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Aufgrund meines Studiums war ich umgezogen. Ich hatte in einer altertümlichen Kleinstadt, die nicht sehr weit von meinem Studienort entfernt lag, eine günstige Wohngelegenheit gefunden. Erst an diesem Morgen war ich, mit einigen Koffern und Taschen bepackt, angereist, und am späten Nachmittag war ich auch mit dem Einrichten meiner Wohnung fertig. Jetzt zog es mich auf die Straßen der Altstadt, und ich beschloss, dass ein gemütlicher Spaziergang mir nicht schaden könnte. Also streifte ich mir eine Jacke über und bummelte durch die herbstlichen Gassen. Wie viele Geschäfte es hier gab… Ich konnte mich an dem ländlichen Stil der Stadt gar nicht sattsehen, doch als ein leichter Nieselregen einsetzte, huschte ich in das erstbeste Geschäft. Auf den Namen des Geschäfts hatte ich jedoch nicht geachtet, und als ich mich umschaute, realisierte ich, dass ich mich in einem Laden für Spielzeug befand- Besser, einem Laden für Kuscheltiere.

Erstaunt bemerkte ich, dass jedes einzelne handgefertigt und somit ein Unikat war. Wer auch immer sie fertigte, musste sehr viel Talent haben…  „Sie sind besonders, nicht wahr?“, fragte die alte Frau plötzlich, die unbemerkt an mich herangetreten war. Ich zuckte erschrocken zurück, und sie winkte mit einer entschuldigenden Geste ab. „Verzeih mir mein Anschleichen, ich wollte dich nicht erschrecken. Na, kann ich dir helfen?“ „Ich… Ähm…“, stotterte ich verlegen. Wie sollte ich mein Hereinplatzten erklären? „Das Schaufenster sah so vielversprechend aus. Ich bin neugierig geworden.“ „Ach so“, lächelte die alte Dame, „Du interessierst dich also für Kuscheltiere… So ein Sammlerhobby ist sehr selten unter jungen Leuten.“ Ich lächelte verlegen über meine glatte Lüge und nickte zustimmend. Die Ladenbesitzerin, die übrigens den schönen Namen Eleonore trug, führte mich begeistert in ihrem Laden herum und zeigte mir ihre Meisterwerke. Ich betrachtete ehrfürchtig die Preisschilder der Plüschtiere und konnte keines unter dreihundert Euro ausfindig machen. Doch für Sammler waren die teuren Stücke jeden Cent wert, denn sie waren allerliebst gestaltet und zeigten, dass ihre Schöpferin über eine wundervolle Fantasie und jede Menge Kreativität verfügte. Besonders die Teddybären in der letzten Regalreihe hatten es mir angetan, doch mit einem enttäuschten Blick erklärte ich Eleonore, dass ich weder genug Geld besaß, um ein so teures Kunstwerk aus Stoff zu kaufen, noch einen Job, mit dem ich das Geld verdienen konnte, hatte.

Doch die alte Frau bot mir nach kurzem Überlegen großzügig an, dass ich gerne hier im Geschäft anfangen könnte. Ich stimmte freudig zu, denn die Vorstellung, als Nebenjob hier zu arbeiten, gefiel mir sehr. Wir setzten uns gemeinsam ins Hinterzimmer, und Eleonore erklärte mir, dass sie keine Familie mehr hatte und schon länger nach jemandem suchte, an den sie die Kunst des Kuscheltiere-Nähens weitergeben könnte. Sie hatte in mir ein Interesse geweckt, von dem ich bis jetzt nichts geahnt hatte, und ich bat sie darum,  mir mehr zu erzählen. Sie brachte mich in das Nähzimmer und zeigte mir die vielen Materialien. Von Wolle über Fließ bis hin zu Cord und Jeansstoff war alles in ihrem großen Schrank vorhanden, und sie zeigte mir auch gleich einige Nähtechniken. Ich war keine begnadete Handarbeiterin, doch mit Eleonores sanften Erklärungen erlernte ich das Nähen noch am selben Tag.

Als ich das Geschäft um Einundzwanzig Uhr verließ, hatten wir uns um allen geschäftlichen Kram gekümmert und ich hatte ihr festes Versprechen, dass sie mir bald auch noch andere Näh- und Stricktechniken beibringen würde. Im Licht der flackernden Straßenlaternen tanzte ich beinahe nach Hause und sank todmüde in mein Bett. Ich war so glücklich, gleich am ersten Tag meines neuen Lebens eine neue Freundin und einen wunderbaren Nebenjob gefunden zu haben.  Mit diesen Gedanken fielen meine Augen zu und ich schlief mit einem seligen Lächeln ein.

In den nächsten Monaten besuchte ich Eleonore fast täglich nach meinem Unterricht, und obwohl ich jetzt schon länger an der Universität war, hatte ich keine Freunde gefunden. Doch das war mir vollkommen egal. Ich wollte mich einfach nur vollkommen auf mein neues Hobby konzentrieren, und nach einiger Zeit konnte ich auch schon Kuscheltiere herstellen. Mein erstes ‚Meisterwerk‘ war eine große Plüschkatze, die zwei funkelnde Knopfaugen, ein niedliches Lächeln und eine schwarz-weiße Socke am rechten Fuß hatte. Ihr cremefarbenes Fell war sehr weich und angenehm, und Eleonore kam aus dem Loben gar nicht mehr hinaus. Auch ich war insgeheim stolz auf mich und taufte die Katze auf den Namen Mary. Als ich Eleonore fragte, ob wir sie verkaufen würden, winkte sie lachend ab und meinte, dass das wunderhübsche Plüschtier auf der Theke sitzen musste. Ich war froh, denn ich hätte mich nicht wohl dabei gefühlt, mein erstes Werk an jemand anderen abgeben zu müssen. Ich fertigte noch viele andere Kuscheltiere an, doch Mary blieb mein allerliebstes Kunstwerk.

Doch so schön, wie es nun war, konnte es ja nicht bleiben. Ich arbeitete bereits ein halbes Jahr in Eleonores Geschäft, als Eleonore plötzlich krank wurde. Sie wurde bleich und nahm krankhaft ab, und ich sah in ihr nur noch einen Schatten meiner Mentorin und machte mir große Sorgen um sie. An einem Tag brach sie vor meinen Augen zusammen, und es stand so schlecht um sie, dass ich trotz ihres Protests einen Notarzt herbeorderte und dieser sie nach kurzer Begutachtung ins Krankenhaus schickte. Bevor sie von zwei Sanitätern in den Krankenwagen geschoben wurde, rief sie mir mit brüchiger Stimme zwei Dinge zu. „Mein Kind, ich hab zwei Bitten an dich: Pass auf den Laden auf, aber sei vor Mitternacht immer wieder draußen und schließe ab! Bitte, bitte denk daran!“ Ich wunderte mich über diese Bitte, denn Eleonore war häufig noch bis in die frühen Morgenstunden in ihrem Atelier, doch ich wiedersprach ihr nicht, sondern winkte ihr nur besorgt zum Abschied und nickte.

Danach kehrte ich in den Laden zurück, doch da kein Kunde mehr kam, begab ich mich ins Arbeitszimmer und nähte an meinem neusten plüschigem Kumpel, einem geflügelten Teddy für Eleonores Bärenkollektion. Doch die Flügel, die ich aus natürlichem Flaum herstellte, nahmen eine nicht unbeträchtliche Menge an Zeit in Anspruch, und ich beendete die Arbeit erst kurz vor Mitternacht. Ich dachte an Eleonores Bitte und huschte so schnell es ging aus dem Zimmer raus, löschte alle Lichter, verließ den Laden und schloss die Tür ab. Als ich durch die Scheibe noch einmal in den Raum zurückblickte, starrte mich Mary aus ihren Knopfaugen an. Ein Schauer kroch über meinen Rücken, und ich drehte mich um und flüchtete so schnell es ging nach Hause.

Ich wurde die ganze Nacht von schrecklichen Albträumen geplagt: Ich stand wieder im Laden, und die große Standuhr, die Eleonore so liebevoll mit Tierchen dekoriert hatte, schlug in einem tiefen, dumpfen Klang zwölfmal hintereinander. Mitternacht… Ich spürte etwas beängstigendes, eine Macht, die in mir nackte Angst hervorrief. Doch ich konnte mich nicht rühren, ich war am Boden festgewachsen und stand mitten in dem düsteren Raum. Eine lange Zeit passierte nichts, doch das klamme Gefühl wollte nicht weichen, doch ich ging davon aus, dass das lediglich an der Dunkelheit lag. Eine ganze Weile stand ich noch da, stumm und regungslos hinter der Kasse auf das Ende des Traumes wartend.  Dann durchzuckte mich ein Gedanke, und ich stieß ein leichtes, gepeinigtes Stöhnen aus. Ich stand wie als Verkäuferin hinter der Theke, doch etwas fehlte. Ich erinnerte mich an Marys schrecklichen Knopfaugen-Blick, mit dem sie mich sozusagen aus dem Laden gejagt hatte, als ich auf die leere Stelle starrte, an der mein erstes handgefertigtes Kuscheltier sitzen sollte. Sie war leer, und ich erkannte so etwas wie Tierspuren, die durch die dünne Staubschicht und von der Theke herunter führten. Ich biss mir fest auf die Lippen um ein Schreien zu unterdrücken. Das war nur ein Traum… Das war alles nur in meinem Kopf!

„Es ist alles nur in deinem Kopf…. Hihi…“, lachte eine helle Kinderstimme neben meinem Ohr, und ich begann unkontrolliert zu kreischen. Mein Körper zuckte, und ich wand mich vor Panik und wollte fliehen. Doch die Schatten des Raumes krochen immer näher zu mir heran, und die Stimme neben meinem Ohr lachte grausam und immer gellender weiter. Ein letztes Mal brüllte ich aus voller Kehle, dann fuhr ich schweißgebadet und kränklich keuchend in meinem Bett hoch.

„Was zur…?“, wimmerte ich entsetzte, und meine Hand zuckte automatisch zum Lichtschalter. Im Hellen verlangsamte sich meine Atmung wieder, und auch das Klopfen meines Herzens wurde wieder ruhiger. Das war alles nur ein Albtraum ge- Bevor ich meinen Gedanken fortführen konnte, durchzog ein langes, schauerliches Lachen meinen Kopf, und ich schluchzte und presste meine Hände gegen meine Schläfen, bis das grausige Gelächter endlich verstummte. Mit Tränen in den Augen blieb ich im Bett sitzen, doch ich bekam mein Zittern nicht mehr unter Kontrolle. Schließlich stand ich auf und sah auf die Uhr. Es war erst vier Uhr morgens, und ich stolperte in meine Küche, um etwas zu trinken. Als ich das Licht einschalten wollte, funktionierte es nicht mehr. Auch die Lampe im Schlafzimmer erlosch mit einem Mal, und ich zuckte zusammen.

Da musste eine Sicherung rausgeflogen sein… Mit einem ängstlichen Seufzen nahm ich eine Taschenlampe aus einer Schublade und schlich die lange Treppe runter in den Keller. Jetzt, als mein gesunder Menschenverstand durch die kühle Luft wiedererweckt war, schämte ich mich für mein kindisches Verhalten und ging ohne zu zögern durch den Lichtkegel der Lampe geleitet zum Sicherungskasten. „War ja nichts dabei…“, lächelte ich mir selbst zu und brachte die Sicherung wieder in Ordnung. Als ich den Kasten wieder schließen wollte, fiel mir etwas auf. Ich griff in die hinterste, verstaubte Ecke des Sicherungskastens und betrachtete den schwarzen, schimmernden Knopf. Den dunklen Knopf, den ich einst Mary als Auge angenäht hatte. Lange Zeit starrte ich stumm auf meine Hand, dann begann ich laut und panisch zu schreien.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ich auf der Kellertreppe. Ich fröstelte und schaute mich verschlafen um, dann strömten die Erinnerungen an die gestrige Nach auf mich ein, und ich fuhr erschrocken hoch und schaute mich um. Nichts… Kein Knopf, kein Plüschkatzen-Monster oder was auch immer ich erwartet hatte. Ich seufzte entnervt über meine eigene Feigheit und joggte zurück in meine Wohnung. Es war beinahe Mittag, aber ich hatte heute keinen Unterricht und nahm mir deshalb Zeit, um mich fertig zu machen und zu Frühstücken. Danach beschloss ich, gleich in den Laden zu gehen, denn der hätte schon vor einiger Zeit geöffnet werden sollen. Vielleicht hatte ich einen Kunden verpasst…

Ich schnappte mir die Schlüssel und stieg auf mein Rad, um schnellstmöglich  meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Als ich in die Ladenstraße, in der auch Eleonores Geschäft lag, einbog, stand tatsächlich jemand vor dem Geschäft. Erschrocken raste ich auf ihn zu, legte eine Vollbremsung hin und entschuldigte mich vielmals für meine Verspätung. Der ältere Mann starrte mich missbilligend an, ließ sich dann aber von mir das Geschäft zeigen und entschied sich nach einem langen Beratungsgespräch letztendlich für einen großen, bezaubernd dekorierten Plüschelefanten. Als ich mit dem Sammler zur Kasse ging und den Elefanten, den ich insgeheim Naomi getauft hatte, sorgfältig einpackte, begutachtete er Mary, die, wie ich es mir erhofft hatte, unbewegt auf der Theke saß. „Das war ihr erstes Werk, nicht wahr?“, fragte er mich dann abschätzend, und ich reagierte etwas beleidigt und erwiderte: „Ja, das war sie. Woran haben sie das denn erkannt?“ „Nun ja…“, beurteilte er ungnädig, „Die Verarbeitung ist etwas grob…Und…“ „Und…?“, fragte ich verwirrt. „Und sie scheint teilweise schlecht vernäht zu sein: Eines der Augen fehlt ja schon.“ Ich starrte ihn entsetzt an, während er mir das Geld für das Kuscheltier abgezählt in die Hand drückte und sich mit einem verwunderten Blick in meine Richtung verabschiedete und den Laden verließ. „Bye…“, wisperte ich, und eine Träne der nackten Angst stahl sich in mein Auge. Dann ergriff ich Mary im Genick und drehte sie in meine Richtung. Tatsächlich, eines der Knopfaugen war abgerissen und nun hing ein Faden aus dem Kopf wie ein durchtrennter Sehnerv. Mir wurde übel, als mir klar wurde, dass ich ab jetzt nicht mehr mit normalem Verstand handeln konnte. Dieses Kuscheltier war gestern Nacht in meinem Haus gewesen! Es war da gewesen, wo ich mich verdammt nochmal am sichersten fühlte! Es hätte mich in der Zeit meiner Ohnmacht töten können…

Mit zitternden Händen schleuderte ich Mary von mir. Sie landete plump in einem anderen Regal, und einige Plüschtiere purzelten auf den Boden. Ich zitterte und ballte meine Fäuste. Wut durchströmte mich, und ich wollte dieses verdammte Miststück vernichten! „Verdammt…“, zischte ich wütend und wäre beinahe auf die Plüschkatze losgegangen, als mir bewusst wurde, wie dämlich das aussehen musste. Ich musste mir das alles einbilden. Mary war ja auch schon etwas älter, vielleicht war der Faden einfach schon spröde gewesen… Ich nahm sie auf den Arm und lächelte sie entschuldigend an, dann setzte ich sie zurück auf die Theke. Kurz darauf verließ ich den Laden, um Eleonore im Krankenhaus in der nächstgelegenen Stadt zu besuchen.

„Guten Tag, Eleonore“, lächelte ich fröhlich, als ich in ihr Krankenzimmer eintrat und sah, dass es ihr besser zu gehen schien. „Hallo, mein Kind“, begrüßte sie mich herzlich, und ich zog einen Stuhl heran und setzte mich an ihr Bett. „Wie geht es dir?“, erkundigte ich mich, und sie antwortete zögerlich: „Gut… Aber wie geht es dir? Ich meine... Alles in Ordnung mit dem Laden?“ „Ja, alles gut“, lautete meine Antwort, und ich überdeckte den brüchigen Schatten in meiner Stimme mit einem breiten Grinsen, „Heute Morgen habe ich ein Kuscheltier verkauft. Diesen Zirkuselefanten, erinnerst du dich? Wir haben sie Naomi genannt.“ „Ah, natürlich erinnere ich mich“, lachte die alte Frau. Wir redete eine Weile über dies und das, und schließlich kam eine mürrische Krankenschwester hereingeplatzt und kündigte das Ende der Besuchszeit an.

Ich erhob mich und wollte mit einem letzten Nicken gehen, als Eleonore eine Schachtel aus ihrem Nachtisch fischte und sie mir reichte. „Nicht reinschauen, aber behalte sie bei dir!“, zischte sie besorgt, und ich schrak zusammen.

Wusste sie davon…?  „Sie müssen gehen!“, keifte die Schwester genervt, und ich verließ das Zimmer ohne ein weiteres Wort. Als ich in auf den Bus wartete, der mich nach Hause bringen würde, überraschten mich zwei Studienkolleginnen und luden mich zu einer kleinen Party ein. Ich stimmte nach kurzem Zögern zu und folgte ihnen zu einem Club, in dem sich die Studenten aus meinem Jahrgang häufiger trafen. Ich lernte einige meiner Kommilitonen erst jetzt richtig kennen und verstand mich auf Anhieb super mit den Meisten. Deshalb, und wegen der Sicherheit, die mir diese Gruppe bot, blieb ich ziemlich lange, doch um zwei Uhr Nachts fiel mir plötzlich ein, dass ich den Laden nicht abgeschlossen hatte. Ich verabschiedete mich schnell und verließ das Lokal fluchtartig, um zum Bus zu rennen. Ich erwischte den Letzten gerade so und ließ mich mit einem erleichterten Aufatmen auf einen der Sitze plumpsen. Nach der kurzen Busfahrt stieg ich aus und machte mich schnell auf den Weg zum Laden. Als ich dort ankam, bemerkte ich entsetzt, dass ich wohl zu spät kam: Die Tür stand sperrangelweit offen, und ich rannte in den Ausstellungsraum und sah mich erschrocken um. Ich war so ein Idiot… Wütend schlug ich mir selbst gegen die Schläfen, dann begutachtete ich den ganzen Raum. Zu meiner Verwunderung war nichts verschwunden.

Sowohl Geld als auch alle, mitunter ziemlich wertvollen Kuscheltiere waren noch da. Ja, auch Mary saß so wie immer auf ihrem angestammten Platz. Ich starrte sie misstrauisch an. Nein, mir fiel keine Veränderung auf. Ich hatte trotzdem kein gutes Gefühl, entschied mich aber dagegen, die Polizei zu alarmieren.

Mit einem letzten Blick in die ebenso unversehrten Werkräume verließ ich den Laden, vergewisserte mich, dass die Tür fest abgeschlossen war, und ging langsam nach Hause. Als ich durch die Dunkelheit nach Hause trottete, ließ ich mir die Bilder des Geschäfts nochmal durch meinen Kopf gehen. Nein, es war wirklich alles so wie immer gewesen… Ich erreichte meine Wohnung und trat ein. Licht durchflutete den Flur, und ich dachte ärgerlich, dass ich wohl das Ausschalten der Lampen vergessen hatte. Aber in diesem Haus wohnten doch auch noch ein paar andere Leute… Weshalb hatten sie es nicht ausgemacht?! Ich kannte meine Nachbarn nicht sehr gut, deshalb wunderte ich mich nur mäßig darüber und ging in meine Wohnung. Auch hier brannten alle Lichter, und ich wurde nervös. Ich hatte doch wohl nicht alle Lichter vergessen, oder? Ein erschreckender Gedanke tauchte vor meinem geistigen Auge auf: Was wäre, wenn der Einbrecher aus dem Laden weder nach Bargeld noch nach Sammlerstücken gesucht hatte, sondern nach mir?!

Das war die einzige Erklärung für den unberührten Laderaum! Diese Erkenntnis verstörte mich so sehr, dass ich erst einmal in der Küche auf einem Stuhl in mich zusammensackte und eine Weile brauchte, um wieder zu klarem Verstand zu kommen. Wer auch immer hier war, jetzt war er weg und würde vermutlich nicht so schnell wieder kommen. Aber sicher ist sicher… Als ich mich etwas beruhigt hatte, schloss ich alle Türen und Fenster ab und verbarrikadierte mich so gut wie möglich mit Kissen und Decke in der Küche. Ich wusste nicht weshalb, aber hier fühlte ich mich am sichersten. Eine lange Zeit saß ich hier im Licht der Deckenlampe und löste einige Kreuzworträtsel. Ich musste wach bleiben… Pfefferspray und eine Taschenlampe lagen direkt neben mir, und ich hätte mich notfalls verteidigen können, aber ich hatte einfach zu große Angst davor, in der Schwärze hinter meinen Augenlidern zu versinken. Doch meine Glieder wurden immer schwerer… Irgendwann konnte ich meine müden Augen nicht mehr offen halten und versank in einem ohnmächtigen Schlaf.

Ein lautes Knirschen riss mich aus dem Schlaf. Mit einem Schrei fuhr ich hoch und starrte in die Dunkelheit. Was war das…? Ich zitterte am ganzen Körper und tastete nach einer Taschenlampe. Aber da war nichts… Ich hatte mir doch eine Taschenlampe zurechtgelegt! Weshalb war das Licht überhaupt aus?! Ich blieb stocksteif sitzen und durchbohrte die Düsternis mit ängstlichen Blicken. Immer wieder hörte ich dieses Geräusch, und mir wurde übel vor Anspannung. So konnte die Situation nicht bleiben… Panik beflügelte mich, und ich krabbelte vorsichtig durch den stockdunklen Raum. Was war nur passiert… Wieder ein Stromausfall? Ein unterdrückter Schmerzensschrei entwich meinen Lippen, als ich mit dem Kopf gegen eine Wand knallte. Vorsichtig tastete ich diese ab und spürte raues Holz unter meinen sanften Handflächen. Irritiert wich ich zurück. Holz…? In meiner Küche gab es keine Wände aus Holz! Wieder durchschnitt ein Knarren und Raunen die Dunkelheit, und ich schrie erschrocken auf. „Wer ist da?! Wer verdammt ist da! Das macht mich verrückt!“ Meine schrillen, manischen Angstschreie schienen meinen im Schatten verborgenen Verfolger zu beunruhigen, und ich hörte das Scharren langer Krallen, die beunruhigend nah zu sein schienen. Ich brüllte hysterisch  und schlug nach dem Wesen, doch es wich allem Anschein nach sehr behände aus und ich bekam nur irgendetwas Glattes zu fassen. Dann begann es, mit hoher Stimme zu kichern. Und ich kannte diese Stimme… Mit weit aufgerissenen Augen, aus denen stumme Tränen tropften, erinnerte ich mich an den schrecklichen Albtraum, der mich vor einigen Tagen geplagt hatte, und ich spürte, wie ich langsam auf den Wahnsinn zusteuerte. „Bitte…“, wisperte ich, „Du macht mich krank… zeige dich! Zeig dich verdammt nochmal, du Feigling!“ Die letzten Worte brüllte ich erfüllt von Todesangst und triefendem Hass, und kaum hatte ich den Satz beendet, flammten die Lichter auf. Als ich den puren Horror erblickte, der sich direkt vor mir befand, zerbrach etwas in mir. Ich schrie nur noch, als ich im Delirium versank. Meine Gedanken zersplitterten, und ich begann, kreischend und schluchzend auf den Spiegel vor mir einzuschlagen.

Aus einem großen, glitzernden Knopfauge betrachtete ich die grausame Szenerie, die sich mir bot. Zuerst schlug das Mädchen den Spiegel in Stücke, und mein gestickter Mund verzog sich zu einem Grinsen, als sie begann, sich im Atelier ihrer Mentorin, in das ich sie eingesperrt hatte, mit einer Schere das rechte Auge herauszuschneiden. Meine Kräfte waren unglaublich… Wie leicht Menschen zu kontrollieren waren… Blut und die gallertartigen  Überreste ihres zerschnittenen Auges spritzten auf den Boden, und ihr qualvoller Schrei war Musik in meinen flauschigen Katzenohren. Ein Kichern entrann meiner Kehle, und ich beobachtete vergnügt, wie sie sich vor Schmerzen auf dem Boden herum rollte.

Sie war ja so amüsant… Ich liebte die Menschen! Ihre Naivität, ihr weichen Hände, die mir über den weichen Plüschkopf streichelten… Sie hatten ja keine Ahnung, wie gefährlich und bösartig ich wirklich war! Mein Knopfaugenblick wanderte wider zu meiner Schöpferin, die sich immer noch schreiend auf dem Boden zusammenkauerte. Dieses makabere Spiel war äußerst vergnüglich, doch nun war es an der Zeit, den richtigen Spaß beginnen zu lassen! Ich begann zu wispernd, zu kichern und sie zu verhöhnen, und ihre Schreie wurden immer lauter. Ich konnte Wut, Wahn und Angst aus ihrer Stimme heraus hören, und ich verspürte eine gewisse Befriedigung bei der Folter meiner niederen Schöpferin. Sie sollte zerstört werden… Sie sollte zu meiner Marionette, meinem menschlichen Ebenbild werden! Da kam mir ein grausamer Gedanke, und mit einem boshaften lachen stieß ich die Schachtel, die ihre Mentorin ihr anvertraut hatte, zu ihr herunter. „Nähe ihn an…“,  lachte ich kalt und beobachtete interessiert, wie sie die Schatulle mit dem Talisman aufbrach. Heraus fiel ein großer, schwarzer Knopf und kam klirrend auf dem Boden auf. Was war das nochmal gewesen? Eine Art Gegengift gegen mich, oder? Er sollte mich von ihr fern halten… Als ob ein verdammter Knopf jemandem wie mir etwas anhaben konnte! Die junge Frau, die das rollende Objekt mit ihrem verbliebenem, wahnsinnig schimmernden Auge anstarrte, kroch darauf zu und wimmerte, als ich auch noch Nadel und Faden aus dem breiten Sortiment des Ateliers zu ihr herunter stieß. Doch sie erhob den Blick nicht in meine Richtung und legte den Knopf zitternd über die leere, blutige Augenhöhle. Dann richtete sie die Nadel mit dem durch die Öse gefädelten Faden auf ihr Gesicht. Sie zögerte, während Tränen aus ihrem Auge flossen, dann stach sie zu. Immer wieder spritze Blut, immer wieder gellten ihre gepeinigten, kranken Schreie in meinen Ohren. Mein schauriges Kichern hallte im ganzen Raum wieder, als sie zuckend und sich vor Schmerzen übergebend auf dem Boden zusammenbrach, doch ich war noch nicht fertig. Mit meiner schneidenden, hohen Stimme befahl ich ihr, ihren rechten Mundwinkel aufzuschneiden und anschließend wieder zuzunähen. Sie folgte meiner Anweisung panisch, und sie spuckte Blut, als in ihrer Wange ein riesiger Schnitt klaffte, den sie langsam mit groben Stichen wieder schloss.

Ihr Aussehen wurde immer mehr zu dem eines misshandelten, vergessenen Spielzeugs… „Gutes Mädchen“, lächelte ich bösartig, dann sprang ich von meiner Empore herab und landete elegant vor ihr auf dem Boden. „Du…“, flüsterte sie und verdrehte ihre Augen panisch, als sie meinen Körper, den Körper einer plumpen, süßen Kuscheltierkatze, sah. Blut quoll aus ihrem Mund, und sie hustet und keuchte, als sie vor mir zurückwich. Ich lachte irre, dann sprang ich auf ihren Körper und starrte verächtlich auf sie herab. „Hau… Ab! Du verdammtes Monster!“, würgte sie hervor, dann packte sie mit zitternden Händen eine Schere und rammte sie in einem Anflug letzten Muts in meinen Bauch. Mit einem Schrei wich ich zurück. Dieser unerwartete Gegenschlag hatte gesessen. Ich hatte sie noch nicht ganz besiegt…? Dreckige Arbeit meinerseits. „Sie dich doch an“, höhnte ich, während schwarzes Blut warm aus meinem plüschigem Bauch rann, „Du hast von uns beiden wirklich eher das Aussehen eines Ungeheuers!“ Blut tropfte unter ihrem angenähten Knopfauge hervor, und statt ihrem niedlichen Nachthemd trug sie jetzt eine blutige Jeans und eine helle Jacke, an deren Kapuze Katzenohren prangten. Schwarze Nähte verzierten ihre neue Tracht, und die rechte, der Jacke angenähte Pfote war mit klangen Klauen bestückt.

Sie war wirklich eine würdige menschliche  Repräsentation meiner selbst! Sie war mein bald vollendetes Meisterwerk… Und ich hatte keine Lust mehr, noch länger zu warten. Ich wollte mein neues Spielzeug jetzt benutzen, ich wollte sehen, wozu sie fähig war! Mein grausiges Lachen erfüllte das Zimmer noch ein Mal, bevor ich sie vollständig in meiner Hand hatte. Sie war nun verloren, eine traurige Seele ohne lebendigen Willen, und mit einem bösartigen Lächeln sprang ich auf die Schulter meines neuen Spielzeugs. Das würde ein monströser Spaß werden… Mein ‚Plushy Murderer‘!

Eleonore wälzte sich unruhig in ihrem Bett umher. Sie war schon seit einer Woche im Krankenhaus, doch ihre junge Schülerin hatte sich kein einziges Mal mehr gemeldet. Sie war weder über Festnetz, ihr Handy oder im Geschäft zu erreichen. Wenn das so weiterging, würde sie die Polizei alarmieren… Sie fühlte sich schlecht, da sie ihren Schützling nicht vor der Gefahr gewarnt hatte, die von Mary ausging. Vielleicht war sie bereits tot… Ihre letzte Hoffnung war das Kästchen, das sie ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Der große, schwarze Knopf darin war ein Talisman gewesen, von dem sie gehofft hatte, er würde das Mädchen vor dem plüschigen Dämon beschützen. Doch sie ahnte furchtbares, denn Mary war überaus intelligent und hatte bestimmt gewusst, welche Macht von dem schwarzen Rund ausging… Sie hatten keine Chance mehr. Das wusste sie im Grunde genommen genau, doch sie wollte einfach nicht daran glauben. Wieso war das alles passiert?

Mit Tränen in den Augen erinnerte sie sich an ihre erste Begegnung mit Mary. Was war nur geschehen? Welche Macht konnte von ihr Besitz ergriffen und sie so grausam gemacht haben? Eleonore konnte es nicht begreifen. Doch im Grunde genommen war das jetzt auch nicht- Die Vorhänge bauschten sich auf einmal auf, und Eleonore unterbrach ihren Gedankengang geschockt, als sie den Schemen hinter den Gardinen erkannte. Katzenohren. „M…Mary…?“, wisperte sie panisch und tastete langsam nach dem Notknopf neben ihrem Krankenbett, und ein trauriges Miauen ertönte. „Was ist nur aus mir geworden…?“, jaulte die Person im Fensterrahmen lang und verzweifelt.  „Wie…?“, fragte Eleonore irritiert und erschrocken, als sie die verzerrte Stimme ihrer Schülerin erkannte „Was ist nur aus mir geworden?“, wiederholte der Schatten nachdrücklich, und Eleonore stand auf. Sie wollte nicht wirklich auf die Bedrohung zugehen, doch ihre Beine trugen sie automatisch immer näher an die Gestalt heran. „Nein… Bitte warte, Mary!“, bat sie mit schützend erhobener Hand. Wie auf Kommando blieb Eleonore stehen, und sie schluckte schwer. Sie hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit des Dämons. Jetzt oder nie… Dann befahl sie mit ängstlich zitternder Stimme: „Gib sie frei, Mary!“ „So…? Ich fürchte, dass wäre eher eine Last für sie...“, lachte der Dämon mit der Stimme der jungen Frau leise, dann wurden die Vorhänge wie durch Geisterhand aufgerissen. Beim Anblick des verunstalteten Körpers, der sich dahinter verbarg, weiteten sich Eleonores Augen verzweifelt. Es war wirklich zu spät…

„Bitte vergib mir…“, flüsterte Eleonore voll von Trauer über die verlorene Seele des Mädchens. Dann richtete sie ihren eisernen Blick wieder auf Mary. Es gab für sie nichts mehr zu tun. Sie hatte versagt, hatte, nur um ihr eigenes, altes Leben zu retten, ein anderes, jüngeres Leben geopfert. Was war sie nur für ein Mensch… Tränen der Reue liefen über ihre Wangen, als sich die besessene junge Frau auf sie stürzte, um ihre langen Klauen und ihre spitzen Zähne in den starren Körper zu schlagen. Mary war wirklich ungeduldig… Eleonore hörte ein reißendes, widerliches Geräusch, dann spürte sie einen klaren, stechenden Schmerz. Mit ihren Reißzähnen zerfetzte das Monster Eleonores Kehle, und ihr Kopf kippte haltlos nach vorne, während rotes Blut aus ihrem Hals spritzte. Eleonores Augen fielen zu, und einen Moment später schlug ihr zerfetzter, toter Körper begleitet von einem widerlichen Knirschen auf dem Boden auf.

Das Wesen über ihr zog seine langen Krallen begleitet von einem schmatzenden Geräusch aus dem blutigen Fleisch, dann schwang es sich behände aus dem Fenster und kam geschickt auf dem Boden darunter auf.

Wie sagt man doch so schön? Katzen landen immer auf den Pfoten…

Bevor sie jedoch durch das Gassenlabyrinth davonhuschte, drehte sie ihr zerstörtes Gesicht noch einmal in Richtung des offenen Fensters. Blut tropfte von ihren hellen Klamotten und ihrem schwarzen Haar, und der Mond beleuchtete die Szenerie in seinem seltsamen, fahlen Licht. Ein schwarzer Knopf blitzte in der Dunkelheit, und der entstellte Mund verzog sich zu einem kranken, beinahe schmerzhaften Lächeln. Aber nur beinahe…

 „Was ist nur aus mir geworden?“

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