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Vor ungefähr zehn Jahren geschah hier in der Gegend etwas, das die Menschen zutiefst beunruhigte und verstörte. Es war grauenhaft und brutaler als alles, was wir uns je hätten vorstellen können.

Ein junger Mann, oder eher, seine, nun ja, identifizierbaren Überreste, wurde tot in sein Zelle der örtlichen Psychiatrie gefunden. Die Zelle war ein Schlachtfeld, ein Blutbad diabolischen Ausmaßes: An den sonst so weiß-grauen Betonwänden und auf den glatten Bodenfliesen klebte mehr Blut, als durch die Arterien eines Menschen fließt. Einige Organe lagen, mehr in Stücke gerissen als in ganzen Teilen, verteilt auf dem Boden. In der Mitte des Raumes lag der „Körper“. Aufgebrochen, zerfetzt, hohl. Der Bauch war aufgerissen, Rippen verbogen oder abgebrochen und der Brustkorb bildete einen Hohlraum im Körper des Mannes. In Mitten der menschlichen Grotte hatte das Blut, das nicht herausgelaufen oder gespritzt war, kleine Pfützen gebildet. Darin lag ein Tonbandgerät, welches durchgehend dieselbe Nachricht abspielte.

„H…Ha...Hallo...? M…Mein Name…ist…mein Name ist Leon Meyers. Ich befinde mich in der Psychiatrie meines Ortes. Es ist dieselbe Zelle, in die ich schon eingesperrt wurde, als ich 9 war. Das alles fing einige Wochen nach meinem Geburtstag an.

Ich war mit ein paar Freunden draußen im Wald spielen. Der Wald war riesig und umfasste ein Gebiet von mehreren Hektar Land. Die Gegend war sehr idyllisch. Die Bäume waren groß und hatten prächtige Baumkronen. Im Wald gab es einige besondere Orte, an denen wir gerne spielten. Zum Beispiel einen kleiner See oder Teich, aus welchem ein Bach entsprang, der sich fast durch den ganzen Wald zog, bis hin zu einer kleinen Lichtung. Da unsere Stadt an einem Berg liegt, gab es hier auch einige Felsformationen, Klippen, Abhänge und sogar Höhlen. Als Kinder durften wir jedoch nur am Anfang des Waldes spielen. Man hat uns erzählt, dass im Mittelalter dort Dorfbewohner verschwunden seien und auch in den neunziger Jahren kurz bevor ich geboren wurde, sollen dort sehr viele Kinder aus der Umgebung entführt worden sein. Vermutlich waren sie nur zu tief in den Wald gegangen, hatten sich verlaufen und dann den Weg heraus nicht mehr gefunden. Es gab natürlich einige unheimliche Legenden über den Wald, aber meine Freunde und ich hatten keine Angst vor dem Wald. Niemand glaubte an diese Spukgeschichten, die um den Wald kursierten. Doch unsere Eltern erzählten uns die Märchen trotzdem, damit wir nicht zu tief in den Wald gingen oder an den Klippen spielten…so dachten wir… Naja…nachts oder in den dunkleren Teilen waren die Baummassen doch etwas gruselig. Aber dort spielten wir nur selten. Auch wenn es keiner von uns Kindern zugeben wollte, so hatten wir alle dort immer ein etwas unbehagliches Gefühl.

Als wir an diesem Tag dort spielten waren wir zu viert. Ich als der Älteste schlug vor, eine Expedition zu unternehmen. Ich wollte tiefer in den Wald. Ich war grade 9 geworden und wollte mit meinem Mut die anderen übertrumpfen. Es war schon Nachmittag und angesichts des bevorstehenden Abends und der damit verbundenen Dunkelheit zögerten die anderen Jungs. Doch wir beschlossen, einfach loszugehen und nicht so tief in den Wald zu gehen. Und so brachen wir vier auf. Wir hätten das nicht tun sollen…uns wäre sehr viel grauenvolles Leid erspart geblieben.

Wir starteten am Eingang des Waldes. Unser Ziel war die Lichtung. Sie lag nicht weit entfernt, nicht einmal sehr tief im Wald, aber dennoch weit in der Ansammlung von Bäumen, das wir uns sonst nur mit unseren Eltern, auf den verhassten Sonntagsspaziergängen dort hin trauten. Und heute würden wir uns auch alleine trauen. Ich stürmte vor, die anderen vier liefen hinter mir her. „Glaubst du, das ist eine gute Idee, Leon?“ fragte Max. Er war immer schon etwas ängstlich und vorsichtig. „Na klar! Das wird toll! Wir sind doch keine kleinen Kinder mehr.“ rief ich ihm zu. „Genau!“, stimmte mir Gene zu, „Ich will da endlich mal alleine hin!“ Simon schwieg vor sich hin. Er war ein eher stiller Typ. Wir liefen immer weiter durch den Wald. Das Licht, das durch die Baumkronen fiel, wurde immer weniger und schwächer und auch die Wand aus Baumstämmen, die sich ringsum uns aus dem braunen Laub des Herbstes erhob, ließ immer weniger Licht hindurch. Doch das bemerkten wir kaum. Zu euphorisch liefen wir immer weiter in den Wald. Zu mutig und stolz nährten wir uns dem Teil des Waldes, den wir nicht betreten sollten, um zu merken, dass wir lieber auf unsere Eltern hätten hören sollen. „Jetzt laufen wir schon seit einer halben Stunde.“ maulte Max. Er schlurfte über den Waldboden und man sah es ihm deutlich an, dass er keine Lust mehr hatte. „Wir sind gleich da.“ sagte Gene. Er hatte Recht: Hinter einer großen Eiche konnte ich eine Wiese erkennen. „Los!“, rief ich, „Da vorne ist die Lichtung.“ Ich rannte los und die anderen drei rannten hinter mir her. Wir stolperten hastig aus dem Wald und auf die Lichtung zu. Nasses Gras lag unter unseren Füßen. Die Lichtung war ungefähr zwanzig Meter breit und leicht angehoben, wie ein kleiner Hügel. „Wir haben es geschafft!“ jubelte ich. „Endlich.“ seufzte Max erschöpft aber doch erfreut. „Ja!“ rief Gene. Doch dann fügte er hinzu: „Leute? Wir sind etwas spät…guckt mal.“ Tatsächlich, es war bereits dunkel. Die Nacht war bereits herein gebrochen. Es war bereits dunkel und nur wenige Sterne waren zu sehen. „Verdammt…“ flüsterte Max. „Das macht doch nichts! Dann müssen wir uns jetzt halt beeilen und wieder nach Hause rennen.“ sagte ich mutig. Simon nickte in Richtung der Stadt. Wir sollten lieber sofort aufbrechen. „Kommt.“ forderte Gene uns auf und fing an loszugehen. Wir folgten ihm. Als wir nach einer halben Stunde immer noch nicht das Ende des Waldes sahen bekamen wir Panik. „Wieso dauert das so lange?“ fragte Gene etwas ängstlich. „Ich schätze, wir haben uns etwas verlaufen“ gab ich zu. „Ich will hier raus!“ rief Max sichtlich aufgewühlt. „Jaja“, murmelte ich abwesend und schaute mich um. Simon zeigte plötzlich auf einen Baum. Irgendjemand hatte etwas in die Rinde geritzt: „ACHTUNG: GEFAHR! Kehren Sie lieber um.“ Darunter war ein waagerechter Halbmond. Wir befolgten die Warnung und rannten in die entgegengesetzte Richtung. Doch auch in dieser Richtung schien kein Ende in Sicht. Langsam wurde die leichte Panik zu richtigem Horror. „Ich will hier raus!“ schluchzte Max und auch Gene war den Tränen nahe. „Wir müssen weiter, herumstehen bringt auch nichts.“ sagte ich. Meine Stimme zitterte. Und ich glaube, die anderen merkten, dass auch ich große Angst hatte. Wieder setzte sich unsere kleine Gruppe in Bewegung, in der Hoffnung bald aus dem finsteren Wald zu entkommen. Irgendwann kamen wir zu einer Steinformation, bestehend aus drei kleinen Gesteinsbrocken die in einem Kreis angeordnet waren. In der Mitte war eine kleine Kuhle. „Sieht aus wie ein Lagerfeuerplatz.“ murmelte Max. „Ich sage es nur ungerne“, meldete sich Gene, „aber ich glaube, wir schaffen es nicht mehr heute Nacht hier rauszukommen. Wir sollten uns etwas suchen, wo wir bleiben können und dann irgendwie die Nacht überstehen und morgen weiter laufen oder warten, bis man uns findet.“ Es konnte nicht sehr spät sein, aber es war die einzige Möglichkeit die uns geblieben war. In der Nähe fanden wir einen kleinen Spalt in einer Felswand. Dahinter lag eine Höhle. Wir quetschten uns um den Eingang herum zusammen, da wir nicht weiter hineingehen wollten. Die Angst stand uns ins Gesicht geschrieben: Alleine, als Kinder auf sich selbst gestellt, nachts, in einem finsteren Wald...

Nach und nach schliefen wir ein. Irgendwann wurde ich durch ein Ruckeln geweckt. Gene schüttelte mich. „Wach auf!“ flüsterte er mir zu. Er klang fertig. „Hörst du das?“ hauchte er. Die anderen beiden wurden auch wach und wir horchten in die Nacht. Erst hörten wir nichts…doch dann plötzlich erklangen…Stimmen. Viele Stimmen. Menschliche Stimmen. Das mussten unsere Eltern sein, die uns suchten. Wir sahen uns erfreut an. Doch plötzlich verstummten die Geräusche. „Mist, sie bewegen sich von uns weg! Wir müssen hinterher!“ sagte ich hastig und rappelte mich auf. Doch da setzten die Stimmen wieder ein. Dieses Mal noch deutlicher und näher, aber sie schienen jetzt hinter uns zu sein. Wir drehten uns um und sahen es: Ein riesiger Mund der uns aus dem Dunkeln mit seinen spitzen Zähnen anlächelte. Wir schrien und sprangen auf. In unglaublicher Angst stolperten wir aus der Höhle. Und rannten. Wir rannten. Wir wussten weder wovor wir wegliefen, noch wohin. Die Angst und das Adrenalin ließen uns einfach immer weiter sprinten. Irgendwann erreichten wir nach unzähligen Stürzen, Kratzern und Tränen die Böschung und fielen auf das flache Land. Heulend liefen wir nach Hause.
Os Höhle

Unsere Eltern waren sehr beunruhigt und hatten sich große Sorgen gemacht. Sie glauben uns unsere Erlebnisse nicht und wir bekamen Ärger. Die nächsten paar Tage waren alle normal. Wir gingen zur Schule, spielten drinnen und dachten nicht weiter über unsere Nacht im Wald nach. Bis ich eines Nachts wach wurde. Ich hörte etwas. Ein Flüstern, das aus dem Flur zu kommen schien. Ich stand auf und folgte der leisen Stimme. Ich war wie hypnotisiert von ihrem Klang. Als ich an der Haustür ankam, hörte ich eine weitere Stimme die sich mit der ersten Stimme vermischte. Ich zog mir schnell Schuhe und eine Jacke an und folgte ihnen. Doch auch auf der Straße war niemand. Es schien als würde da jemand vor mir laufen und reden. Es klang als würden die Stimmen einen Namen sagen: „Os.“ Und so folgte ich. Ich weiß nicht warum, aber ich tat es einfach. Weiter in den Wald. Bis hin zu der Felsspalte. Hinein in die Höhle. Immer weiter und weiter hinein. Bis ich irgendwann zu einem Gewölbe kam. Und dort standen sie in einer Reihe: Max, Gene und Simon. „Was macht ihr hier?“ fragte ich erstaunt und gleichzeitig verängstig. Doch sie antworteten nicht. Sie starrte nur katatonisch vor sich hin, hinein die große steinerne Höhle. Mein Blick folgte ihren und mir wurde übel. Überall lagen verstümmelte Kadaver von Kindern und Erwachsenen. Zerteilt oder in kleine Fetzen gerissen, halb verwest, als knochige Skelette oder noch am Bluten, so als wären sie grade erst ermordet worden. Und dann trat etwas aus der Finsternis auf uns zu. Erst erkannten wir nur den breiten Mund den wir einige Tage zuvor schon gesehen hatten, doch dann wurden es immer mehr, bis die abscheuliche Kreatur vor uns stand. Ein Wesen übersäht mit Mündern. Sein abnormaler Körper sah aus wie ein Gewand, doch tatsächlich war es der Körper selbst, da die Münder unmittelbar auf der Haut waren. Die Arme kamen aus „Löchern“ im Gewand. Die Haut an den offenen Stellen des Gewandes war schwarz, während die Haut des Gewandes dunkel lila war. Der Ausschnitt und der Gürtel waren weitere riesige Münder. Der Gürtelmund hatte ein einzelnes Auge in seinem Rachen. Der Kopf hatte die Form einer Theatermaske. Lediglich ein Mund zierte sein „Gesicht", die Nase, Augen, Ohren und Haare, sowie jegliche Gesichtszüge fehlten. Die Angst in uns war unbeschreiblich. Das tiefste Gefühl von Unwohlsein und der Paranoia, das etwas unsagbar Böses vor dir steht, mischte sich mit einem übernatürlichen Terror den diese Kreatur verbreitete. Als es nur noch wenige Meter vor uns stand, fing es an zu Lachen. Und es war als würde jeder Mund ein eigenes Lachen und eine eigene Stimme besitzen. Vor Angst gelähmt standen wir da und doch hatten wir alle den Drang sofort wegzurennen. Mit einem Mal stürzte es sich auf Max. Es öffnete seine Hände und entblößte in jeder Handinnenfläche einen weiteren Mund. Mit diesen Umschloss er den Hals des kleinen Max. Das Nächste, was ich vernahm, riss mich aus meiner Trance der Angst. Ein Knacken, ein Gurgeln, Blut spritze und Max fiel wie ein blutig nasser Sack zu Boden. Wir rissen uns los und wollten losrennen, doch da stürzte sich das Vieh schon auf Simon. Es biss mit seinen unzähligen Mündern überall in seinen Körper und in sein Gesicht. Sei Blut ergoss sich über uns. Gene und ich rannten los. Irgendwo hin. Wir wussten nicht wie wir aus dieser gottverdammten Höhle oder Hölle herauskommen sollten, doch wir wollten einfach weg von diesem Ding.“

Der Sprecher hielt inne. Schluchzen erklingt leise, dann mit fester, aber gezeichneter Stimme:

„WIR WAREN KINDER! ES HAT SIE UMGEBRACHT!“

Der junge Mann atmete schwer. Dann sprach er langsam weiter, während er sich wieder beruhigte:

„Wir...Wir liefen nach Hause. Irgendwie haben wir den Ausgang gefunden. Zu Hause fanden uns unsere Eltern. Es war ein unglaubliches Chaos. Erst die Angst um uns, dann um das was geschehen war. Man fand die Leichen von Simon und Max im Wald. Das Blut an unserer Kleidung wurde als Beweis für einen Mord gewertet. Gene erhängte sich kurze Zeit später. Mich sperrte man in diese Zelle. Man hielt uns für psychisch gestört. Jahre vergingen. Irgendwann hat man mich als geheilt betrachtet und dann entlassen. Ich verließ meine Stadt und holte meine Schule nach. Seitdem ist ein Jahr vergangen. Es war alles soweit wieder in Ordnung. Die schreckliche Nacht hatte ich vergessen und verarbeitet. Bis ich vor einer Woche zu Besuch in meiner Heimatstadt war. Als ich eine Straße entlang ging und auf den Wald blickte erkannte ich etwas. Etwas in der Dunkelheit zwischen den Baumstämmen. Einen grinsenden Mund. Seit dem höre ich jede Nacht wieder Stimmen, wie in der Nacht in der Simon und Max starben. Ich habe mich umgehend hier einweisen lassen, da ich glaube, dass dies meine letzte Rettung ist und der einzige Ort an dem ein Funken Sicherheit herrscht. Doch ich höre die Stimmen auch hier. Sie sind hier. Seine Stimmen. Die Stimmen sind in meinem Kopf. Er ist hier.

Mein Name war Leon Meyers und dies wird meine letzte Nachricht sei…“

Dann hörte man ein grauenvolles Knacken, einen Schrei und dann Schmatzen mehrerer Münder. Und dann Stille.

Kurz bevor das Tonband von neuem anfing hörte man mehrere verschiedene Stimmen aus unterschiedlichen Richtungen flüstern:

„Os."

VoxExOs (Diskussion) 08:40, 27. Feb. 2015 (UTC)

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