckchen? Oh warte, bewegen die sich etwa? Erneutes Kotzen, dann wieder diese ruhige Stimme in meinem Hirn: Sieht ja aus wie Maden, nur rundlicher, nicht wahr? Oh, vergiss nicht, Anja, du musst noch deinen Kunden wiederbeleben, also kotz dich hier nicht in Grund und Boden.

Meine Gedankengänge scheinen zunehmend unstrukturierter zu werden, als würde irgendwas die Verbindung der Synapsen manipulieren...

Wieder mein altes Klassenzimmer, an der Tafel ein Bild von einer Ameise, daneben weiße Punkte. Wieso erinnere ich mich an den Biologieunterricht von vor achtzehn Jahren, während ich mir neben einer (vermutlich) Leiche die Seele rauskotze?

Mein Schädel brummt, und ich höre ein dumpfes Pochen in meinen Ohren. Bumm, Bumm, Bumm... erst langsam nimmt es eine Form an: Bumm, Humm, Hummr, Humgr, Hunger. HUNGER!

Ich zucke zusammen. Das letzte war wie ein Schrei in meinen Gedanken, als hätte mir jemand ein glühendes Messer einmal an der Schädelinnenwand entlanggezogen.

HUNGER!

Noch lauter, diesmal aber zielgerichtet. Der Schmerz bohrt sich in meine Augen, lenkt meinen Blick auf den Kunden. Er ist zur Seite gesackt, splitternackt, wehrlos... lecker?

Ja, lecker. Ich habe Hunger, oder zumindest sagt mir mein Hirn, dass ich Hunger habe, und der Schmerz sagt mir, worauf. Ich habe Hunger auf totes Fleisch.

Ich taumele, mein Erbrochenes läuft mir das Kinn runter und in den Ausschnitt meines sündhaft teuren Kleides, was mich nicht kümmert. Ich falle hin und krieche auf allen Vieren weiter, bis ich beim Kunden angekommen bin.

Während ich esse, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie sich im Sofa etwas regt. Es kümmert mich nicht.

Ich sehe ein Bild meines Klassenraumes, Biologieunterricht Zwölfte Klasse. Neben der Ameise auf der Tafel steht das Wort „Zombieameise“, und daneben noch eines, das ich nicht entziffern kann. Oph... Ophinochwas und am Ende ein Ceps oder so. Es kümmert mich nicht. Mein Hirn hat den Dienst aufgegeben.

Es hat nun jemand anderen, der sich kümmert.

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