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Im schummrigem Licht der kleinen Nachttischlampe schienen sich die aus Kalendern ausgeschnittenen Bilder an der Wand zu bewegen. Unter den Bildern, die zum Großteil Pferde und Katzen zeigten, stand ein Bett, in dem Nadja lag. Der mit Prinzessinnen verzierte Wecker auf ihrem Nachttisch leuchtete in einem leichten Rosarot. Das Fenster war geöffnet, da es Sommer und draußen auch nachts recht warm war. Ruhig erstreckte sich der dunkle Garten mit dem kleinen Brunnen vor dem Fenster. Nadja hingegen schlief nicht so ruhig. Die Bilder ihrer Katze, die sie mit ihrem Vater grausam zerrissen in dem Brunnen aufgefunden hatte, verfolgten sie im Schlaf. Immer wieder fiel die tote Katze, die den Namen Leia getragen hatte, in den Brunnen zurück. In ihren Albträumen hallte das Platschen endlos nach, mit dem der kleine Körper versunken war. Das waren die Träume, die das vor drei Tagen geschehene endlos wiederholten. Es gab aber noch andere Träume, in denen sie oft hörte, wie etwas um das neue Haus schlich, nach einem Eingang suchte, während sie im Bett lag. So auch gerade. In ihrem Traum hörte sie etwas schnüffelnd um das Haus herumlaufen, ab und zu schien es gegen Fenster und Türen zu klopfen.


Während die Laute im Traum immer lauter wurden, wachte sie plötzlich auf. Die Realität wankte, kippte regelrecht, und Nadja erwachte mit dem Gefühl, als drehe sich alles um sie herum. Nur langsam verebbte das Schwindelgefühl. Ihr Blick wanderte schlaftrunken in ihrem Zimmer herum, dann streifte er das Fenster. Ein eigenartiges Gefühl der Kälte breitete sich mit der Wucht eines Schlages in ihrem Magen aus. Sie bekam eine Gänsehaut und fröstelte, trotz der Kälte. Seit sie die Träume hatte, hatte sie immer darauf bestanden, alle Fenster zu schließen, sobald sie im Raum war. Auch nach draußen traute sie sich nicht. Ihre Eltern schrieben das dem Schock zu und Nadjas Mutter hatte in zwei Wochen einen Termin bei einem Kinderpsychologen gemacht. Er hatte im Internet die besten Bewertungen gehabt.


Sie hatte sich so sehr angespannt, dass sie begonnen hatte zu zittern. Wie ein Brett im Bett liegend lauschte sie den Geräuschen, die aus dem Garten kamen. Ein leises Scharren, als würde Holz über Stein gezogen werden. Ein lautes Platschen, bei dem Nadja zusammenzuckte. Sie kniff ihre Augen so fest zusammen, wie sie es nur konnte und wünschte sich, weit weg zu sein. Nur weg von diesem Brunnen, diesem dunklen nassem Loch, das für Nadja wie die Öffnung zu einer absonderlichen, ganz privaten Hölle geworden war.


„Klack“ Das knusprige Toast schnellte aus dem Toaster hervor. Markus nahm es heraus und bestrich es mit Butter. Gerade, als er hinein biss und ein befriedigendes Knacken zwischen seinen Kiefern ertönte, registrierte er eine Bewegung an der Tür. Nadja stand in der halb geöffneten Tür, die Augen rot verquollen vom Weinen. „Papa“, sagte sie leise. „Papa“. „Was ist, Schatz?“, fragte er sie liebevoll. Sie drehte sich um und ging weg. Mit einem Anflug von Verzweiflung rief er ihr nach:“Nadja, möchtest du denn nichts essen?“ Keine Antwort, nur das leiser werdende Tappen ihrer bloßen Füße auf dem Flur. Er zuckte resigniert mit den Schultern. Dann biss er wieder in das Toast. Sie würde wieder fröhlicher werden. Irgendwann würde sie über ihre Katze hinwegkommen. Irgendwann. Schon bald. Der Psychologe würde mit ihr reden. Dann würde alles gut werden. Bestimmt. Ganz sicher.


Sie ging den Flur entlang. Etwas war diese Nacht geschehen, das wusste sie. Ganz egal, was ihre Eltern ihr über „jugendliche Arschlöcher“ oder über „weißt du, Schatz, es gibt Füchse hier“ erzählten, sie wusste, dass draußen ein Monster war. Etwas, was nach Blut dürstete. Sie hatte es gehört, diese Nacht, und die Nächte davor. Ihren Eltern konnte sie davon nichts erzählen, sie hatten ja sogar schon einen Termin bei einem Doktor gemacht. Bei einem Physio... Psychologo... Ein Arzt für Leute, die „plemplem“ waren. Die „nicht mehr ganz richtig im Kopf waren“. So hatte es ihr ein Mädchen in der Schule erklärt. War sie plemplem? Nicht mehr ganz richtig im Kopf? Würden ihre Eltern sie wegbringen? Würden sie zu dem Arzt sagen:“Dies ist unsere Tochter, aber wir wollen sie nicht mehr. Wir wollen eine, die nicht plemplem ist. Die richtig im Kopf ist. Die Alte können sie behalten. Machen sie mit ihr, was sie wollen“? Nein! Sie würde nicht weggehen. Nicht von ihren Eltern.


Von diesem Haus dagegen wollte sie weg. Und zwar schnell. Dieser Wunsch verstärkte sich ins Unermessliche in Nadja, als ihr Blick auf die Katzenklappe in der Tür fiel. Die Klappe, durch die Leia nichts ahnend in tod stolziert war. Auf dem Holz neben der Klappe waren Abdrücke. Teilweise war das Holz nur nass. An anderen Stellen, wie zum Beispiel direkt über der Klappe konnte man eindeutig die feuchten Abdrücke erkennen. Die Abdrücke einer Hand mit drei langen Fingern, und einem großen Handteller.

Unter dem Katzeneingang klebte etwas. Nadja zwang ihre Augen hinzusehen, obwohl sie am liebsten einfach eingeschlafen wäre, und das für immer. Doch ihre Augen sahen es. Das mit Brunnenwasser vollgesogene Eichenblatt, das dort klebte. Als es sich mit einem beinahe unhörbarem Geräusch vom Holz löste und dem Boden entgegen fiel, fiel auch Nadja. Ihre Beine knickten einfach weg und Schwärze umnebelte ihr Denken noch bevor sie auf dem Boden aufschlug. Sie blieb nicht lange ohnmächtig. Irgendwann fand ihre Mutter sie im Flur. Sie weckte Nadja auf, und die Ohnmacht schwand. Die Angst blieb.

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