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Wie jeden Tag sitze ich hier in der Dunkelheit. Das war schon immer so, seit ich mich erinnern kann. Es ist dunkel, aber ich kann hören. Ich höre so viel von den Menschen. Sie sind alle um mich herum, über mir, neben mir, vor mir, hinter mir… Ja, auch unter mir kann ich sie hören, wie sie fluchen und versuchen zu schaffen, was auch immer sie gerade tun. Manchmal kommt jemand zu mir und erzählt mir dann Dinge.

Dinge, die ich nicht verstehe, die mich aber traurig machen. Dann will ich den Menschen immer helfen. Aber bevor ich mir etwas überlegen kann, sind sie schon wieder gegangen und ich sitze wieder allein in der Finsternis. Ab und zu kommt es vor, dass mich jemand mehrmals besucht. Wir reden dann immer viel und spielen zusammen. Diese Leute sind dann immer sehr glücklich, wenn sie wieder gehen und das macht mich auch glücklich. Ihr versteht nicht, was ich meine? Dann lasst mich euch eine Geschichte erzählen…

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, aber eines Tages kam ein kleines Mädchen zu mir. Sie strahlte ein seltsames beruhigendes grünes Licht aus. Das einzige Licht, das je meine Finsternis erhellt hatte. Deswegen konnte ich auch die Tränen auf ihrem Gesicht sehen. Ich ging vorsichtig zu ihr, wollte ich ihr ja keine Angst einjagen. Ich fragte sie, warum sie weinte und sie sah mich an. Doch anstatt zu antworten, weinte sie nur heftiger, versuchte ab und an sich die Tränen wegzuwischen, doch kamen immer wieder neue. Mir fiel auf, dass ihr gelbes Sommerkleidchen schmutzig und an manchen Stellen zerrissen war. Ich begann mir Sorgen um das Mädchen zu machen. „Wie heißt du?“, fragte ich schließlich, als mir nichts Besseres einfiel.

 „S-s-soph-ph-phie“, schluchzte sie leise. „Und d-d-d-du?

 „Du kannst dir einen Namen für mich aussuchen“, antwortete ich freundlich.

Plötzlich schien ihre Trauer vergessen, da sie mich nur verwirrt ansah. „Du ha-ha-hast kei-kei-keinen Na-namen?

 „Mir hat nie jemand einen gegeben“, sagte ich ehrlich und zuckte mit den Schultern.

 „Kann ich dich… Buddy nennen?“, fragte sie vorsichtig. Ich war erleichtert, dass sie aufhörte zu weinen und nickte zustimmend. „Was machst du hier?

 „Ich warte darauf, dass jemand mit mir spielt.

 „Mit dir… spielt?

 „Ja, oder einfach mit mir redet. Ich höre gern zu, weißt du?

 „Wirklich?

 „Ja, wirklich. Also magst du mir nicht erzählen, warum du geweint hast?“, fragte ich vorsichtig. Ich wollte sie natürlich nicht wieder zum Weinen bringen, aber plagte mich gleichzeitig die Neugier, was ein so hübsches kleines Mädchen zum Weinen brachte.

Schüchtern begann sie mit ihren schwarzen Locken zu spielen und warf mir immer wieder unsichere Blicke zu. Ich ließ ihr die Zeit, die sie brauchte. „Du wirst nicht böse auf mich?

 „Warum sollte ich das werden? Ich habe doch gefragt“, versicherte ich ihr.

 „Ich… meine Mama und mein Papa sind erst vor zwei Wochen in die neue Stadt mit mir gezogen“, begann sie zögerlich. „Wegen ihrer Arbeit haben sie nie Zeit für mich und Freunde habe ich hier keine. Ich wollte auch gar nicht weg aus der alten Stadt, aber mich musste… Ich hab mich lange alleine gefühlt. Vor ein paar Tagen war ich auf dem Spielplatz im Park und da fand ich ein kleines Hündchen. Mama und Papa wollten kein Haustier, aber ich nahm ihn trotzdem mit. Ich hab ihn heimlich gebadet und in meinem Zimmer versteckt. Und ich hab ihn mit Essensresten gefüttert. Er war mein bester Freund.“ 

„Klingt nach einem süßen kleinen Freund“, merkte ich an, als sie eine Pause einlegte und sie nickte mit einem schwachen Lächeln.

 „Ja, das war er. Ich bin immer nach der Schule mit ihm spazieren gegangen und hab mich richtig gut um ihn gekümmert. Ich hab gedacht, vielleicht erlauben meine Eltern ja, dass ich ihn behalte, wenn sie sehen, wie gut ich mich um ihn kümmern kann. Also hab ich ihnen Buddy gezeigt. Meine Mama hat sofort angefangen zu schreien und auch Papa ist wütend geworden. Ich hab versucht, ihnen alles zu erklären, aber sie haben Buddy rausgeworfen. Papa hat ihn einfach gegriffen und aus dem Fenster in den Garten geworfen. Ich hab Buddy winseln gehört, er hatte sich sicher weh getan. Aber als ich ihm nach wollte, hat meine Mama mich festgehalten. Sie haben mich in mein Zimmer gesperrt und dann war ich hier“, beendete sie ihre Erzählung. Ich musste mich einen Moment sammeln, um meine Wut zu zügeln. Dieses Mädchen wollte doch nur einen Freund, der für sie da ist. Und dafür wird sie eingesperrt? „Du bist doch wütend, oder?

Langsam schüttelte ich den Kopf. „Nein, ich bin nicht wütend. Ich finde es nur traurig. Darum hast du auch geweint, oder?“

 „Ich mache mir Sorgen um mein Hündchen. Er ist noch so klein, vielleicht passiert ihm gerade etwas“, schluchzte sie wieder auf.

Ich wollte Sophie unbedingt helfen, aber ich wusste noch nicht genau wie. „Weißt du was? Ich überlege mir etwas, wie ich dir helfen kann. Kommst du morgen wieder? Dann ist mir sicher etwas eingefallen.

 „Wirklich? Versprichst du es?

 „Ja. Du musst mich nur rufen und ich bin da, versprochen.

Nachdem Sophie gegangen war setzte ich mich auf den Boden und begann, nachzudenken. Irgendwie musste ich der Kleinen doch helfen können. Vielleicht sollte ich bei ihren Eltern anfangen. Ja, das war doch schon mal was. Ihre Eltern ein wenig zur Vernunft bringen, aber wie? Ich konnte hier nicht wirklich weg. Vielleicht könnte ich ja Sophie überreden… Ich beschloss, diesen Gedanken festzuhalten und begann mich auf das Wiedersehen mit ihr zu freuen.

Aber sie kam nicht. Ich hörte weder ihre Stimme, noch konnte ich sie irgendwo sehen. Ich war mal wieder allein mit meinen Gedanken. Aber vielleicht hatten ihre Eltern den Fehler auch eingesehen und Sophie durfte ihr Hündchen behalten? Wenn sie glücklich war, musste sie natürlich nicht zu mir zurück kommen, das war dann in Ordnung so. Es verging einige Zeit, doch dann stand Sophie wieder vor mir. Sie war jetzt kein kleines Mädchen mehr, sie war eine bildhübsche junge Frau und fast hätte ich sie nicht mehr erkannt. „Du hast gesagt, ich soll dich rufen, wenn ich dich brauche, Buddy“, sprach sie mich an.

 „Ja, das habe ich“, erinnerte ich mich und sah sie an. „Du bist hübsch geworden, Sophie.“ 

„Kannst du mir helfen?“, fragte sie mich, ohne auf mein Kompliment einzugehen.

 „Natürlich, wir sind doch Freunde.

 „Dann musst du mich führen. Ich kann das nicht alleine…“, sagte sie leise und reichte mir ihre Hand.

 „Ich helfe dir gern“, antwortete ich und griff zu. 

Zeitungsbericht vom XX.XX.XXXX

Heute Morgen wurden die Leichen von bisher fünf Personen im Keller des Hauses von Sophie M. entdeckt. Alle Körper waren zerhackt und in Müllsäcke gewickelt an verschiedenen Stellen im erdigen Boden vergraben. Laut Angaben der Polizei handelt es sich bei zwei der Personen um ihre Eltern Maria und Samuel M, die ebenfalls in dem Haus lebten. Auf die Frage nach dem Motiv antwortete ein Pressesprecher der Polizei: „Sie wollte nur ihr Hündchen zurück. Als das nicht ging, habe ein gewisser Buddy ihr geholfen.“ Weitere Ermittlungen laufen.

Zeitungsbericht vom XX.XX.XXXX

Laut Aussagen eines Psychologen handelt es sich im Fall Sophie M. bei dem vermeintlichen Mittäter Buddy um eine erfundene Persönlichkeit, die nur von dem Mädchen wahrgenommen werden kann. Desweiteren soll Sophie M. beteuern, dass nicht sie, sondern Buddy die Morde verübt habe. Ihr Anwalt plädiert nach neuesten Erkenntnissen auf Unzurechnungsfähigkeit wegen einer multiplen Persönlichkeitsstörung.

Zeitungsbericht vom XX.XX.XXXX

Im Fall von Sophie M haben die Geschworenen entschieden, die junge Frau aufgrund von Schizophrenie in eine geschlossene Anstalt einzuweisen. Die Polizei legt den Fall damit zu den Akten.

Das war eine meiner Lieblingsgeschichten. Ich mag die kleine Sophie. Ihr nicht auch? Aber wenn ihr wirklich wollt, kann ich auch mit euch reden und spielen. Ich finde immer Zeit, denn ich bin immer da. Wenn auch unbemerkt.

Denn ich bin der Wahnsinn.  

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