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Ich blicke dem Mann in die Augen. Kalte, starre Augen. Hass und Leid haben ihn geprägt. Er wuchs in einem kleinen Bergdorf auf. Dort lernte er bereits in jungen Jahren, was es heißt, arm zu sein. Körperlich harte Arbeit dominierte seinen Alltag. Wenn er aus dem Kohlewerk kam, war er körperlich am Ende. Doch der wahre Schmerz erwartete ihn erst zuhause. Sein Vater trank. Er war nie über den Tod seiner Frau hinweggekommen. Wenn er einen seiner Anfälle hatte, schlug er zu. Er schlug ihn, bis er blutete. Sein Körper war gezeichnet von Platzwunden und Narben, denn es blieb nicht immer bei den Fäusten. Seine Mutter war eine gute liebevolle Frau gewesen. Als er acht Jahre alt war, starb sie. Leukämie hieß es. Er konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Er wusste nur, dass sie jetzt an einem besseren Ort war. Bei den Engeln. Bei Gott. Als er nach der neunten Klasse von der Schule flog, schickte ihn sein Vater in die Mine. Das wenige Geld, das er verdiente, versoff sein Vater. Sein elendiger Vater. Eines Tages kam er heim. Sein Vater saß in dem Schaukelstuhl, in welchem er immer saß, wenn er trank. Die leeren Flaschen zerbrachen, als er sie vom Tisch fegte und auf seinen Sohn zustürmte. Diesmal schlug er ihm mehrere Zähne aus. Er brach ihm die Finger der linken Hand und unzählige neue Wunden zierten seinen Körper. In dieser Nacht schlich sich sein Sohn in die Scheune und schleifte die schwere Axt ins Haus.

Am nächsten Tag ging er nicht zur Arbeit. Er packte seine wenigen Habseligkeiten zusammen. Das Geld reichte knapp für ein Zugticket. Er ging zur Armee. Was hätte er auch sonst tun sollen. Man nahm ihn auf. Er war willkommenes Kanonenfutter. Nach einer viel zu kurzen Ausbildung schickten sie ihn in den Krieg. Er würde sowieso nicht zurückkehren. Dachten sie. Doch er kehrte zurück. Er lernte, lernte den Krieg zu beherrschen. Er nahm mit seinem Trupp einen Außenposten nach dem anderen ein. Bald wurde er zum Truppenführer ernannt. Fünf weitere Jahre dauerte der Krieg an. Er war einer der wenigen Überlebenden. Er hatte an der Front gekämpft, hatte hinter den feindlichen Linien gemordet. Hatte alles getan, was von ihm verlangt worden war. Hatte seinem Vaterland gedient. Er wurde ausgezeichnet. Ein Medaillenhagel regnete auf ihn herab. Doch das interessierte ihn wenig. Er hatte nicht gekämpft, um zu gewinnen. Er hatte um des Tötens willen gekämpft. Das war das einzige, in dem er gut war. Man nannte ihn den Revolverhelden. Er pflegte seine Opfer mit einem Schuss zwischen die Augen zu töten. Er hatte sich einen Namen gemacht. Einen Namen, bei welchem man erzitterte, wenn er am Kneipentisch fiel. Der Krieg hatte ihn verändert. Der Mann war zur Bestie geworden. Eine Bestie ohne Emotionen. Ohne Angst.

Und vor allem eine Bestie ohne Mitgefühl. Er hatte hunderte Männer getötet. Hatte sich an ihren Frauen gelabt. Sie anschließend gefoltert und weggeworfen.

Er hatte seine zukünftigen Rächer, ihre Kinder, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, abgeschlachtet. Die Bestie war unaufhaltbar gewesen.

Als der Wiederaufbau des Landes begann, quittierte er seinen Dienst beim Militär. Er wurde ehrenhaft entlassen. Er ließ sich anheuern. Ob das Opfer dabei schuldig war oder nicht, war ihm egal. Aus dem Revolverhelden war ein Auftragskiller geworden. Er mordete sich von Stadt zu Stadt. Bis eines Tages eine Frau in sein Leben trat. Eine Frau, welche nicht nur als Objekt der Befriedigung diente. Er war ein Mann im besten Alter. Sie heirateten und lebten glücklich zusammen. Eines Tages gestand sie ihm, dass sie schwanger war.

Das Baby sollte in zwei Monaten geboren werden. Da standen sie plötzlich vor seiner Tür. Der Orden der Fünf. Eine Gruppe, bestehend aus fünf eiskalten Killern, welche es sich zur Aufgabe gemacht hatten, alle Überbleibsel des Krieges zu vernichten. Sie waren ebenso kalt wie er, kämpften damals schon Seite an Seite für ihr Vaterland. Sie hatten zwar den Krieg verloren, jedoch nicht den Hass auf ihren ehemaligen Gegner. Diese Männer brannten auf Rache. Eiskalte Rache. Sie töteten seine Frau und ihr gemeinsames, noch ungeborenes Kind. Er konnte fliehen. Doch er schwor sich, dass er sie finden würde.

Und das tat er. Sieben verbitterte Jahre lang jagte er die Mörder seiner Familie. Viele Leben wurden auf seiner Suche ausgelöscht. Sein blutiger Rachefeldzug zog sich bis in ein kleines Dorf. Ein Bergdorf. Seine Geschichte endete dort, wo sie begonnen hatte. Die Bestie war an den Ort ihrer Geburt zurückgekehrt. Der Revolverheld erwies ein letztes Mal seinem Namen die Ehre. Sechs Kugeln waren in dem Magazin der 45. Magnum. Fünf davon trafen direkt zwischen die Augen.

Nun blicke ich dem Mann, welchem so viele Menschen den Tot verdanken, in die Augen. Der brennende Zorn in ihnen erlischt langsam. Er hat alles in seinem Leben erreicht. Sein letztes Opfer steht vor ihm.

Langsam wende ich meinen Blick von dem Spiegel ab und richte ihn auf den Revolver in meiner Hand. Der Revolverheld quittiert seinen Dienst. Endgültig.

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