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Ich komme von der Schule nach Hause. Meine Mutter ruft mir aus der Küche zu: „Hallo Schatz. Das Essen ist bald fertig.“ Und fügt dann an: „Oh, bevor ich es vergesse, da ist ein Paket für dich gekommen. Ich habe es Dir auf dein Bett gelegt“.

Ich bin etwas erstaunt, denn ich habe doch gar nichts bestellt?

Ich gehe auf mein Zimmer und tatsächlich, es liegt ein Paket auf meinem Bett. Es ist eines von diesen gepolsterten, braunen Kuverts. Ausser einer weissen Klebe-Etikette mit meinem Namen drauf, ist es leer. Kein Post-Stempel, kein Absender. Es ist auch kaum zerknittert. Hat es wohl jemand persönlich bei uns in den Briefkasten gelegt? Aber wer?

Ich entscheide mich, das Paket zu öffnen. Selbst jetzt, als ich es in der Hand halte, kann ich mir nicht vorstellen, was darin sein soll.

Lila Edition

Ich reisse das Kuvert auf und schütte den Inhalt auf mein Bett. Zwei Dinge kommen heraus. Eines konnte ich eindeutig als lila Gameboy erkennen. Das andere war wohl ein Spiel dazu. Pokémon stand darauf. Darunter in kleinerer Schrift „Lila Edition“. Auf dem Cover ist eine Gestalt abgebildet, wohl ein Pokémon, welche mich an ein Alien erinnert.

Pokémon hatte ich natürlich schon gehört, aber auf meiner Privatschule reden wir selten über solche Spiele. Mein Vater erlaubt mir das auch nicht. Er ist Chef in der Entwicklungs-Abteilung einer sehr grossen Firma, welche Solarzellen herstellt. Er ist auf diesem Gebiet eine der treibenden Kräfte. Er darf eigentlich nicht, aber er spricht manchmal mit mir darüber, was er gerade entwickelt. Seit einiger Zeit ist er an der Herstellung eines extrem leistungsstarken, hauchdünnen und transparenten Solarmodules, welches sich jeder an seine Wohnungsfenster kleben kann und so genügend Strom für sich selber und seine Nachbarn herstellt. Mein Vater sagt, wenn in 3 Jahren diese Module bereit für die Serienfertigung sind, wird das das Ende aller Atom und Kohlekraftwerke bedeuten, seine Solarzellen werden Elektro-Autos antreiben und die Welt wird viel sauberer sein.

Ich bin sehr stolz auf meinen Vater.

Meine Mutter reisst mich aus meinen Gedanken, da sie mich zum Essen ruft. Ich gehe die Treppe runter ins Esszimmer und weiss schon, dass mein Vater nicht hier sein wird. Er will seine Vision dieser Solarzellen erfüllen, was sehr löblich ist, trotzdem müssen wir als Familie zurückstecken. Aber das verzeihe ich ihm.

Während dem Essen fragt meine Mutter mich: „Schatz, was war denn in deinem Paket“?

Ich weiss natürlich, wenn ich ihr sage was drin war, wird sie es mir wegnehmen. Ihr „hochintelligenter, talentierte Sohn“ soll sich schliesslich nicht mit solchen „Banausen-Video-Spielen“ das „Gehirn weich machen“. Meine Eltern setzen mich mit ihren Erwartungen für meine Zukunft ziemlich unter Druck. Ich werde in eine Rolle gedrückt, die ich gar nicht spielen will. Ganz ehrlich, ich bin nicht mal gut in der Schule. Oft wünsche ich mir, ein normales Kind zu sein, draussen zu spielen. Eine Wii zu haben anstatt zwei volle Bücherregale. Eine heisse Schokolade trinken anstatt englischen Tee. Eine fettige, triefende Pizza beim Lieferdienst bestellen, anstatt eine beim besten Italiener der Stadt zu essen. Aber im Moment kann ich das nicht ändern.

Ich antworte meiner Mutter: „Es war ein Buch über fortgeschrittene Algebra, das ich vor kurzem bestellt habe“. Sie glaubt mir und geht nicht näher darauf ein. Das restliche Essen verläuft ruhig.

Danach erledige ich meine Hausaufgaben und wende mich dann dem Spiel zu. Ich weis natürlich, dass es mich nicht „dumm“ machen würde, doch ich hatte bisher noch nie mit sowas gespielt und hatte deshalb doch etwas Respekt davor.

Ich nehme das Spiel und den Gameboy in die Hand und betrachte die beiden Dinge kurz. Es gefällt mir, dass das Spiel und die Konsole dieselbe Farbe haben. Und auf dem  Gameyboy sind weitere dieser witzigen Pokémon abgebildet. Ich befördere das Spiel in die Konsole und drückte den Ein/Aus-Schalter nach oben. Ein rote Licht leuchtet auf und das Spiel startet.

Ich wähle die Option „Neues Spiel“ und ich sehe ein kleines Intro aus der Ich-Perspektive. Das Bild ist etwas verpixelt, aber das Gerät ist wohl auch nicht aktuell.

Blubb

Es scheint, als würde ich im Spiel meine Augen öffnen. Ich schaue auf sowas wie Luftblasen unter Wasser. Die Musik, die das Gerät spielt, klingt nach einem blubbern, wenn auch etwas dumpf. In einer Textbox erscheinen die Worte „blubb… blubb…“.

Wo bin ich

Nachdem ich die Taste A gedrückt habe, erscheinen in der Textbox die Worte: „Wo… Wo bin ich?“. Danach schliesst sich das Auge im Spiel wieder und das Display wird schwarz.

Endlich bist du wach

Nach etwa drei Sekunden, in der die Musik wie ein Herzschlag klingt, erscheint eine Figur auf dem Display. Sie trägt einen Anzug und fängt sogleich an, sich mit mir zu unterhalten. Die Textbox zeigt mir einen Monolog: „Endlich bist du wach! Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet! Du bist genau so, wie es mir versprochen wurde! Sieh dich nur an, du strotzt vor Kraft!“

Giovanni dein Vater

Bis zu diesem Moment verstand ich noch gar nichts. Er fuhr fort: „Oh, entschuldige, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich war die treibende Kraft hinter deiner Erschaffung! Du bist mein Lebenswerk. Ich bin Giovanni, dein Vater!“. Gut, langsam kommt etwas Licht in die Sache.

„Und zusammen werden wir viel erreichen, mein Kleiner. Wir werden viel und hart trainieren, aber das wird es wert sein. Nun gehe deine ersten Schritte und lerne, mein kleiner Mewtu!“.

Lerne mewtu

Nun erscheint eine andere Figur auf dem Bildschirm, die ich wohl spielen sollte. Sie verkleinert sich aber rasch und steht nun in sowas wie einem Labor. Erst jetzt fällt mir auf, dass auf dem Gameboy zwar Color steht, aber das Display mir das Spiel monochrom anzeigt, also ohne Farben. Ich studiere aber nicht zu lange an diesem Detail herum. Ich merke, dass ich im Spiel nun die Kontrolle über die Figur übernehmen kann, die eben geschrumpft worden ist.

Mewtu Labor

Ich laufe also etwas in dem Labor herum, doch es gibt keinen Ausgang. Nach etwa 5 Minuten ziellosem herumirren erscheint eine Textbox: „Giovanni: Nun Kämpfe, mein junger Mewtu! Werde stark! Zeige deinen Gegnern und mir, wie unfassbar stark du bist!“.

Erster Kampf

Es erklingt eine nervöse Musik und der Bildschirm wird schwarz. Ich befinde mich scheinbar in einem Kampf. Mein Gegner ist eine Kreatur namens Taubsi. Unter dem Namen steht „L:5“, was wahrscheinlich Level heisst. Bei mir steht dasselbe. Ich drücke auf „KMPF“ und bekomme zwei weitere Auswahlmöglichkeiten: „Psychokinese“ und „Psywelle“. Ich wähle Ersteres. Der Bildschirm blinkt einige Male und der Balken, der wohl den Gesundheitszustand des gegnerischen Pokémon aufzeigt, leert sich innert wenigen Augenblicken. Eine Textbox zeigt: „Taubsi wurde besiegt! Du erhälst 30 EP!“. Ich verstehe den Sinn dahinter nicht ganz, doch ich habe wohl gewonnen.

Zweiter kampf rattfratz

Ich sehe wieder meine Figur in der Vogelperspektive und eine weitere Textbox erscheint: „Giovanni: Sehr gut, mein Kleiner! Nur weiter so!“. Ich kann meine Figur nun wieder steuern. Doch nach nur einem Schritt erklingt erneut die nervöse Musik, das Display wird schwarz und mein zweiter Kampf beginnt. Mein jetziger Gegner heisst Rattfratz und befindet sich wie das Taubsi zuvor auf Level 5. Ich gehe vor wie beim letzten Kampf, der Gegner ist nach einer Attacke von mir besiegt. „Rattfratz wurde besiegt! Du erhälst 30 EP! Du erreichst Level 6!“. Wie nach dem letzten Kampf

erscheint wieder eine Textbox:  „Giovanni: Nur weiter so! Du wirst stärker!“. Wieder kann ich nur einen Schritt machen und ein weiterer Kampf beginnt. Ich kämpfe gegen diverse Pokémon und der Ablauf ist immer derselbe: Ich besiege sie mit einer Attacke, erhalte EP und erreiche hin und wieder ein weiteres Level, der Kampf endet, eine Textbox erscheint, in der Giovanni mich in kurzen Sätzen zum Weitermachen motiviert oder lobt, ich kann einen Schritt gehen und ein weiterer Kampf beginnt. Immer nach etwa 15 dieser Kämpfe erscheint eine Textbox, in der steht: „Du trainierst so fleissig, ich bin so stolz auf dich! Ruh dich kurz aus“. Daraufhin wird das Display schwarz, eine kurze, witzige Melodie erklingt, danach kann ich meine Figur wieder steuern (bezw. Einen Schritt machen, dann beginnt der nächste Kampf). Der einzige Unterschied, der mir danach immer auffällt ist, dass diese Zähler, die es bei meinen Attacken anzeigt, wieder auf demselben Stand sind. Man kann diese Attacken wohl nur begrenzt wiederholen, doch wenn ich mich „ausruhe“, sind sie wieder aufgefüllt. Ich habe den Sinn dieses Spieles noch nicht ganz durchschaut, aber trotzdem macht es mir Spass, wie ich Giovanni damit zufrieden mache und geniesse sein Lob. Mein Vater ist überhaupt nicht so, er lobt mich nie. Egal, was ich ihm zeige, es ist nie gut genug und er gibt mir Verbesserungsratschläge. Ich denke nicht, dass er das böse meint, doch seine Erwartungen an mich sind auf einem sehr hohen Niveau.

Ganz ehrlich, wäre ich nicht durch das gute Haus, aus dem ich komme privilegiert, wäre ich ein schlechter Schüler. Ich lerne nicht sehr schnell. Hätten die Lehrer in meiner Privatschule wegen der kleinen Klassen nicht so viel Zeit, um die Aufgaben mit jedem Schüler einzeln zu besprechen, wäre ich verloren. Ich hasse es, dass ich auf diese Privatschule gehe. Es ist gut für meine Zukunft, aber womit habe ich mir das verdient? Ich habe doch noch nie selber Geld verdient oder etwas Grosses geleistet. Nur weil mein Vater einen gutbezahlten Job hat, soll ich eine bessere Ausbildung bekommen als die Kinder, die ich manchmal auf der Strasse spielen sehe, wenn ich mit dem Schulbus nach Hause fahre? Das Leben ist nicht gerecht.

Ich habe gar nicht gemerkt, dass meine Gedanken so abgedriftet sind. Meine Uhr auf dem Nachttisch zeigt schon 21:30 Uhr. Ich drücke bei meinem Gameboy auf Start und finde eine Option um meinen Spielstand zu speichern. Danach mache ich mich fürs Bett bereit, sage meiner Mutter gute Nacht und lege mich hin. Mein Vater ist wohl immer noch bei der Arbeit…

Bald schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen in der Schule kritzle ich lustlos in meinem Notizheft herum, anstatt mich auf den Schulstoff zu konzentrieren. Ich versuche die Figur zu zeichnen, die ich in meinem neuen Spiel darstelle, doch es will mir nicht so recht gelingen. Ich bin aber zugegeben auch kein besonders guter Zeichner. Ich will lieber wieder nach Hause und sehen wie es in meiner Lila Edition weitergeht, anstatt hier in der Schule zu sitzen.

Als ich am Abend nach Hause komme gehe ich gleich auf mein Zimmer und hole den Gameboy unter der Matratze hervor, unter der ich ihn gestern versteckt hatte. Ich schalte ihn ein und als erstes bekomme ich eine Textbox angezeigt: „Giovanni: Da bist Du ja wieder! Hast Du dich schön ausgeruht? Bist Du bereit, weiterzukämpfen und noch mehr Stärke zu erlangen?“. Obwohl ich die Frage im Spiel nicht wirklich beantworten kann, denke ich mir: „Ja, ich bin bereit.“

Ich verbringe den ganzen Abend mit dem Spiel und unterbreche nur kurz, als meine Mutter mich zum Essen ruft. Mein Vater ist wieder nicht da. Ich verhalte mich ganz normal, da sie ansonsten noch etwas von meiner neuen Leidenschaft mitkriegt. Nach dem Essen sage ich, dass ich noch etwas lernen gehe. Meine Mutter stört das natürlich nicht und wenn ich lerne, lässt sie mich in Ruhe. Ich habe nicht wirklich vor zu lernen, ich will nur in meinem Spiel weiterkommen. Als ich auf mein Zimmer gehe, fällt mein Blick kurz auf meinen Schulranzen, aber ich lasse ihn liegen wo er ist, ich kann ja später noch lernen.

Ich spiele weiter, besiege ein Pokémon nach dem anderen und nach jedem Kampf lobt mich mein Vater Giovanni und lässt mich hin und wieder kurz ausruhen. Ich habe im Spiel mittlerweile Level 16 erreicht, auch meine Gegner werden immer Stärker. Doch auch die Level 20 Pokémon, die ich nun antreffe, haben meiner Psychokinese nicht viel entgegenzusetzen. Jedes gegnerische Pokémon schlage ich mit einem Mal, ich selber wurde noch nie angegriffen. Ich spiele weiter bis ich Level 25 erreiche, dann ist es auch schon wieder spät und ich verstecke meinen Gameboy wieder. Von meinem Vater fehlt noch immer jede Spur, er kam gestern wohl spät und ging heute früh. Die Arbeit ist wohl wichtiger als die eigene Familie. Als ich im Bett liege, denke ich über Giovanni nach. Er ist nur eine pixelige Figur in einem Videospiel, trotzdem übt er eine gewisse Faszination auf mich aus. Er scheint ein fleissiger, gebildeter Mann zu sein. Und ich bedeute ihm wohl etwas, er ist ja immerhin mein Vater. Und er ist stolz auf mich. Bei diesen Gedanken schlafe ich ein.

Die nächsten Tage laufen ziemlich ereignislos ab. Einmal, als ich morgens zur Toilette gehe, sehe ich kurz meinen Vater, doch er ist schon unterwegs zur Arbeit und wünschte mir nur im Vorbeigehen einen guten Morgen. Seine ach-so-wichtige Arbeit ruft ihn wohl. Man muss ja Prioritäten setzen.

Ich verbringe eigentlich meine gesamte Freizeit an meinem Gameboy. Ich nehme ihn auch zur Schule mit und spiele während dem Unterricht heimlich unter der Bank oder verstecke mich in der grossen Pause vor den anderen Kindern, damit ich in Ruhe spielen kann. Meinen Freunden muss ich das gar nicht erst versuchen zu erklären, für die ist Schule wichtiger. Ich konzentriere mich wieder auf die Schule, wenn ich das Spiel durchgespielt habe.

Ich weis immer noch nicht, wem ich dieses Geschenk zu verdanken habe, aber es ist mir auch zu dumm, jeden Einzelnen meiner Freunde und Verwandten danach zu fragen. Der noble Spender wird sich schon noch zu erkennen geben.

Es ist früh morgens und ich wache auf, meine Mutter ist in meinem Zimmer. Sie hat mich geweckt. Ich habe den Alarm meines Weckers verschlafen, denn ich habe bis spät in die Nacht unter meinem Nachtlicht meine lila Edition gespielt. Ich befinde mich nun auf Level 58.

Meine Mutter schaut mich an, während ich mir den Schlaf aus den Augen reibe und fragt mich: „Wer ist Giovanni? Du hast diesen Namen gesagt, als ich dich das erste Mal versucht habe zu wecken.“

Ich bin etwas erstaunt, dass ich diesen Namen gesagt haben soll, erfinde jedoch die Ausrede, dass Giovanni eine historische Berühmtheit aus dem Geschichtsunterricht ist. Sie ist mit dieser Aussage zufrieden. Mein Vater hat sie bestimmt nicht wegen ihrer Intelligenz geheiratet.

Nach der Schule spiele ich mein Spiel weiter, auch wenn ich in der Schule einiges nachzuholen hätte. Aber das interessiert mich nicht. Ich will mehr von Giovanni hören. Hören, wie stolz er auf meine Stärke ist. Dass ich sein vollendetes Lebenswerk bin. Dass ich ihn zu einem glücklichen Vater mache. Giovanni ist immer für mich da. Jemand, der nur aus ein paar Pixel in einem Video-Spiel besteht und den ich seit dem Intro nicht mehr gesehen habe, ist mehr für mich da als mein echter Vater.

Nach einem Kampf, durch den ich Level 80 erreicht hatte, erscheint eine Textbox von Giovanni: „Bald bist du so weit.“ Diese 5 Worte, so einfach sie sein mögen, brennen sich in mein Gedächtnis ein. Ich werde bald so weit sein! Bald geht es weiter!

„Bald bist du so weit.“

Ich spiele noch etwas weiter, nichts Aussergewöhnliches passiert mehr. Ich lege mich heute etwas früher schlafen als den Rest der Woche, da ich doch etwas ausgepowert bin. Und ich muss mich ausruhen, denn bald bin ich so weit. „Bald bist Du so weit“, sagte Giovanni. Mit diesen Worten in meinen Gedanken, entgleite ich in den Schlaf. Ich träume von den Kämpfen und ich träume von Giovanni. Von Giovanni, meinem Vater. Meinem echten Vater.

Am nächsten Morgen wache ich auf. Ich bin schnell wach denn ich fühle eine Spannung in der Luft. Wird mein heutiger Tag anders verlaufen, als ich erwarte?

Ich habe meinen Vater seit drei Tagen nicht mehr gesehen. Aber das ist mir egal. Was bildet der sich eigentlich ein? Seine Familie so im Stich zu lassen. Wie wichtig kann so eine dumme Solarzelle denn bitte sein?

Aber ich habe ja Giovanni. Er ist für mich da, er lobt mich, er baut mich auf. Er motiviert mich zum Weitermachen.

Die Schule verläuft ohne Zwischenfälle und der Tag geht schneller zu Ende als befürchtet.

Ich komme nach Hause und widme mich wieder meinem Spiel. Ich habe Level 98 erreicht. Ich spiele immer weiter, besiege Pokémon um Pokémon. Keiner von meinen Gegnern kann ein Level über 100 aufweisen, deshalb denke ich, dass das die höchste Stufe sein muss, die erreicht werden kann. Bald werde ich auch auf diesem Level sein. Sehr bald. Bald bin ich so weit. „Bald bist du so weit“, wie Giovanni zu mir sagte.

Ich gewinne einen Kampf nach dem anderen und erreiche tatsächlich Level 100.

Du bist nun so weit

Zum ersten Mal seit ich das Intro gesehen hatte, das war vor drei Wochen, erscheint wieder Giovanni auf dem Bildschirm. Er ist genau so, wie ich ihn in Erinnerung habe. Gepflegt, höflich, eine starke Dominanz ausstrahlend. Ein Alpha-Tier. Er sagte erneut fünf Worte, die in mir etwas auslösen. Er sagt: „Du bist nun so weit“.

Ich lege meinen Gameboy hin und gehe die Treppe runter in unser Esszimmer. Mein Vater sitzt dort und isst sein Abendessen. Ich konnte nicht wissen, dass er dort sitzt, doch ich hatte es geahnt. Ich gehe den langen Tisch entlang, bis ich neben ihm stehe. Ich schaue ihm tief in die Augen und sage langsam und deutlich: „Du bist nicht mein Vater.“

Der Blick, den er mir daraufhin zuwirft, ist eine Mischung aus Erstauntheit, Verwirrtheit und etwas Ärger. Ohne meinen Blick von ihm zu lassen greife langsam ich nach dem scharfen Messer, das auf dem Tisch neben seinem Teller liegt. Ich schaue ihm in die Augen, als ich das Messer mit aller Kraft in seinen Bauch ramme. Er versteht zuerst gar nicht, was passiert ist und realisiert erst einige Augenblicke später, was ich getan habe. Er beginnt zu keuchen und schaut mich mit einem Blick an, den ich noch nie gesehen habe. Es ist der Blick eines sterbenden Menschen.

Ich gehe auf die Knie damit ich mit ihm auf einer Höhe bin, denn er sitzt noch immer auf seinem Stuhl, lege behutsam meine Arme um ihn, wie bei einer Umarmung und flüstere leise in sein Ohr: „Giovanni ist mein Vater“. Ich lasse ihn los und er sinkt zu Boden. Ich fühle nichts. Ich setze mich auf den Boden und lehne mich an die Wand an, meinen Vater dabei beobachtend, wie er langsam stirbt. Wie seine Atmung langsamer wird, wie er langsam aber sicher den Kampf verliert. Jeder der mich zum Kampf herausfordert, verliert. Giovanni wird stolz auf mich sein. Ich habe jeden Kampf gewonnen, auch diesen. Er hat gesagt, ich bin bereit und das war ich. Er hat an mich geglaubt. Er wird stolz sein. Giovanni. Mein Vater.

Ich denke nur an meinen richtigen Vater, Giovanni, und bekomme nicht mit, wie meine Mutter das Zimmer betritt und es schreiend wieder verlässt. Die Sanitäter die kommen. Die Polizei, die mich abführt. Meine weinende Mutter. Es ist mir egal. Es gibt nur noch mich und Giovanni. Mich und meinen richtigen Vater. Meinen stolzen Vater. Giovanni.

In der nächsten grossen Stadt sitzt ein Mann an seinem Schreibtisch. Er ist anständig angezogen, doch man sieht ihm an, dass er nicht anständig ist. Er ist einer von der üblen Sorte.

Ein weiterer Mann betritt sein Büro, er sieht aus wie ein Schläger aus einem Low-Budget-Film. „Auftrag ausgeführt, Boss“. Er legt einen lila Gameboy auf den Schreibtisch seines Vorgesetzten. Im Gameboy steckt ein Spiel, das ebenfalls Lila ist. „Ich konnte den Gameboy rechtzeitig aus dem Haus holen, bevor es von der Polizei nach Beweisen durchsucht wurde. Der Vater hat wie geplant nicht überlebt. Der Junge sitzt in einer Isolierzelle und schreit schon den ganzen Tag lang verzweifelt nach seinem echten Vater. Der Test hätte nicht besser laufen können.“ Der Mann im Anzug, der Boss, hebt erst jetzt seinen Kopf. Er spricht die Worte: „Gut gemacht. Gib unseren Technikern Bescheid, dass sie weitere Kopien des Spiels anfertigen sollen. Du kümmerst Dich darum, dass diese Spiele samt Konsolen an alle Kinder ausgeliefert werden, deren Väter unseren Plänen im Weg stehen. Wir sind nun so weit.“

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