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Die Sonne war noch nicht mal richtig aufgegangen. Und ich saß schon in der Schule. Echt großartig. Erste Stunde Philosophie. Immerhin gut, um etwas verlorenen Schlaf nachzuholen. Mein Schädel brummte und ich starrte griesgrämig die Wand an, während alle anderen um mich herum noch in ihre Gespräche vertieft waren. Wie immer stand Frau Astmann, unsere Lehrerin, schon einige Minuten vor Unterrichtsbeginn der Klasse gegenüber und wartete, dass es ruhig wurde. Was natürlich nie wirklich passierte. Sie wurde einfach nicht ernstgenommen, die kleine, etwas rundliche Endzwanzigerin mit der piepsigen Stimme. Ihre Haare hingen ihr fettig wie immer über die Schultern und in ihrem Gesicht zeichneten sich kleine Pickel unterhalb der Schweinsnase ab. Allein ihr Aussehen war schon Grund genug für alle Schüler, sie einfach zu ignorieren. Und ihre einschläfernde Unterrichtsart machte wirklich gar nichts besser. Warum mussten solche Leute Lehrer werden?

"So Kinder", schrillte sie durch den Raum, "Heute haben wir ein ganz besonderes Thema." Sie blickte erwartungsvoll in die Runde. Zurück blickte wahrscheinlich niemand. Mittlerweile lag mein Kopf auf dem Tisch, doch ihre Stimme machte das Ausruhen quasi unmöglich. Was konnte diese Frau denn eigentlich? "In dieser Stunde werden wir uns der menschlichen Psyche zuwenden. Oder besser einem Thema, das ihr sicherlich alle kennt: Selbstmord." Bei jedem anderen Lehrer hätte ich jetzt vermutlich meinen Kopf gehoben, hier gab ich lediglich ein unbestimmbares Grunzen von mir. "Was glaubt ihr muss einem Menschen widerfahren, um sich zu diesem drastischen Schritt zu entscheiden?""Ihr Unterricht.", rief irgendjemand aus den hinteren Reihen. Die Klasse johlte. Nun hob ich meinen Schädel doch etwas. Ich wollte Schweinchen Dicks Reaktion darauf eigentlich nicht verpassen. Ein enttäuschter Gesichtsausdruck auf dem Gesicht eines Lehrers war immer wieder etwas Schönes. Doch sie zeigte keinerlei Regung. Hatte sie sich mittlerweile also an diese Kommentare gewöhnt? Wie langweilig.

"Haha, sehr lustig Kevin.", gab sie mit trockener Stimme zurück, "Vielleicht jemand mit etwas mehr als einer Hirnzelle?" Ein raunen ging durch die Klasse. Anscheinend waren alle ziemlich überrascht. Ich auch. So viel Schlagfertigkeit hatte ich ihr gar nicht zugetraut. Sie ließ ihren Blick durch die Klasse schweifen. "Mike? Wärst du vielleicht so gütig?" Es dauerte einen Moment, bis ich realisiert hatte, dass sie meinen Namen gesagt hatte. "Äh, sicher." stammelte ich, "Vielleicht der Tod eines nahen Angehörigen?""Du würdest dir also die Kugel geben, wenn deiner Omi ein Unglück widerfahren würde, hm?", fragte sie höhnisch. Einige in der Klasse lachten sogar. Über ihre Witze. Ihre! Was war hier los? "Aber du hast recht. Noch andere Ideen?" In diesem Moment passierte ein Wunder. In ihrem Unterricht meldete sich jemand! "Jessy?""Ähm...Liebeskummer?""Ach, ist die Dame so zart besaitet? na gut, meinetwegen auch das." Erst jetzt fiel mir auf, dass sie noch gar nichts an die Tafel geschrieben hatte. "So Kinder, alle guten Dinge sind drei. Noch was?""Ich hab doch auch was gesagt!", grölte Kevin aus der letzten Reihe. "Na gut, Nummer drei: Deine dämlichen Kommentare." Dieses Mal lachten alle. Alle außer mir. Mir wurde das ganze langsam unheimlich.

"So, eure ganzen Ideen waren ganz gut.", piepste sie. Aber irgendwie mit mehr Autorität. "Aber ich verrate euch jetzt den häufigsten Grund, aus dem sich Menschen umbringen. Es sind Probleme am Arbeitsplatz. Viele kommen mit dem Stress nicht klar, doch der wohl häufigste Auslöser ist Mobbing. Die tägliche Schikane bringt einen Menschen an den Rand der Verzweiflung, und ich schließlich sogar noch weiter hinaus. Denn wenn man jeden Tag sein eigenes Ich attackiert sieht, wird man sich irgendwann nicht mehr zu helfen wissen. Das ganze Leben, so glaubt man, wird bald unter dem Druck aller anderen zusammenbrechen. Doch diese Genugtuung will man ihnen nicht geben, also nimmt man die ganze Sache vorweg. Wie tausend kleine Nadelstiche treffen die täglichen Demütigungen einen Menschen, welcher sich auch noch in dem Wissen befindet, dass er der Situation nicht entfliehen kann, ohne sich mit anderen Problemen konfrontiert zu sehen. es ist ein leichtes, daran zugrunde zu gehen. Und oft wissen die Peiniger nicht einmal, was sie da angerichtet haben. Puh. Ich habe ein paar Arbeitsblätter vorbereitet, ich hole sie kurz. In der Zwischenzeit macht ihr euch bitte Gedanken darüber, wo ihr schon jemanden gemobbt hat, was dessen Reaktion darauf war und was ihr an eurem Verhalten eventuell ändern könntet. Vor allem aber denkt drüber nach, warum ihr das getan habt und wie nichtig die Gründe eigentlich waren. Ich bin gleich wieder da."

Doch das war sie nicht. Wir diskutierten eine ganze Weile, mehr über das neue Verhalten unserer Lehrerin anstatt über die eigentliche Aufgabe. Als sich die Tür dann wieder öffnete, drehten wir uns um, doch anstatt in ihr Gesicht blickten wir in das unseres Rektors. Dieser sagte nur einen Satz, der uns dazu brachte, für immer über die Aufgabe, die sie uns gegeben hatte, nachzudenken:

"Der Unterricht findet heute nicht statt. Es tut mir Leid euch mitteilen zu müssen, dass Frau Astmann heute Nacht verstorben ist. Sie hat sich selbst umgebracht."


von Duschvorhang

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