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Fragt ihr euch manchmal, wie es ist, den Verstand zu verlieren? Mitansehen zu müssen, wie der Schmerz deine Sinne abstumpft und Tränen irgendwann zu Blut werden, Schreie zu Lachen? Das alles zu erleben, ohne etwas tun zu können?

Das ist mir passiert. Ich schreibe das hier auf, um Menschen teilhaben zu lassen, sie fühlen zu lassen, was ich gefühlt habe. Ich werde euch früher oder später sowieso besuchen. Die Leute sind so traurig... und es ist mein Ziel, sie glücklich zu machen.

Mein Name ist Michael Davis. Oder, wie mich die Medien mittlerweile nennen, Painted Smile.

Das Sonnenlicht pochte schmerzhaft in meinen Augen und ich presste meinen Notizblock fester an meine Brust. Es war warm, wärmer als im Haus, und meine Mutter und mein Bruder waren auch im Garten.

"Michael!" Mein Bruder, Liam, lachte. "Was für eine Überraschung."

Ich blinzelte. Fairerweise musste zugeben, dass ich wirklich kaum draußen war, anders als er, dessen größtes Hobby das Klettern war. Meine Freizeitbeschäftigungen dagegen spielten sich eigentlich ausschließlich im Haus ab: Seit ich alt genug war, um Buchstaben unterscheiden zu können, liebte ich es, zu schreiben. Sache war nur, dass ich im Moment nicht weiterkam und gehört hatte, dass es half, wenn man spazieren ging.

Deshalb ging ich einfach weiter auf die Straße, ohne auf Liams Spott zu achten, und durch die Siedlung. Eine Weile lief ich einfach ziellos herum, dann hörte ich ein Geräusch. Ich drehte den Kopf und erkannte eine kleine, weiße Katze an einer Hauswand sitzen. Sie starrte mich an, ihre Augen waren komplett schwarz.

Bis heute habe ich keine Ahnung, warum ich das getan habe. Die Katze hatte wahrscheinlich eine Art hypnotische Wirkung auf mich, denn ich kauerte mich hin und streckte meine linke Hand nach ihr aus. Die Katze näherte sich mit zuckender Nase und berührte meinen Finger damit. Sie fühlte sich feucht an und ich hatte das Gefühl, als würde jemand glühende Nägel in meinen Finger schlagen. Ich zuckte zurück und der Schmerz hörte schlagartig auf. Die Katze blinzelte mich an und verschwand dann wieder so schnell, wie sie gekommen war. Ich starrte meinen Finger an; er sah ganz normal aus. Nichts, was darauf schließen lassen würde, was gerade passiert war. Das war der Grund, warum ich niemanden etwas davon erzählte- was möglicherweise der größte Fehler meines Lebens war.

Meine Sicht war verschwommen, vermutlich noch von der Müdigkeit. Ich fuhr mir durch meine unordentlichen, schwarzen Haare und ließ die rechte Hand auf meiner Stirn gestützt, so betrat ich die Küche. "Morgen", murmelte ich, ohne irgendjemanden anzusehen.

"Guten Morgen, Langschläfer", begrüßte mich meine Mutter gut gelaunt vom Herd aus. Liam, der am Tisch über einer Schale Müsli saß, grinste. "Hast wahrscheinlich die ganze Nacht geschrieben, oder?"

Ich senkte die Hand und sah ihn an. "Vielleicht", antwortete ich. Eigentlich wollte ich den Eindruck erwecken, hellwach und fröhlich zu sein, aber meine Stimme klang matt und belegt.

Meine Mutter drehte sich um und ihr Blick wurde besorgt. "Geht es dir gut?", fragte sie.

Ich antwortete nicht. Eigentlich fühlte ich mich nicht krank, einfach nur müde. Aber ich konnte immer noch nur verschwommen sehen und merkte, wie meine linke Hand unkontrolliert zuckte.

Meine Mutter kam zu mir und legte mir eine Hand auf die Stirn. Sie zog die Augenbrauen zusammen. "Fieber hast du keines, aber vielleicht gehst du lieber wieder ins Bett."

Damit hatte ich kein Problem; ich wollte einfach nur schlafen. Als ich ihr in mein Zimmer folgte, sah ich kurz rein aus Gewohnheit in den großen Spiegel an unserer Wand und bereute es sofort.

Ich war unnatürlich blass, meine Haut war fast weiß und meine unteren Augenlieder dunkel, als hätte ich nächtelang nicht geschlafen. Und außerdem sah es im Vorbeigehen für einen Sekundenbruchteil so aus, als hätte sich die Iris in meinen Augen am Rand rot gefärbt.

Ich blieb die nächsten Tage im Bett, aber es ging mir nicht besser, im Gegenteil. Mein Körper fing immer öfter an, einfach zu zucken, und ich fühlte zeitweise wieder die glühenden Nägel. Ich hustete Blut und bekam Fieber. Wie hoch es war, sagte meine Mutter nicht und ich hatte nicht die Kraft, danach u fragen. Ich konnte kaum noch etwas sehen, aber die meiste Zeit schlief ich sowieso. Wenn ihr mich fragt... war das dann jedoch die schlimmste Zeit in diesen Wochen.

Sobald ich einschlief, wiederholte sich der gleiche Traum, jedes Mal.

Alles war komplett dunkel um mich herum, ich hörte nur meinen Namen, der immer wieder widerholt wurde, einmal leise, einmal laut. Mit jedem Mal wuchs ein kleiner Schmerz in meiner Brust, anfangs nur ein Stechen, aber mit jedem Mal, wenn ich meinen Namen hörte, wurde er schlimmer und fühlte sich irgendwann so an, als würden mein Blut und meine Organe in Flammen stehen. Der Schmerz machte mich verrückt, ich biss auf meine Hände und zerrte an der Haut, ohne zu wissen, was ich tat, aber ich spürte es nicht. Meine Hände bluteten, aber alles, was ich wahrnehmen konnte, war der immer noch wachsende Schmerz in meiner Brust. Meine Beine begannen zu zucken, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, mein gesamter Körper bewegte sich, als würde er von jemand anderen gesteuert werden. Der Tanz wurde immer wilder und schneller, meine Muskeln schmerzten, sie wollten eine Pause, aber sie bewegten sich immer weiter und weiter. Ich wollte aufhören und wusste gleichzeitig, dass ich längst verloren hatte.

Das ging so, wie gesagt, einige Wochen lang, dann ebbten die Symptome meiner Krankheit überraschenderweise ab. Ich wurde wieder kräftiger und hörte auf, zu zucken, nur meine Haut blieb so blass, wie sie war.

Und die Träume hörten nicht auf. Im Gegenteil, sie wurden sogar noch schlimmer. Jetzt hörte ich zusätzlich zu meinem Namen einen Ton, so hoch, dass man ihn gerade noch hören konnte. Die Verletzungen, die ich mir zufügte, um dem ganzen Wahnsinn zu entkommen, tauchten in der Realität auf. Ich wachte jeden Morgen mit blutigen Biss- und Kratzspuren an den Händen und Unterarmen auf. Als mich meine Mutter darauf ansprach, erzählte ich ihr von den Träumen. Warum, wusste ich nicht, vielleicht dachte ich, sie könnte mir irgendwie helfen. Meine Hoffnungen endeten vorerst allerdings nicht damit, sondern bei dem Psychologen, zu dem sie mich nach meiner Geschichte schickte.

Es gefiel mir im Warteraum irgendwie, auch wenn ich die ganze Zeit mit widerwillig verschränkten Armen da saß. Er war sehr klein, aber gemütlich. Direkt vor mir hing ein Schild aus Metall mit den Worten Be happy- Keep smiling und einem lächelnden Smiley. Den Smiley mochte ich, irgendetwas an ihm beruhigte mich auf seltsame Weise- ein Gefühl, dass ich schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Die Tür ging auf und eine blonde Frau kam hinein. Sie sah nicht so aus, wie ich mir Psychologen vorgestellt hatte, mit weißem Kittel und Klemmbrett, aber etwas in mir hatte sich schon gegen sie gestellt. Ihr Gesicht wirkte so kalt, so emotionslos, als sie mir die Hand schüttelte. Sie lächelte zwar, aber ich hatte das Gefühl, dass sie das nicht ernst meinte.

"Also", begann sie, als ich mich auf das Sofa ihr gegenüber gesetzt hatte. Ich fühlte mich unwohl, mit ihr allein zu sein. "Wie heißt du und wie alt bist du?"

Ich sah nervös zur Seite. "Fünfzehn", murmelte ich. Ich hatte mein Alter zuerst gesagt, weil ich Angst hatte, meinen Namen auszusprechen. Die Träume drängten sich in mein Bewusstsein, so stark, dass ich zurück rutschte. Meine Stimme zitterte. "M-Michael Davis."

"Was ist los?" Die Psychologin richtete sich ein bisschen auf. Mittlerweile hatte sie tatsächlich ein Klemmbrett auf dem Schoß.

Ich antwortete nicht. Ich hatte genug damit zu tun, weiter zu atmen, während meine Brust zu Stechen begann und ich einen schrillen, hohen Ton in meinem Kopf hörte, begleitet von einer flüsternden Stimme, die immer wieder das gleiche Wort wiederholte. Michael... Michael...

Ich hatte Angst. Ich hasste meine Psychologin, aber in erster Linie hatte ich Angst.

Meine Mutter hatte mich frühzeitig abholen müssen und ich hatte den Rest des Tages in meinem Zimmer verbracht und mich einfach nur darauf konzentriert, nicht durchzudrehen. Weder der Schmerz in meiner Brust noch die Geräusche in meinem Kopf hatten aufgehört. Es war nicht schlimmer geworden, aber auch nicht besser und das reichte, um mich in den Wahnsinn zu treiben.

Hier hatte ich mehr zu Verfügung als in meinen Träumen und ich hielt es einfach nicht mehr aus. Nennt mich, wie ihr wollt, aber ihr habt keine Ahnung, wie sich das angefühlt hat, als ich mir mit der Spitze meines Zirkels die Arme aufgeritzt habe, bis sie bluteten. Mittlerweile war es Abend, mein Name war leiser geworden. Der Ton nicht, aber er war so hoch, dass ich ihn halbwegs ausblenden konnte.

Ich stand im Badezimmer, meine zitternden Hände auf das Waschbecken gestützt. Ich trug eine blaue Weste, die die Verletzungen an meinen Armen verdeckte. Obwohl meine Familie- mein Vater ebenfalls, er war ausnahmsweise früh nach hause gekommen- schon schlief, wollte ich nicht, dass sie es möglicherweise doch sahen.

Ich hob langsam den Blick und starrte mein Spiegelbild an. Ein paar Haarsträhnen hingen mir ins Gesicht, dessen Farbe sich immer noch nicht verändert hatte. Meine Augen, die früher blau gewesen waren, leuchteten jetzt komplett in einem intensiven Rot.

Als ich das sah, schaltete sich etwas in mir um. Ich fing an, unkontrolliert zu lachen. Es war der Moment, an dem ich endgültig den Verstand verloren hatte. Aber das erste Mal seit Wochen fühlte ich mich wirklich glücklich und ich wollte das Gefühl mit jemanden teilen.

Ich öffnete eine Schublade und holte einen Verband heraus. Meine Mutter hatte ihn hier aufbewahrt für Liam, der sich beim Klettern regelmäßig verletzte. Ich wickelte ihn mir um meinen Mund, sodass die Haut von unter meiner Nase an bis über mein Kinn bedeckt war. Dann nahm ich eine Schere und schnitt eine Öffnung in der Form eines Lächelns hinein. Dass ich dabei auch meine Haut erwischte, störte mich nicht, ich konnte den Schmerz kaum spüren.

Als ich fertig war, legte ich die Schere zurück und lächelte in den Spiegel. Durch die Öffnung konnte man meine von der Verzerrung leicht geöffneten Lippen sehen, die meine unnatürlich spitzen Zähne zu erkennen gaben. Mein rechtes Auge begann zu zucken und ich fing wieder an zu lachen. Ich fühlte mich so vollkommen wie noch nie in meinem Leben.

"Wach auf, Mama." Ich legte die Messerklinge an meine Lippen und blinzelte. Meine Mutter bewegte sich ein Stück und murmelte etwas. Als ich nicht reagierte, öffnete sie die Augen. Die Nachttischlampe war aufgedreht, sodass sie mich erkennen konnte und ich sie. Als sie mich sah, wurde ihr Gesichtsausdruck schlagartig entsetzt. "Michael, was..."

"Ich bin glücklich, Mama", kicherte ich und legte den Kopf schief. "Das wolltest du doch, oder?"

Sie antwortete nicht, setzte sich nur auf. Enttäuschung und Wut stiegen in mir auf. "Du lächelst ja gar nicht", stellte ich leise fest und legte das Messer an ihren linken Mundwinkel. "Du sollst aber lächeln. Du sollst glücklich sein. So wie ich."

Das ist meine Geschichte, die Geschichte von Painted Smile. Am nächsten Tag haben sie meine Familie gefunden, alle erstochen und mit dem Glasgow Smile auf den Wangen. An die Schlafzimmerwand war mit Blut der Satz Be happy- Keep smiling geschrieben worden.

Alle meine Opfer wurden so gefunden. Sie wissen, wer ich bin, aber der Name Michael ist mittlerweile so weit von mir entfernt. Ich bin Painted Smile. Und sie werden mich nie erwischen.

Ich habe eine Mission... ich werde die Welt glücklich machen. Ich werde sie alle lächeln lassen. Ich werde euch alle lächeln lassen.

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