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Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum ich diese gruselige Puppe mit den weit aufgerissenen Augen und dem packenden Lächeln mitgenommen hatte. Vielleicht, weil sie dort so einsam auf dieser Parkbank hockte, und mein Herz bei diesem Anblick regelrecht geblutet hatte. Vielleicht, weil das kalte Licht der Straßenlaterne sie wie ein Heiligenschein umhüllt hatte, und sie wie eine engelsgleiche Kreatur dort verweilte. Vielleicht, weil ich ein total dummer und bescheuerter Freak bin, und ich einfach über keinen gesunden Menschenverstand verfüge (ich meine – halloho – eine Puppe, die einfach irgendwo zurückgelassen wurde. Kennt ihr Annabelle?).

Wer weiß, wen interessiert´s, mir egal, weiter im Text.


Jetzt weiß ich jedenfalls, dass das eine meiner dümmsten Ideen seit langer Zeit gewesen ist. Also noch dümmer als: „Lass uns doch mal in einer Holzhütte ein Lagerfeuer anzünden.“ (Ich war wohlgemerkt betrunken und völlig dicht. Verurteilt mich nicht).

Denn dieses gottverdammte Ding lebt.

Wisst ihr, als Mann wird man eher schief angesehen, wenn man jemandem berichtet, dass man sich eine Puppe angeschafft hat, und genau aus diesem Grund weiß niemand außer mir von diesem seltsamen Hobby. Es ist nun mal etwas ungewöhnlich, wenn ein 1.90 Typ mit Tattoos und Piercings einer Mary-Doll die Haare bürstet, frisiert, sie in die wundervollsten Kleider steckt, und mit ihr Teeparties feiert.

Als ich noch nicht wusste, dass das Drecksbiest sich bewegen kann, habe ich ihr gerade einen Zopf geflochten. Die braunen Haare waren leicht gewellt, so weich wie Seide, und flossen förmlich durch meine talentierten, aber eher grob behafteten Hände. „Meine allerliebste Puppe.“, murmelte ich immer wieder, da sie mich sofort in ihren Bann gezogen hatte, aus dem ich partout nicht entkommen konnte…


Ich dachte mir nichts dabei, als das zierliche Wesen zuckte, und ihr Kopf zur Seite rutschte. Schließlich saß keine Puppe dieser Welt immer vollkommen gerade.

Ich dachte mir nichts dabei, als ich sie kurz alleine ließ, und danach liegend wieder fand. Verdammt, sie war so leicht, dass sie auch ein Windhauch umgeworfen haben könnte.

Ich dachte mir nichts dabei, dass ich nachts immer ein leises Wimmern vernehmen konnte, dass mich in meinen schlimmsten Albträumen verfolgte. Meine Nachbarin hatte gerade eine echt heftige Trennung hinter sich…


Oder um es anders auszudrücken: Ich war ein verdammtes Naivchen.


Ach, hätte ich mir doch mehr Horrorfilme angesehen, denn mir fiel es wie Schuppen von den Augen, als ich die Tür zu meinem Puppenzimmer aufriss, beglückt pfiff, und dann stockte.

Angst umschlang mich wie eine Ranke, und Panik jagte mir tausende Schauer über den Rücken, während sich mein Körper strikt weigerte, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Dunkelheit im Raum verschluckte beinahe alles, und obwohl meine Augen etwas brauchten, um sich zu adjustierten, wollte ich schon ab der ersten Sekunde rennen. Mich verstecken. Nach Mami rufen.

Denn sie lag dort. Hände ausgestreckt, Beine angewinkelt. Seidige Haare, die sich wie ein Wasserfall auf dem Boden ausbreiten. Leicht schiefgelegter Kopf, überraschter Gesichtsausdruck, unaussprechbare Eleganz… So, als ob sie sich vorangezogen hätte. Ihre braunen, glanzlosen Augen funkelten mich an, während ein unmenschliches Lächeln über ihr Gesicht gepflastert war, und dann hob sie eine dieser winzigen Händchen zu mir hoch, und kicherte. Es geschah alles so schnell, dass ich nicht reagieren konnte. Blut tropfte ihr wie Tränen aus den Augen, sammelte sich zu einer glänzenden Lache auf dem Boden. Das Lächeln schien breiter zu werden, während ihr Körper erbebte, und dann bewahrheiteten sich all meine Albträume auf einen Schlag.


Sie stürzte sich auf mich.


Biss, kratzte, schrie, fauchte. Und ich stand unter purem Horror da, ohne das Ding abzuschütteln. Verdammt. Wie war das möglich? Das ging gar nicht! In meinem Gehirn überschlug sich alles, während sie ihre niedlichen Fingernägel, die ich gestern noch lackiert hatte, langsam und beinahe genüsslich in mein Bein bohrte. Ihr Schrei ging mir durch Mark und Bein, und sie attackierte mich immer weiter, immer heftiger, immer schneller.

Ich wich zurück, und konnte ihren niedlichen kleinen Puppenkopf mir den wunderschönen braunen Haaren unter einem meiner gewaltigen Stiefel zerquetschen. Knacks. Platsch. Oh mein Gott… Zuerst ruckelte das Monster noch wie ein Insekt unter meinem Stiefel herum, und versuchte, mich zum Bluten zu bringen… Ihre Hände suchten nach Halt, die Beine zuckten wie die einer Spinne. Sie fauchte noch einmal, und dann verharrte sie regungslos. Ruhig. So, wie auf der Parkbank. Das Knacken hallte in meinen Ohren wieder und die Scherben schienen beinahe rot zu glänzen. Ein Gestank breitete sich aus, und schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen auf und ab, als ich bemerkte, wie ich das Gleichgewicht verlor, mein Atmen stockte, und ich fiel…

Ich fiel in Ohnmacht.

Die Schwärze hatte den vertrauten Geschmack von Hustensaft und Minze.



Langsam kam ich wieder zu mir. Es war kaum Licht vorhanden, und ich benötigte einige Sekunden, bis sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, weswegen ich leicht dümmlich vor mich hin blinzelte, und den Kopf wiederwillig schüttelte.

Ich konnte mich nicht orientieren. Das einzige, was in meinem Blickfeld lag, hatte einen zerquetschten Kopf und…

Oh verdammt.

Mir wurde übel.

Mist wo bin ich hier…


Jeder Versuch, mich zu bewegen, stellte sich als sinnloses Unterfangen heraus. Aber ich war nicht gefesselt, oder geknebelt. Nichts dergleichen. Mein Körper weigerte sich einfach nur, meinen Befehlen zu gehorchen, und so blinzelte ich weiterhin, um meine Sicht wenigstens ein klein wenig zu klären. – Stupide. Es brachte ja doch nichts… Doch anstatt etwas zu erblicken, erreichte mich nur ein ekelerregender Gestank nach Verwesung. Galle kam in mir hoch, und ich musste mich anstrengen, um nicht zu würgen.

Ich sah an mir hinab, und sah die Kleider, die zu einer Puppe passen würden. Süßes pinkes Kleid, kleine Schleifchen. Lange Strümpfe. Nein nein nein. Bitte nicht. Das ist nicht möglich. Ich würde daran erinnern, so etwas getragen zu haben.

Angst packte mich, dicht gefolgt von Panik, was sich nicht besserte als unmittelbar danach die Tür aufschwang, und ein leises, belustigtes Schnauben erklang.

Die schwarzen Punkte verdeckten meine Sicht, erblindeten mich spöttisch. Jemand flüsterte. Eine tiefe, männliche Stimme: „Meine allerliebste neue Puppe…“

Zeitgleich mit dem Kamm, der durch meine Haare gezogen wurde, jagte mir jemand eine Spritze in den Arm.

Abermals erschlaffte alles in mir.



Er summte.


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